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Bewegendes aus der Feder des Historikers Ernst Engelberg posthum

von Ulrich Leicht

Buchvorstellung [1]

Der bedeutende vormals in der DDR wirkende marxistische Historiker Ernst Engelberg (1909–2010), der noch länger als sein englischer Kollege und kommunistische Weggefährte Eric Hobsbawm ein Jahrhundertzeuge des „Zeitalters der Extreme“ bis ins  21.Jh. hinein war und dabei außer zwei Exilländern - die Schweiz und Türkei - „ein sechsmal politisch verschieden strukturiertes Deutschland erlebte“ – das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazi-Diktatur, die DDR, die BRD und das neuvereinte Deutschland“,  ist auch nach seinem Tode mit weiteren historischen Schriften präsent.

Zu danken ist dies der Publikationstätigkeit seines Sohnes Achim Engelberg, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Anliegen und Werk seines Vaters durch Herausgabe, Bearbeitung und eigene Ergänzungen aus dem Nachlass fortzusetzen.

Bereits anlässlich des 100. Geburtstages des Vaters 2009 erschien das erste Buch dieser Art, damals noch ein Vorlass. Aus verstreuten Artikeln und Manuskripten entstand: „Die Deutschen. Woher wir kommen“ (Karl Dietz Verlag, Berlin). Es folgte der vom Sohn als Co-Autor mit- und fortgeschriebene 2010 bei Siedler erschienene Band „Die Bismarcks - Eine preußische Familiensaga vom Mittelalter bis heute“, quasi ein „Abfall-Produkt“ aus der Werkstatt der Erarbeitung der zweibändigen Bismarck-Biographie (1985/1990) Ernst Engelbergs, die, weltweit bekannt, anerkannt und publiziert, als Meisterwerk auf diesem Felde der Geschichtsschreibung gilt.

Nun ist zum Beginn dieses Jahres im Franz Steiner Verlag, Stuttgart, das dritte Buch dieser Art unter dem Titel „Wie bewegt sich, was uns bewegt? Evolution und Revolution in der Weltgeschichte“ erschienen. Dabei versucht Achim Engelberg aus dem vielfachen theoretische Material – publizierten Aufsätzen  und Artikeln, unveröffentlichten Aufsätzen und Vorträgen, Manuskript-Varianten, Materialmappen mit Artikeln anderer Autoren, Exzerpten und Abschriften, Briefen und Fragmenten – wichtige Überarbeitungen und Ergänzungen seines Vaters zu zentralen Fragestellungen der Methode und Geschichte der Geschichtswissenschaft zusammen zu fügen und zu verdichten und mit neuen lesenswerten historischen Darstellungen bekannt zu machen. Dies geschieht in zwölf Kapiteln, deren Überschriften schon Interessantes versprechen.

- Was brachten die Werke von Marx und Engels für die Geschichtsbetrachtung - Was ist Weltgeschichte -. Warum begann die Revolution Nr. 1 der Bourgeoisie in Deutschland und wann endete sie?- Was ist eine Revolutionsepoche? - Wie ist das Verhältnis von Innen- und Außenpolitik? - Was ist eine Revolution von oben? - Sind Zeitalter-Begriffe überflüssig -  Was ist eine historische Biographie? - Warum ausgerechnet Bismarck und wie stellt man dessen Leben und Wirken dar -  Exkurs und Dokumentation: Erfolg und Krise - Was ist historisches Erkennen - Gibt es einen Sinn in der Geschichte?

Dieses Kernstück des Buches ist Originalton Ernst Engelberg. Ergänzt und abgerundet wird dieser Hauptteil durch ein Vorwort und den Bericht von Achim Engelberg über die Erarbeitung desselben, ein Geleitwort des Historikers Peter Brandt, einen bibliographischen Anhang zu Schriften Ernst Engelbergs und ein Personenregister. Achim Engelberg bringt zudem in kursiv abgesetzten Anmerkungen und Zwischentexten ergänzende Erläuterungen und Einschätzungen. Dabei kann der Leser immer deutlich zwischen dem Original des Vaters und der Bearbeitung und eigenen Meinung des Sohnes unterscheiden. Auch in dieser Hinsicht eine vorbildliche und gut lesbare Edition und Aufmachung des Buches.   

