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Das "Ende der Geschichte"

oder hat Francis Fukuyama am Ende doch recht?

Von Karl Wild

Die Geschichte holte tief Luft und versuchte, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Die Sowjetunion, von außen betrachtet Jahrzehnte lang ein monolithischer ehener Block, war taumelnd unter den Vorzeichen von aufbrechenden Nationalismen und vagem Demokratieversprechen implodiert und damit eine Ära zu Ende gegangen, die fälschlicherweise unter der Bezeichnung "Kalter Krieg" die Geschicke der Menschheit bestimmte. Diese Ära sah nicht nur einen verknöcherten Staatssozialismus in einem Drittel der Erde anscheinend für immer und ewig an der Macht, auch hatte der Kapitalismus in den nördlichen Regionen seine hässlichen Züge überwunden - Wohlstand verallgemeinert und ein verbindliches Demokratiemodell implantiert – und der kolonialisierte abhängige Süden war in die formale Souveränität entlassen. Dieses allseits akzeptierte Weltmodell war über Nacht in Frage gestellt, da die eine Hälfte sich aus der Geschichte verabschiedet hatte.

Der US-amerikanische Professor und Vordenker der Administration Francis Fukuyama warf nun einen bezwingenden Topos in die intellektuelle Leere des Anfangs der 90er Jahre und verkündete das "Ende der Geschichte" überhaupt. Da es keine Systemgegensätze und damit keine wesentlichen Widersprüche auf der Welt mehr gäbe, das westliche liberale demokratische Modell sich überall etabliert hätte oder im Begriff wäre, dies zu tun, sei die Welt in ihrer geschichtlichen Entwicklung an ihr Ende gekommen und ein ewiges Reich von Freiheit und Wohlstand angebrochen.

Zögerlich wurde von links bis rechts sein umgekehrter Geschichtsdeterminismus kritisiert, doch der Topos war in die Welt gesetzt und geistert seitdem durch die Köpfe und die öffentliche Meinung. Im "Empire"(Hardt/Negri) gibt es nur mehr eine alles beherrschende Logik, siehe „arabischer Frühling“.

Die kapitalistische Gesellschaftsformation macht in der Tat eine Rolle rückwärts, streicht 70 Jahre an Entwicklungssträngen und kehrt zu einer Zeit zurück, als nur sie selbst und nicht auch ihre Opponenten den Fortgang der Ereignisse bestimmten. Zeitgleich mit Fukuyamas "Ende der Geschichte" und inhaltlich übereinstimmend kam für die Jetztzeit der Begriff der "Globalisierung" zu Ehren, welcher eine Weltordnung bezeichnet, in der totalitär der Weltmarkt, das Konkurrenzprinzip und die Allmacht des Profitstrebens herrschen, in der eine allumfassende politische Macht die Spielregeln im Innern der Nationen und zwischen den ihrer Souveränität enteigneten Nationalstaaten bestimmt. Die aus der Ära der Systemkonkurrenz geerbten Wohlfahrtsstaaten stehen ebenso zur Disposition wie das durch den Systemgegensatz geformte internationale Rechtsgefüge. Ein Ausweg aus dieser Ordnung, zwar vielstimmig moralisch gefordert, erscheint realistisch nicht denkbar, geschweige denn realisierbar. Die kapitalistische "Marktwirtschaft", zumindest sind die politische Herrschenden rund um den Erdball davon überzeugt, wird so alternativlos, ihre Wirkungsgesetze allmächtig und wahr und ihre Zukunft unabsehbar. Der Kapitalismus ist zu seinem Ausgangspunkt zurück gekehrt!

Gläubige Marxisten, von der gewaltsamen Entfaltung der Widersprüche im Kapitalismus und von seiner logischen Überwindung überzeugt, ficht das ausgerufene "Ende der Geschichte" nicht an. Der Zeithorizont für die Transformation der kapitalistischen Ordnung erfährt nur eine Erweiterung und der untergegangene Staatssozialismus wird zum "Frühsozialismus". Auf den "reifen" Kapitalismus der Globalisierung folgt bestimmt ein "reifer" Sozialismus, die "Fehler" des "Frühsozialismus" vermeidend und die Bedingungen der Jetztzeit voll nutzend. Marx hatte recht und behält für die Zukunft recht, oder der Untergang der Menschheit, das tatsächliche Ende der Geschichte, ist gewiss.

So schließt sich der Kreis. Ist dem Einen das "Ende der Geschichte" Verheißung, so dem Kritiker der Weltordnung Untergangsprophetie. Eine der Sichtweisen wird wohl recht behalten oder bekommen, dies scheint gewiss. Wer aber recht bekommen wird, die optimistische Endzeitvariante Fukuyamas oder die mögliche pessimistische Variante der Kapitalismuskritiker, dies wird die Geschichte zeigen. Vielleicht gibt es auch einen Dritten Weg und eine neue Alternative zum Kapitalismus bahnt sich ihren Weg.

Karl Wild