Bemerkungen über den Mehrwert – 24. Teil
von Franz Witsch
1. bis 23. Teil siehe http://www.film-und-politik.de/C26.pdf
14.6.6.3.2 Über den Film “Barbara”: Begehren ohne Gier
Das Kapital ist zynisch, heißt es in Kap. 14.6.6.3.1; es ziehe alle sozialen Strukturen massiv in Mitleidenschaft und begründet das Kapitalverhältnis, das für orthodoxe Marxisten auf den Antagonismus zwischen Lohnarbeit und Kapital verweist im Sinne eines Machtkampfes. Das darf freilich nicht personalisierend verstanden werden: hier der Kapitalist, dort der oder die ArbeiterIn; das verwiese unmittelbar auf Machtanalyse, bzw. auf einen von saurer Moral durchdrungenen, nur systemaffirmativ verwendbaren Machtbegriff, der noch dazu das Kapitalverhältnis befestigt. In seinem Rahmen streiten und streiken ArbeiterInnen vornehmlich für mehr Lohn und/oder die Verbesserungen ihrer Lebensverhältnisse, indes ohne um die Überwindung oder Auflösung jenes Rahmens bemüht zu sein. Der Links-Aktivist mag das Kapitalverhältnis überwinden wollen, in seiner Vorstellung, ohne es indes real zu tun. Wie auch soll das geschehen, wenn die Analyse und mit ihr das Leben auf Kampf gründet; dieser setzt ein intaktes Kapitalverhältnis, mithin einen Kampfplatz voraus, auf dem sich ungerührt im Kreis drehende Debatten an der Sache vorbei entfalten. (WIM-DOS, 71)
Wenigstens vermag der Machtanalytiker nicht zu erklären, auf welcher anderen (ökonomischen) Grundlage als der des Kapitalverhältnisses gesellschaftliche Machtkämpfe gründen können. Ist eine solche Grundlage aber nicht mehr verfügbar, weil sie sich hinter dem Rücken der Gesellschaftsteilnehmer auflöst oder vielleicht längst aufgelöst hat, oder aber, was auf dasselbe hinausläuft, wird der antagonistische Charakter des Kapitalverhältnisses geleugnet, dann gerinnt der Kampfplatz unversehens zum Ort zirkulär-festgefügter Identitäten, wahllos und beliebig in Stellung gebracht zueinander. Dann stehen sich nicht mehr Kapital und Arbeit unversöhnlich gegenüber, sondern es gibt einen Kampf für Lohn im Kontext “jeder gegen jeden”, in dem die Kapitaleigner zusammen mit ihren Mediennutten prächtig im Trüben fischen können. Plötzlich ist das Kapital durch den Kampf hindurch zivilisierbar; es muss in diesem Kampf nur gerecht zugehen, wie bei einem Boxkampf, sozusagen regel-gerecht. Regeln werden leider im Interesse eines regelgerechten, sprich: zivilisierbaren, Kapitalismus nicht immer eingehalten. Zuweilen werden Tiefschläge unter die Gürtellinie gesetzt, gegen Ausländer, Griechen etc. Und wenn uns das Wasser bis zum Halse steht, gibt es Gott sei Dank noch Heuschrecken, die uns alles wegfressen, auf die wir dann nach Herzenslust einprügeln dürfen.
Und überhaupt, wo kämen wir hin, wenn man für mehr Lohn nicht mehr kämpfen müsste. Wäre das nicht naiv? Ja, das Denken im Gut-Böse-Schema stellt sich nicht gern soziale Alternativen oder gar eine ganze andere Gesellschaft vor, in der man vielleicht gar nicht mehr (wie um sein Leben) kämpfen muss, letztendlich jeder gegen jeden, quer durch sämtliche Familien, wobei der Andere – wer sonst? – immer der Böse ist, wenn etwas nicht klappt und sei es nur der Sozialschmarotzer, der seinen Arsch nicht hoch kriegt. Der Kampf wird videobewaffnet jeden Tag buchstäblich in die Gehirne der Menschen geschossen. Eine Gehirnwäsche, die das eigene defizitäre Innenleben verleugnet oder verdrängt: das Kranke im Normalen.
Ich denke, es werden mittlerweile gewichtige Gründe immer sichtbarer, den Macht- und Kampfbegriff für krank und krankmachend zu halten, eben weil er das Krankmachende nicht zu fassen kriegt. An dieser Irreführung sind Linke federführend beteiligt, ganz besonders die regierungsgeile Partei “Die Linke”. Aber nicht weniger die auf Machtanalytik fokussierte Sozialtheorie, z.B. Foucault; etwas weniger auffällig der auf Machtgewinn fokussierte “regulative Machtbegriff” von Detel. (Kap. 14.6.4; insb. 14.6.4.2)
Den Kampf in all seinen Schattierungen hat der Bürger tief verinnerlicht; das bekommt seinem Innenleben gar nicht gut; dennoch will er so leben; noch dazu unabhängig davon, ob Kämpfe (noch) Sinn machen, vornehmlich der gewerkschaftliche Kampf für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Marx war überzeugt, dass der Kampf für mehr Lohn im Kapitalismus irgendwann zwingend an Grenzen stößt, um danach – immer offensichtlicher – nur noch singuläre Interessen zu bedienen. Marx war überzeugt, dass es irgendwann ums Ganze wird gehen müssen: um die Umgestaltung des ökonomischen Systems, um die Abschaffung des Kapitalismus, resp. die Auflösung des Kapitalverhältnisses. Gut ist Kapital nur, wenn es tot ist. Das sehen wir heute: im Kontext “jeder gegen jeden” geht es nur noch bergab, mit immer größerer Geschwindigkeit schließlich auch bei uns, mit oder ohne Lohnerhöhung, mit oder ohne Mindestlohn, mit oder ohne bedingungsloses Grundeinkommen. Der Kampf wird sinnlos und damit geben Machtbegriff oder Machtanalytik immer weniger und heute nichts mehr her.
Wozu Machtanalyse, wenn sich der alles bestimmende Rahmen des Kapitalverhältnisses auflöst? Und zwar schon jetzt, im Schoße des alten Systems, wenn auch hinter dem Rücken der Bürger, nicht ökonomisch, wohl wahr, aber eben schon gegen das ökonomisch Vorherrschende, subjektiv-moralisch, sprich: von den Gefühlsdispositionen der Subjekte her, im Vorfeld ökonomischer Umgestaltungs-Notwendigkeiten, die in der Tat auf sich warten lassen. Denn natürlich existiert der Kapitalismus real immer noch: technisch-ökonomisch im Sinne geltender Regeln der Kapitalverwertung auf der Basis zwanghafter Mehrwertproduktion; auch ist er unmenschlicher denn je; aber er ist immer unwiderstehlicher mit einer Grenze konfrontiert, die er technisch-ökonomisch, den eigenen Regeln gehorchend, aus sich selbst heraus erzeugt, wie Marx immer wieder sagte. An jener Grenze geht es der überwiegenden Mehrheit der Bürger real immer schlechter, nicht nur, aber vor allem weil immer mehr Menschen immer ärmer werden.
Ich sage, der Leidensdruck nimmt zu und dennoch bleibt etwas zurück, das sich im Schoße des Alten hinter dem Rücken der Menschen ausbildet, etwas, was die eben beschworene Grenze ausmacht, die vielleicht als subjektiv-moralischer Imperativ nach Intimität bezeichnet werden kann, die als ätzende Bedürftigkeit im Inneren des Menschen wächst und ihr Unwesen treibt, ohne dass sich – absurd, aber wahr – der Rahmen des Kapitalverhältnisses als etwas, das Leid erzeugt, bemerkbar machen würde; es bleibt in der Wahrnehmung außen vor, als habe sich das Kapitalverhältnis in jener sich ausbildenden Bedürftigkeit aufgelöst, als löse es sich in Intimität auf, so dass beide Seiten: (Bedürftigkeit nach) Intimität und Kapital, gleichsam unabhängig voneinander im Sinne zweier Parallelwelten existieren; sie berühren einander nicht, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Das ist etwas, was das Subjekt aktiv befördert – gegen das Kapitalverhältnis, ohne davon zu wissen, im Interesse zukünftiger Gesellschaftlichkeit, die das Kapitalverhältnis und den mit ihm verkuppelten Staat auch real auflöst. Insofern lässt sich vielleicht im Sinne des frühen Marx sagen, im Schoße der alten Gesellschaft kündigt sich eine alternative Gesellschaft an, zumindest subjektiv-moralisch.
