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Bemerkungen über den Mehrwert – 20. Teil

von Franz Witsch

1. bis 19. Teil siehe http://www.film-und-politik.de/C26.pdf

14.6.6 Analyse und psychosoziale Störungen

14.6.6.1 Die Summe meiner einzelnen Teile (Weingartner)

Ausgrenzung aus einer Geisteshaltung der Kommunikationsverweigerung heraus macht krank sowohl den, der ausgrenzt als auch den, der ausgegrenzt wird. Freilich vermag im Gut-Böse-Schema “sich die Störung zu normalisieren” (WIF-DPB, 65), so dass Menschen, die ausgrenzen, für gesund gelten können, während sie mit dem Finger auf sozial unangepasstes Verhalten zeigen. Ja, sie erhalten sich gesund dadurch, dass sie ständig mit dem Finger nach oben zeigen und, wenn das nicht reicht, die Einhaltung der Norm einfordern.

So ticken “Geist und Verstehen” (DEW-GuV) und, noch auffälliger, der fünfbändige “Grundkurs Philosophie” (DEW-GKP) und überhaupt unsere sozialen Strukturen. (Kap. 14.6.5.2) Von kranken und krankmachenden sozialen Strukturen war schon an anderer Stelle, in Kap. 14.2 und 14.3, die Rede. Doch bin ich nicht der einzige, der von kranken sozialen Strukturen redet. Das Urteil von einer kranken Gesellschaft ist allenthalben schnell gefällt; fragt sich nur, auf welche Weise: der Basis welchen methodologischen Hintergrunds, das geschieht?

Nunmehr soll es genauer darum gehen, der Verwendung des psychosozialen Krankheitsbegriffs einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Dazu angeregt wurde ich durch zwei beeindruckende Filme: “Kriegerin” und “Die Summe meiner einzelnen Teile”, sowie von einem Freund, der mich auf ein Interview mit dem Sozialwissenschaftler und Philosophen Werner Seppmann aufmerksam gemacht hat. (JER-KDB)

Seppmann zeichnet einen explizit im gesellschaftlichen Kontext verwendeten psychosozialen Krankheitsbegriff, legt den Akzent seiner Analyse aber auf die “böse Tat”. Zwar spricht er von kranken wie krankmachenden gesellschaftlichen Strukturen: von “psycho-sozialen Pathologisierungstendenzen”, einer “schleichenden Pathologisierung sozialer Strukturen”. In seiner Argumentation zeichnet sich indes eine kurzschlüssige Identifizierung des Sozialen mit dem Gesellschaftlichen ab; Seppmann postuliert einerseits eine nachvollziehbar spezifizierbare Verbindung zwischen Gesellschaft und Subjekt, wenn er sagt, wir seien “auf dem Weg in eine Gesellschaft beziehungsunfähiger, beziehungsweise gestörter Menschen”, um andrerseits gegen die gesellschafts-generalisierende Analyse psychosoziale Störungen recht singulär im rechtsradikalen Milieu anzusiedeln, wobei er den Akzent auf die subjektiv indizierbare Störung legt: das Pathologische zeige sich darin, dass rechtsradikal motivierte Gewaltausbrüche zur (Wieder)Herstellung eines Realitätsbezugs zunehmen würden.

Die Menschen würden in rechtsextreme Gedanken- und Phantasiewelten versinken, um “der als bedrohlich erlebten Welt nicht mehr ganz hilflos ausgeliefert” zu sein. Dabei projizieren “die defundierten Subjekte (...) ihre Existenzängste auf vermeintliche Ursachen (in historischer Abfolge die ‘Fremden’ und ‘Juden’, die ‘Ausländer’ und ‘Islamisten’)”. Hier verwendet Seppmann den Projektionsbegriff recht konventionell; er verkennt, dass es ein universaler Begriff zur Herausbildung sozialer Strukturen ist; auf diese ergießen sich menschliche Gefühle: dort, wo Menschen kommunizieren, projizieren sie; dabei entziffern sie ihr Innenleben, um damit zugleich Urteile über andere und ihre Umgebung zu fällen, ein strukturbildender und -tragender Vorgang, der nicht nur im rechtsradikalen Milieu anzutreffen ist. Wir müssen uns vielmehr im Interesse einer gesellschafts-generalisierenden Analyse fragen, wie der sogenannte normale, rechtschaffende, mithin nicht-rechtsradikale Mensch seinen Realitätsbezug herstellt, ohne uns dabei in nichtssagende Indifferenzen zu ergehen. Projiziert der Normalbürger vielleicht weniger, also gesünder mit weniger schlimmen sozialen Auswirkungen? Unsinn.

