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Bemerkungen über den Mehrwert – 23. Teil

von Franz Witsch

1. bis 22. Teil siehe www.film-und-politik.de/C26.pdf

14.6.6.3.1 Kapital und Psyche

Das Problem hinsichtlich der gesellschaftstheoretischen Bemühungen von Habermas liegt generell darin, dass er ökonomische Aussagen macht, ohne ökonomische Analyse zu betreiben, und dass er soziale Analyse ohne Psycho-Analyse betreibt; daher kann er, z.B. in Bezug auf die allgegenwärtige weltweite Schuldenproblematik, die bei den Griechen nur nicht mehr zu übersehen ist, nur nachplappern, was alle sagen: wer zu viel Schulden hat oder über seine Verhältnisse lebt, muss sparen. Das ist Analyse, ohne in Alternativen zu denken, also system- und strukturaffirmativ. Hinzu kommt, dass Habermas in seiner Analyse eine Verbindung zwischen den Komponenten: von Ökonomie und Moral, resp. von System- und Lebenswelt zwar postuliert, ohne das Verbindende aber für sich genommen, getrennt von den Komponenten, die zu verbinden sind, einer Analyse zugänglich zu machen, ohne also jene Verbindung im Sinne einer eigenständigen Komponente zu spezifizieren. In gewisser Weise ist das Schnittstellendenken bei Habermas nicht sonderlich ausgeprägt; er wüsste wohl gar nicht, was das ist; ein ganz massives Defizit seiner Systemanalyse. (WIF-GKO, insb. A3.2.1)

In Bezug auf sozial-ökonomische theoretische Bemühungen lassen sich derartige Defizite ausräumen durch eine Analyse im Projektionsmodus, also durch Psycho-Analyse. Diese bleibt ohne definitiven Gesellschaftsbegriff (WIF-DPB, 26-31) allerdings ohne praktische Bedeutung, ein weiteres Defizit bei Habermas wie überhaupt im sozialwissenschaftlichen Diskurs insgesamt; im oben besprochenen Werk von Detel (Kap. 14.6.4, 14.6.5) kommt dieses Defizit, was aber eher für ihn spricht, noch offensichtlicher und ausgeprägter zum Ausdruck. Mit diesem Defizit bleibt die Analyse aber insgesamt vage, mithin für das Subjekt ohne praktische Bedeutung.

Erst wenn wir beides bemühen: eine Analyse im Projektionsmodus unter Verwendung des definitiven Gesellschaftsbegriffs, ist gewährleistet, dass jene Verbindung zwischen Moral und Ökonomie, zwischen System- und Lebenswelt spezifizierbar ist, das heißt wenn wir das Subjekt, mithin sein Innenleben unmittelbar in die moralische Analyse einbeziehen, um den Weg vom Gefühlsimpuls (Innen) zur Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörung (Außen) nachzuzeichnen, ein Weg, der schon von Freud grundlegend vorgezeichnet wurde, allerdings ohne dass er die Analyse des Außen: die gesellschaftliche Realität, aus- und nachdrücklich und konsequent einbezog. Folgt man allerdings der Freud-Interpretation von Edmundson (EDM-SFR), so ist er diesem Defizit seines Lebenswerkes gegen Ende seines Lebens gewahr geworden, allerdings erst durch eigenes Leid: durch die sein Leben physisch bedrohende Praxis des Faschismus, von der er in den letzten Jahren seines Lebens zu seinem Leidwesen und dem seiner Familie eingeholt wurde. Wenn man so will, litt seine psychoanalytische Theorie ohne ausdrücklichen Bezug zur äußeren gesellschaftlichen Realität ganz massiv unter Wahrnehmungsstörungen. Davon ist die Psycho-Analyse bis heute nicht frei. (BRK-GRZ) Warum auch; schließlich leidet aufgrund klarer Arbeitsteilung, die man im Interesse einer erfolgversprechenden Therapie nicht angetastet sehen möchte, der zu Therapierende, nicht der Analytiker.

Umgekehrt gilt aber auch: Menschen leiden unter Wahrnehmungsstörungen (WIF-DPB, 56-81): analytischen Defiziten, wenn sie ihr Innenleben nicht in die soziale und ökonomische Analyse, in Begriffen von Habermas: in die System- und Lebenswelt-Analyse einbeziehen. Nur dann ist gewährleistet, dass sich das leidende und unterdrückte Subjekt in jeder Phase der (sozialen und ökonomischen) Analyse angesprochen fühlt und die Analyse nicht vage oder indifferent wird.

