Bemerkungen über den Mehrwert – 19. Teil
von Franz Witsch
Kapitel 14.6.5 Philosophie des Augenscheinlichen
14.6.5.1 Ursprungsfetisch und “Praktik”
14.6.5.2 “Praktik” und Behavioralismus
14.6.5.3 Generik und Projektionsmodus
14.6.5.4 Definieren bis zum Abwinken
14.6.5.5 Terminologische Puzzlespiele
1. bis 18. Teil siehe http://www.film-und-politik.de/C26.pdf
14.6.5 Philosophie des Augenscheinlichen
14.6.5.1 Ursprungsfetisch und “Praktik”
Knapp vierzehn Tage, nachdem Kapitel “14.6.4 Regelwidrigkeiten”, das sich über weite Strecken mit Detels Buch “Geist und Verstehen” (DEW-GuV) beschäftigt, vorab veröffentlicht worden war, stieß ich im Zusammenhang mit der Kritik an DEW-GuV auf den Aufsatz “On the Concept of Basic Social Norms” (DEW-OCN). In diesem Text entwickelt Detel, ausgehend von Max Weber, den Begriff einer “ursprünglichen Normativität”, vermutlich weil er diesen Begriff für geeignet hält, einen Beitrag zur geist-theoretischen Erneuerung der Hermeneutik zu leisten; vielleicht sollte man sagen: in der Art “im Anfang war die Norm”. So wie DEW-GuV diesen Aufsatz verwendet (DEW-GuV, 308, 487f), drängt sich der Eindruck auf, dass mit der Norm der Mensch in Abgrenzung zur Natur (des Tierreichs) zu einem Kulturwesen avanciert sei; mit der Norm wächst der Mensch über das Tier hinaus, nachweislich ab dem neunten Lebensmonat, wie Forschungsexperimente belegen. So interessant es sein mag, über menschliches Verhalten zu forschen und zu reflektieren, so belanglos oder trivial ist es, diesen Forschungen eine grundlegende philosophische Bedeutung aus dem Grund beizulegen, wie Detel es tut: die Ergebnisse jener Forschungen seien geeignet, den Zeitpunkt der Menschwerdung zu bestimmen in dem Sinne, dass der Mensch ab dem neunten Monat die Fähigkeit erlerne, eine Regel zu verstehen, um in der Lage zu sein, sie zu befolgen, und dadurch zum Menschen werde. Philosophisch belanglos. Ja, selbst die Fähigkeit, eine Regel zu verletzen, ob nun bewusst oder unbewusst, ist philosophisch belanglos. Ich möchte es mal so ausdrücken: der Sinn des Lebens ist weder erlernbar noch definierbar, weder durch Regelbefolgung noch durch Regelverletzung noch durch das Normative als solches. Das mag alles verhaltenspsychologisch interessant sein, aber philosophisch gesehen würde man den Sinn des Lebens, wenn nicht das menschliche Leben selbst, je nach Geschmack auf beliebige Definitionen reduzieren. Der Mensch ist nicht das, was er ist. Genauso gut könnten wir sagen: der Mensch habe einen freien Willen; das mache ihn zum Menschen. Philosophisch gesehen ist die Existenz oder Nicht-Existenz eines “freien Willens” unwichtig. Philosophisch bedeutsamer scheint mir zu sein, dass wir wollen, dass es einen “freien” Willen gibt; wir brauchen einen “freien Willen”, um heute in einer Massengesellschaft sozialverträglich miteinander zu verkehren; dazu muss es diesen “freien Willen” freilich nicht tatsächlich geben. Das hieße, die Philosophie an die Augenscheinlichkeit binden. Tatsachenfetischisierend. Analog verhält es sich mit der Regel oder Norm. Normen vollziehen tatsächliches Verhalten nach ebenso wie ihre Verletzung. In diesem Sinne sind Normen allgegenwärtig. Und so sind soziale Strukturen, wie Detel ganz richtig sagt, normativ beschreibbar; in diesem Sinne kommt der Norm in der Tat ein universeller Status zu; dennoch versteht sich der Mensch in seinen sozialen Beziehungen nicht über die Norm, schon weil ein solches Verständnis die Verletzung der Norm einschließt; wenn überhaupt, dann müsste man das Menschsein wohl eher über die Fähigkeit, eine Norm zu verletzen, definieren. Aber selbst die Fähigkeit, eine Norm zu verletzen, ist trivial im philosophischen Sinne. Wo es Normen universell gibt, werden sie ebenso universell (allgegenwärtig) verletzt. So wie das Böse im Allgemeinen das Gute voraussetzt und umgekehrt. Dichotomisierend. Am Ende müsste man vielleicht eingestehen, dass die Dichotomisierung das alles Bestimmende ist, sozusagen der geheime Antrieb aller Entwicklung des Lebens. Man könnte in der Tat sagen: die Existenz von etwas setzt den Begriff der Nicht-Existenz von jenem Etwas voraus. Eine öde Form von Dichotomisierung, in der schon der Naturphilosoph Parmenides keinen Sinn erblickte. Für ihn war allein die Existenz von etwas relevant, während die Nicht-Existenz gar nicht denkbar, bzw. unsinnig war:
Nötig ist zu sagen, dass nur das Seiende ist (...) Denn es ist unmöglich, dass dies zwingend erwiesen wird: es sei Nichtseiendes (...) Aber nur noch eine Weg-Kunde bleibt dann, dass IST ist (...) Weil ungeboren, ist es auch unvergänglich, denn es ist ganz in seinem Bau und unerschütterlich sowie ohne Ziel (...) Denn was für einen Ursprung willst du für dieses ausfindig machen? Wie woher sein Heranwachsen? Auch nicht sein Heranwachsen aus dem Nichtseienden werde ich dir gestatten auszusprechen und zu denken. Denn unaussprechbar und undenkbar ist, dass Nicht-IST ist. Welche Verpflichtung hätte es denn auch antreiben sollen, später oder früher mit dem Nichts beginnend zu entstehen? So muss es also ganz und gar sein oder überhaupt nicht. (VOK-GPH.I, S.201f)
Und daher dachte der Vorsokratiker Parmenides, dass es die Welt schon immer gegeben haben muss, während die Philosophie nach ihm, vor allem die Klassiker Platon und Aristoteles, ein Schaffensprinzip in einer formgebenden Idee, bzw. in formgebenden Ideen postulierten – im Rahmen eines unbewegbaren Bewegers, auf dem sich Bewegungen abzeichnen, die dann sein können oder auch nicht. Die dichotomisierenden Prädikationen des Formgebenden dachten sie auf der Basis von etwas ganz handfest Realem. In und auf diesem bilden sich Formen ab. Zudem war für Aristoteles das Formgebende in der gleichsam unverwüstlichen Substanz des zu Formenden enthalten. Es blieb also dabei: die Griechen glaubten an die unverbrüchliche Einheit von Mensch und Natur, das heißt letztendlich an den unbewegten, aber alles, auch die Natur, bewegenden Beweger, der seinerseits zu formende: mit Eigenschaften zu versehende Substanz voraussetzt; auch der Mensch ist von dieser alles bewegenden Natur geprägt, von ihrer bewegenden Kraft abhängig; sich an der Natur zu orientieren, war für die Griechen wichtig zur praktischen Bewältigung des Lebens, auch in einem ganz persönlichen Sinne.