Ich nehme eher an, dass Seppmann den Projektionsbegriff pseudo-generalisierend ziemlich undifferenziert, das heißt auf eine Weise verwendet, die das Subjektive mit dem gesellschaftlichen Kontext kurzschließt oder identifiziert, ohne, wie ich an anderer Stelle dargelegt habe, den Projektionsbegriff im Kontext von Gefühlsverschiebungen im Objektbezug zu verwenden (Kap. 12.4, 13.1); wobei die Verschiebung eine Form der Übertragung ist, mithin den Projektionsvorgang detaillierter fasst, z.B. wenn der zu Therapierende in der Lage ist, positive Gefühle zu seinem Therapeuten zu entwickeln. In diesem Fall spricht die Freudsche Analyse von einer gelingenden Übertragung, die es gestattet, Gefühle, bzw. das, worauf sie sich beziehen, zu verhandeln, eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Das heißt aber, die Dinge, denen wir in der Therapie begegnen, unter anderem der Therapeut, lösen in uns etwas aus, das der Vergangenheit angehört. Das heißt, wir entziffern unser Innenleben auf der Basis vergangener Erlebnisschichten, um über unsere Umgebung urteilen zu können. Das ist ein recht komplexer Vorgang.

Wir haben es also nicht nur mit einer einfachen Übertragung zu tun, wenn wir Fremde, Juden, Islamisten oder Juden für alle gesellschaftlichen Probleme verantwortlich machen und dabei unsere negativen Gefühle oder Aggressionen auf sie projizieren. Hinzu kommen Erlebnisschichten der Vergangenheit, die uns und nicht nur dem Rechtsradikalen zu schaffen machen; jene Erlebnisschichten werden durch Verschiebungen transportiert, die wir im intersubjektiven Kontext zum Gegenstand der Verhandlung machen müssen (Kap.14.6.3), um soziale Strukturen zu generieren und uns dabei psychisch zu stabilisieren. Wir entziffern unser Innenleben und setzen uns strukturbildend in ein Verhältnis zu unserer sozialen Umwelt. (WIF-DPB, 12f, 17f, 51f, 73, 76ff, 128ff)

Um genau dieses Verhältnis geht es. Doch wie es als krank oder gesund identifizieren? Richtig ist, dass wir den Projektionsbegriff bemühen müssen. Wir analysieren, urteilen und handeln im Projektionsmodus. Zur Vermeidung einer alles versubjektivierenden Betrachtungsweise setzt dieser freilich die Existenz eines Allgemeininteresses (einklagbare Grundrechte für alle, auch den Straftäter) voraus, an dem sich das in eine soziale Struktur eingebundene singuläre Interesse des Subjekts bricht. Das setzt Spannungen frei, die im intersubjektiven Kontext, das heißt strukturbildend, verarbeiten werden können. Genau darüber erzählt uns Seppmanns Analyse nichts. Schon gar nicht ist von einem Allgemeininteresse (unmittelbar einklagbare Grundrechte) die Rede, das alle Menschen der Gesellschaft, auch den Straftäter, einbezieht, oder doch nur sehr nebulös die Rede, vielleicht in der Art: lasset uns alle zusammenhalten und gut zueinander sein, ganz besonders zur Weihnachtszeit. Grundrechte explizit in Anspruch zu nehmen, erzeugt Spannungen, die zu schaffen machen, ganz besonders dann, wenn sie von Straftätern in Anspruch genommen werden. In der Inanspruchnahme ist Kritik an sozialen Strukturen, an bestimmten Ausprägungen der Sozialintegration verschlüsselt.