Freilich bleibt der Lebenswelt-Begriff von Habermas auf über eintausend Seiten seines Hauptwerkes (HAJ-TK1, HAJ-TK2) unscharf; er gewinnt nicht dadurch an Schärfe, indem er ihm die Begriffe Systemwelt und Rationalisierung zur Seite stellt, um zu bedeuten: Menschen müssen ihr Leben rationalisieren, mithin in sich stimmig gegen die Zumutungen der Systemwelt gestalten können. (Kap. 14.6.6.3) Schön und gut; doch sind die Systemimperative bei Habermas in ihrer Wirkung auf Rationalisierungsvorgänge innerhalb der Lebenswelt und damit in ihrer Wirkung aufs Subjekt nicht näher beschrieben. Anders ausgedrückt: die Verbindung von Lebens- und Systemwelt wird nicht analysiert; Habermas arbeitet nicht scharf heraus, was das Subjekt aus jener Verbindung innerlich macht. Die Pointe dabei ist: das Subjekt selbst ist für diese Verbindung verantwortlich, stellt diese Verbindung willentlich oder unwillentlich her, mehr oder weniger bewusst, jeden Tag aufs Neue. Schmerzhaft. Immer wieder zum Leidwesen seiner (inneren wie äußeren) Existenz.

Um das zu ermessen, bedürfte es einer Analyse im Projektionsmodus: Rationalisierungsprozesse sind nicht nur als ein Außen: im intersubjektiven Kontext präsent, und sei es als produzierter Text, der etwas bedeutet, sondern indizieren zunächst und zuallererst analysierbare innere Vorgänge, die, und das bedeutet Projektion, den Weg nach einem Außen suchen und brauchen, und zwar im Kontext von Gefühlsverschiebungen (vgl. Kap. 12.4, 13, 14.6.5.3, 14.6.5.5), die sich jenem Außen: den intersubjektiv sich herausbildenden – will sagen: interaktiven – Strukturen auftragen, um sie immer wieder (neu) zu beleben.

Oder aber jene (äußeren) Strukturen erstarren, wenn sich das Innenleben (von ihnen) isoliert und seinerseits versteinert im Kontext imaginativer Gefangenschaft (Kap. 10.3, 14.6.6.3; WIF-DPB, 138ff, 156ff). Kurzum, ohne eine derart umfassende dreiteilige Analyse (von Innen, Außen und der Verbindung von Innen und Außen) bleibt nur, die asoziale Wirkung systemischer Imperative auf innere Vorgänge wie auf äußere soziale Strukturen zu bejammern wie der Kojote die Mondscheibe bei Nacht. Und genau das, so möchte ich behaupten und untersuchen, macht Habermas. Um es etwas einfacher sagen: Habermas oder vielmehr seine Theorie nimmt die Gefühle des Bürgers und das, worauf sie verweisen, ihren Objektbezug, nicht ernst (Kap.14.4.5, 14.5.3, 14.6.3, 14.6.4.5); er unterschlägt ihren Objektbezug; in einem vergleichbaren Kontext habe ich das von Nietzsches theoretischen Bemühungen behauptet. (WIF-DPB, 18) Davon später mehr.

Was Habermas betrifft, so unterschlägt er den Objektbezug des Gefühls nicht dem Augenschein nach, sondern strukturell, was zunächst nur heißen mag: der Aufbau seiner Theorie ist nicht vollständig; er weist ziemlich offene Leerstellen auf, was in mir den Verdacht aufkommen lässt, dass er den Strukturbegriff, insonderheit den Begriff der strukturellen Gewalt nicht begriffen hat, und ich sehe nicht, dass er ihn in sich schlüssig verwendet. Die Gründe dafür sind strukturell deshalb, weil er den Ausgangspunkt der Ignoranz seiner Theorie den Gefühlen anderer Menschen gegenüber nicht bei sich selbst, in seinem Inneren, sucht und damit in seiner Theorie auch nicht auszumachen vermag, stattdessen aber, um sein Innenleben zu entlasten, den Begriff der psycho-sozialen Störung, und damit die Gefühle selbst, eng mit den Systemimperativen “Markt” und “Geld” verknüpft sieht, wie als mit dem Bösen schlechthin, und damit technisch-ökonomische Kategorien vermoralisiert (WIM-DOS, 62), bzw. die Verantwortung für moralisches Handeln, sein Leben also in die eigene Hände zu nehmen, an abstrakte Begriffe delegiert; um sich von Verantwortung zu entlasten, delegiert er moralische Implikationen an anonyme Instanzen (Markt und Geld); er projiziert krankhaft und krankmachend, um nicht in Verlegenheit zu kommen, sein eigenes Innenleben, das Innenleben überhaupt, einzubeziehen, das heißt auch: in (eigene) Texte und das, was an Moral in ihnen steckt, gleichsam hinein zu horchen, um zu ermessen, wodurch und wie genau kommunikative Strukturen sich herausbilden, ausgehend vom Innen, eben sozialverträglich oder krankmachend.