Was für die Griechen die Natur ist, ist für mich in gewisser Weise die soziale Praxis, von der wir geprägt sind, aber nur in dem Sinne, dass sich unsere Idealitäten (Vorstellungen, wie etwas sein soll), und damit die Geltung von Normen, immer wieder an der sozialen Realität brechen. Normen sagen uns, wie etwas sein soll, das die Tatsachenfetischisten freilich aus dem ableiten, was ist, auch wenn sie der Meinung sind, dass sich die soziale Welt ändert; aber sie leiten die Änderung aus dem Ist (als solchem) ab, und nicht aus der Entwicklung eines Ists, bzw. für sie ist im Ist selbst die Entwicklung des Ists erkennbar, bzw. das Soll ist im Ist rational vorwegnehmbar, so wie das ewige Heil aus dem irdischen Leben vorwegnehmbar ist, vorausgesetzt das Leben unterwirft sich einer bestimmten und bestimmbaren Logik: dem Guten und Richtigen. Am Ende herrscht die Verheißung des ewigen Friedens; mit ihm verschwinden alle Dichotomisierungen, die auf die Verheißung zeigen. Auf dieser Weise müssen sie nicht leugnen, dass sich die dem Ist innewohnenden Regeln ändern; aber dieser Änderung (von Regeln) würden, sofern es sich um menschengemachte, also soziale Regeln handelt, basale Rationalitätsstandards (basale Regeln) innewohnen; sie sorgen dafür, dass sich neue soziale Formationen gesellschaftsumfassend stabil, in gewisser Weise ordnungsgemäß, herausbilden können. Die Tatsachenfetischisten glauben also streng genommen nicht (mehr) an die Tatsachen, sondern an die Ordnung, die in die Tatsache eingelassen ist. Auch eine Form von Zukunftsverheißung: Ordnung herrscht in der sozialen Welt vor, wenn die überwiegende Mehrheit einer Gesellschaft das (regelgeleitete) Neue versteht, um es dann regelkonform gestalten zu können. Andernfalls würden sich soziale Formationen oder Entitäten nicht stabilisieren und ewiger Friede nicht einkehren. Ein Zirkelschluss: die Norm führt zur Stabilität und die Stabilität setzt die Norm voraus. Dem Zirkel entrinnt man, indem man, was Detel nicht tut, den Akzent auf den mit der Regelverletzung einhergehenden Konflikt legt, der negative Gefühl erzeugt, die es dann aktiv zu bewältigen gilt, ohne die Aussicht, dass damit einhergehende (innere und äußere) Spannungen jemals zur Ruhe kommen. Das würde die Entwicklung der Fähigkeit voraussetzen, negative Gefühle, also das Spannungsgeladene, nicht abzuspalten oder zu verdrängen, sondern bewusst als Ressourcen menschlicher Verständigung und Verstehens aufzufassen. (Kap.14.6.3) Das würde auch die reale Einheit von Theorie und Praxis oder von Verstehen und Verständigung (Kap.14.6.4.6) begründen.
Ich sprach über die Regelproblematik ausführlicher schon im Zusammenhang mit meiner Kritik an Detels Foucault-Interpretation. (Kap.13.3, 14.4.1) Die kritische Einbeziehung des Aufsatzes DEW-OCN soll deutlich machen, dass einem Text nicht von vornherein ein feststehender Sinn zugesprochen werden kann; dieser ergibt sich erst, anders als Detel einräumt, aus der Interpretation eines Textes, freilich nicht feststehend, da die Interpretation wiederum zum Gegenstand der Interpretation werden kann. Wird sie das nicht, ist sie belanglos. Dem Text selbst (oder eines Begriffes) wohnt also keine normativ festgefügte semantische Struktur inne, es sei denn, wie ich meine, im Sinne einer wirklichkeitsfremden Annahme, weil tradierte Wege oder Methoden einer Interpretation (einer beliebigen menschlichen Entäußerung) im Nachhinein immer appliziert werden können, was freilich nicht heißt, dass jene tradierten Wege oder Methoden schon immer nur darauf gewartet haben, von jemandem entdeckt zu werden. Sozusagen als ewige Wahrheit. Problematisch ist nicht, dass wir glauben, dass das im Nachhinein Entdeckte schon immer da gewesen sei, also universell sei, sondern dass wir darauf bestehen, dass es immer schon da gewesen, also universell sein muss. Dass wir also von unserer Vorstellung auf das schließen, was ist; das begründet den Tatsachenfetisch. Nicht die Tatsache als solche ist problematisch; bzw. es ist nicht problematisch (sondern trivial), dass wir von der realen Existenz des normativ Tatsächlichen inspiriert sind und sie deshalb zum Ausgangspunkt der Interpretation machen; als soziale Praxis aufgefasst, bricht sich die Interpretation ohnehin an der sozialen Praxis und damit auch die der Interpretation innewohnenden Normierungen, also nicht nur der Text, sondern auch die Interpretation des Textes, ja selbst die (normativ beschreibbaren) Methoden der Interpretation. Man denkt gewöhnlich über Normen nach, stellt sie in Frage, aber erst nachdem man mit ihrer Verletzung praktisch konfrontiert worden ist. Nie vorher. Detel möchte einfach, dass sie (vorauseilend) gelten in dem Sinne, dass es ursprüngliche Normativität gibt, die das Normative und auch den Wandel des Normativen begründet. Letztendlich geht es aber um Interpretationsriten, für die es Bildungseliten geben muss, die sich für jene Riten federführend verantwortlich fühlen, für die es Repräsentanten geben muss, damit in unseren gesellschaftlichen Institutionen der “richtige” Geist einkehrt. Diesen möchte Detel ritualisiert, bzw. kognitiv im menschlichen Geist-Verstehen implementiert sehen; etwa im Interesse geistiger Hygiene? Das alles auf der Basis von nachträglicher Applikation.