Das unzufriedene Subjekt vermag sich unter dem Schutz der Inanspruchnahme von Grundrechten (körperliche Unversehrtheit, keine Armut, kein Arbeitszwang) der sozialen Struktur zu entziehen, vielleicht weil es sich kommunikativ nicht zureichend oder nicht auf Augenhöhe einbringen kann. Die Inanspruchnahme von Grundrechten muss freilich von früh an Teil der menschlichen Erziehung sein; sie sorgt dafür, dass das Allgemeininteresse in den gesellschaftlichen Körper eingeschrieben wird, so dass sich das Subjekt in existentiellen Konfliktsituationen, wenn es sich von den sozialen Strukturen überfordert fühlt, von der Gesellschaft nicht im Stich gelassen fühlt, zumal in einer freien Gesellschaft, die (neuen und alternativen) Strukturbildungsprozessen gegenüber offen ist.

Eine wesentliche Ursache für das Kranke in unserer Gesellschaft besteht also vermutlich darin, dass es kein verbindliches Allgemeininteresse gibt, so dass strukturbildende Prozesse (der Vergesellschaftung) im Kontext einer Geisteshaltung kommunikativer Verweigerung und Ausgrenzung zunehmend unterbunden werden. Hinzu kommt, dass Menschen mit Spannungszuständen oder schlechten Gefühlen, die mit der Inanspruchnahme von Grundrechten einhergehen, nicht umgehen können, nicht zuletzt weil sie immer empfindlicher werden und sich ggf. selbst mit psychischen Störungen ausgrenzen, wenn sie sich den Spannungen nicht mehr gewachsen fühlen. Oder dass ihnen die Mittel fehlen oder sie sich moralisch außerstande sehen, Ausgrenzungen, unter denen sie leiden, ihrerseits mit Ausgrenzungen zu beantworten. Es lässt sich also durchaus begründen, dass psychosoziale Störungen durch Ausgrenzungen verursacht oder zumindest ausgelöst werden (Kap. 14.6.4.4), wenn man bedenkt, dass es möglicherweise genetisch bedingte endogene Dispositionen für psychische Störungen gibt.

Doch welchen Sinn macht in diesem Kontext die Verwendung des Begriffs der Verschiebung? In der und durch die Verschiebung hindurch werden aus der Perspektive der Bestandsregung oder des Gefühls Grenzziehungen oder, was auf selbiges hinausläuft, Grenzverletzungen generiert, was Spannungen erzeugt, in denen sich das Subjekt erfährt, in denen es überhaupt erst lebendig wird, wenn man so will: entsteht. (Kap.13) Ein Drahtseilakt, der sich recht schwierig gestalten oder gar scheitern kann. (WIM-DOS, 38-41) Für den Säugling mag es zum Beispiel nicht einfach sein, wenn sich seine Gefühle von der Mutterbrust weg auf Ersatzhandlungen mit dem Schnuller verschieben, um sich in diesem Kontext zugleich überhaupt erst als Subjekt mit gestaltbaren Beziehungen zur Außenwelt zu erfahren. (WIM-DOS, 38f) In diesem Kontext wird deutlich, dass eine Analyse ohne den Begriff der Verschiebung nicht in der Lage ist, “Prozesse der Verobjektivierung”, also Verallgemeinerungen, “aus der Perspektive des Subjekts” (Kap.13.3.1), das heißt aus einer Perspektive zu betrachten, welche das Subjekt (mit seinen Bestandsregungen) in ein Spannungsfeld nicht zuletzt zu einem alles verobjektivierenden Allgemeininteresse bringen. (WIF-DPB, 30f) Beispielsweise sind Spannungen unvermeidlich, wenn die Bestandsregung für Folter gegen einen Kindesentführer plädiert.