Die neue Gesellschaft wird nicht offen im Schoß der alten Gesellschaft ausgebrütet, denn wie schon der traditionelle Lohnarbeit-Kapital-Antagonismus passen Intimität und Kapitalverhältnis so gar nicht zusammen, also darf es Berührungspunkte nicht geben; sie müssen verdrängt und verleugnet werden; die eine Welt ist privat, die andere gesellschaftlich; das macht zugleich die mit dem Kapitalverwertungsinteresse kontaminierte staatliche Unterdrückungsmaschine unangreifbar: hier massive Unterdrückung durch Staat und System und dort das subjektiv-moralische Bedürfnis nach intakter Intimität, das sich im Innenleben breit macht und vom System, das drückt und bedrückt, nichts wissen will, und dann in der Tat auch nichts weiß. Und siehe da, die DDR-Bürgerin “Barbara”, so der Titel des neuen Films von Christian Petzold, weiß, dass man in der DDR nicht glücklich werden kann und bereitet deshalb mit Jörg (Mark Waschke), ihrer heimlichen Westliebe, die Flucht in den Westen vor. Und weiß doch nicht, was sie dort erwartet, dass auch dort Unterdrückung und Missbrauch warten, verbunden mit anschwellender staatlicher Unterdrückung und Meinungsfreiheit als bloße Hülle; nur dass der Westen Unterdrückung lange Zeit in die Dritte und Vierte Welt exportierte und heute, zum eigenen Leidwesen, in Länder wie Griechenland, Spanien und Portugal exportieren muss, weil sich Dritte und Vierte Welt nicht mehr zureichend ausbeuten lassen, entweder, weil jene Länder schon völlig ausgelutscht sind und zerstört daniederliegen, oder aber sich nicht mehr ausbeuten lassen, weil sie sich wie China und Indien zu Schwellenländern gemausert haben mit Strukturen, die es ihnen erlauben, sich selber und andere auszubeuten. Eine Retourkutsche, die man sich vor vierzig Jahren sicherlich noch nicht recht vorstellen konnte.
Was die DDR betrifft, so wirkte auch dort der Kapitalverwertungsmechanismus in die Gesellschaft hinein. Nur dass er die Bürger viel weniger wahrnehmbar zu berühren vermochte, weder im Guten, nach dem Muster westlichen Konsums und Sozialstaats, noch im Schlechten durch Arbeitslosigkeit; im real existierenden Sozialismus durfte es all das nicht geben, auch nicht den Sozialstaat westlicher Prägung. Dieser sei bloße propagandistische Fiktion. In gewisser Weise stimmt das, nur eben damals noch nicht von den wahrnehmbaren Tatsachen her, sondern nur auf der Grundlage einer eingehenden sozial-ökonomischen Analyse; heute immer mehr auch von den wahrnehmbaren Tatsachen her, die freilich auch heute der Analyse bedürfen, um nicht falsche Hoffnungen zu produzieren: irregeleitete Gefühle, Träume, die sich der Realität gegenüber verselbständigen und abheben mit leerbegrifflicher Methodik, analytischen Kurzschlüsse etc., die uns den Traum von Freiheit als etwas Reales verkaufen, wie nunmehr unser zukünftiger ewig gestriger Bundespräsident Gauck. Er will nicht wahrhaben, dass Träumen die Eigenschaft anhaftet, dass sie sich am Realen nicht brechen.
Natürlich hat Gauck recht: Ausgrenzung gab es in der DDR immer auch in der Weise, dass die Menschen keine eigene Meinung äußern durften. Taten sie es dennoch, drohten massive Repressionen. Dagegen will er tiefergehend nichts davon wissen, dass man in der DDR mit Hilfe brutalst-möglicher staatlicher Unterdrückung die Bürger vor den Auswirkungen der Kapitalverwertung abzuschirmen suchte; man nahm sie gleichsam in Sicherheitsverwahrung; vergeblich, die DDR musste Insolvenz anmelden, ein untrügliches Zeichen, dass die Kapitalverwertung in die DDR-Gesellschaft hineinwirkte. Dies die technisch-ökonomische Seite. Auf der subjektiv-moralischen Ebene stellten sich in “Barbara” die Probleme wie folgt dar: hier der Stasi-Knecht und sein IM, dort die aufmüpfige Barbara, die fliehen will, weil sie nicht anders kann als sich zu äußern; dies die sichtbare Seite zweier Parallelwelten, die sich nicht berühren: zum einen der überwachte und in Sicherheitsverwahrung lebende Normalbürger und zum anderen eine alles überwachende und totalitär agierende Staatsmaschinerie, die – wie Gauck heute noch – glaubte, man habe das Kapitalverhältnis hinter sich gelassen, wiewohl der Kapitalismus auch im sogenannten real existierenden Sozialismus allgegenwärtig war, hinter dem Rücken der Agierenden; Berührungspunkte wurden einfach verleugnet oder verdrängt. Am Ende wurde die DDR dennoch von der Realität des Kapitalverhältnisses eingeholt; ihr ging die Luft aus; sie musste Insolvenz anmelden wie heute Griechenland, im Grunde auch Italien, England, Belgien etc. und bald auch Deutschland.
Dass die DDR ein kapitalistisches Land war, zeigte sich in der Wahrnehmung – nicht mehr zu leugnen – erst vom Ergebnis her, als sie pleite ging. Dennoch gab es wesentliche Unterschiede zwischen West und Ost. Anders als im Westen wurde der DDR-Staat umso mehr als unerträglich empfunden wie sich im Inneren des DDR-Bürgers ein Bedürfnis nach Intimität herausbilden konnte, das überdies nach Leben, mithin realer Praxis drängte, freilich ohne dass Berührungspunkte mit den alles beherrschenden Staatsinstanzen präsent waren, wohlgemerkt innerhalb des intimen Lebens. Auch und vor allem, weil Berührungspunkte verdrängt wurden; wie heute das Kranke im Normalen. Der Lebenspartner ein IM?, der die eigene Intimität preisgibt? Unvorstellbar. Wieso eigentlich? Weil man die staatlichen Instanzen zutiefst verachtete. Dies die Bedingung für Intimität ohne Präsenz staatlicher Unterdrückung. Die Verachtung erreichte ein Ausmaß, das die Menschen freilich in die Arme des Kapitals trieb, ganz offen und nicht im Sinne eines Verhältnisses hinter dem Rücken der Menschen, mit dem Ergebnis, dass der DDR-Bürger mit und nach der Wende seiner Geschichte, mithin seiner Geschichten einer sich herausbildenden, aber auch gelebten Intimität beraubt wurde. Die Spuren des Lebens und mit ihm die Erlebnisschichten der Erinnerung verblassen, umso schneller, als sie sich nach der Wende in den Projekten des Kapitals in Nichts auflösten, mit denen Landschaften und das Gemüt der Menschen: ihr Erinnerungsvermögen, buchstäblich zugeschissen wurden; unversehrte DDR-Landschaften spielen bei “Barbara” denn auch eine wichtige Rolle.
Aber auch hier im Westen entsteht, wenn auch vorerst nur in Spurenelementen, so etwas wie Intimität, beispielsweise in Stuttgart, wo sich BürgerInnen immer weniger gefallen lassen. Sie organisieren Proteste gegen einen neuen Bahnhof, Stuttgart-21 (S21), dem der alte Bahnhof weichen soll; das darf nicht sein; die Menschen wollen sich nicht wie Fremde im eigenen Land fühlen dadurch, dass sie ihrer angestammten Landschaft, in denen Erlebnisschichten (ihrer Vergangenheit) aufbewahrt sind, beraubt werden. Der alte Bahnhof ist ganz offensichtlich mit Erinnerungen kontaminiert und repräsentiert damit ein Stück Intimität, das in dem Moment elendig wachgeküsst wird, wo der alte Bahnhof abgerissen wird, um einem modernen Bahnhof zu weichen. Das ist vielleicht das Problem: Intimität wird nicht (bewusst) gelebt, sondern wachgeküsst, um dann nicht mehr gelebt werden zu können, wenn der Abriss nicht mehr zu vermeiden ist. Die Menschen leben vor sich hin und reagieren leider zu oft immer erst, wenn’s zu spät ist.