Sozialverträglich entwickeln sich Strukturen vor allem dann nicht, wenn Vorstellungen (über ein Außen) dem Imaginativen (Innen) nicht entrinnen; mit anderen Worten, das Innen verweist auf sich selbst wie auf ein Außen. Der Objektbezug ist imaginativ, nicht auf reale Objekte gerichtet; in diesem Fall kann sich die Vorstellung nicht an dem brechen, was in der sozialen und ökonomischen Realität der Fall ist. Das macht krank und ist krank. Neoliberale und Keynesianer sind so – es gibt zwischen ihnen keinen Unterschied (WIF-DPB, 82-127); sie sehen vor allem in Krisenzeiten zu hohen Löhne, Renten und Staatsausgaben, vornehmlich jetzt in Griechenland; ob die Griechen mit massiv sinkenden Löhnen und Renten ihr Leben bestreiten können, interessiert sie dabei nicht, was nur heißt, sie lehnen es ab, über die Realität zu sprechen, um ihre Vorstellungen daran zu bemessen; es heißt einfach nur, wer über seine Verhältnisse lebt, muss sparen.

Auch “Die Linke” vertritt in der Öffentlichkeit kein schlüssiges Konzept, wie sie denn das (Zwangs-)Sparen vermeiden bei den Ärmeren vermeiden möchte. Möchten sie auch nicht. Ihre Repräsentanten wollen mitregieren, aus Macht- und/oder Geldgier, mehr nicht. Peinlich, wie auch Linke machtbesessen aufeinander losgehen, geradezu ungebremst, und jede Solidarität vermissen lassen, wie gerade ein unappetitlicher Vorfall in der linken Tageszeitung “Junge Welt” zeigt. Dort wurde gerade eine fristlose Kündigung gegen einen “Junge Welt”-Journalisten ausgesprochen (BAE-HIH), die jetzt, weil die Geschäftsleitung nicht verhandeln möchte, vor dem Arbeitsgericht ausgetragen werden muss. Ich nenne so etwas Machtgier. Solche Vorfälle tragen dazu bei, dass der Begriff “Links” verbrennt und der Bürger mit sogenannten linken Revolutionären eher nichts zu tun haben möchte. Sie sind kein bisschen besser als ihre bürgerlich-politischen Gegner; nur dass sie glauben, dass ihre Machtgier “besser” als die ihrer politischen Gegner, das heißt theoretisch, bzw. im Interesse der Arbeiterklasse gerechtfertigt sei. Dabei sind diese Typen einfach nur unappetitlich. Es geht aber nicht um individuelle Schuldzuweisungen, also dass man die Solidarität mit Bürgern, die sich “links” nennen, verweigert, sondern darum zu erkennen, dass die Amoralität (auch in der “Jungen Welt”) sich strukturell durchsetzt, wie Marx in einem vergleichbaren Zusammenhang im Vorwort zum ersten Band des Kapitals schreibt; in Bezug auf sogenannte bösen Kapitalisten sagt er, dass er jene Gestalten keineswegs in rosigem Licht zeichne. Denn

“es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt (...) den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.” (MAK-W23, 16)