Auch das geschieht im Kontext sozialer Felder, in die das Subjekt involviert ist; wobei hier die Eltern eines entführten Kindes, wenn sie für Folter gegen den Entführer plädieren, den gesellschaftlichen Kontext mit ihren Bestandsregungen kurzschließen, als müsse das Gefühl ein Allgemeininteresse repräsentieren, um sich nicht ausgegrenzt zu fühlen. Mit anderen Worten: in Spannungs- und Konfliktsituationen fühlt sich das Subjekt latent von Ausgrenzung bedroht, der es kurzschlüssig, zu entrinnen sucht, Gefühl und Allgemeininteresse in eins setzend oder den gesellschaftlichen Kontext auf (seine) Gefühle reduzierend. (Kap. 14.4.4) Es gibt freilich Stufen sozialer Ausgrenzung, solche, mit denen das Subjekt umgehen kann und ggf. muss, beispielsweise wenn man seinem Wunsch nach Folter an einem Kindesentführer nicht entspricht, und solche, die das Subjekt vollständig überfordern und in die psychosoziale Störung treiben. Ich möchte es mal so ausdrücken: Sozialintegration besteht in der Fähigkeit und Möglichkeit, Grenzziehungen und -situationen zu verhandeln. Es geht also nicht um vollständige Eingrenzung oder die vollständige Vermeidung von Ausgrenzung, zumal angesichts dessen, dass soziale Felder von Grenzziehungen durchsetzt sind, diese sich in unserem Leben also gar nicht vermeiden lassen. Schon das unscheinbare Urteil maßt sich eine Grenzverletzung an.

Übrigens wird dieser Zusammenhang nicht nur bei Seppmann, sondern auch in Detels “Philosophie des Sozialen“ (DEW-GK5) und seinem “Geist und Verstehen” (DEW-GuV) vollständig ausgeblendet. (Kap. 14.6.4, 14.6.5) Es ist dies aber ein Problem des gesamten sozialwissenschaftlichen Diskurses, wie gleich noch deutlicher werden soll.

Man könnte vielleicht weiter fragen, ob es eine Methode gibt, mit Grenzziehungen oder -verletzungen mehr oder weniger sozialverträglich umzugehen? Ich denke ja, wenn wir in unserer Analyse psychosozialer Störungen den Begriff der Verschiebung bemühen. Zur Beantwortung dieser Fragen möchte ich ein weiteres Beispiel hinzuziehen: auch dem Filmemacher Hans Weingartner (“Die fetten Jahre sind vorbei”) geht es in seinem neuen Film “Die Summe meiner einzelnen Teile” um psychosoziale Defekte in einem verallgemeinernden Sinne. Auch er zeichnet ein Spannungsfeld zwischen Subjekt und Gesellschaft (Allgemeininteresse), ohne, so scheint es, im eingangs erwähnten Gut-Böse-Schema einen zu einfachen Projektionsbegriff zu bemühen, legt er den Akzent doch nicht auf die eine oder andere zu bekämpfende böse Tat.

Böse Taten bevölkern das soziale Feld seiner Filmfiguren reichlich: Der Gerichtsvollzieher, der Polizist, der Geschäftsführer, die Psychiaterin – sie alle machen freilich “nur” ihren Job. Zuweilen wollen sie sogar helfen, meinen es aber immer nur gut, mehr oder weniger hilflos, weil ihre Hände, möglicherweise zu ihrem eigenen Leidwesen, gebunden sind. Im Zentrum steht der ganz normale Alltag von Martin (Peter Schneider), einem jungen genialen Mathematiker, der den Belastungen seiner Arbeit und seines privaten Alltags nicht gewachsen ist, wahrscheinlich weil er sensibler als die meisten Menschen ist und deshalb mit massiven psychotischen Störungen reagiert; diese und der Umgang mit ihnen sind dann allerdings nicht mehr alltäglich. Nur langsam findet Martin zurück in die Welt, zumal aus eigener Kraft, nicht wegen seiner Psychiaterin (Eleonore Weisgerber), sondern ihr zum Trotz, vor allem aber mit Hilfe eines zehnjährigen Jungen (Timor Massold): seines “inneren kleinen Kindes”, wie seine Psychiaterin ihm erklärt. Der kleine Junge sei keine Einbildung, entgegnet Martin, sondern real. Diese Frage beantwortet der Film wohl bewusst nicht eindeutig, eher im Sinne von Einbildung, um das Interesse des Zuschauers auf etwas anderes zu lenken: es ist eine andere Welt, die Martin sich schafft, im Inneren wie im Äußerem, die ihn vom Realitätsprinzip (“der Matrix”) des herrschenden Alltags entfremdet. Die Erklärungen seiner Psychiaterin, sie mag ja recht haben, interessieren dabei nicht. Alles nur Gerede, aus dem nichts folgt, weil das Ganze, in das alle Reden, alle Handlungen (der Gerichtsvollzieher, der Vollzugsbeamte) eingelassen sind, das Unwahre ist. (Adorno)