Der vergebliche Protest gegen S21 zeigt anschaulich, dass die westliche Gesellschaft heute noch nicht so weit ist wie damals die DDR, im wesentlichen weil die Menschen im Westen nicht gegen das System, sondern mit dem System leben. Es gibt ein gleichsam intimes Verhältnis zum Kapital, wie die Ostbürgerin Yella (Nina Hoss) im Westen schmerzhaft erfahren muss. Das zeigt der gleichnamige Film “Yella”, ebenfalls von Petzold in Szene gesetzt, den ich seinerzeit in zwei Filmbesprechungen habe einfließen lassen. (WIF-HO2, WIF-THW) Die Figur Barbara scheint mir eine Fortschreibung von Yella zu sein. Yella vermag ihre im Osten gewachsene Fähigkeit intimen Erlebens im Westen nicht fortzuschreiben. Als es sie zu ihrem Papa nach Hause, in den Osten, drängt, reagiert ihre Westliebe Philipp (Devid Striesow) hysterisch, zum Entsetzen Yellas. Dennoch verrät sie ihren Traum vom Westen nicht. Sie verliert sich in der Welt des Geldes, Betrugs und Missbrauchs, mithin in einem Kampf, den sie wie im Traum: traumatisch, bewältigt, in dem aber nur einer gewinnt. Am Ende scheitert sie, weil sie sich, wie im Westen üblich, für ihr Innenleben und das ihrer Westliebe nicht interessiert, wiewohl sie sich beklagt, aber nur wie vor einer Klagemauer. Sie will nichts davon wissen, dass es nicht ihre Welt ist und noch nie war, in der sie traumwandlerisch agiert; anfangs recht erfolgreich. Daher glaubt sie, dass sie in der Welt des Geldes ihre Fähigkeiten zur Entfaltung bringen kann. Dass sie dabei scheitern muss, vermag der Traum, zumal ihre Fähigkeit zu lieben und Intimität zu verströmen, zu verdrängen, die überdies von ihrer Westliebe, einem Mann des Private Equity, einfühlsam und brutal zugleich instrumentalisiert wird. Eine in den Westen verpflanzte Ostliebe vermag einen Bürger des Westens anscheinend auf besondere Weise zu berühren, resp. nahe zu bringen, dass im Westen intensive Gefühle möglich sind, wiewohl sie alles andere als intakt, nicht nachhaltig sind, in keinen Alltag passen; im alltäglichen Kontext neigen Gefühle zu bipolaren Störungen: entweder abzuheben, den alltäglichen Nahbereich diskriminierend, oder vollständig zu scheitern.
Wie gesagt, auch der Ostbürger hebt ab, so wenn er vom Westen träumt. Es ist aber ein anderes Abheben als im Westen, denn der Ostbürger kommt, zumindest vor der Wende, nicht umhin, seinen Traum vom Westleben mit seiner Intimität zu kontaminieren vor dem Hintergrund, dass sie es sich nicht leisten kann, ihren Alltag zu diskriminieren. Das eine bedingt das andere wechselseitig. Der Osten war in der Lage, alltagstaugliche Intimität zu entwickeln und zugleich von unerreichbaren Welten zu träumen, die durch nichts zu erschüttern waren, weil sie sich am Realen nicht brechen konnten; daneben reservierte sich der DDR-Bürger ein Stückchen Alltag für sich, ganz privat, der vor Diskriminierung gefeit war, eben weil der Traum vom Westen etwas ganz anderes war. Hinzu kommt, dass der Bürger die Fähigkeit entwickelte, gesellschaftliche Institutionen, also das Außersubjektive, zutiefst zu verachten. Nur in dieser Hinsicht inszeniert Petzold mit “Barbara” eine intakte, wenn auch stets spannungsgeladene Intimität, intakt insofern, weil es, wie gesagt, keine gefühlten wiewohl in Wirklichkeit ganz reale Berührungspunkte zu einem zutiefst verachtenswerten Staat gab; und schon gar nicht gab es gefühlte Berührungspunkte zum umfassend verleugneten Kapitalverhältnis, das es von Staatswegen ja nicht geben durfte, mit tatkräftiger ideologischer Unterstützung aus dem Westen, den wiederum der Ostbürger mit seiner Fähigkeit, Intimität nachhaltig zu versprühen, zu einem liebenswerten Objekt der Begierde stilisierte, freilich verkennend, dass Intimität und Begierde nicht ein und dasselbe sind. Auch das zeigt “Barbara” auf unnachahmliche Weise. Sie entwickelt einen Begriff von Intimität, von der ich, bevor ich den Film sah, noch nicht einmal ahnte, dass es so etwas gibt: Begierde und Begehren ohne Gier.
Grundlage der Intimität ist freilich die Verachtung gegenüber dem Überwachungsstaat; diese lässt “Barbara” selbst dort spürbar werden, wo man sie eher nicht vermutet: bei Andre (Ronald Zehrfeld), einem IM, der Barbara zurück(ver)führen soll in den Schoß des Sozialismus und, natürlich, dem Stasi-Knecht über Ergebnisse seiner Bemühungen Bericht erstattet. Man meinte es ja immer gut mit den Menschen, ohne sich freilich dafür zu interessieren, was denn die Menschen meinen. Die hatten ohne Meinungsfreiheit noch nicht einmal die Möglichkeit, sich gleichsam ungefragt mit ihrer Meinung aufzudrängen, so wie ich es hier tue mit einem Text über die Filme “Barbara” und “Yella”, für den es keinen bezahlten Auftrag gibt. Schon das, und nicht dass ich als gebürtiger Westbürger mit diesem Text falsch liegen könnte, wird von vielen, zumal gut bezahlten Teilnehmern des öffentlichen Diskurses schon als Provokation empfunden, manchmal ganz besonders von denen, die sich durch meine Texte der Kritik ausgesetzt fühlen.
Es sind nicht Marktbeziehungen, Waren- und/oder Geldverhältnisse, die Erinnerungen und mit ihnen die Fähigkeit zur Intimität auf den Müllhaufen der Geschichte spülen, mithin das erzeugen, was einfallslose Marxisten leerbegrifflich “Entfremdung” nennen, um dann die konkrete Wirklichkeit zu ignorieren, z.B. ihr Bedürfnis, andere Menschen zu unterdrücken und zu bevormunden; vielmehr werden ganze Menschen mit ihrem Fleisch und Blut ganz real auf den Müll geworfen, im Interesse der Kapitalverwertung auf der Basis von Mehrwertproduktion. Der Mehrwert braucht Investitionen in immer größere Projekte, sie mögen noch so sinnlos sein, beispielsweise in S21, um die Mehrwertproduktion wenn schon nicht aufrechtzuerhalten, so doch wenigstens so lang es irgend geht zu simulieren (Kap. 10.5), bevor dann doch alles zusammenbricht, weil eine zureichende Mehrwertproduktion nicht (mehr) zustande kommen kann; es gibt sie schon lange nicht mehr; deshalb muss man sie nachfragewirksam simulieren durch Großprojekte, die sich privatwirtschaftlich nicht rechnen würden, wenn der Staat sie nicht finanziell massiv unterstützen würde, also das unternehmerische Risiko aus den Projekten nicht herausnehmen würde. Massive Staatsinvestitionen, bzw. Staatsinterventionen in ökonomische Prozesse, z.B. auch die Verstaatlichung von Banken durch Neoliberale auf Kosten des Steuerzahlers, zeigen an, dass die kapitalistische Ökonomie an eine Grenze gestoßen ist, an der die Produktivkräfte in Gestalt von Arbeitskraft (v) und Technologie (c) nur noch zerstören und weit entfernt sind, im Gemeinwohl der Menschen zu agieren. Nicht eine bestimmte Arbeitskraft, z.B. in der Rüstungsindustrie, macht sich der Zerstörungen schuldig, sondern die Arbeitskraft ganz generell, die sich doch, seien wir ehrlich, nur zu ernähren vermag auf der Basis dessen, dass es sinnlose oder gemeingefährliche Investitionen in (Groß-)Projekte gibt, wie gesagt, zur Simulierung der Mehrwertproduktion, die aber zweifellos nachfragewirksam die Einkommen der Bürger absichert, zumindest noch eine zeitlang. Mit jenen Projekten wird die Maschine der Kapitalverwertung mit einem Aufwand aufrechterhalten, der schon lange in keinem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen mehr steht.