Nur dass wir, im Volksmund gesprochen, im Nachhinein immer schlauer sind. Genau dies, das Prinzip “Im nachhinein”, ist trivial. Eben weil das Denken und Handeln grundsätzlich im Nachhinein normativ beschreibbar ist. Man vollzieht etwas nach, was war, ohne sagen zu können, wohin das führen soll, es sei denn, man setzt definitiv etwas fest: unmittelbar einklagbare Grundrechte. Wie das verstanden werden kann, ist in (WIF-DPB, 22-38) erläutert. Bevor man freilich an ein alles beherrschendes Grundrechtsprinzip denkt, postuliert man lieber umso nachdrücklicher einen (geist-normativen) Ursprung (der Menschwerdung), der stattdessen alles richten wird, von dem wir angeblich beherrscht sind, bzw. wir uns beherrschen lassen sollten, an dem sich alles (Menschliche) bemessen soll, von der Vergangenheit bis zur Zukunft; dieses regulative Maß wittert man in und aus der Beschreibung des Tatsächlichen heraus, weil dies von ursprünglicher Normativität nachweislich kontaminiert sei. Natürlich, wie sollte es auch anders sein? Wozu aber dieser Ursprungsfetisch? Dieser Glaube an den Ursprung, dessen ideologische Funktion schon Peter Bürger kritisierte. (BUP-UPM; Kap. 14.6.4.6)
Es ist ferner, philosophisch gesehen, nicht weniger trivial, dass “Verstehen” mentale Fähigkeiten (z.B. das Parsen, DEW-GuV, Anm.45) voraussetzt, Regeln zu verstehen, um sie zu befolgen und im Interpretations- und Verstehenskontext zu tradieren; diese Fähigkeiten dekliniert Detel in seinem Werk “Geist und Verstehen” hoch und runter, ohne zu sagen, was daraus folgt, also ohne dass soziale Praxis – der Konflikt, das verhandelbare negative Gefühl – real ins Spiel kommt. (Kap.14.6.4.6) Damit uns Konflikte nicht besinnungslos einholen oder um die Ohren fliegen, müssen wir sie kontrolliert an die Existenz von Grundrechten binden, die, und das erzeugt den Konflikt vorauseilend, auch für den Straftäter, mithin für alle Menschen gelten, auch wenn die soziale Praxis immer wieder eines Besseren belehrt. In dieser plädieren wir auch schon mal für Folter an einen Kindesentführer. Mit der absoluten Gelten von Grundrechten enttrivialisieren wir also das menschliche Leben in einem quasi-universellen Sinne. Es definiert sich universell nicht durch Fähigkeiten oder die Beantwortung der Frage: woher kommen unsere Fähigkeiten? Das wäre trivial. So wie es ganz analog trivial ist, wenn wir uns vergewissern, dass ein Klavierspieler zwei Hände benötigt, am besten zehn gesunde Finger, um ein guter Klavierspieler zu sein, und dann noch hinzu fügen, dass diese natürlichen Voraussetzungen einen guten Klavierspieler nicht garantieren würden. Richtig, denn es muss noch etwas hinzukommen: soziale Praxis; diese ist ganz und gar nicht trivial: nämlich wenn Menschen aufeinandertreffen und gehalten sind, Gedanken auszutauschen: zu internalisieren und externalisieren im Bemühen, sich zu verstehen und zu verständigen in immer wieder neuen Anläufen (was? Du willst foltern? – abgelehnt, auch wenn’s noch so schwer fällt!), weil nichts ist, wie es ist, und wir vielleicht auch immer wieder mit den gleichen Problemen konfrontiert sein werden; beispielsweise mit dem Folterbedürfnis, das aus der Bestandsregung (meinem Kind soll es besser gehen als dem Entführer) verstehbar ist.
Verstehen heißt, abstrakt formuliert, etwas zu einem Bild zu verdichten (empfinden): zu internalisieren, was zuvor externalisiert worden ist. (WIF-DPB, 51ff) Dies unterschlägt der Poststrukturalismus, nämlich das Denken und Handeln im Projektionsmodus; hier ist er kritisierbar; doch hier kritisiert Detel den Poststrukturalismus nicht; weil er den Projektionsmodus in seiner Hermeneutik auch unterschlägt. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig als in wildgewordener Polemik auf den Poststrukturalismus, z.B. auf Derrida, einzuschlagen, auf seinen Irrationalismus und Relativismus, demzufolge dem Zeichen eine feststehende Bedeutung nicht zukommt. Recht hat er: “Das Zeichen will nichts mehr bedeuten”. (Kap.14.4) Das heißt aber nicht, dass wir dem Zeichen eine Bedeutung nicht zusprechen dürfen. Wir tun es jeden Tag: wirklichkeitsfremd, das heißt, die Tatsache idealisierend und fetischisierend, aber in der Gewissheit, dass sich das Ideal an der sozialen Praxis bricht, weil wir uns dieser, der tätigen Auseinandersetzung, nicht entziehen können, selbst wenn wir es wollten, weil wir schnell dazu neigen, negative Gefühle zu verdrängen. Vergeblich, die soziale Praxis holt uns ein und sei es sozial-un-verträglich. Um das zu vermeiden, müssen wir der sozialen Praxis explizit zugeneigt bleiben, das heißt, die Auseinandersetzung wollen, auch wenn’s zuweilen weh tut oder unangenehm ist, anstatt sie ängstlich zu vermeiden und damit zugleich (negative) Gefühle abzuspalten mit sozialunverträglichen Folgen. Grundlegend ist und bleibt indes der Projektionsmodus; will sagen: die soziale Praxis und mit und in ihr soziale Fähigkeiten leben sich aus im Wechsel von Internalisierung (Verdichtung [zu einem Bild]) und Externalisierung (Analyse [Zerlegung]); in diesem Sinne verwendet Detel den Praxisbegriff nicht gern, bzw. er fasst den Praxisbegriff, wie wir später (Kap.14.6.5.1) genauer sehen werden, als “Praktik” im Sinne regelgeleiteten Verhaltens; eine Praktik, so Detel, existiere
“nur dann, wenn es [das Verhalten] korrigierbar (...) ist”, und das setze voraus, “dass es eine Regel (...) oder eine Regularität gibt, denen das Verhalten (...) genügt.” (DEW-GuV, 307)
Damit beschreibt Detel das Augenscheinliche, das, wie sollte es nicht, normativ beschreibbar ist; was aber schwerer wiegt, ist, dass er die soziale Praxis mit dem Augenscheinlichen entproblematisiert, eben weil sie sich normativ beschreiben lässt und Normen sich unproblematisch befolgen lassen, wenn sie “vernünftigen” Rationalitätskriterien genügen, die Menschen einsehen können, weil sie vernünftig sind. Und das sind sie, wenn sie vernünftig erzogen worden sind. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Auf diese Weise geht Detel dem Unwägbaren eines Konflikts und seiner Bewältigung, mithin der sozialen Praxis aus dem Weg. Er weigert sich, in Erwägung zu ziehen, dass Menschlichkeit nicht konfliktfrei im Kontext guter Gefühle oder wunderschöner Stimmungslagen entsteht, sondern Menschlichkeit zeigt sich erst im Streit: wenn Menschen Konflikte bewältigen müssen, wo sie aufeinander treffen, im Bemühen, sich zu verstehen und zu verständigen. Dies geschieht unter Spannungen, die als negative Gefühle gar nicht über explizite Sanktionen zur Stabilisierung regelgeleiteten Verhaltens in die Welt kommen müssen, worauf Detel den Akzent freilich legt (zuweilen müssen Menschen wohl fühlen, wenn sie aus Vernunftgründen nicht hören wollen), sondern über fragile Stimmungslagen, die gar nicht mit Absicht (über explizite Sanktionen), aber dennoch immer wieder zusammenbrechen, wenn Konflikte einziehen und bewältigt werden müssen.