Doch möchte der Held seine neue Welt nicht als Gegenwelt, aber durchaus als andere, lebenswertere Welt begreifen, so als habe diese ihre Negation (zur lebensunwerten Welt) nicht nötig, um zu existieren. Damit gerät der Film in der Tradition von Foucaults “Wahnsinn und Gesellschaft” (FOM-WUG) in das Fahrwasser einer Verromantisierung (Kap. 13.1): gelassen blickt der psychisch gefährdete, nunmehr leidlich stabile Held oben vom Baum herab auf das Gewimmel einer belebten Straße, die für eine Ordnung (“Matrix”) steht, die den Einzelnen zwar fest im Griff hat, die er aber dennoch nicht gering schätzen möchte; eine Betrachtung ohne Wertung. Das sei ihm wichtig gewesen, wie der Filmemacher in einem Interview bemerkt. (WEH-DSU) Dem in sich stimmig konstruierten und sehr anregenden Film haftet denn auch eine Spur von Herablassung an, die davon überzeugt ist, dass Kritik möglich ist, ohne zu werten. Das tut der Film in der Tat: werten auf versöhnliche Weise, die seine mehr als berechtigten (Wert-)Urteile entwerten: Martins Gegenwelt zur herrschenden Rationalität sucht der Filmemacher etwas aufdringlich in der Mythologie des deutschen Waldes, anstatt sie, frei nach Habermas, in der Analyse einzelner (Sprech-)Handlungen zu entwickeln, freilich, anders als Habermas und Weingartner es für nötig halten, unter Einbeziehung des Begriffs der Projektion und Verschiebung. Die indifferente Verwendung des Projektionsbegriffs, in der sich der gesellschaftliche Kontext auf Gefühle reduziert sieht (Kap. 14.4.4), führt dazu, dass Gegenwelten lediglich verromantisiert werden, ferner dazu, dass einzelne Taten einzelner Menschen aus dem Blick (der Analyse) geraten.

Wobei eine zureichende Analyse den Akzent nicht auf die böse Tat lenkt, um sie lediglich zu verurteilen (also noch einmal böse zu nennen), sondern auf jene scheinbar unantastbaren soziale Strukturen, die böse Taten erst generieren; auf den ganz normalen, mithin im Gut-Böse-Schema normalisierten Wahnsinn. Das sind jene Strukturen, die einen Gerichtsvollzieher, einen brutalen Vollzugsbeamten, Psychiater, Investmentbanker brauchen und aushalten; diese Strukturen gilt es in der Tat zu bewerten und zu verurteilen. Und wir dürfen dem Soldaten, der seinen Dienst freiwillig in der Bundeswehr verrichtet, um sich überall auf der Welt einsetzen zu lassen, durchaus sagen, und zwar anders als Bundespräsident Wulff es in seiner Weihnachtsansprache 2011 für nötig hielt, dass und wie er in jene Strukturen involviert ist, und dass er in diesen Strukturen sich gegen das Humane prostituiert. Das möchten Wulff und Weingartner dem Zuschauer vielleicht nicht zumuten. Entsprechend zurückhaltend möchte Weingartner seinen Film verstanden wissen. (WEH-DSU) Fragt sich nur, wozu überhaupt Analyse, wenn wir uns nach lebenswerteren Welten nur sehnen dürfen, weil man sie uns in Gestalt des Mythos’ aufnötigt, auf den sich, und hier schließt sich der Kreis: Gefühle prächtig verschieben lassen unter Verdrängung, Ausgrenzung, resp. Ausdünnung des alltäglichen Nahbereichs (WIF-DPB, 128-146) Mit anderen Worten: krank und krankmachend ist die Ausdünnung und nicht die Tatsache, dass uns andere, sogenannte alternative Welten, z.B. ein Leben im Wald als Naturmensch, fehlen, nach denen wir uns immer nur sehnen können.