Das bürgerliche Nutzenkalkül gilt in der Tat nicht mehr wie zur Zeit der höfischen Gesellschaft. Dort geriet die aristokratische Lebensweise immer sichtbarer und unverblümter zum Selbstzweck, kontradiktorisch zur bürgerlichen Lebensweise, die nicht nur für sich selbst existierte, sondern ausdrücklich sich an einen Zweck gebunden fühlte, der allein in der bürgerlichen Lebensweise nicht aufging; diese bildet sich dennoch im Schoße der aristokratischen Lebensweise heraus, fragte aber, anders als der Adel, immer nach dem allgemeinen Nutzen der eigenen Lebensweise. Einen solchen gab es in der Lebensweise des Adels nicht. Das bestimmte den Konflikt zwischen Bürger und Adel. Heute ist der Bürger allerdings schlimmer als der Adel damals. (Kap. 13.3) Denn heute geht es nicht allein um ein Leben, das sich durch einen äußeren Zweck nicht legitimieren muss, sondern um Produktion als Selbstzweck, vollkommen losgelöst vom Leben und den Bedürfnissen der Menschen, von der sich die ganze Gesellschaft in Geiselhaft nehmen lässt; es geht mithin um eine Produktion, die immer weniger außerproduktionellen, mithin menschlichen Nutzen stiftet, also nicht für die Menschen da ist, weil sie den Mehrwert bedienen muss, und sei es auch nur, um seine Existenz zu simulieren. Absurder geht es nicht. Das spüren immer mehr Menschen und verweigern sich, egal wo sie arbeiten.
Doch sehen die Menschen nur die Sinnlosigkeit der Produktion, nicht dass die Sinnlosigkeit durch die Kapitalverwertung erzeugt wird. Sie wissen nicht, was das ist: Mehrwert. Sie verwechseln ihn mit dem Gewinn. Das macht es ihnen leicht, sich herauszureden, sich von Schuld freizusprechen: der Unternehmer ist Schuld, weil er, zu gierig, von seinem Gewinn zu wenig abgibt, die Löhne zu niedrig sind. Die Verarmung ist in der Tat skandalös. Nur kann man sie im Rahmen der Kapitalverwertung nicht durch höhere Gewinnsteuern oder mit höheren Löhnen auf Kosten der Gewinne herunterfahren. Das zu glauben, entlastet allerdings das Gewissen der Bürger. Sie verlangen doch nur einen anständigen Lohn für anständige Arbeit. Das kann doch nicht falsch sein. Irrtum. Es gibt keine anständige Arbeit mehr, nicht zu verwechseln mit nützlicher Arbeit als solcher. Diese existiert nur, und das macht sie parasitär, weil es Investitionen in sinnlose Projekte gibt, um den Mehrwert zu bedienen. Die Bürger müssten unabhängig davon, was sie arbeiten, alle ein schlechtes Gewissen haben, weil sie die Kapitalverwertungsmaschine durch ihren Arbeitseinsatz am Laufen zu halten.
Wir haben also keinen Grund mit dem Finger auf Menschen zu zeigen, die Rüstungsgüter produzieren. Sie zerstören und zähmen den Kapitalismus zugleich, nicht indem sie Mehrwert produzieren, sondern indem sie so tun, als trügen sie zur Mehrwertproduktion bei; sie simulieren ihn. Sie alle vereint, dass sie im Kapitalismus weiterleben wollen, in einem gezähmten, wohlgemerkt, sich einredend, dass es so etwas gäbe, einen zivilen oder zivilisierbaren Kapitalismus. (HAJ-IWO) Sie wollen nichts davon wissen, dass dieser nur mit immer größeren, ggf. auf Pump finanzierten, Investitionen zivilisierbar ist, also indem er zerstört. Die Ignoranz trifft auch auf jene aufmüpfigen Bürger zu, die “ihren alten Bahnhof” gegen S21 retten wollen. Auch sie wollen nichts davon wissen, dass ihr Lebensunterhalt am Tropf der Mehrwertproduktion hängt, und sei diese auch nur durch Großprojekte simuliert. (Kap. 10.5) Sie wissen nichts von einem ökonomischen Rahmen des Kapitalverhältnisses, der ihre Erinnerungen, die Bilder einer alten Welt in ihnen, zerstört im Interesse ihres eigenen Lebensunterhalts; davon wollen sie nichts wissen. Viele sagen sich, was soll’s, nach mir die Sintflut.
Doch auch Barbara verdrängt, wenn auch auf andere Weise. Sie will von ihrem Stasi-Knecht nichts wissen, allerdings, und das ist ein wichtiger Unterschied, weil sie ihn zutiefst verachtet, während für den aufmüpfigen Westbürger gegen S21 alles in der Ordnung ist, wenn man ihm, wie einem Säugling seinen Schnuller, seine Erinnerungen lässt, die im alten Bahnhof aufbewahrt sind. Ganz schön ernüchternd. Will sagen: nicht nur im Osten, auch im Westen gibt es Parallelwelten, die sich nicht berühren, weil man Berührungspunkte zwanghaft, für meine Begriffe: krank- und krankmachend, verdrängt und/oder verleugnet: hier das Private, bzw. das private Gefühl, dort die vom Kapitalverhältnis umfassend kontaminierte Gesellschaft; beide Welten berühren sich nicht. Der Bürger interessiert sich für seine kleine lokale Welt, die ihm Gefühle garantieren soll. In ihr und nur in ihr ist er ansprechbar, so wie damals der Aristokrat sich nur für sich selbst interessierte, gleichsam in sich selbst ruhend, und nicht dafür, ob seine Tätigkeit irgendeinen außersubjektiven, vielleicht gesellschaftlichen Nutzen jenseits seiner eigenen Lebensweise stiftete. (Kap. 13.3)
Sowohl in West als auch früher in Ost wird der geringste außersubjektive Kontext als Gefahr für die eigene subjektive Befindlichkeit eingestuft. Das flüstern uns die Bestandsregungen jeden Tag zu. Das traf unvergleichlich mehr noch in der Ex-DDR zu. Weil dort nicht nur der Stasiknecht verachtet und aus dem Privaten herausgehalten, sondern noch dazu die Existenz des Kapitalverhältnisses vollständig verleugnet wurde. Die Abschirmung vom Kapitalverhältnis war, nicht zuletzt mit Hilfe des Stasiknechts, total, totalitär und, wie ich finde, das eigentliche Verbrechen der Kommunisten. Deshalb ist die Arbeiterklasse geistig wie moralisch gescheitert. “Die Linke” hat keinen Grund, stolz auf ihre Traditionen zu sein. Sie sollte auch mal daran denken, dass Marx die Sozialisten seiner Zeit weitgehend verachtete, sich von ihnen isolierte, während er von ihnen zugleich angehimmelt wurde. Ein Missverständnis von Seiten der Sozialisten und Kommunisten, bis heute. Bis heute wähnen sich Sozialisten mit all ihren Projekten alternativ; und die Kommunisten der DDR wähnten sich in einer alternativen Gesellschaft. Für den DDR-Bürger war das die eigentliche Katastrophe, die er mit besinnungsloser Staats-Verachtung quittierte.
Freilich konnte sich, anders als im Westen, im Windschatten dieser Verachtung Intimität entfalten, noch dazu auf eine besondere Weise. Das mag daran liegen, dass im Westen die Verachtung weit weniger umfassend gelebt wird, vorerst nur als Verachtung gegenüber der Politik im Bürger angekommen ist, während die staatlichen Institutionen selbst von der Verachtung noch weitgehend verschont bleiben; ich höre immer: “unsere Demokratie”; also, meine ist es nicht. Der Staat bleibt von Verachtung weitgehend verschont, obwohl er von der Politik im Interesse der Kapitalverwertung schon lange in Besitz genommen worden ist. Insofern hätte der Staat die gleiche Verachtung des Bürgers verdient, wie er sie schon jetzt der Politik zuteil werden lässt. Beim Staat muss die Verachtung noch ankommen im Bürger. Zugleich muss die Verachtung sich ihrer Herkunft gewiss sein und auch bleiben, um sich nicht in einem Kontext von “jeder gegen jeden” gegen sich selbst zu richten, bzw. um nicht, wie seinerzeit die RAF, sich durch staatliche Instanzen in einen sinnlosen Terror treiben zu lassen, und, nicht zuletzt, um das Wertvollste zu bewahren, das mit der Fähigkeit zu einer gleichsam sozialverträglichen Verachtung (nicht im Kontext “jeder gegen jeden”) wachst: die Fähigkeit zu nachhaltiger Intimität im Sinne eines Begehrens ohne Gier.