Den Aspekt eines Lernens im Kontext fragiler Stimmungslagen (Feelings) bringt Detel in DEW-OCN zutreffend ins Spiel: schon ein Säugling ab dem neunten Lebensmonat entwickelt Regelkompetenz, wenn er außer- oder vorsprachlich mit Vati oder Mutti über Zeichen kommuniziert und dabei zu verstehen gibt, dass er Absichten und Handlungen fremder Menschen in Bezug auf die regelgeleitete Manipulation eines Gegenstandes, der zwischen Kind und einem Erwachsenen angesiedelt ist, zu verstehen in der Lage ist. Das sei, so Detel – den Ursprung nun aber fetischisierend (BUP-UPM; Kap.14.6.4.6) –, ein sicheres Zeichen für das erstmalige Auftreten eines (Selbst)Bewusstseins, über das selbst ein erwachsener Schimpanse nicht verfüge; hier erhebt sich das Bewusstsein zum ersten mal über die Natur (der Tierwelt); hier mache sich beim Neunmonats-Säugling zum ersten mal so etwas wie Regelkompetenz bemerkbar, eine Form von Normativität, die Detel “ursprünglich” nennt; doch nicht etwa, weil sie das Soziale im Kern (ursprünglich) hervorbringe? Nun, zumindest aber befärbt. Und zwar noch bevor das Kleinkind in der Lage ist, sich explizit-sprachlich über eine Regel zu verständigen, um sie dann auch praktisch anwenden zu können, also in der Lage ist, bewusst in einer sozialen Gruppe zu agieren, mithin zu verstehen, was es bedeutet, innerhalb einer Gruppe normativ-sozial beschreibbare Absichten zu entwickeln, aber auch explizit-sozial zu handeln (Absichten ausführen).
Wesentlich ist, dass Regelkompetenz Voraussetzung für Gruppenkompetenz ist; der Unterschied zwischen beiden Kompetenzen besteht, so interpretiere ich Detel hoffentlich zutreffend, darin, dass Regelkompetenz sich ab einem Alter von neun Monaten nicht über explizite Sanktionen (“A-sanctions”) herausbildet, mit denen Emotionen, positive wie negative Gefühle, bewusst und vorhersehbar erzeugt werden, um Denken, Absichten und Handlungen, wie ich meine: im behavioristischen Geiste zu manipulieren (Kap.14.6.5.2), sondern Regelkompetenz bildet sich ab dem neunten Lebensmonat eher spielerisch aus, über Spiele, die mit Stimmungslagen, die sich zwischen Säugling und Erwachsenen ausbilden, einhergehen, in denen natürlich positive wie negative Gefühle erzeugt werden, freilich auch in dem Sinne (und hier dünnt die Reflexion bei Detel merklich aus), dass negative Gefühle bewältigt werden müssen, dann nämlich, wenn das Spiel zum Leidwesen des Säuglings unterbrochen wird, also Erwartungshaltungen nicht erfüllt werden, worauf der Säugling gewöhnlich mit Zeichen des Unmuts reagiert, für Erwachsene zuweilen nervenaufreibend. Das wird von Detel konflikttheoretisch nicht zureichend reflektiert, vor allem weil er den Projektionsmodus unterschlägt; er macht die Sache nicht dadurch besser, dass er weiche Sanktionen (“F-sanctions”) ins Spiel bringt, aus schwankenden Stimmungslagen (Feeling) heraus gebildet, die ein Verhalten (im Spiel) stabilisieren müssen, denen daher ein normativer Status zukomme in diesem frühen Stadium der Menschwerdung. Vor allem ist bei Detel in diesem Kontext von einer lebenspraktischen Konfrontation des Säuglings mit der ihm äußeren Welt zur Ausbildung seiner Innen-Außen-Grenze nicht die Rede, die natürlich ein Denken und Handeln im Projektionsmodus anzeigt. Stattdessen legt Detel den Akzent auf Ursprünglichkeit und gerät dabei unversehens ins Fahrwasser einer ziemlich abgeschmackten Metaphysik, die er möglichst in sich stimmig zu befestigen sucht. Im Tatsachenfetisch. Diesen sucht er durch Logik (Rationalitätsstandards) zu verbergen. Alles tatsächliche Verhalten basiert grundlegend auf Logik, auch moralisch verwerfliches Verhalten. Doch was bringen solche Beschreibungen? Detel illustriert, wie Logik und Norm als Quelle des Bewusstseins im Kern das soziale Geschehen, wie es ist, erklärt; vielleicht gar hervorbringt durch etwas, was als (ursprüngliche) Norm (beim sozial jungfräulichen Säugling) sich freilegen lässt, eine Norm, die von sozialen Kompetenzen noch nicht kontaminiert ist und deshalb die Grenzen zwischen dem Normativen und Sozialen unkenntlich machen würden. Frei gelegt wird jene Grenze durch die Freilegung einer ursprünglichen Normativität, die den Menschen Zeit seines Lebens als etwas Unzerstörbares und das Soziale befärbendes begleitet; nicht die Norm als solche, schon gar nicht eine bestimmte, aber doch Normativität. Die Assoziation “hervorbringen” drängt sich dabei förmlich auf, ohne dass sie ausgesprochen werden muss. Vordergründig mag es darum gehen, man ist ja bescheiden, wie es um den internen explanatorischen Aufbau des Sozialen bestellt ist; in welche Richtung verlaufen Erklärungen im Hinblick auf Entstehung und Aufbau des Sozialen? Vermutlich vom normierten und normierenden Bewusstsein, der (ursprünglichen) Normativität, in Richtung soziale Praxis (in sozialen Gruppen und politischen Institutionen) und nicht von der sozialen Praxis in Richtung (ursprünglich normierendes) Bewusstsein. Letztendlich ist die Frage aber eine Frage der Definition: wie will man es haben? So oder anders herum? Der Fortschritt zu früheren Idealismen (Bewusstsein bestimmt das Sein) besteht vielleicht darin, dass im Anfang (des Sozialen oder des Bewusstseins oder der Vernunft) nicht mehr das Wort ist (Johannes-Evangelium) im Sinne eines Logos, sondern die Norm, die in das Wort, resp. in Zeichen- Wort- und Satzketten zur Erfassung und Interpretation der Welt (des Bewusstseins) eingelassen ist, und die dadurch gewissermaßen zur ursprünglichen Normativität im Sinne eines Ursprungs allen Sozialen avanciert; im Anfang ist die Normativität als Quelle des Bewusstseins; dieses begründet im Kern das Normative (Handeln, Verhalten) im Sozialen, noch bevor das Soziale so recht in die Welt (eines Menschen) eintritt. Und dennoch sei (ursprüngliche) Normativität, so Detel, keineswegs etwas Natürliches: der Natur keineswegs nachempfunden, keine der Natur entlehnte Entität:
“Social norms do not belong to the realm of nature because they rely on consciousness as the source of genuine normativity, and consciousness cannot be naturalized.” (DEW-OCN, 481)
14.6.5.2 “Praktik” und Behavioralismus
Das (Selbst)Bewusstsein ist also, so Detel ganz richtig, nicht naturalisierbar. Das trifft auch auf das Soziale zu. Ursprüngliche Normativität (“genuine normativity”) mache zusammen mit dem Bewusstsein im Kern das Soziale aus, um hernach das Soziale immerzu weiter nicht nur F-sanktioniert, sondern darüber hinaus affektiv-bewusst: A-sanktioniert, zu steuern, mithin bewusst Rationalität im Bewusstsein wie im Sozialen zu erzeugen. Deshalb sei nicht nur das Bewusstsein, sondern auch das Soziale (Handeln in Gruppen und Institutionen) nicht naturalisierbar: letztendlich aus naturalistischen Kategorien heraus nicht erklärbar; letztere bringen weder das Soziale noch den verstehenden und Mitempfindung erzeugenden Geist hervor, auch wenn das Soziale oder der Geist ohne die Natur nicht existieren können; unbenommen davon ist das Bewusstsein oder der Geist in seinen Entäußerungen regelgeleitet oder normativ (rational) bestimmbar oder bestimmt, um aber, wie das obige Zitat andeutet, zugleich Quelle von genuiner Normativität zu sein. So in etwa interpretiere ich Detels Aufsatz DEW-OCN im Kontext mit DEW-GuV. Es ergeben sich freilich Ungereimtheiten, die der Ursprungsbegriff mit sich bringt: Ursprung von was denn genau? Anders gefragt: Wie steht es um das Verhältnis von Bewusstsein und Normativität? Was war zuerst da? Bewusstsein oder Normativität? Henne oder Ei? Bringt das eine das andere hervor? Oder existiert vielleicht beides zeitgleich und funktionaler Koexistenz? Wobei man dann wiederum nach dem Ursprünglichen dieser Koexistenz fragen könnte, wenn man sie denn tatsächlich existieren sollte und beides nicht in einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis verstehbar wäre. Alles nur dumm gefragt? Ich würde sagen: nein! Wenn man schon den Ursprungsbegriff benutzt, dann bitte konsequent und nicht mit dem Reflektieren aufhören, vielleicht aus Erschöpfung, oder weil man keine Lust mehr hat. Das alles ist mitnichten so klar wie die Sprache von DEW-OCN und DEW-GuV vermuten lässt, die ungemein taktisch und strategisch herausgeputzt ist, wie um keine Blößen unnötiger Ungereimtheiten zu produzieren. Vergeblich. Sprache produziert Ungereimtheiten. Heute sichtbarer denn je. Das Zeichen will nichts mehr bedeuten. (Kap.14.4) Ich frage also dennoch. Was war zuerst da? Kann es z.B. sein, dass die genuine Normativität das Bewusstsein, wenn man so will: das Innenleben, hervorbringt? Oder Umgekehrt: das Bewusstsein die Norm? Oder wie sonst soll man das Verhältnis verstehen? So wie Detel die Fragen angeht, ohne sie explizit zu beantworten, würde letztendlich alles zur Glaubensfrage gerinnen, ein Problem, das er etwas unbekümmert unbehandelt zurücklässt, im Grunde verdrängt.
Nun, die Einbeziehung des Projektionsmodus, also realer Praxis, würde die Ursprungsfrage obsolet machen, mithin den Regress vermeiden. Den Projektionsmodus unterschlägt Detel freilich; mit ihm geriete sein schönes Tatsachen- bzw. Begriffsgebäude ins Wanken, der “krude” (Detel) explanatorische Aufbau von A nach B oder B nach A. Krude deshalb, weil Detel nicht sagt, was er will. Er gewahrt nicht, dass aus dem Ursprung nichts folgt, vor allem nicht das, was er will. Als stünde schon in den Tatsachen oder dem Tatsächlichen geschrieben, was werden soll. Fest steht: das Bewusstsein, bzw. die propositional gehaltvollen Entäußerungen des Bewusstseins (des Innenlebens) sind normativ (als ein Außen) beschreibbar, sogar im universellen Sinne, was so unstrittig wie banal ist. Das schließt nur ein, dass die Entäußerungen des semantischen Gehalts des Bewusstseins sich rational anordnen lassen, darstellbar in “semantischen Netzwerken”, wie Detel sich ausdrückt, desweiteren identifizier- und verstehbar unabhängig von ihren Wahrheitswerten, eine Unabhängigkeit, die freilich die Wiederauferstehung des Universalen zur Diskriminierung des Innenlebens (als das Irrationale, wenn Gefahr ist im Verzug) einschließt, nämlich tieferliegende Wahrheitswerte (Rationalitätsstandards, Prinzip der Nachsicht), die letztendlich die gleichsam ursprüngliche Voraussetzung darstellen, dass sich Verstehen und soziales Handeln als rational darstellen lassen, freilich letztendlich nur zur letztendlichen Domestizierung des Innenlebens, das nur verstehbar und sozialverträgliche soziale Entitäten hervorzubringen vermag, wenn die Entäußerungen der Gesellschaftsteilnehmern sich denn letzten Wahrheiten, sogenannten Rationalitätsstandards zu unterwerfen vermögen, ein normatives Ansinnen, das übrigens Foucault in “Wahnsinn und Gesellschaft” schon intuitiv erfasste und hellsichtig kritisierte (FOM-WUG). Leider sollte er sich bald in seinen Werken zunehmend verzetteln. Vielschreiberei muss zur Orientierung nicht unbedingt etwas beitragen. Nun, und Detel führt, hinter dem frühen Foucault zurückfallend, gewichtige Gründe an, die das Irrationale, Unlogische, bzw. das Fremde zwar einbeziehen, aber nur um die Logik, sozusagen wie “Fackeln im Sturm”, in einem umso höheren Glanz neben dem Irrationalen erscheinen zu lassen; : Es gelte, so Detel,
“dass das Irrationale und Unlogische nur auf der Basis weitgehender logischer Konsistenz aufgespürt werden kann. Eine angemessene Interpretation setzt also nicht nur weitgehende Übereinstimmung in den Wahrheitsunterstellungen voraus, sondern auch eine Optimierung der gemeinsamen Rationalitätsunterstellungen. Gelingendes Verstehen ist nur auf dem Boden des Prinzips der Nachsicht möglich, wie bereits von der klassischen Hermeneutik betont wurde. Dies gilt, wie wir gesehen haben, auch für die Empathie, also für das simulative Nachempfinden, sowie für das Verstehen von Wünschen und Absichten.” (DEW-GuV, 490)