Mit anderen Worten: es geht zuallererst und primär “um Analyse, und die lässt die Frage völlig offen, wer denn nun der bessere Mensch sei.” (WIF-DPB, 23) Das, was auf Kapitalisten zutrifft, nämlich dass sie nur Träger der Kapitalverwertung und ihrer Regeln sind, ihre Amoral also strukturell und nicht persönlich zu begreifen ist, trifft auf alle Bürger zu; auch der normale Bürger ist gehalten, sich im Kontext jener tief verinnerlichten Regeln zu bewegen; diese identifiziert er mit seiner Existenz. Er glaubt, ohne sie nicht überleben zu können und hat, subjektiv gesehen, recht. Das illustriert der Vorfall in der “Jungen Welt” eindrucksvoll; dennoch möchte ich, auch wenn die Amoralität sozialer und ökonomischer Strukturen sozial und ökonomisch gewachsen, mithin verinnerlicht und nicht vom Himmel gefallen ist, nicht unterschlagen, dass jene Amoralität jeden Tag aufs Neue, durch das Innenleben hindurch, erzeugt und damit explizit, durch unser aktives Zutun, von Innen nach Außen exekutiert werden muss. Der Geschäftsführer der “Jungen Welt” kommt nicht umhin, die Kündigung bewusst auszusprechen, bewusst insofern, weil sein Handeln im offenen Widerspruch zu seiner eigenen Theorie steht. Das er das nicht sieht und darüber nicht spricht, ist krank und krankmachend und gegen eine umfassendere Solidarität gerichtet. Dass die sich nicht entwickelt, dafür macht er, wie bei Linken üblich, Verräter und Renegaten verantwortlich. Wir können darauf vertrauen, dass er sich seine ganz persönliche Moral innerlich zurechtbiegt wie er sie gerade braucht, selbstverständlich im Interesse der ArbeiterInnen und völlig unabhängig davon, was andere davon halten. Eine eklatante Leerstelle. Und ich nehme mir die Freiheit, diese Leerstelle innerhalb der linken Theorie auszusprechen, selbst wenn ich in einer vergleichbaren Lage vielleicht ähnlich unmoralisch handeln würde. Die Tatsache, dass ich vermutlich nicht besser bin, rechtfertigt die Amoralität nicht die Spur. Im Gegenteil, wahrscheinlich ist, dass sie den Versuch, alternative Strukturen etablieren zu wollen, belastet und ins Gegenteil verkehrt. Das zeigt auch ein Blick auf die Geschichte, die längerfristigen Ergebnisse und Folgen der russischen Oktoberrevolution: sie war kein Fortschritt, sondern hatte einen Rückfall in feudal-etatistische Strukturen zur Folge, letztendlich um den Kapitalismus in Russland mit noch brutaleren Mitteln durchzusetzen als dies zuvor im 19.Jahrhundert im übrigen Europa geschah.

Es bleibt dabei: das Asoziale beginnt in unserem Innenleben, aus der Bestandsregung des Subjekts heraus, im Sinne von Selbsterhaltung. Diese ist fundamental. Im Zweifel geht’s vornehmlich um die eigene Existenz, auch in der “Jungen Welt”. Auch dort herrscht ein Kampf “Jeder gegen jeden”, nicht weniger ungeschminkt als anderswo. Dagegen erscheint unsere Kultur ziemlich machtlos; sie gehört zum System; sie ist in die herrschenden sozial-ökonomischen Imperative eingebunden; ihre Amoralität ist auch dort, wo sie sich für die Abschaffung von Unterdrückung und für Humanität einsetzt, strukturell befördert durch die geltenden sozial-ökonomischen Strukturen: durch die in ihnen geltenden umfassenden Regeln der Kapitalverwertung auf der Basis zwanghafter Mehrwertproduktion.

Im Rahmen der (verinnerlichten) Regeln der Kapitalverwertung lebt der eine Bürger grundsätzlich auf Kosten des anderen und gleichzeitig wird der ökonomische Spielraum für alle immer enger, ein Prinzip, das sich als Kapitalverwertungsmechanismus durch alle sozialen Strukturen zieht, übrigens auch, wie oben angedeutet, die Praxis der Psycho-Analyse und Psychotherapie massiv in Mitleidenschaft zieht. (BRK-GRZ) Es ist dies ein Prinzip, mit dem höhere Einkommen oder ein besseres Leben immer nur gegen andere möglich ist; mittlerweile ist man schon froh, dass es mit dem eigenen Leben weniger schnell nach unten geht als bei anderen. Das träfe selbst auf sinkende Hartz-IV-Sätze zu. Der Niedriglöhner, der auf Hartz-IV nicht angewiesen sein will, ist aus strukturellen Gründen für sinkende Hartz-IV-Sätze. Geht’s anderen schlechter, steigt die Chance mit niedriger Rente oder niedrigem Lohn zu überleben, ohne beim Hartz-IV-Amt betteln zu müssen. Dadurch wird die Überzeugung in sich schlüssig, dass wir den Griechen nur helfen können, wenn diese ihren Gürtel noch enger schnallen, als wir ihn schnallen müssen aufgrund dessen, dass wir ihnen helfen. Und verkennen dabei, dass Griechenland den Gürtel um einen ungleich höheren Betrag enger schnallen muss, als dieser aus unserer Tasche herausfließt für die Griechen; denn die Hilfe, die wir gewähren, kommt bei den Griechen in Form zusätzlicher Kredite an, um primär Banken und Spekulanten zu bedienen. Hilfe kann es im Kapitalismus aber nur über zusätzliche Kredite geben, die irgendwann steigende Zinsen und Refinanzierungskosten zur Folge haben; letztere schnellen im Falle einer sehr wahrscheinlichen griechischen Staatspleite in die Höhe aufgrund steigender Zinsen, die zwingend auf eine griechische Pleite folgen, völlig unabhängig davon, was die Zentralbank will. Das wird die Refinanzierung auch unserer Schulden in die Höhe treiben, uns am Ende also extrem teuer zu stehen kommen. Und das alles, um die Regeln der Kapitalverwertung nicht anzutasten. Daran sind die Griechen vollkommen schuldlos. Mit noch so viel Fleiß ist nicht zu verhindern, dass alle Hilfe im schwarzen Loch irgendwelcher Finanzkonzerne landet. Selbst die haben nichts davon, wenn der Bankrott kommt; der ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Jeder will nur als letzter das Licht ausmachen dürfen. Doch vermutlich werden die Städte vorher brennen. Griechenland macht uns das vor. Und die Politik, allen voran Merkel, guckt gerade ungerührt zu. Sie fühlt sich im Recht, wie der folgende Satz von Finanzminister Schäuble vermuten lässt; er sagte gerade sinngemäß, dass es gar nicht darum gehe, die Menschen in Griechenland zu quälen, sondern ihnen zu helfen. So etwas nenne ich wahrnehmungsgestört, krank und gemeingefährlich.