Ich denke mit diesem Buch ist Achim Engelberg gelungen, was er als seine Zielsetzung im Vorwort formulierte:

 „Zeit seines Lebens schrieb Ernst Engelberg (1909–2010) neben historischen Erzählwerken wie seiner zweibändigen Bismarckbiographie Aufsätze über Sinn und Bewegung der Geschichte. Er wollte die Unendlichkeit der Fakten und Ereignisse in einer durchdachten Ordnung soweit bändigen, dass sie begreifbar werde. Ein Resultat in Form eines Buches zu geben, war sein Wunsch. Aus seinen publizierten Aufsätzen und unveröffentlichten Fragmenten beendete ich dieses Vorhaben.

Neben diesem persönlichen Motiv gibt es ein wichtigeres: Ein plurales, auf Marx und Engels fußendes Geschichtsdenken, wie es Ernst Engelberg vor allem in seinem Spätwerk praktizierte, könnte für globalhistorische Studien belangvoll werden. Die Geschichte national wie weltweit als Ablauf von Gesellschaftsformationen zu sehen und zu erzählen, scheint spätestens nach der Neuausbreitung des Marxismus im Zuge der 2008 einsetzenden Krise des finanzmarktgeleiteten, digitalen Kapitalismus 4 nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll, selbst wenn es im Hauptstrom der Geschichtswissenschaft noch wenig diskutiert wird.5

(Das Vorwort ist samt Anmerkungen als Probekapitel auf der Homepage des Verlages zu finden: http://www.steiner-verlag.de/titel/59471.html

Ulrich Leicht
Rentner, Industriebuchbinder, Vorstandsmitglied bei Labournet.de, Mitglied im Berliner Verein zu Förderung der MEGA-Edition e.V.

[1] Ernst Engelberg „Wie bewegt sich, was uns bewegt Evolution und Revolution in der Weltgeschichte“(Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2013, 229 Seiten, 44 €)

(Aus dem Schlussteil des 10. Kapitels)

Der bedeutende vormals in der DDR lebende und wirkende marxistische Historiker Ernst Engelberg (1909–2010), der noch länger als sein englischer Kollege und kommunistische Weggefährte Eric Hobsbawm ein Jahrhundertzeuge des „Zeitalters der Extreme“ bis ins  21.Jh. hinein war und dabei außer zwei Exilländern - die Schweiz und Türkei - „ein sechsmal politisch verschieden strukturiertes Deutschland erlebte“ – das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazi-Diktatur, die DDR, die BRD und das neuvereinte Deutschland“,  ist auch nach seinem Tode mit weiteren historischen Schriften präsent.

Zu danken ist dies der Publikationstätigkeit seines Sohnes Achim Engelberg, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Anliegen und Werk seines Vaters durch Herausgabe, Bearbeitung und eigene Ergänzungen aus dem Nachlass fortzusetzen.

Bereits anlässlich des 100. Geburtstages des Vaters 2009 erschien das erste Buch dieser Art, damals noch ein Vorlass. Aus verstreuten Artikeln und Manuskripten entstand: „Die Deutschen. Woher wir kommen“ (Karl Dietz Verlag, Berlin). Es folgte der vom Sohn als Co-Autor mit- und fortgeschriebene 2010 bei Siedler erschienene Band „Die Bismarcks - Eine preußische Familiensaga vom Mittelalter bis heute“, quasi ein „Abfall-Produkt“ aus der Werkstatt der Erarbeitung der zweibändigen Bismarck-Biographie (1985/1990) Ernst Engelbergs, die, weltweit bekannt und publiziert, als marxistisches Meisterwerk auf diesem Felde der Geschichtsschreibung gilt.

Nun ist zum Beginn dieses Jahres im Franz Steiner Verlag, Stuttgart, ein drittes Buch unter dem Titel „Wie bewegt sich, was uns bewegt? Evolution und Revolution in der Weltgeschichte“ erschienen. Dabei versucht Achim Engelberg aus dem vielfachen theoretische Material – publizierten Aufsätzen  und Artikeln, unveröffentlichten Aufsätzen und Vorträgen, Manuskript-Varianten, Materialmappen mit Artikeln anderer Autoren, Exzerpten und Abschriften, Briefen und Fragmenten – wichtige Überarbeitungen und Ergänzungen seines Vaters zu zentralen Fragestellungen der Methode und Geschichte der Geschichtswissenschaft zusammen zu fügen und zu verdichten und mit neuen lesenswerten historischen Darstellungen bekannt zu machen. Dies geschieht in zwölf Kapiteln, deren Überschriften schon Interessantes versprechen.

1. Was brachten die Werke von Marx und Engels für die Geschichtsbetrachtung

2. Was ist Weltgeschichte

3. Warum begann die Revolution Nr. 1 der Bourgeoisie

in Deutschland und wann endete sie?