Um das Fremde zu verstehen, bedarf es einer reziproken Rationalitätszuschreibung, etwas, was ich mit dem Fremden gemein habe. Fragt sich nur, wer am Ende der Irrationale ist. Detel geht es streng genommen nicht um die Tatsachen als solche, sondern um die rationale Anordnung derselben auf der Basis “gemeinsamer Rationalitätsunterstellungen” (Kap. 13.2), sozusagen zur tieferliegende Verheiligung des Tatsächlichen. Das Bedürfnis der Verheiligung (Esoterik) gibt es in der Tat überall. Muss der Gegenstand der Verheiligung aber ausgerechnet die Anordnung von was auch immer sein? Dann doch lieber der Tanz ums goldene Kalb. Kurzum: das Unwahre, die falsche Anordnung des Tatsächlichen, ist identifizierbar mit Hilfe von Wahrheit, analog wie die Identifizierung der Existenz auf Basis von Nicht-Existenz möglich ist. Das eigentlich Wahre existiert zusammen mit dem Falschen, freilich nur als tieferliegendes Prinzip, gebunden an Logik, und nicht, wie z.B. Derrida (und der von Detel angefeindete Poststrukturalismus) sagen würde: anhand der Differenz im Tatsächlichen: des Zeichens und dem, was es bezeichnet. Dies der rationale und rationalisierende Kern von Detels Hermeneutik. Eine öde Metaphysik, wie ich finde.
Detel räumt aber gegen den Naturalismus gerichtet ein, dass das Bewusstsein: das regelgeleitete Verstehen aus dem Geist, nicht ohne weiteres wie die Regeln der Natur verstehbar und noch viel weniger aus den Regeln der Natur heraus erklärbar ist. Eine erklärende Verbindung von der Natur zum Bewusstsein hin ist nicht spezifizierbar. Beispielsweise bringen die neuronalen Aktivitäten des Gehirns keinen bestimmten semantisch-propositionalen Gehalt (des Bewusstseins) hervor, auch wenn neuronale Aktivitäten zwingende Voraussetzungen für die Existenz eines Bewusstseins sind, also gewissermaßen doch seine Ursache darstellen; aber die neuronalen Aktivitäten sind eben nicht bestimmend für die Absonderungen eines bestimmten Bewusstseins, mithin eines bestimmten Interpretierens und Verstehens aus dem Bewusstsein heraus. Mehr noch, das menschliche Verstehen (Bewusstsein) oder Innenleben nimmt in Abgrenzung zum Tierreich, wenn man so will: zur Natur, eine Sonderstellung ein, auch wenn menschliches Verstehen (des Innenlebens) neuronale Vorgänge im Gehirn und, darüber hinaus, die soziale Praxis braucht, aber eben nicht in einer bestimmten und bestimmenden Weise. Und so sind auch soziale Institutionen, eben weil sie, wie wir oben gesehen haben (Kap.14.6.5.1), vom normativ hervorgebrachten Verstehen (des Innenlebens) und somit vom Innenleben selbst befärbt sind, ebenfalls aus der Natur heraus nicht erklärbar, aber sie enthalten Rationalität in dem Sinne, dass sie normativ beschreibbar sind, wiewohl sie nur auf der Basis der Natur existieren. Das Soziale bildet sich nicht aus der Natur heraus, sondern über den Umweg eines normativ stabilen, bzw. sich stabilisierenden Bewusstseins als Voraussetzung für gemeinsames Handeln. Schließlich entstehen und stabilisieren sich auf der Basis regelgeleiteten (gemeinsamen) Handelns politische Institutionen, der Staat, so dass man generell sagen hat: auf der Basis einer dem Menschen innewohnenden Rationalität bauen wir uns unseren (idealen) Staat (politische Institutionen), von dem sich Detel ganz gern ernähren lässt, also sollte man ihn vielleicht als Errungenschaft betrachten, bzw. als etwas, dem zumindest Idealität aufgrund von ursprünglicher Normativität innewohnt, wenn das Normative im Menschen nur frei zur Entfaltung kommen kann. Das ist bisher nicht der Fall, denn siehe da: die Welt ist schlecht, nicht zuletzt weil die richtige Geisteshaltung bei so viel Derrida erst noch in die Geisteswissenschaften einziehen muss. Der richtige Geist doch nicht etwa mit Hilfe von Detels “Geist und Verstehen”? Ich vermute mal, dass Detel genau so tickt.
Spaß beiseite. Die Fundierung durch die Praxis des Sozialen (sozialer Strukturen und politischer Institutionen) ist Detel zufolge also nicht von der Art, dass die Fundierung in ein strenges Ursache-Wirkungs-Verhältnis’ oder in ein streng-funktional ausgerichtetes Verhältnis zwischen dem Sozialen und dem Verstehen eingelassen wäre; schon weil die Erklärungsrichtung sich vom Verstehen in Richtung auf das Sozial-Funktionale und ggf. weiter in Richtung Natur vollzieht: auf neuronale Vorgänge oder Funktionen im Gehirn, während eine umgekehrte Erklärungsrichtung (von der Natur über das Soziale zu Geist und Verstehen) nicht möglich ist. Dies ist vermutlich im Kern Detels Anti-Naturalismus. Er drückt das in etwa so aus: das Verstehen, mithin das Bewusstsein superveniere das Soziale und die Natur (des Gehirns) in schwacher Weise (zum Begriff “schwache” und “starke” Supervenienz vgl. DEW-GK3, 37ff). Das Soziale und die Natur sind in Bezug auf das Verstehen die Supervenienz-Basis. (DEW-GK5, 111f) Allgemeinverständlich ausgedrückt, Verstehen und Bewusstsein haben sich im Laufe der Evolution von der Natur und auch vom Sozialen emanzipiert, ohne vom Sozialen und der Natur unabhängig zu sein, um danach aber zugleich das Soziale in gewisser Weise (menschlich) zu befärben, zu supervenieren: einen bestimmenden (normierenden) Einfluss auf das Soziale auszuüben, und zwar in einer Weise, dass sich das Human-Soziale, indem es durch das Bewusstsein befärbt wird, signifikant vom Sozialen z.B. eines Affen oder Hundes unterscheidet, unbenommen davon, dass Affen oder Hunde Gefühle (ein Innenleben) haben, die freilich eine andere Funktion in ihrem Leben einnehmen: sie sind ausschließlich faktisch-repräsentational ausgerichtet, wie dies auch beim Menschen der Fall ist, z.B. wenn er aus Angst vor einem gefährlichen Tier sich in Sicherheit bringt. Das Gefühl der Angst zeigt an: Gefahr und “sich in Sicherheit bringen”. Das heißt aber nur, dass es Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Tier gibt, die die Herkunft des Human-Sozialen aus dem Tierreich bezeugen.