So ist das Kapital: zynisch. Es gibt im Kapitalismus zu steigenden Zinsen keine Alternative; sie lassen sich nicht beliebig lang extrem niedrig halten. Genauso wenig gibt es zum Krisenzyklus eine Alternative, der bislang mehr schlecht als recht über steigende Schulden und niedrige Zinsen unter dem Deckel gehalten werden konnte. In der Tat gibt es zu steigenden Schulden keine Alternative, will man das Geld nicht verschenken, was die Mehrwertproduktion sofort zum Stillstand bringen würde; die muss es geben und sei sie auch nur simuliert über Schulden. In dieser Hinsicht braucht der Kapitalismus steigende Schulden, zumal wenn wir den Sozialstaat nicht ganz und gar zerschlagen wollen. Dieser steht schon jetzt ganz massiv zur Disposition, weil die Schulden nicht ad infinitum steigen können. Das wird irgendwann durch steigende Zinsen verhindert. Dieser aporische ökonomische Sachverhalt ist nicht sozialverträglich auflösbar. Es sei denn, wir entschließen uns dazu, den Kapitalismus abzuschaffen.

Auf das Subjekt bezogen heißt das, wir müssen das Kapitalverhältnis auflösen, das letztendlich dafür sorgt, dass Bestandsregungen sich (im Kontext “Jeder gegen jeden”) gegen uns selbst richten. Das belastet die Psyche des einzelnen Subjekts unmittelbar. Die Belastung spürt mittlerweile jeder Bürger, ohne dass er weiß, was das ist: das Kapitalverhältnis, das uns gesellschaftsumfassend regieren kann, weil wir seine Regeln verinnerlicht haben, um sie zugleich mit unserer Existenz zu verknüpfen. Das erzeugt unbeschreibliche Ohnmacht und Hilflosigkeit (WOL-046): Nicht der Politiker regiert uns, sondern das Kapital durch unser Innenleben hindurch. Solange das so bleibt, ist die Psyche ist nicht zivilisierbar, sondern, im Kontext “Jeder gegen jeden” (quer durch alle Gruppen und Familien), zur Amoralität verdammt, auch wenn diese durch unser Innenleben hindurch nicht deshalb exekutiert wird, weil das Innenleben von Natur aus böse ist; dennoch gilt, dass der Kapitalismus ohne uns nicht überleben kann. Wir schaffen es innerlich einfach nicht, den Spagat zu akzeptieren, dass wir als Subjekt nur überleben können, wenn wir auch praktisch und nicht nur als Lippenbekenntnis dafür sorgen, dass alle Menschen innerhalb der Gesellschaft überleben. Im Zweifel hat es ein Einzelner verdient, dass er zugrunde geht, wenn er seinen Arsch nicht hoch kriegt. Eine immer noch völlig normale und viel zu wenig geächtete Denkfigur, tief in unsere Psyche eingebrannt. Merkwürdig, dass man hierzu von Habermas keine öffentlichen Äußerungen hört; sie würden sein Eintreten für mehr EU-Solidarität viel glaubwürdiger machen, eben weil dann sich das Subjekt angesprochen fühlen würde.