4. Was ist eine Revolutionsepoche?

5. Wie ist das Verhältnis von Innen- und Außenpolitik?

6. Was ist eine Revolution von oben?

7. Sind Zeitalter-Begriffe überflüssig?

8. Was ist eine historische Biographie?

9. Warum ausgerechnet Bismarck und wie stellt man

dessen Leben und Wirken dar?

10. Exkurs und Dokumentation: Erfolg und Krise

11. Was ist historisches Erkennen?

12. Gibt es einen Sinn in der Geschichte?

 

Dieses Kernstück des Buches ist Originalton Ernst Engelberg. Ergänzt und abgerundet wird dieser Hauptteil durch ein Vorwort und den Bericht von Achim Engelberg über die Erarbeitung desselben, ein Geleitwort des Historikers Peter Brandt, einen bibliographischen Anhang zu Schriften Ernst Engelbergs und ein Personenregister. Achim Engelberg bringt zudem in kursiv abgesetzten Anmerkungen und Zwischentexten ergänzende Erläuterungen und Einschätzungen. Dabei kann der Leser immer deutlich zwischen dem Original des Vaters und der Bearbeitung und eigenen Meinung des Sohnes unterscheiden. Auch in dieser Hinsicht eine vorbildliche und gut lesbare Edition und Aufmachung des Buches.   

Im Folgenden einige Kostproben, die dies anschaulich und auch die Beweggründe des Sohnes deutlich machen: (die kursiven Texte sind von Achim Engelberg).

Zeit seines Lebens schrieb Ernst Engelberg (1909–2010) neben historischen

Erzählwerken wie seiner zweibändigen Bismarckbiographie Aufsätze

über Sinn und Bewegung der Geschichte. Er wollte die Unendlichkeit

der Fakten und Ereignisse in einer durchdachten Ordnung soweit

bändigen, dass sie begreifbar werde. Ein Resultat in Form eines Buches zu

geben, war sein Wunsch. Aus seinen publizierten Aufsätzen und unveröffentlichten Fragmenten beendete ich dieses Vorhaben.

Neben diesem persönlichen Motiv gibt es ein wichtigeres: Ein plurales,

auf Marx und Engels fußendes Geschichtsdenken, wie es Ernst Engelberg

vor allem in seinem Spätwerk praktizierte, könnte für globalhistorische

Studien belangvoll werden. Die Geschichte national wie weltweit als Ablauf

von Gesellschaftsformationen zu sehen und zu erzählen, scheint spätestens

nach der Neuausbreitung des Marxismus im Zuge der 2008 einsetzenden

Krise des finanzmarktgeleiteten, digitalen Kapitalismus 4 nicht

nur möglich, sondern auch sinnvoll, selbst wenn es im Hauptstrom der

Geschichtswissenschaft noch wenig diskutiert wird.5

(Aus dem Vorwort von Achim Engelberg. Dieses ist samt Anmerkungen als Probekapitel auf der Homepage des Verlages zu finden –

http://www.steiner-verlag.de/titel/59471.html

 

Bei einem Kolloquium zu seinem 80. Geburtstag im April 1989, die Krisen spitzten sich zu, aber die Ex-und Implosionen des Herbstes waren noch nicht sichtbar; hielt Ernst Engelberg eine Rede, die aufhorchen ließ 

Bemerkungen zu Männern, die Geschichte machen“. Darin kündigte er erstmalig seine weltgeschichtlichen Betrachtungen über Evolution und Revolution an.

„Ich glaube nicht, dass meine gegenwärtige Auffassung der Dinge im Widerspruch steht zu dem Geist, den ich bei meinem Eintritt in die revolutionäre Arbeiterbewegung vorfand. Damals, im Mai 1928 in München, bewusst neun Jahre nach der Niederschlagung der dortigen Räterepublik, und auch in den kommenden Jahren war die Verbindung von Patriotismus und Internationalismus selbstverständlich und für den KJVD und die KPD erfolgreich. Daran halte ich auch heute fest, obwohl ich weiß, dass die Sachlage vielschichtiger und schwieriger geworden ist. Erneut zeigt sich, dass die nationale Problematik in unlösbarem Zusammenhang steht mit den Fragen der Evolution und Revolution in der Weltgeschichte. Darum werde ich in den Jahren, die mir noch zu produktivem Schaffen übrig bleiben, alle diesbezüglichen Arbeiten wieder aufnehmen und sie zu vertiefen und zu aktualisieren versuchen.“

 

Ernst Engelberg bemühte sich darum nach dem Erscheinen der Bismarck Biographie, also ab dem Herbst 1990, als sich Deutschland staatlich neu vereinte und die Sowjetunion, die ihre osteuropäischen Satrapen schon verloren hatte, ihrem Ende entgegenging.