Von nachhaltiger und substanziellerer Intimität in der DDR zu sprechen, bedeutet nicht, dass eine solche als quasi-intaktes Beziehungsmuster überall präsent wäre oder als befriedigend wahrgenommen würde, oder dass es keine Gier gäbe, aber ihre Domestizierung war als Fähigkeit im Sinne einer Grundierung in den Beziehungen spürbar, wie Petzold mit dem Film “Barbara” den Zuschauer spüren macht. Es geht um strukturelle Präsenz, die durch ein Gefühl nicht abgebildet werden will; so wenn Barbara kleine Vergünstigungen, die ihr Andre, der IM, organisiert, weil er ihre Liebe gewinnen will, barsch zurückweist, wiewohl sie seine Zuneigung zu schätzen weiß, und Andre sich deshalb nicht unangemessen zurückgewiesen fühlt, weil er ihre Lebenseinstellung nicht nur versteht, sondern sie sogar insgeheim gutheißt. Will sagen, es gibt einen Gegenstand einer gemeinsamen, wenn auch geheimen Begierde, die aus strukturellen Gründen keine Gier kennt, einen gemeinsamen Weg des Gefühls zu einem außersubjektiven Gegenstand, nicht vom Gegenstand zum Gefühl. Dem Gegenstand steht das Gefühl nicht im Gesicht geschrieben, so wie der Preis nicht sein Wert. Analog gibt es einen Weg vom Wert zum Preis, aber keinen Weg vom Preis zum Wert. Der Preis vermag den Wert nicht zu bewegen.
Analog dazu kann man von einem Gegenstand nicht auf das Gefühl schließen, das jenen Gegenstand zu besetzen vermag. Hier nähern wir uns ein Stück weit dem Grund, warum es ein strukturelles Desinteresse gibt, das im Gefühl nicht aufgeht. Das glauben wir nur, und fühlen doch nur uns selbst, um von unseren Gefühlen auf (gleichgesinnte) Gefühle anderer zu schließen. Umgekehrt mag im eigenen Gefühl der Desinteressierte glauben, dass er Interesse einem Gesprächspartner gegenüber aufbringt, ohne es tatsächlich zu tun. So der Redner, der seine Zuhörer mit konservierten und glattgebügelten Wahrheiten beträufelt, z.B. Marx-Weisheiten aus der Dose, um bewundert zu werden. Bleibt die Bewunderung aus oder kommt ein bisschen, vielleicht sogar ungerechte Kritik, reagieren glänzende Redner merkwürdig schmallippig. Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Falsch verstanden. Unsinn. Es gibt ein strukturelles Desinteresse, ohne dass der Desinteressierte sein eigenes Desinteressierte wahrzunehmen in der Lage wäre. Und das spürt der aufmüpfige Zuhörer. Noch ohne zu wissen, was das ist: strukturelle Gewalt oder strukturelles Desinteresse. Platt gesagt: was man selber fühlt und wie das Gefühl rüberkommt, ist zweierlei; etwas komplizierter formuliert: das Gefühl ist immer gebunden an und transportiert über einen (vermittelnden, bzw. medialen) Gegenstand, um den sich auch der andere oder die anderen, zum Beispiel Zuhörer, bemühen können müssen. Dafür muss es Räume geben, den glänzende Redner oftmals nicht gewähren, umso weniger, je glänzender sie bei den meisten Hörern ankommen; die sorgen gewöhnlich dafür, zuweilen peinlich berührt, dass sie in ihrem Bewunderungsbedürfnis durch allzu fremdbestimmte Räume, mithin aufmüpfige Zwischenrufe, nicht unterbrochen werden. Als Medium der Macht, nicht als die Macht selbst, weist der eine oder andere Zuhörer den Aufmüpfigen zur Zufriedenheit des glänzenden Redners in die Schranken, wie Klaus-Jürgen Bruder in einer kleinen Skizze in einem vergleichbaren Zusammenhang ausführt. (BRK-WMV)
Man könnte sagen, dass das, was Petzold mit seinem Film an intimen Möglichkeiten herausliest, nicht der Wirklichkeit entspricht. Und in der Tat ist es eine Konstruktion, die sich an der Realität bricht, mithin nicht real. Das macht die Konstruktion als These nicht weniger interessant im Sinne eines Gegenstands für die Sozialforschung oder Sozialanalyse. Analyse zielt nicht auf das, was ist, sondern auf etwas, das sein könnte oder wünschenswert ist. Das Wünschenswerte oder Mögliche motivieren dazu, sich mit der Realität auseinanderzusetzen und dabei das eigene Innenleben einzubeziehen; denn dieses bezieht in der Analyse unentwegt Stellung. Und nicht zuletzt das gilt es aus der Analyse des Tatsächlichen freizulegen: den Weg des Gefühls zum Gegenstand zu ebnen. Andernfalls würde die analytische Forschung das Tatsächliche nur positivistisch bestätigt sehen wollen; sie wäre überflüssig. Das ist genau das, was Machthaber von uns wollen, sich bestätigt sehen, auch der glänzende Redner will sich vom Publikum bestätigt sehen.
Und überhaupt, wie sollte das, was uns als anrührend und befriedigend, mithin wünschenswert vorkommt, nicht Gegenstand bloßer Vorstellung sein, zuweilen sehr schöner Vorstellungen, kontaminiert von intensiven Gefühlen, die wir, noch dazu, gern im Kurzschlussverfahren unendlich in die Zukunft verlängern; eine Fähigkeit, die in der Fähigkeit, Menschen zu verehren, zum Ausdruck kommt, bis hin zum bis Huldigungswahn. Dann geht es freilich nicht mehr um die Sache, die sich im Dialog auf Augenhöhe entwickelt, sondern darum, dass der Referent in und mit der Sache in einem helleren Licht erstrahlen möchte. Und wir kommen dem entgegen mit unserem Bedürfnis, Menschen zu verehren und sie mit der vielleicht wünschenswerten Sache, die Menschen verbindet, und um die es eigentlich gehen müsste, zu verwechseln. Gefühl und Gegenstand zu verwechseln. Der wünschenswerte Gegenstand wird mit dem von intensiven von Gefühlen besetzten Referenten identifiziert, wiewohl dieser jenen Gegenstand nur medial transportiert. (BRK-WMV)
Aber vielleicht ist auch eine etwas andere Verehrung möglich, die sich der Wahrnehmung nicht als Verehrung zu erkennen gibt, weil sie im Dialog auf zwanglose Weise präsent ist? Vielleicht lasse ich mich von ”Barbara” berühren, weil sie dafür sorgt, ohne es zu wollen, dass der Zuschauer zur Sache, und damit zu den Menschen, die sie verbindet, in einem merkwürdigen Schwebezustand der Distanz verharrt, so dass Gefühle nicht nach oben oder unten abheben und Raum für eigene Reflexion lassen. Nur in diesem Sinne sind große Gefühle belanglos und der Analyse abträglich, selbst wenn wir sie schön finden, aber ohne nach ihnen zu gieren, nicht zueletzt auch, weil sie uns unverhofft überfallen, ungeplant, und so schnell, wie sie hoch kommen auch wieder vergehen, ohne nach unten auszuscheren.
