Das Klassenwesen der Nation
Bereitgestellt von Reinhold Schramm
Bürgerliche Theoretiker behaupten, dass sich die Menschen zu nationalen Gemeinschaften infolge ihres gemeinsamen Nationalgefühls, ihres nationalen Willens, ihres gemeinsamen Schicksals, ihrer gemeinsamen Feindschaft zu der einen oder anderen Nation usw. zusammenschließen. Auch die Auffassungen rechter Sozialdemokraten über die Nation unterscheiden sich davon dem Wesen nach in keiner Weise. Allen diesen Definitionen des Begriffs „Nation“ ist gemeinsam, dass in ihnen das Klassenwesen der Gesellschaftsordnung, in der die Menschen in nationaler Gemeinschaft leben, ausgeklammert wird. Dadurch wird der Eindruck hervorgerufen, als bestünde zwischen der Nation und den bestehenden Produktions-, Klassen- und Machtverhältnissen der Gesellschaft kein Zusammenhang. Das aber widerspricht der Wirklichkeit.
Produkt gesellschaftlicher Entwicklung
Die Nation ist ein Produkt der gesellschaftlichen und historischen Entwicklung. Sie ist eine soziale Erscheinung und als solche durch die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt. Erst auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse, wenn eine Produktionsweise entsteht, die mit der Herausbildung eines inneren Marktes, dem Zusammenwachsen großer Gebiete zu einer festen wirtschaftlichen Einheit auf relativ geschlossenen Territorium sowie der Entwicklung einer Nationalsprache und ihrer Entfaltung in der Literatur verbunden ist, bilden sich Nationen. Das Entstehen von Nationen ist also ein gesetzmäßiger Prozess.
Bürgerliche Nation
Mit der Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise entstanden die bürgerlichen Nationen, die zunächst eine fortschrittliche Erscheinung waren. Die Ursachen der Entstehung der bürgerlichen Nation kennzeichnet Marx und Engels im „Manifest der Kommunistischen Partei“ mit den Worten: „Die Bourgeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomeriert [1], die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert. Die notwendige Folge hiervon war die politische Zentralisation.“ Wie die historische Entwicklung in Deutschland zeigte, wurden unabhängige, „fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen ... zusammengedrängt in eine Nation“. [2] Lenin schrieb über diesen gesetzmäßig mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise verbundenen Prozess: „In der ganzen Welt war die Epoche des endgültigen Sieges des Kapitalismus über den Feudalismus mit nationalen Bewegungen verbunden. Die ökonomische Grundlage dieser Bewegungen besteht darin, dass für den vollen Sieg der Warenproduktion die Eroberung des inneren Marktes durch die Bourgeoisie erforderlich, die staatliche Zusammenfassung von Territorien mit Bevölkerung gleicher Sprache notwendig ist, bei Beseitigung aller Hindernisse für die Entwicklung dieser Sprache und ihre Entfaltung in der Literatur ...
Die Bildung von Nationalstaaten, die diesen Erfordernissen des modernen Kapitalismus am besten entsprechen ist daher die Tendenz (das Bestreben) jeder nationalen Bewegung. Die grundlegenden Faktoren dringen dazu, und in ganz Westeuropa – mehr als das: in der ganzen zivilisierten Welt – ist deshalb der Nationalstaat für die kapitalistische Periode das Typische, das Normale.“ [3]
Es ist also die kapitalistische Produktionsweise, die die bürgerliche Nation und den bürgerlichen Nationalstaat hervorbringt. Untrennbar mit der kapitalistischen Produktionsweise und der ihr entsprechenden politischen Herrschaft der Bourgeoisie verbunden, ist die bürgerliche Nation folglich klassenindifferente soziale Erscheinung. Ihr Charakter ist klassenmäßig geprägt: von den bestehenden kapitalistischen Produktions- und Machtverhältnissen und dem aus den kapitalistischen Produktionsverhältnissen entspringenden Antagonismus der Klassen, insbesondere dem unversöhnlichen Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat.
Marx und Engels haben bei der Charakterisierung der bürgerlichen Nation diesen Gegensatz der Klassen im Innern der bürgerlichen Nation hervorgehoben. [4] Hiervon ausgehend, wies Lenin in einer Polemik gegen den kleinbürgerlichen Sozialisten Sismondi mit Nachdruck darauf hin, dass es völlig unzulässig ist, bei dem Begriff „bürgerliche Nation“ künstlich „von den Widersprüchen zwischen den Klassen, die diese ,Nation’ bilden“, zu abstrahieren. [5]
Die Tatsache, dass Bourgeoisie und Proletariat in einem Nationalverband leben, führt keineswegs dazu, dass ihre Klasseninteressen und -ziele miteinander in einer sogenannten Schicksalsgemeinschaft verschmelzen. Mit dem Gerede von der „Schicksalsgemeinschaft“ werden die objektiv existierenden Klassengegensätze im Innern der bürgerlichen Nation geleugnet. –
Die Arbeiterklasse, die ihre eigenen Interessen im Kampf gegen die Klasse der Bourgeoise durchzusetzen hat, soll von diesem Kampf abgehalten und den Macht- und Profitinteressen der Bourgeoisie untergeordnet werden. –
Die rechten Führer der Sozialdemokratie steuerten seit der Jahrhundertwende [um 1900] diesen Kurs. Das hatte für die Arbeiterklasse und für alle Werktätigen verhängnissvolle Folgen. Statt die Arbeiterklasse für den Kampf zum Sturz der Bourgeoisie zu befähigen und zu organisieren, wählten sie den Weg der Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie und paktieren bis heute „im Interesse des Vaterlandes“ mit ihr.
Bereits in den Jahren des ersten Weltkrieges wies Lenin im Kampf gegen die opportunistischen Führer der II. Internationale nach, dass es eine Lüge ist, von der Verteidigung des Vaterlandes zu sprechen, wenn in Wirklichkeit nicht die Freiheit der nationalen Entwicklung, sondern die Macht- und Profitinteressen des Finanzkapitals vereidigt werden. –
Lenin hob hervor, dass für die Arbeiterklasse der kriegführenden Länder etwas ganz anderes auf der Tagesordnung der Geschichte steht, nämlich „der Übergang von dem ... kapitalistisch überreifen ‘Vaterland’ zum Sozialismus“ [6].
Diesen Übergang im Interesse der imperialistischen Bourgeoisie zu verhindern, das war damals und ist heute die Aufgabe der bürgerlichen Theoretiker und des Sozialdemokratismus. Hinter den Phrasen von der nationalen “Schicksalsgemeinschaft“ verbirgt sich nichts anderes als das nackte Interesse der Bourgeoisie an der Erhaltung der Ausbeuterordnung.«
[Modifikation, vgl.]
Anmerkungen
1 agglomerieren = zusammenballen, zusammendrängen.
2 Karl Marx und Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: Werke, Bd. 4, S. 466/467.
3 W. I. Lenin: Über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. In: Werke, Bd. 20, S. 398/399.
4 Siehe Karl Marx und Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: Werke, Bd. 4, S. 479.
5 W. I. Lenin: Zur Charakteristik der ökonomischen Romantik. In: Werke, Bd. 2, S. 224.
6 W. I. Lenin: Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“. In: Werke, Bd. 23, S. 30.
Quelle: Politisches Grundwissen. Dietz Verlag Berlin 1972.
16.05.2015, Reinhold Schramm (Bereitstellung)