Fazit: Erst eine Analyse im Projektionsmodus unter Einbeziehung des Begriffs der Verschiebung (des Gefühls im Objektbezug) vermag das allgemein Krankmachende im einzelnen Subjekt auf rationale Weise freizulegen, mit anderen Worten, die subjektive Krankheit als gesellschaftliche Krankheit zu diagnostizieren, die darin besteht, das Gesellschaftliche auf den Mythos zu reduzieren, bzw. auf jene Gefühle, die sich auf den Mythos auftragen, resp. verschieben lassen. Wir glauben eben auch als Erwachsene noch gerne an Märchen. Freilich darf eine solche Diagnose nicht dazu führen, den Einzelnen als das Gesunde der kranken Gesellschaft gegenüberzustellen, in der Art wie Rosa von Praunheim einmal sagte: nicht der Schwule sei krank, sondern die Situation, in der er lebe.

Er verwechselt da etwas: es gibt durchaus kranke Schwule aufgrund einer ätzenden Diskriminierung ihrer sexuellen Veranlagung. Das zu verkennen, grenzt an unterlassener Hilfeleistung aus einem romantischen Impuls heraus, der glaubt, es gebe “ein richtiges Leben im Falschen”.

Es stellt sich bei der Verwendung des psychosozialen Krankheitsbegriffs also die Frage, ob man die Krankheitsdiagnose nicht schärfer, mithin allgemeiner, bezogen auf alle Bürger der Gesellschaft, formulieren sollte; zunächst schließt die Rede von einer “kranken Gesellschaft” ein, dass pathologische und pathologisierende Gewalt nicht lediglich als ein Problem rechtsradikaler Gewalttäter, mithin einzelner böser Handlungen angesehen werden darf; man würde unterschlagen, dass Gewalt und Gewaltbereitschaft in der Mitte unserer Gesellschaft erzeugt werden; um es unmissverständlich zu sagen: Gewalt und Gewaltbereitschaft werden im sogenannten rechtschaffenden Normalbürger ausgebrütet, also in und durch uns, die wir uns gewöhnlich an Gesetze halten und meist höflich zueinander sind. Wenn wir die Gesellschaft, also das Allgemeine, einbeziehen bei der Verwendung des psychosozialen Krankheitsbegriffs, sollte die Frage also lauten: was haben wir mit dem Gewalttäter gemeinsam?

Diese Frage löst sich bei Weingartner im Mythos auf, nämlich die Frage, was den psychisch kranken Martin mit seinen gesunden Peinigern, z.B. mit seiner Psychiaterin, dem Gerichtsvollzieher, der ihn aus seiner Wohnung vertreibt, oder den Polizisten, die ihn wie einen Schwerverbrecher behandeln, verbindet. Wobei es sich hier nicht einmal um eine wirkliche Verbindung handelt. Weingartner geht es um Toleranz gegenüber Strukturen, die vermutlich nachweislich krank machen; er möchte zwei Welten zusammenführen, die einander ausschließen: er glaubt, anders als Adorno, an ein richtiges Leben im Falschen. So endet sein Film: der Held scheitert, während seine Freundin sein Vermächtnis weiterführen wird. Sollen wir so etwas ernst nehmen? So was gibt’s nur im Märchen.