Halten wir fest: das Subjekt anzusprechen, muss das Ziel der Herstellung einer unmittelbaren Verbindung zwischen Kapital und Psyche sein. Das ist für das Subjekt durchaus nicht bequem, bedeutet das doch zugleich, dass derjenige, der diese Verbindung sozial und ökonomisch nicht lösen will und sei es auch nur, weil er zum Kapitalismus keine Alternative sieht, amoralisch ist, strukturell gesehen, er mag sich noch so menschenfreundlich geben oder anhören. Das macht die Grünen so zynisch. Sie geben sich demokratisch und menschenfreundlich, z.B. anti-rassistisch, wollen aber zugleich, dass die Griechen sich dem Spardiktat unterwerfen, das ihre Wirtschaft in den Abgrund ziehen muss. Das fördert die Ausländerfeindlichkeit bei uns wie in Griechenland, gegen die die Grünen dann anrennen, um sich damit politisch zu profilieren. Ganz schön frech. Mit solchen Zynismen müssen wir leben, solange das Kapitalverhältnis, die Bindung zwischen Kapital und Psyche, gilt; und es bedeutet auch, dass jene durch das Kapitalverhältnis bedingte Amoralität sich im Innenleben niederschlägt, jeden Tag aufs Neue, bei den Grünen besonders ekelhaft.

Von einer Kritik an einem solchen Zynismus will Habermas nichts wissen, weil er ihn selber zelebriert; in seinen Augen ist der Kapitalismus zivilisierbar. (HAJ-IWO) Zu erkennen, dass er nicht zivilisierbar ist, setzt indes voraus, dass wir von eigenen Anteilen, die das Amoralische ausbrüten, nicht absehen, so wie die Deutschen in der NS-Zeit weggeschaut und (innerlich) gerechtfertigt haben, als die Juden am Ende einer langen Kette zunehmender Diskriminierung und Ächtung schließlich vergast wurden. Um solchen inneren Vorgängen der Rechtfertigung gewahr zu werden, mithin um zu erkennen, dass sie und damit unser Innenleben amoralisch sind, müssen wir Psycho-Analyse betreiben; das kann weh tun: zu erkennen, dass wir mitverantwortlich sind, dass der Kapitalismus nur durch uns hindurch sich am Leben erhalten kann. Habermas lenkt in seinen theoretischen Bemühungen von eigenen Anteilen, mithin vom eigenen Innenleben ab, wenn er die Verantwortung auf die Systemimperative, bzw. die Medien “Markt” und “Geld” projiziert, hypostasierend, indem er sinngemäß sagt: die Kommunikation werde systematisch verzerrt dadurch, dass sie über die Medien “Markt” und “Geld” gesteuert werde und noch hinzufügt: ihre Gewalt werde “im Durchgriff durch die Handlungsorientierung der betroffenen Aktoren entfaltet” und lasse dadurch “die Rationalisierung der Lebenswelt ins Leere laufen.” (Kap. 14.6.6.3; HAJ-TK1, 533)
Es führt nicht weit, wenn man wie Habermas ohne ökonomische Sachkenntnis die Systemimperative “Markt” und “Geld” ins Spiel bringt zur Beschreibung der Systemwelt, um etwas zu benennen, wogegen sich Menschen wehren müssen, wenn’s ihnen schlecht geht. Wieso eigentlich “müssen”? Wissen Menschen vielleicht immer genau, wogegen sie sich wehren müssen, damit es ihnen besser geht? In der NS-Zeit dachten sie, sie müssten sich gegen die Juden wehren. War das vielleicht richtig? Das würde an der verzerrten Kommunikation liegen, würde Habermas sagen: Der systemische Verkehr über die Medien “Geld” und “Markt” mache Konsensbildung über das Medium “Sprache” überflüssig. Dagegen müssten sich die Menschen zureichend wehren, weil sie in ihrer Lebenswelt “auf Verständigung als Mechanismus der Handlungskoordinierung angewiesen” seien. (HAJ-TK2, 488) Hört Habermas eigentlich auch mal in solche Sätze, mithin in sich selbst hinein? Das Problem ist ja gerade, dass die Menschen gewöhnlich nicht das machen, was sie müssen, sondern sich an das halten, was sie verinnerlicht haben. Außerdem setzt der fragliche Satz voraus, dass die Kommunikation über “Geld” und “Markt” die von Habermas postulierten negativen Auswirkungen tatsächlich hat; eine doch recht gewagte Behauptung, nicht beweisbar, und die noch nicht einmal mit den von ihm herausgestellten systemischen Voraussetzungen zusammenpasst, spricht er doch ganz richtig von einer Entkopplung von Lebens- und Systemwelt, die, und genau das arbeitet er nicht konsequent heraus, den Sozius strukturell in die Lage versetzt, zwischen einer Kommunikation in verständigungsorientierter Absicht: Illokution, einerseits und einer Kommunikation über die systemischen Medien “Markt” und “Geld”: Perlokution, andrerseits zu unterscheiden. (Kap. 10)