Er ließ angesichts einer brutaler werdenden neuen Kapitalismusformation, die stärker von den Finanzmärkten gesteuert wurde und wird, von seiner grundsätzlichen Auffassung, dass eine nachkapitalistische Gesellschaft notwendig sei, nicht ab. Es geht in den Fragmenten stets um drei Dinge: Mut machen für eine kämpferische Haltung; Erneuerung einer Kritik des Kapitalismus; die Aufforderung, nicht bei der Negation stehen zu bleiben. Drei Beispiele:

 

Einleitung zum Vortrag „Sinn der Geschichte“ 17  (17 Eine überarbeitete Fassung dieses Vortrages befindet sich in diesem Buch als Kapitel 12, „Gibt es einen Sinn der Geschichte?“, S. 197-215. Dieses ist auch abgedruckt in der Nummer 1/2013 der „Blätter für internationale Politik“)

 

„Seit über zehn Jahren hängt an einem meiner Bücherregale ein Ausspruch Martin Bubers: „Alt sein ist ein herrlich Ding, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt.“ Was aber heißt anfangen, wenn man 85 Jahre alt geworden ist; ob man das dann überhaupt noch sagen darf? Was mich anbelangt, so werde ich wohl beim Anfangen bleiben, solange ich lebe und es mir gesundheitlich vergönnt ist. Anfangen heißt für mich, die Dinge immer wieder, wie Thomas Mann es verstand, anderen Beleuchtungen auszusetzen, eigene Erlebnisse und erarbeitete Erkenntnis ständig neu zu überprüfen, fragen, wo man irrte, was man korrigieren muss, was geblieben ist. Wie steht es damit in einer Zeit, die so sehr wie die unsere zur Selbstüberprüfung eigenen Verhaltens und wissenschaftlichen Bemühens herausfordert?

Beim Nachdenken darüber kam ich zu fast überraschenden Ergebnissen. Ich hatte angenommen, mehr über Bord werfen zu müssen, doch das war in wesentlichen Dingen gefehlt. Alle die ökonomisch-sozialen, politischen und moralischen Krisenerscheinungen der Gesellschaft, die mich in meiner Jugend zu der von Marx und Lenin geprägten Bewegung gedrängt hatten, treten gegenwärtig, da ich alt geworden bin, wieder in voller Breite und Intensität in Erscheinung. Im Gegenteil, die Bedrohungen der Menschen wie der Menschheit haben sich sogar noch verstärkt. Da bleibt an den Grundeinschätzungen, die bereits Marx und Engels über diese Gesellschaft gegeben haben, nichts zurückzunehmen. Schmerzlich allerdings ist es zu erkennen, wie die Weiterentwicklung ihrer Theorie und Methodik vernachlässigt und vieles ihrer lebendig praktizierten Dialektik pervertiert, in starre Katechismusschemata gepresst wurde. Hier bietet sich eine ganze Fülle von Problemen an, die ich nur kurz unter das Grundproblem Dialektik von Evolution und Revolution subsumieren möchte. Mehr denn je ist kritische Beobachtung und Analyse des Weltgeschehens gefragt. Da ist noch eine Überfülle zu tun, wenn man sich nicht jenem teils modischen, teils auch ehrlich verzweifeltem Pessimismus unserer Tage überlassen will. Es gibt auch einen moralischen Anspruch, der uns bewegt, wenn wir heute erneut nachdenken über den Sinn der Geschichte und zumindest nach Lösungsmöglichkeiten suchen.

 

Benjamin „Engel Geschichte“

Es gibt einen heute leider von den »Nachgeborenen« nahezu zuschanden zitierten Geschichtsbegriff von Walter Benjamin, der ein Bild Paul Klees als Engel der Geschichte interpretiert. Mit vor Entsetzen geweiteten Augen schaut dieser Engel, zukunftsabgewandt, auf die Gräuel der vergangenen Geschichte. Walter Benjamin muss es sehr ernst damit gewesen sein, denn schließlich nahm er sich, auf der Flucht verzweifelnd, das Leben. Ob diesem regen Geiste aber die heute modische dogmatische Einengung der ganzen Geschichte auf dieses Bild adäquat ist, wage ich zu bezweifeln, wissend, welch' heilige Kuh ich hiermit frevelnd berühre. Wer nicht verzweifeln will, muss kämpfen, und mit schreckgeweiteten Augen - so war es auch bei Benjamin - kämpft man nicht mehr.