Auch darf man es wunderschön finden, ungeplant, wenn Menschen in Petzolds Filmen auf quasi-natürliche und zwanglose Weise miteinander verkehren, wiewohl auf der Grundlage messerscharf durchkonstruierter Dialoge, in der durchanalysierten Gewissheit, dass Menschen in Wirklichkeit ganz anders verkehren. Trotzdem vermag eine durchkonstruierte und in bewegten und bewegenden Bildern zum Ausdruck gebrachte Vorstellung reale Beziehungen des alltäglichen Nahbereichs zu beleben und zu verändern, vielleicht ganz anders als es sich der Filmemacher erträumt. Interessiert ihn das ganz andere, vermag ihn das zu einem weiteren Film motivieren. Davon abgesehen geht es darum, Fähigkeiten und Möglichkeiten auszubilden und weniger darum, wie man sich fühlt, während man Fähigkeiten ausbildet. Das Gefühl ist unverhofftes Beiwerk, das belebt und zum weiteren Denken und Handeln motiviert, aber es ist flüchtig, nicht nachhaltig, wenn man so will: nicht real, und muss immer wieder neu erarbeitet werden, um unverhofft zu beleben. Und es ist nicht ausgemacht, dass das immer wieder gelingt; beispielsweise dass auf einem guten Film der nächste gute Film des gleichen Filmemachers folgt.
Das alles ist in Petzolds Film präsent, was vielleicht die “Funktion der Intimität” ausmacht: zu überraschen und in der Überraschung zu beleben. Das ist mit Arbeit und viel Mühe verbunden. Intimität geht also nicht nur im Gefühl auf. Und schon gar nicht im Sex. Wir treiben Sex, fühlen dabei und halten so etwas für intim. Wir beichten den Sex im Beichtstuhl einer katholischen Kirchen, vor einem Priester, den wir nicht kennen, und halten so etwas für intim. Ein Zusammenhang, den Foucault in “Sexualität und Wahrheit” vor lauter Machtanalyse komplett übergeht: das Intime im Kontext des Zwanglosen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er Sexualität grundsätzlich für intim hält. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt: der Begriff der Intimität ist in seinem dreibändigen Spätwerk “Sexualität und Wahrheit” kein zentraler Begriff. Hätte er vielleicht sein sollen. Vielleicht wäre er dann darauf gekommen, dass es Begierde ohne Gier gibt, die in Herrschaft und Macht nicht aufgeht, die sich aber im Schoße unserer vermachteten Gesellschaft entwickelt in Opposition zu Herrschaft und Macht, einer Macht, die, um eine Denkfigur im Anti-Ödipus (DEG-AOE) zu bemühen, noch nie in der Lage war, auch nur einen “wahren” Wunsch zu ertragen, ohne auseinanderzufliegen. In der Tat ist Intimität stets dazu angetan, eine vollständig von der Macht besetzten Öffentlichkeit zu überraschen, wenn sie sich denn doch einmal, ungeplant, intim berühren lässt; die Öffentlichkeit (die sie tragenden Figuren) ist für meine Begriffe aber zu unreif, um sich systematisch berühren zu lassen. Lieber grenzt sie aus, was nicht passt, verkennend, dass sie sich nur durch das Intime hindurch zu entwickeln vermag, eben weil es das Intime jenseits des öffentlichen Raumes gibt, das exakt diesen Raum zu beleben vermag, um zugleich Beziehungen jenseits der Öffentlichkeit: das Private, zu stabilisieren. Beziehungen brauchen nicht den Schein der Öffentlichkeit; in ihm vermag sich Intimität nicht zu entwickeln; sie geht in einem öffentlich hergestellten Gefühl nicht auf, zumal sie immer wieder aufs Neue hergestellt und erarbeitet werden muss, nachdem sie zum Nutzen aller doch einmal öffentlich geworden ist.
Kurzum: man kann sich auf gute Gefühle im buchstäblichen Sinne nicht verlassen. Selbst nicht auf den schönen Schein, der auf den Redner fällt. Es kann daher nicht darum gehen, den “Schein” (des Redners) zu wahren; dann gäbe es für Redner wie für Zuhörer keinen Grund mehr, sich zu unterhalten, um Gefühle und Handeln aufeinander abzustimmen. Die Kommunikation wäre tot. Intimität allemal. Sie geht im öffentlich vermittelten Huldigungswahn nicht auf, oder sagen wir: die Intimität vermag sich zu entwickeln, wenn sie den Huldigungswahn oder den Wunsch, sich behuldigen zu lassen, mit Verachtung besetzt, das heißt, wenn sie sich gleichsam vom Unterdrückungsmechanismus isoliert, um vielleicht im Geheimen, abseits geachteter Öffentlichkeit oder Strukturen, zu agieren. Womit sich unser Kreis schließt. In der DDR entwickelte sich Intimität, weil Verachtung dort auf ungleich intensivere Weise möglich war als heute im Westen.
Selbst schöne Gefühle, die man abseits jeder vermachteten Öffentlichkeit ganz privat mit einer geliebten Person geteilt hat, sind nicht von Bestand, bzw. sie gehen ihres intimen Charakters notwendig verlustig, wiederum im Kontext von Öffentlichkeit, so wenn man sich und seine Gefühle in der Öffentlichkeit wiederentdeckt, zum Beispiel in Kunstwerken oder Kinofilmen. Dazu muss man natürlich die Öffentlichkeit lesen und interpretieren können; und sie muss einem frei zugänglich sein, was nicht immer zutrifft für alle Menschen gleichermaßen, zumal in der DDR vor der Wende. So kann es sein, dass das, was für die eine Person intim ist, für eine andere Person gar nicht (mehr) intim, vielleicht sogar Kitsch ist. Selbst diesen Zusammenhang dekliniert Petzolds
“Barbara” durch, wie im Vorbeigehen in scheinbar belanglosen und doch ziemlich aufregenden Szenen, puristisch, aber dialogisch genau; so in einer Szene, in der sich Barbara mit einer anderen Frau in einem Hotelzimmer über Eheringe unterhält, die ihnen aus einem Versandhauskatalog, vielleicht Otto, entgegenscheinen, fast möchte man sagen: Otto verzaubert. Wie naiv, kalter Kaffee, würde der Westler sagen. Die im Osten lassen sich aber leicht kaufen. Unsinn. Die Frauen sind verbunden über einen gefühlsexternalisierenden Gegenstand, einen Ehering, auf den sich ihre Gefühle auftragen; das verbindet sie, darüber tauschen sie Gefühle aus; die eine vielleicht intensiver, weil sie weniger weiß, als die andere; egal, diese Verbindung genießen beide für einige berauschende Momente. Sie kontaminieren den Ehering mit ihren Gefühlen, die sie womöglich viel später, im Westen, wieder wachküssen, mit einer kleinen Geschichte belegen in dem Moment, wenn sie einen Otto-Katalog sehen; aber es kommen dann eben nicht die gleichen Gefühlen aus dem Hotelzimmer wieder hoch. Ihre Natur und Funktion würde sich geändert haben; sie geben nunmehr den Anlass dafür, in eine Analyse einzusteigen, die ihre Substanz daraus schöpft, dass die Analyse das eigene Innenleben einzubeziehen vermag. Das erzeugt eine besondere Art von Genuss, die beim Westler heute immer mehr ausdünnt in dem Maße, wie sich seine Begierden von Gier durchzogen sehen; während der Ostler eher deshalb scheitert, weil er sich seiner Otto-find-ich-gut-Gefühle schämt und sie deshalb aus seiner Analyse gleich ganz heraushält.