Anders ausgedrückt: die Kommunikationsprobleme bestehen eben genau nicht darin, dass dem Sozius in seiner Lebenswelt “Geld” zur Verfügung steht, also ein Instrument, mit dem er sein Leben über den Markt bestreitet, sondern dass ihm das Instrument “Geld” systematisch entzogen wird und zwar zwingend aufgrund dessen, dass die Regeln der Kapitalverwertung auf der Basis zwanghafter Mehrwertproduktion gelten. Der Kampf um mehr Lohn oder gegen Rentenkürzungen bringt nichts im Rahmen des Kapitalverhältnisses. Der Kampf gegen den Kapitalisten oder gegen das Kapital bringt nichts, wenn das Kapitalverhältnis nicht aufgelöst ist. Ohne diesen Kontext vermag Habermas den Geldbegriff nicht kritisch zu reflektieren, zumal ihm der ökonomische Sachverstand zusammen mit einer gründlichen Marx-Lektüre fehlen. Das Ergebnis ist ernüchternd; nicht nur dass für ihn der Kapitalismus zivilisierbar ist (HAJ-IWO); um zu überzeugen, kontaminiert er seine Überzeugung mit jeder Menge pathetischer Pseudomoral über EU-Solidarität (HAJ-EIP, HAJ-EKR), wie man es eigentlich nur von reinrassigen Neoliberalen kennt.

Nimmt Habermas Stellung zur Wirtschafts- und Finanzkrise, wird’s denn auch ganz und gar unerträglich. Jenseits jeglichen ökonomischen Realitätssinns spricht er immer noch von der Möglichkeit einer Rettung Griechenlands (HAJ-FEI); unter kapitalistischen Bedingungen, ohne das Wort Kapitalismus zu benutzen. Bloß nichts Falsches sagen. Währenddessen geht der Bürger mit ein wenig mehr Realitätssinn – wiewohl auch ohne ökonomischen Sachverstand, aber eben in Übereinstimmung mit der veröffentlichten Meinung – längst von einer Pleite Griechenlands aus. (Kap. 0 bis Kap. 9; WOL-048) Weil er, anders als Habermas, leidet – zumal ökonomisch –, funktionieren wenigstens seine Instinkte, mit denen er denn auch schon mal durchknallt, während Habermas ruhig und höflich bleibt. Durchknallen ist unter seiner Würde. Er kann es sich leisten. Was bedeutet es eigentlich zu sagen, die rechtsradikalen Morde seien nur die Spitze des Eisbergs? Worauf verweisen sie denn noch? Natürlich, würde auch Habermas sagen: in den gesellschaftlichen Körper hinein, nur eben nicht ins Innenleben von ihm selbst. Wieso eigentlich nicht? Zum Glück weiß sich der Normalbürger noch einigermaßen ruhig zu benehmen. Wer weiß, wie lange noch?
Habermas sieht zu den Regeln der Kapitalverwertung vor allem deshalb keine Alternative, weil er, ohne ökonomischen Sachverstand und ohne gründliche Marx-Lektüre, Zirkulation und Produktion nicht auseinander hält, insonderheit nicht zwischen Gewinn (am Markt), bzw. Mehrwertrealisierung einerseits und Mehrwert(-produktion) andererseits unterscheidet: dass das Geld im Markt oder, wie Marx sich ausdrückt, in der Zirkulationssphäre, die Mehrwertproduktion belastet, wenn es denn den Weg nicht zurückfindet in die Produktion (Verwandlung von Geld in Arbeitskraft, Maschinen, Rohstoffe, etc.), bedeutet nicht, dass der “Mehrwert” in der Produktion und “Geld” in der Zirkulation begrifflich zusammenfallen; Marktpreise und Produktionswerte haben nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun; das heißt, ein empirischer Zusammenhang zwischen Preis und Wert ist mit noch so viel statistisch-mathematischen Aufwand empirisch nicht herstellbar; das musste Marx zu seinem Leidwesen erkennen. Dass er dennoch in seiner Analyse davon ausgeht, dass sich die produzierten Waren zu ihren wirklichen Werten am Markt realisieren, macht ihn m.E. zum größten Denker des 19. Jahrhunderts. Fallen Preis und Wert begrifflich zusammen, bleibt der ökonomischen Analyse nichts übrig, als ökonomische Kategorien zu vermoralisieren, das heißt, dem Markt moralische Eigenschaften zuzuschreiben (Kap. 14.2.5; WIM-DOS, 62), will sagen: “faule” Griechen und “gierige” Spekulanten für die ökonomische Misere verantwortlich zu machen, mithin Marktvorgänge (z.B. zu hohe oder zu niedrige Löhne) verantwortlich zu machen, deren Regulierung an der Misere nichts zu ändern vermag; eben weil Marktvorgänge die Produktion, wie Marx in seiner Akkumulations-Analyse versucht hat zu zeigen, die Produktion weder sozialverträglich noch sozialunverträglich berühren. (Kap. 11.2; MAK-W23, 179, 189, 648f) Das kapiert kein Mensch bis heute; deshalb müssen wir Marx immer noch im Original lesen und nicht, wie Habermas, aus zweiter Hand.