 

 

 

Titellose Zeitreflexion

Gegen den Zeitgeist gerichtet sein, dabei darf man nicht verharren. In der Negation muss auch erkennbar werden, wofür man steht.

Das erscheint und dringlicher, als sich an der Jahrhundertwende zeigt, dass Konflikte, die am Jahrhundert Anfang standen, noch nicht gelöst worden sind. Zwei große Kriege erschütterten die Welt, zwei Revolutionen brachen in ihrem Gefolge aus, die Oktoberrevolution in Russland und die Novemberrevolution in Deutschland. Gleichsam als Konterrevolution setzte sich der Faschismus in Italien und Deutschland durch, und nachdem er seine blutige Spur der leidenden Menschheit aufgedrückt hatte, entstanden in der Zeit des kalten Krieges zwei deutsche Staaten, die entgegengesetzte Wege einschlugen. Im kapitalistischen Gesellschaftssystem verbleibend, aber es industriell mit großer Innovationskraft ausbauend, die damalige BRD. Mit schlechteren Startbedingungen und Unzulänglichkeiten neue Wege suchend, die DDR. Es wird nicht angehen, dem ökonomisch effektiveren einfach das Prädikat richtig anzuheften wie den wirtschaftlich gescheiterten Versuch nur mit dem Verdikt falsch zu versehen. So einfach verläuft Geschichte nicht.

Wenn ich vom Universitätsbereich sprechen darf, so wurden eben wirklich neue Sichtweisen auf gesellschaftliche Prozesse eröffnet, gelehrt zumeist von Gegnern des Naziregimes, von den früher Ausgeschlossenen. Aufgenommen von Studenten, von denen viele von unten aufkamen, für die es früher keinen Platz auf hochgelehrten Universitäten gegeben hatte, Sie nahmen wahr, dass ihre Sache verhandelt wurde, auch wenn es in Leipzig unter neuen Aspekten um die Große Revolution der Franzosen ging. Erstmals in der Geschichte deutscher Universitäten fand dort auch die Arbeiterbewegung in der Wissenschaft: gebührende Beachtung, ein Forschungsgegenstand, der später überall aufgenommen und untersucht wurde.

Was ist daraus geworden? Alles umsonst? Das Thema schwindet, wenn sich das Problem erledigt hat, und das ist nun wahrlich nicht der Fall. Nach wie vor steht unter veränderten Verhältnissen, in einer Spätphase des Kapitalismus, das Verhältnis von Kapital und Arbeit zur Debatte, selbst wenn es unter Umkehrung tatsächlicher Verhältnisse mit den verhüllenden Begriffen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auftaucht.

Aber wo sind die Kräfte, die verändernd wirken können? Das ist in der Tat die Frage, die bislang noch vor jedem gestanden hat, der sich nicht in spießerhafter Selbstgenügsamkeit mit dem Status guo abfinden will und kann.

Ungeduldig zu sein ist nicht nur berechtigte Eigenschaft der Jugend, sie ist sogar unerlässlich für jene, die es zu neuen Ufern drängt. Wir finden sie schon in Goethes Faust, als dieser in bohrender Erkenntnisdrang den „Fluch vor allem der Geduld“ entgegenschleudert. Revolutionäre Ungeduld war auch den Klassikern des Marxismus keineswegs fremd und bewirkte, dass sie oft die historischen Perspektiven allzu verkürzt sahen. Das hat Friedrich Engels in späteren Jahren nicht nur erkannt, sondern auch zu erklären versucht, wenn er vom mitunter notwendigen Warten auf Dialektik sprach. Damit hatte er wohl dir Zeit im Auge, in der sich die weitertreibenden Widersprüche heraus bildeten.

Krasse Widersprüche sind auch heute gerade genug vorhanden, an den Arbeitsstätten, in den Ländern, zwischen den Ländern und Welt umfassend auf den Kontinenten, auch zwischen den Menschen und den Naturkräften, in der Ökologie, in der Ökonomie wie in der Politik. Doch wo die weitertreibende dialektische Spannung zwischen den auf Veränderung drängenden Kräften und den das Bestehende mit Ingrimm verteidigenden noch nicht zu menschenwürdiger Lösung gebracht werden kann, da ist es wohl geboten, die Einzelbereiche mit dem Ziel zu analysieren, deren Beziehungsgeflecht und historische Bewegung zu erkennen.“