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China ein „sozialistisches Entwicklungsland“?

von Rudolf Müller und Dietmar Klein (1975) - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

»Peking spielt sich mit der Doktrin von den „beiden Supermächten“ gern als Messias der nationalen Befreiungsbewegung auf und buhlt um die Anerkennung als Entwick- lungsland.

So ließ es beispielsweise bereits 1973 durch seine Delegierten auf der Tagung der UN-Orga- nisation für Handel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf offiziell beantragen, China aus der Liste der sozialistischen Länder zu streichen [- noch unter dem ‘großen Steuermann’ und ‘Anti’-Revisionisten und Antikommu- nisten Mao Tse-tung -] und es künftig als „Entwicklungsland“ zu führen.

In einer mündlichen Erklärung an das Sekretariat der UNCTAD erhob die Delegation der VR China Einspruch dagegen, dass die Frage des Handels Chinas mit den Entwicklungs- ländern im Referat des Sekretariats unter „Handel zwischen den Entwicklungsländern und den sozialistischen Staaten“ erörtert werde.

Der Vertreter Pekings forderte, dass die VR China in den Dokumenten der UNCTAD von nun ab nicht mehr „ein sozialistisches Land“ genannt werde, sondern „ein Entwicklungsland“
, und dass die VR China nur in jenen Dokumenten erwähnt werde, die die Entwicklungsstaaten betreffen. Noch auf der XXVI. Tagung der UNO-Vollversammlung behauptete die chinesische Delegation gleich nach Gewährleistung der vollen Rechte Chinas in dieser Organisation, dass die VR China zur „dritten Welt“ gehöre.

Die Weltöffentlichkeit beurteilte das Bestreben Pekings, die VR China als Staat der „dritten Welt“ auszugeben, als taktisches Manöver, um ihre hegemonis- tischen Pläne gegenüber den Entwicklungsländern durchzusetzen. Früher war die chinesische Führung bestrebt, dieses Ziel zu erreichen, indem sie auf die Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas „von außen“ einwirkte. Jetzt gedenkt sie diese Aufgabe „von innen“ zu lösen.

So versuchten die chinesischen Vertreter auf der XXIX. Tagung der Wirtschafts- kommission der UNO für Asien und den Fernen Osten (ECAFE) 1973 den Ländern Asiens die Empfehlung aufzuzwingen, ihre Wirtschaft in folgender Reihenfolge zu entwickeln: zuerst die Landwirtschaft, dann die Leichtindustrie und erst danach die Schwerindustrie. -

Nebenbei bemerkt, erteilten auch Vertreter einiger hochentwickelter kapitalis- tischer Mächte den Ländern Asiens auf der gleichen Tagung ähnliche Ratschläge. -

Die Mitgliedsländer der ECAFE, die nur allzugut wissen, wie langwierig und schwierig die Überwindung der Rückständigkeit auf dem „landwirtschaftlichen Wege“ ist, wiesen die Empfehlungen Pekings und auch ähnliche Ratschläge anderer Länder zurück.

Tschou En-lai versäumte es in den letzten Jahren bei keinem Staatsbesuch von ausländischen Repräsentanten in China, die Behauptung, China sei ein „Entwick- lungsland“, zu wiederholen.

Der hegemonistische Sinn dieses Winkelzuges wurde sofort durchschaut, als Qiao Guanhua, der heutige [1975] Außenminister der VR China, auf der XXVI. Tagung der UNO-Vollversammlung am 15. November 1971 erklärte, dass „China ebenso wie die große Mehrheit der Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas zur dritten Welt“ gehöre. -

„Wahlrede für das Präsidentenamt der bündnisfreien Länder“ – so hatte man diese Programmrede des Mao-Delegierten am Rande der UNO-Vollversammlung eingeschätzt. -

„Peking wollte auf Anhieb ein Ziel erreichen, das es für sehr wichtig hält: Verfechter und Wortführer der dritten Welt zu werden“, „China hat seine An- sprüche auf eine besondere Rolle unter den Entwicklungsländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas erhärtet“ – so bewerteten außenpolitische Beobachter die Anmaßungen Pekings, die gleichzeitig als Absage an den Weltsozialismus gedacht waren.

Die Hetzpolitik der Pekinger Führung hat nichts gemein mit der Friedenspolitik der meisten Entwicklungsländer. -

„Wenn China wirklich zu den Entwicklungsländern gehörte“, schrieb das Mitglied des indischen Parlaments, Shashi Bhushan, in dem Buch „Der Schatten Chinas über Indien und Bangladesh“, „würde es eine Politik des Antiimperialismus, Antikolo- nialismus betreiben und den anderen Ländern bei ihrer Befreiung von der imperialistischen Abhängigkeit helfen. -

Aber davon kann keine Rede sein; China arbeitet einerseits mit dem Imperia- lismus zusammen und betreibt andererseits eine Politik der Entzweiung der fortschrittlichen und demokratischen Kräfte in den Entwicklungsländern.“ «

Quelle: Rudolf Müller, Dietmar Klein: Nacht über China. Dietz Verlag Berlin 1976.