Das alles ist umso bemerkenswerter, als beide Frauen in diesem Hotel sich zum ersten mal begegnen, zufällig und allein, während ihre Westlieben anderen Verpflichtungen nachgehen, ohne sich ihrerseits zu begegnen. Die Frauen unterhalten sich wie zwei gute Freundinnen. Ihre Gemeinsamkeit ist ihre noch unverbrauchte Liebe zum Westen, die freilich nur in ihrer Vorstellung existiert; eine intakte Liebe genau deshalb, weil sie auf eine Vorstellung verweist, die sich an der westlichen Praxis noch nicht brechen kann, bzw. später, nach der Wende, erst noch brechen muss. Allein, sie blättern im Otto-Katalog, der das intime Gefühl umso intensiver und nachhaltiger produziert, als es sich nicht zu brechen vermag an einer noch zu weit entfernten westlichen Realität. Nur so sind sie in der Lage, den einen “gar nicht so teuren” Ehering ganz besonders mit ihren Gefühlen aufzuladen, die zugleich, ad infinitum, durch das sehende Auge freigesetzt werden, sich selbst verstärkend, gleich einer Erregung, die durch die Betrachtung eines Pornos freisetzt wird, eben weil sie sich am wirklichen Sex nicht zu brechen vermag und deshalb umso prächtiger funktioniert, aber, und das ist der Unterschied zum Ehering, zum Leidwesen intimer Fähigkeiten, die im Sex allein nicht aufgehen. Das zeigt der Film “Shame”. (GUA-SHA) Dort ist der sexsüchtige Brandon, der sich nur für das Thema “Sex” interessiert, zur Intimität nicht in der Lage, nicht weil er zu wenig oder zu viel Sex hätte oder ständig onanierte, sondern weil er seine Partnerin in seine Sexphantasien nicht einbauen kann, nicht weil seine Partnerinnen es nicht mit sich machen lassen würden, sondern weil der Sexsüchtige zu verklemmt ist, sie einzubeziehen. Das lassen sich nur seine Nutten gefallen. Die kommen mit seiner Verklemmtheit problemlos zurecht, aber nur weil es zum Geschäft gehört, diese nicht zum Thema zu machen. So glaubt er, “frei” im Leben zu stehen, ungebunden, und verfehlt das Leben dennoch vollständig. Das lässt er seine Schwester Sissy, die zu ihm eine Beziehung sucht, schmerzlich spüren. Sie stört ihn in seiner Wohnung. Mit ihr kann er sich nicht frei entfalten. Als sie ihn aus Versehen im Badezimmer beim Onanieren erwischt, rastet er vollkommen aus. Welch eine Katastrophe. Menschen verletzen sich gegenseitig zutiefst und kommen mit den Folgen nicht klar. So ist der Westler. Prätentiös und verklemmt. Er guckt herab auf Gefühle, die auf einen Otto-Katalog verweisen, ohne sich dafür zu interessieren, in welchem gesellschaftlichen Umfeld dies geschieht. Ihre Bewertung steht fest.
Wie schafft es Petzold nun, dass seine Bilder, eben jene Bilder nur scheinbaren Kitsches, zu berühren vermögen? Sie vermögen in der Gewissheit zu berühren, dass sie das genau nicht sind: kitschig. Im Gegenteil, der abgeklärte Westler vermag den Kitsch lediglich leerbegrifflich diskriminieren. Analog dazu wie der dem frühen Marx entlehnte Waren- und Entfremdungsbegriff ein Leerbegriff zur Bezeichnung eines Leids ist, das über den Entfremdungsbegriff nicht freigelegt, sondern versiegelt wird, um Entfremdung lediglich zu beklagen, so in der Art: alles Scheiße; überall Entfremdung; wir müssen den Kapitalismus abschaffen. Dummes Zeug. Es ist eben nicht alles entfremdet. Und genau davon wollen Marxisten nichts wissen. Wäre alles um uns herum entfremdet, wäre der Entfremdungsbegriff nichts wert, eben leer. Wir könnten als vollständig entfremdete Wesen gar nichts über Entfremdung wissen; woher auch, wenn wir nur entfremdetes Leben kennen? So ist denn auch etwas anderes wesentlich, nämlich das Innenleben als Ort des Widerständigen und Aufmüpfigen freizulegen, der eben in jenem Schoß kapitalistischer Strukturen wächst und vermutlich auch begrifflich auszumachen ist; das interessiert den Linken nicht, der will nur einfallslos rumjammern; zum Beispiel darüber, dass er von der Teilhabe an der Macht ausgeschlossen wird. “Die Linke” mag vielleicht zurecht beklagen, dass man sie als innergesellschaftlichen Feind behandelt, doch geht sie mit parteiinternen Kritikern anders um? Ich meine, eher schlimmer. Von solchen Menschen, die ihr Innenleben und das der eigenen Partei nicht selbstkritisch zu befragen vermögen, möchte ich nicht regiert werden und wähle sie daher auch nicht.
Ich vermute, das Widerständige liegt in einer bestimmten Form der Intimität begraben, wofür es vielleicht nur noch keinen hinreichenden Begriff gibt, der aber, im Vorfeld der Begriffsbildung, vielleicht schon in den Bildern von “Barbara” zum Vorschein kommt. Für meine Begriffe vermag sich die besagte Form der Intimität im Westen nicht zu halten; sie wird gefürchtet wie die Pest, nicht zuletzt ausgerechnet von ach so kritischen Linken. Doch noch einmal: warum vermögen die Bilder angeblichen Kitsches zu berühren? Vielleicht weil wir in ihnen etwas unsäglich Aufmüpfiges vermuten?, das wir mehr oder weniger bewusst für uns selbst in uns wünschen?, das uns selbst abgeht, das die Wende ermöglicht hat, und worauf wir unsere Wünsche projizieren (Delegationsprinzip), eben weil wir jene Intimität in Bezug auf unsere eigenen Lebensverhältnisse fürchten wie die Pest? Wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist. Deshalb delegieren wir Widerstand auf die Partei “Die Linke”; das Aufmüpfige auf den Helden in einem Film, während wir aus unserem wirklichen Leben das Aufmüpfige heraushalten und ggf. ausgrenzen. Typen, die das machen, wollen nichts ändern. Es gilt doch immer wieder der alte Satz: Veränderungen müssen auch bei uns selbst, besser: in uns beginnen. Nun, und Petzolds Bilder vermögen auch zu berühren unter der Bedingung, vielleicht in der vorbewussten Gewissheit, dass sie in unserem wirklichen Leben keine Rolle spielen, aber auch deshalb, weil die Menschen im Westen noch nicht so weit sind wie damals die Menschen im Osten. “Barbara” legt zwar etwas frei, für wenige berauschende Augenblicke, wohl wahr, aber eben für den westlichen Bürger, unfähig zu nachhaltiger Intimität, weitgehend folgenlos.
Selbst diese Unfähigkeit zur Intimität fangen die Bilder des Films vorauseilend ein; und zwar dadurch, dass der Westen in den Ostbildern im Hinblick auf seine spätere Wirkung präsent ist: zwischen Barbara und ihrem Westgeliebten will Intimität nicht so recht aufkommen, weder im Hotel, noch im Gebüsch irgendeines Waldes. Zum einen weil sich der Sex aufdrängt. So wie wir es im Westen erleben, wo er sich tagtäglich schon durch die Werbung aufdrängt, aber auch nicht weniger in der herrschenden Kinoästhetik, die ohne bebilderten Geschlechtsverkehr schon nicht mehr vorstellbar ist. Wie ermüdend. Es wiegt schwer, dass aufgenötigter Sex das intime Erleben zu unterbrechen vermag. Wie gesagt, vermutlich haben Intimität und Sex nichts miteinander zu tun, allerdings nur in dem Sinne, dass die Intimität das Sexuelle nicht braucht und gelegentlich auch nicht will, eben ganz besonders, wenn es sich aufdrängt. Schon in der Frühphase einer noch unverbrauchten Zweierbeziehung wird der Sex von der Intimität umso besser angenommen, je weniger er sich aufdrängt. Drängt er sich nicht auf, weder von außen, noch intern im Kontext einer Zweierbeziehung, ist er angenommen in der Gewissheit, dass Intimität sich auch ohne Sex zu entfalten vermag. Von diesem asexuellen Zusammenhang zeugen im Film “Barbara” die stummen Schreie sexueller Erregung der Frau aus dem Hotel-Nebenzimmer, die das intime Erleben zwischen Barbara und ihrem West-Geliebten merkwürdig auf der Stelle treten lassen; ganz im Kontrast zur Unterhaltung der beiden Frauen, die vor Intimität nur so sprüht. In dieser ist Aufmüpfigkeit aufbewahrt, was nicht bedeutet, dass sie dem Augenschein nach präsent ist. Davon zeugt die Figur “Barbara”. Demgegenüber strahlt der überaus sympathisch gezeichnete Westgeliebte einen Geruch aus, dem so gar nichts Aufmüpfiges anhaftet. Im Gegenteil, sie müsse nicht fliehen, sagt er; er könne auch mit ihr hier im Osten glücklich sein. Wie rührend. Das hinterlässt Spuren im intimen Erleben der Heldin, die sie vorerst noch vor sich selbst verbirgt, die aber ihren Willen, in den Westen zu fliehen, immer unwiderstehlicher in Mitleidenschaft ziehen, ein Erosionsvorgang, den Petzold auf sehr berührende Weise auf die Spitze treibt.