Das mit der Supervenienz und der relativen Autonomie des Bewusstseins gegenüber dem Sozialen, mithin des Verstehens (des Innenlebens) gegenüber der Verständigung, ist aber aus philosophischer Sicht alles in allem ein – wenn auch nicht uninteressantes – Scheinproblem, so wie es interessante Probleme des Schachspiels oder des Tennisspiels gibt, denen man eine soziale Dimension zuschreiben kann, ohne dass ihre Analyse auch nur ein einziges soziales oder philosophisches Problem löst. Detel erweckt den Eindruck, als würden mit Hilfe der Philosophie soziale Probleme auf vorhersehbare, weil rationale Weise gelöst werden können und daher auch so gelöst werden müssen, vorhersehbar heute im Sinne und durch eine Macht, die vom Geist der Wissenschaft durchtränkt ist und deshalb nicht repressiv sein muss, wenn dies auf rational-nachvollziehbare Weise geschieht. So wollte es schon Platon; er wollte eine philosophisch gebildete Macht, um zu erreichen, dass die Macht für die Menschen da ist. Er bezog dabei die soziale Praxis ausdrücklich ein (Pflicht, sich dem Konflikt in der Auseinandersetzung zu stellen). Dahinter fällt Detel zurück; ich interpretiere sein Ansinnen so, dass er soziale Probleme regressiv, resp. unproblematisch von oben nach unten durchgereicht, also paternalistisch lösen möchte, wie sein Vorbild Platon, freilich auf eine Weise, wie man eine Rechenaufgabe löst. Soweit waren die klassischen Philosophen der Antike noch nicht. Sie verhandelten noch alles direkt, sozusagen von Mund-zu-Mund-Beatmung. Heute muss es schlaue Menschen geben, die das Schlaue nachweislich (zertifiziert), also zu Recht repräsentieren, und ihren Durchblick von oben nach unten durchreichen, während die da unten nicht mitbestimmen, indem sie mitreden darüber, wie Ergebnisse gebildet werden, sondern indem sie über Ergebnisse der Schlauen abstimmen:
Theorien seien rational-reflexiv; sie “machen ihre eigene Bestätigung oder Widerlegung unter anderem vom Urteil ihrer Adressaten abhängig. Dabei ist es freilich erforderlich, statistische Verfahren für die Feststellung dieses Urteils zu entwickeln, weil gewöhnlich nicht sämtliche Adressaten in all diesen Fragen zu einem Konsens kommen werden. Insgesamt ist damit das Theorie-Praxis-Verhältnis kritischer Theorien rekonstruiert.” (DEW-GK5, 151)
Der Bürger soll über etwas abstimmen, wovon er keine Ahnung hat, aber vernünftigerweise annehmen, dass die da oben schon wissen, was sie machen, weil sie dazu da sind, zu wissen, was sie machen. Der dumme Bürger darf hin und wieder sein Kreuz machen - ja nach welchen Kriterien, vielleicht danach, wie sich jemand anhört? Er sollte vielleicht möglichst nicht stoddern, wenn er etwas Richtiges sagt. Vorlaut dazwischen reden sollte der Bürger aber nicht, wenn sich unsere Elite unterhält. Das muss auch schon mal im Geheimen sich abspielen, um den Bürger nicht zu verwirren; schließlich soll er, ohne von allzu vielen Informationen verwirrt zu werden, “vernünftig” abstimmen können. Nur dann kann in die Wissenschaft eine “vernünftige” Geisteshaltung einziehen, für die sich Gott sei Dank im Laufe einer langen kulturellen Entwicklung tradierte Wege des Verstehens herausgebildet haben, die freilich richtig, bzw. auf vorgeschriebene Weise verinnerlicht werden müssen, um das Gesellschaftliche im Sinne der Menschen vernünftig zu formen, regulativ von oben nach unten durchgereicht, so Detels ziemlich einfältiger Kulturbegriff:
“Kulturen sind immer mit Machtverhältnissen verbunden – typischerweise mit regulativer Macht, die – wie wir gesehen haben – im Kern in der Fähigkeit besteht, andere Personen dazu zu bringen, gewissen Regeln zu folgen. Insbesondere kann es sich dabei auch um Regeln handeln, die in Bildungseinrichtungen und Meister-Schüler-Verhältnissen eingeübt werden.” Na wunderbar. Gehorchen will gelernt sein. Natürlich auf Basis “reziproker symmetrischer Anerkennung”; sie impliziere, “dass alle Mitglieder von Gemeinschaften ihre Anerkennungsakte ihrerseits als gleichwertig ansehen: Es handelt sich hier also um eine Anerkennung von Anerkennungen. Die Anerkennungsrelationen mögen zu unterschiedlichen Machtpositionen der Gemeinschaftsmitglieder führen oder diese Machtpositionen zusätzlich stabilisieren, aber in Hinsicht auf den Anerkennungsakt selbst sind alle Gemeinschaftsmitglieder gleich wichtig.” (DEW-GK5, 98)
Ein ödes Wir-da-oben-ihr-da-unten-Gefasel. Die einen sind halt immer etwas gleicher. Das muss man halt endlich einmal anerkennen. Wie werden gleich recht deutlich sehen, auf welche Weise Detel diesen Oben-Unten-Ansatz mit einer behavioristischen Geisteshaltung anreichert: einem sogenannten Behavioralismus, einem politisch motivierten, nicht ganz so radikalen Behaviorismus, der das individuelle Denken und Handeln in Bezug auf kollektives politisches Handeln nicht unterschlägt und dabei “innere Vorgänge” stärker berücksichtigt, ähnlich wie Detel Geist, Empathie, simulatives Nachempfinden, kurzum, das Innenleben, ausdrücklich in die wissenschaftliche Betrachtung einbezieht, also weit entfernt ist, das Innenleben in Anlehnung an einen strengen Behaviorismus wie eine uneinsehbare “Black Box” zu behandeln, wiewohl er das Innenleben, wie gezeigt (Kap. 14.6.4), genauso wenig zureichend einbezieht wie der etwas weniger gestrenge Behavioralismus, vor allem weil er – den Projektionsmodus im Denken und Handeln unterschlagend – das negative Gefühl als verhandelbare Ressource der Verständigung nicht ausdrücklich einbezieht. Negative Gefühle, sogenannte “kognitive Dissonanzen” (innere Spannungen), sind vornehmlich dazu da, dass sie im Zuge von Anpassungsvorgängen aufgelöst werden