Es geht um etwas anderes, nämlich um die Frage, was uns mit Menschen verbindet, die uns tagtäglich Gewalt antun oder ausgrenzen im Kontext krankhafter und krankmachender Wahrnehmungs- und Kommunikationsstörungen? (WIF-DPB, 56-82, insb. 65ff) Wobei psychosoziale Störungen, wie gesagt, im Projektionsmodus (ganz wichtig: unter Einbeziehung des Begriffs der Verschiebung) zu analysieren sind. Andernfalls könnten wir über psychosozial kranke Beziehungen gar nicht sinnvoll reden; schon weil eine solche Rede den alles verromantisierenden Mythos in Abgrenzung zu psychosozial kranken und krankmachenden Strukturen nach sich zieht, sprich: die indifferente Projektion des Mythos auf Gesamtgesellschaftliches. Dieses Problem einer Mythologisierung gesellschaftlicher Strukturen – die Unterschlagung des Objektbezugs des Gefühls (WIF-DPB, 17f) – hat, wie wir später noch sehen werden, Nietzsche buchstäblich in den Wahnsinn getrieben. Und mit diesem Problem einer Verunmittelbarisierung des Ganzen war auch die Frankfurter Schule um Adorno konfrontiert: sollen wir Adornos äußerst inspirierende These, wonach das Ganze das Unwahre sei und es ein “richtiges Leben im Falschen” nicht gebe, ernst nehmen, stellt sich die Frage: wie in einem “unwahren Ganzen” das “Richtige vom Falschen” abgrenzen?

Daran ist die Frankfurter Schule gescheitert. Sie stellte richtige Fragen; beantwortete sie aber einfach nicht zufriedenstellend; beispielsweise woran man einen psychosozial “gesunden” Menschen erkennt, wenn “alles krank” sein soll? An der Fähigkeit, sich einer schlau ausgedachten normativen Matrix unterzuordnen, wie Detel in DEW-GuV glaubt (Kap. 14.6.5.2)? So betrachtet ist Martin der Kranke und seine Peiniger sind gesund. Letztlich bleibt als allgemeiner Maßstab nur die schlimme Tat in Abgrenzung zu konventionellen und höflichen Umgangsformen, die das Böse oder normativ Abartige regelmäßig verurteilen. Weingartner reicht das nicht. Nur dass dieser nur unzureichend zwischen Struktur und einzelner Handlung differenziert. Es geht ja in der Tat nicht um die einzelne böse Handlung, sondern grundlegend darum, die Struktur zu verurteilen, mithin nicht darum, der herrschenden Rationalität Irrationalität, z.B. die des deutschen Waldes oder des Naturmenschen, entgegen oder besser: daneben zu stellen; und schließlich kann es auch nicht darum gehen, das Rationale als solches zu diskriminieren; sondern es muss darum gehen, das Irrationale in der herrschenden Rationalität, ihre Illusionen, wie Weingartner richtig sagt, freizulegen, ein Erkenntnisinteresse, das Foucault in seinem Frühwerk “Wahnsinn und Gesellschaft” (FOM-WUG) zumindest andachte, wenn auch nicht zureichend freilegte. Er sollte es bis zum Ende seines allzu frühen Todes nicht mehr schaffen, nämlich eine andere Rationalität, einen Gegenentwurf zur herrschenden Rationalität, zu entwickeln.

Nur in diesem Sinne ist weder die böse oder unangepasste Tat wesentlich, noch dass wir uns an verabredete Konventionen und Normen halten können, um Krankes vom Gesunden zu scheiden, sondern wesentlich ist vielmehr, dass die Menschen unserer Gesellschaft mental immer weniger in der Lage sind (Kap. 14.6.4.4), soziale Strukturen auf eine Weise zu entwickeln, die allen Menschen der Gesellschaft, auch dem Straftäter, zugute kommt. Kurzum, rational ist, alle Menschen der Gesellschaft einzubeziehen, explizit und grundlegend durch unmittelbar einklagbare Grundrechte.

Wesentlich ist also nicht die Beziehungsunfähigkeit, sondern ein strukturelles Problem, nämlich dass in die Beziehungen ein Allgemeininteresse (unmittelbar einklagbare Grundrechte) nicht mehr auf überzeugende Weise eingeschrieben ist, wie es in zurückliegenden Epochen noch mit dem Gottesstandpunkt, wenn auch stets fragil versucht wurde, der Rechte des einzelnen Subjekts an seine Fähigkeit zu glauben band. Weingartner substituiert den Gottesstandpunkt durch den Glauben an den Mythos des deutschen Waldes, den er allerdings mit viel Geschick als Einschreibungssubstitut entfaltet.