Schon mit “Yella” bemüht sich Petzold um die Frage, was Intimität sei: wie sie entsteht und zugrunde geht, ebenfalls am Beispiel einer Ost-West-Liebe, die allerdings nach der Wende spielt. Ohne Staatsterror, der zu DDR-Zeiten stets für ein hellwaches Bewusstsein sorgte, durchlebt Yella (Nina Hoss) ihr Bedürfnis nach Intimität, das ja nicht von heut auf morgen verschwindet, im Westen nunmehr, anders als “Barbara” im Osten, gleichsam im Halbkoma, aber wie in “Barbara” ganz und gar privat, ebenfalls getrennt von jeglicher gesellschaftlicher Realität. Demgegenüber kennt Philipp (Devid Striesow), Yellas Westliebe, ohne gravierende Berührungsängste zu öffentlich-institutionellen Instanzen, nicht einmal das Wort “Intimität”, oder doch nur so wie der Autist das Wort “Gefühl”, und weiß daher nicht, was das ist: eine von jeglicher Öffentlichkeit und Berufsmäßigem abgeschirmte (private) Intimität; diese geht bei ihm ganz und gar in seinem Beruf auf. Beruf als Selbstzweck: so eine Lebensweise empfände Yella als massives Defizit. Philipp verspürt keine diesbezüglichen Defizite in sich, geschweige denn, dass er sie zum Ausdruck bringt. Er weiß nicht, was ihm fehlt; und er will es auch nicht wissen, weil er bisweilen schon zwanghaft glaubt, dass da keine Defizite in ihm existieren, dass dort überhaupt etwas sei, das der Rede wert wäre. Vielleicht dass der Westbürger das Grenzwertige meidet, während Grenzwertiges das tägliche Brot des DDR-Bürgers war, zusammen mit dem Leid, das es generiert. Yella kann das Defizitäre vor sich und anderen nicht verbergen, allerdings nur im Traum, gewissermaßen traumatisch, ohne davon einen zureichenden Begriff zu entwickeln, es sei denn vorsprachlich, also dem Gespür nach. Sie weiß nicht, und will bewusst nichts davon wissen, dass im Defizitären Intimität aufbewahrt ist als Bedingung für eine zufriedenstellende Lebensweise. Schlimmer: Weit entfernt, defizitäre Gefühle zu schätzen als zwingend notwendig zur Herausbildung sozialverträglicher sozialer Strukturen, fühlt sie sich ihrem Westgeliebten gegenüber minderwertig, wenn sie das Defizitäre in ihr sich und ihrem Geliebten bewusst machte; dann auf der Ebene intimen Erlebens. Aus und vorbei; es existiert nicht mehr. Und so liefert sie sich ihm aus, unterstützt ihn in seinen kriminellen Geschäften, mit ganzer Kraft und in Liebe, nach der Wende schutzloser denn je. Tatsächlich wusste der Ostbürger nicht die Spur, worauf er sich nach der Wende einließ, und er weiß es heute immer noch nicht, was und wie ihm damals geschah und wie ihm heute immer noch geschieht. In dieser Hinsicht gibt es tatsächlich eine Angleichung zwischen Ost und West. In der Tat, denn auch der ach so auf- und abgeklärte Westbürger weiß nichts; vielleicht dass er immer noch nicht genug leidet, weit weniger intensiv wie seinerzeit die Menschen in der DDR gelitten haben, eben weil er, systematisch traumatisiert, von eigenen Defiziten nichts wissen will und tatsächlich nichts weiß.
Doch gibt es auch so etwas wie Hoffnung, die sich vielleicht aus den Bildern von “Barbara” herauslesen ließen. Ich weiß es nicht. Irgendwas gefällt mir immer noch nicht. Es ist aber ein wichtiger Film mit unbestreitbaren Qualitäten. Halten wir fest: anders als im Westen haben die Menschen in der DDR bis an die Grenze des Erträglichen gelitten, unter Grenzwertigkeiten, so dass eine intime Parallelwelt zur systemischen Welt sich entwickelte, deren Geschichten allerdings heute wie weggeblasen sind, die aber, freigelegt wie ein Fossil aus früheren Zeiten, vielleicht immer noch Intimität zu repräsentieren vermögen, wie wir sie uns heute ersehnen; vorausgesetzt wir öffnen uns dem Defizitären in uns. Um eine solche Archäologie bemühen sich die Filme von Petzold, immer unwiderstehlicher, zuletzt “Barbara”. Eine Steigerung. Mehr noch, ”Barbara” versucht die defizitäre Empfindung, das Fehlen von Intimität, auf berührende Weise zu beleben, ohne den Kitsch zu bemühen. Vor allem kommt der Film ohne musikalische Gefühlsverstärker aus. Im Purismus liegt seine eigentliche Qualität. Nur so vermögen die Bilder, die Figuren, stumme Szenerien etc., nachhaltig zu berühren. Es bleibt für mich ein Rätsel, wie Petzolds Bilder das hinkriegen. Es sind einfache, schlichte Bilder, die erzählen, ohne viel zu sagen. Die Figuren sagen wenig; doch das, was Petzold sie sagen lässt, ist wohl durchdacht und strengstens kalkuliert, kein Wort zu viel, wie schon bei “Yella”. Und dennoch, oh Wunder, kommt zu keinem Zeitpunkt der Eindruck auf, als hätten die Figuren nichts zu erzählen. Es gibt Sprachlosigkeit, Lücken zwischen den Figuren, wohl wahr, doch eben keine, die der Zuschauer nicht ausfüllen könnte und gerne ausfüllt, jeder auf seine Weise. Es darf mitgedacht, vielleicht sogar diskutiert werden. Mehr noch, der Blick, die kleine Geste, das bittere und dennoch allzu menschliche Mienenspiel ergänzt das, was im Dialog nicht gesagt wird, zu ganzen Erzählungen, vielen kleinen Erzählungen, die im Film unabhängig voneinander existieren und sich doch zusammenfügen, die, und das ist das Schöne, im Kopf des Zuschauers entstehen, ohne dass dieser es merken muss. Er weiß nicht, dass er erzählt, ein Erzähler ist; deshalb kann er nichts zu Papier bringen, selber aktiv werden, wie es sich für einen “freien Bürger” gehört, vielleicht weil er sich fürchtet, etwas preiszugeben, was eine Erzählung zu einer Erzählung macht: Intimität.
Quellen:
BRK-WMV: Klaus-Jürgen Bruder, "…wirst Du mich dreimal verleugnen" – Skizze zur Politischen Psychologie, Journal für Psychologie, Jg. 18 (2010), Ausgabe 1
Link: http://www.journal-fuer-psychologie.de/jfp-1-2010-07.html
DEG-AOE: Gilles Deleuze und Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie, Frankfurt/Main 19813, erstmals erschienen Paris 1972
GUA-SHA: Andreas Günther, Bemerkungen über den Film “Shame”, Hamburg 2012
Link: http://www.film-und-politik.de/GUA-Sha.pdf
HAJ-IWO: Jürgen Habermas, Internationale Weltordnung – nach dem Bankrott, Interview mit Jürgen Habermas, Die Zeit vom 06.11.2008;
Link: http://www.zeit.de/2008/46/Habermas
WIF-C26: Franz Witsch, Bürgerbrief C26: Bemerkungen über den Mehrwert, Hamburg 2011
Link: http://www.film-und-politik.de/C26.pdf
WIF-DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Erster Teil: zum Begriff der Teilhabe, Norderstedt 2009;
Link: http://www.amazon.de/gp/reader/383704369X/ref=sib_dp_pt#reader-link
WIF-HO2: Franz Witsch, Filmbesprechung: Hostel 2, vom 13.06.2007
Link: www.film-und-politik.de/Hostel2.pdf
WIF-THW: Franz Witsch, Thomas Harlan – Wandersplitter, Hamburg 2007
Link: http://www.film-und-politik.de/Harlan.pdf
WIM-DOS: Manuel Wieczorek, Die Ökonomisierung des Sozialen, Darmstadt 2009
Link: http://www.film-und-politik.de/DieOkonomisierungdesSozialenV2.pdf