Quellen:

BAE-HIH: Edith Bartelmus-Scholich, “Junge Welt” praktiziert das Herr-im-Haus-Prinzip, Scharf-Links vom 04.02.2012
http://www.scharf-links.de/41.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=21818&tx_ttnews[backPid]=48&cHash=e261ea0d39

BRK-GRZ: Klaus-Jürgen Bruder, Von der Notwendigkeit, die gesellschaftliche Realität (in der Psychoanalyse) zur Kenntnis zu nehmen, Vortrag am 12.11.2011 im C.G.Jung-Institut Berlin Goerzallee 5
http://www.ngfp.de/wp-content/uploads/2011/12/KJB-2011-Gesellschaftliche-Realit%C3%A4t.pdf

EDM-SFR: Mark Edmundson, Sigmund Freud. Das Vermächtnis der letzten Jahre, München 2009

HAJ-EIP: Jürgen Habermas, Ein Pakt für oder gegen Europa, SZ vom 07.04.2011

HAJ-EKR: Jürgen Habermas, Euro-Krise: Rettet die Würde der Demokratie, FAZ vom 04.11.2011
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/euro-krise-rettet-die-wuerde-der-demokratie-11517735.html

HAJ-FEI: “Schluss mit der Feigheit der Politiker”, Interview mit Jürgen Habermas im “Vorwärts” vom 01.02.2012
http://beta.vorwaerts.de/Politik/Europa/23482/schluss_mit_feigheit.html

HAJ-IWO: Jürgen Habermas, Internationale Weltordnung – nach dem Bankrott, Interview mit Jürgen Habermas, Die Zeit vom 06.11.2008; Link: http://www.zeit.de/2008/46/Habermas

HAJ-TK1: Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Franfurt/Main 1995, 1.Auflage 1981

HAJ-TK2: Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Franfurt/Main 1995, 1.Auflage 1981

MAK-W23: Karl Marx, Das Kapital. Der Produktionsprozess des Kapitals, Dietzverlag Berlin 1973, erstmals erschienen 1867

WIF-C26: Franz Witsch, Bürgerbrief C26: Bemerkungen über den Mehrwert, Hamburg 2011
http://www.film-und-politik.de/C26.pdf

WIF-DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Erster Teil: zum Begriff der Teilhabe, Norderstedt 2009;
http://www.amazon.de/gp/reader/383704369X/ref=sib_dp_pt#reader-link

WIF-GKO: Zum WASH-Gesellschaftskonzept, Hamburg 2007
http://www.film-und-politik.de/WASH-ProgrammatischerDiskurs.pdf

WIM-DOS: Manuel Wieczorek, Die Ökonomisierung des Sozialen, Darmstadt 2009
http://www.film-und-politik.de/DieOkonomisierungdesSozialenV2.pdf

WOL-046: Johannes Wiedemann, Bürgerbeteiligung: Deutsche fühlen sich gegenüber EU-Politik ohnmächtig, Welt Online vom 07.02.2012
www.welt.de/politik/deutschland/article13854872/Deutsche-fuehlen-sich-gegenueber-EU-Politik-ohnmaechtig.html

WOL-048: Günther Lachmann, Griechenland: Vor dem Bankrott – Die letzten Tage von Athen, Welt Online vom 08.02.2012
www.welt.de/debatte/kommentare/article13856797/Vor-dem-Bankrott-Die-letzten-Tage-von-Athen.html