Fragil war der Einschreibungsvorgang schon immer, weil über die Einschreibungsmodalitäten, philosophisch gesehen, nie Einigkeit hergestellt werden konnte; heute können wir von einer strukturellen, das heißt: über weite Strecken nicht böswilligen oder vorsätzlich gelebten Einschreibungs-Unfähigkeit sprechen, die weder Seppmann noch Weingartner thematisieren; das ist schwierig, zumal die Einschreibungsunfähigkeit als generelle Beziehungsunfähigkeit kaum ins Auge springt, aber dazu führt, dass im Kontext einer zureichenden Analyse sozialer und ökonomischer Strukturen immer weniger Menschen an der sozialen und ökonomischen Entwicklung in angemessener Form teilhaben können. Letztlich weil der Akzent auf die böse Tat immer wieder dazu verführt, strukturelle Gewalt zu individualisieren (jeder ist seines eigenen Glückes Schmied).

Es kommt erschwerend hinzu, dass, wenn die emotional-mentalen Defizite, die eine strukturelle Analyse behindern, bestehen bleiben oder noch zunehmen, die ökonomische Reproduktionsfähigkeit unserer Gesellschaft irgendwann unumkehrbar zerstört sein könnte; eben weil wir mit unseren emotional-mentalen Defiziten nicht zu den wirklich grundlegenden (kommunikativen) Problemen unserer Gesellschaft vordringen; wir glauben aus einem romantischen Impuls heraus an das “Richtige im Falschen”, vor allem in Bezug auf ökonomische Zusammenhänge: wir lehnen es ab zu begreifen, dass die herrschende Kapitalverwertung (zwanghafte Mehrwertproduktion) irgendwann einmal “ganze Arbeit geleistet” haben könnte.

In diesem Fall könnte es sein, dass wir irgendwann mit offenem Mund feststellen, dass unsere Gesellschaft vielleicht schon heute gar nicht mehr in der Lage ist, all den Reichtum zu produzieren, den die Linken einfach nur anders verteilt sehen möchten. Ihr Geschrei nach Umverteilung (Mindestlohn, Arbeitszeitverkürzung, mehr Steuern für hohe Einkommen und Reiche) verhindert seit 150 Jahren, dass wir uns den strukturellen Fragen ausreichend widmen. (Kap. 6; WIF-DPB, 82-127) Marx war der letzte, der das noch versuchte und wusste, dass unsere wesentlichen analytischen Defizite darin bestehen, in der Analyse den strukturellen Kontext zu verfehlen.

Quellen:


DEW-GKP: Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie (in 5 Bänden), Stuttgart 2007 – 2009 (Reclams Universal-Bibliothek)

DEW-GK5: Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie, Band 5: Philosophie des Sozialen, Stuttgart 2009

DEW-GuV: Wolfgang Detel, Geist und Verstehen, Frankf./Main 2011

FOM-WUG: Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt 1969

JER-KDB: Reinhard Jellen, Kultur der Barbarei. Interview mit Werner Seppmann über die Zunahme von Gewalt und Irrationalismus in der Gesellschaft, Telepolis vom  21.11.2011
Link (1): www.heise.de/tp/artikel/35/35911/1.html
Link (2): www.heise.de/tp/artikel/35/35916/1.html

WEH-DSU: Hans Weingartner, Interview zum Film “Die Summe meiner einzelnen Teile”, Start: 02.02.2012
Link: de-de.facebook.com/summemeinerteile

WIF-C26: Franz Witsch, Bürgerbrief C26: Bemerkungen über den Mehrwert, Hamburg 2011
Link: www.film-und-politik.de/C26.pdf

WIF-DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Erster Teil: zum Begriff der Teilhabe, Norderstedt 2009;
Link: www.amazon.de/gp/reader/383704369X/ref=sib_dp_pt

WIM-DOS: Manuel Wieczorek, Die Ökonomisierung des Sozialen. Masterarbeit zur Abschlussprüfung an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit, Darmstadt 2009
Link: www.film-und-politik.de/DieOkonomisierungdesSozialenV2.pdf