oder aufzulösen sind. Nur dass auf diese Weise das Fremdartige ausgemerzt wird, wie die Filmbesprechung Melancholia versucht erfahrbar zu machen (Kap. 14.6.4.4), anstatt dass man das Fremdartige als eine mögliche Sichtweise akzeptiert (der Andere könnte, wenn auch nur intuitiv, recht haben), ohne sie, noch dazu vorauseilend das Anstößige sublimierend, im “schönen Gefühl” gleichzuschalten. Selbstverständlich durch die “gute” soziale Norm. Diese paternalistische Geisteshaltung versteckt Detel übrigens hinter “regulären Ausdrücken”, die seine Texte immerzu – Präzision vortäuschend – sinnlos begleiten, ohne das geringste zu beweisen. Einfach überflüssig. Doch es gibt auch verständlichen Fließtext, vor allem in “Geist und Verstehen”: Kulturen seien, so führt Detel dort seinen Gehorsamsbegriff weiter aus, “durch historische, lerntheoretisch rekonstruierbare Tradierungsketten” (DEW-GuV, 307) spezifiziert. Der Kulturbegriff müsse durch eine begriffliche Analyse von Praktiken gestützt werden. Fragt sich nur, was man unter Praktik verstehen soll. In (Kap.14.6.5.1) gaben wir schon eine vorläufige Antwort. Etwas ausführlicher beschreibt Detel in GuV den Begriff “Praktik” wie folgt:
“Das Verhalten von Personen ist eine Praktik nur dann, wenn es korrigierbar und tradierbar ist. Die Korrektur eines Verhaltens setzt voraus, dass es eine Regel, einen Standard oder eine Regularität gibt, denen das Verhalten in bestimmten Situationen gewöhnlich in einer Gemeinschaft genügt. Falls ein Verhalten in der entsprechenden Situation davon abweicht, besteht das Korrigieren darin, auf die entsprechende Person so einzuwirken, dass ihr Verhalten künftig mit höherer Wahrscheinlichkeit der geltenden Regel, dem Standard oder der Regularität genügt. Ist das der Fall, so ist damit das Verhalten bereits an diese Person tradiert. Auf diese Weise ist zunächst auf allgemeine Weise erläutert, was es heißt, dass eine Praktik auf Korrektur- und Tradierungsmechanismen beruht. Diese Überlegung muss und kann näher ausbuchstabiert werden. Die Korrektur- und Tradierungsmechanismen einer Praktik beruhen meist auf Sanktionen, die von den korrigierten Personen positiv oder negativ evaluiert und im Gedächtnis gespeichert werden. Eine Praktik, die in einer Gemeinschaft durch Sanktionen tradiert und in Kraft gesetzt ist, können wir als soziale Norm dieser Gemeinschaft betrachten. Und wenn diese soziale Norm sprachlich formuliert oder sogar schriftlich fixiert ist, können wir sie als soziale Regel ansehen, die einen semantischen Gehalt hat. Wenn eine Person den semantischen Gehalt einer Regel verstanden und die Regel daher kognitiv implementiert hat, kann sie dieser sozialen Regel folgen oder sie übertreten. Die Tradierungsmechanismen setzen ein imitatives Lernen voraus sowie die Macht gewisser Personen, andere Personen mit Hilfe von Sanktionen dazu zu bringen, ihr Verhalten auf gegebene Standards, Normen oder Regeln auszurichten.” (DEW-GuV, 307f)
In diesem Zitat kommt einiges zusammen, was Detels Hermeneutik mehr als fragwürdig macht: Gefühle sind dazu da, abgestellt zu werden, ein notwendiges Übel, das z.B. zur Flucht vor einem gefährlichen Tier antreibt; Gefühle helfen also, eine Situation zu bewerten, um entsprechend zu handeln. Haben wir uns in Sicherheit gebracht, dünnen negative Gefühle aus, um positiven Gefühlen zur Bewertung einer positiven Situation Platz zu machen; wie schön; wir dürfen aufatmen, mithin die Welt wieder genießen, auch wenn die negativen Gefühle im Gedächtnis gespeichert werden (kognitiv im Geist implementiert werden) und dadurch jederzeit (kognitiv) abrufbar sind, um ggf. einer (Wenn-dann-)Norm zu genügen. Das ist Behaviorismus, freilich ein menschlich angereicherter, ein sogenannter Behavioralismus, politisch motiviert, zur Ausbildung und Tradierung z.B. eines Meister-Schüler-Verhältnisses. Dabei legt dieser Ansatz den Akzent vornehmlich auf Vermeidungsverhalten, auf Vermeidung negativer Gefühle, um positiven Gefühlen Platz zu machen. Mit anderen Worten: negative Gefühle (letztendlich unangenehme Kritik) werden ausgegrenzt; und Detel verfällt, vermutlich ohne es zu gewahren, einer lerntheoretisch-behavioralistischen, bzw. einer ziemlich abgeschmackten paternalistischen Geisteshaltung. Soziale Praxis ist: das Richtige tun im Sinne der Norm, die von der Institution und seinen Repräsentanten durchzusetzen ist, indem Zensuren verteilt werden. Etwas, was Lehrer und Professoren ihr Leben lang machen oder gemacht haben. Also kann und darf es so falsch doch nicht sein. Nennen wir es einfach ein wenig menschlicher “Tradierung”. Das muss nicht repressiv sein, wenn Korrekturen im Sinne der Norm irgendwann freiwillig vollzogen werden, weil sie für die Menschen einsichtig sind; denn, so definiert Detel vor sich hin:
“eine Person gibt (...) Machtansprüchen (...) nach, wenn sie es alles in allem gesehen vernünftig und vorteilhaft findet, nachzugeben” (aaO, 308)
Der Behaviorismus ist tatsächlich nicht totzukriegen; fast möchte man meinen, endlich hält seines Geisteshaltung, zumindest in der abgespeckten Form eines Behavioralismus, Einzug in die Philosophie. Wer nicht hören will, muss dann auch mal fühlen. Beispielsweise Gaddafi und seine Helfer. So sind auch Kriege im Interesse des Humanen halt nicht immer zu vermeiden. Das muss nicht repressiv sein. Da gefriert einem das Blut in den Adern.
Aber es gibt nicht nur eine psychosoziale, sondern auch eine philosophische Problematik. Detel möchte zwar nicht naturalistisch argumentieren, aber er verpackt seinen Paternalismus im Ursprungsdenken, um ihn zu vermenschlichen, z.B. indem er dabei ganz nette Geschichten über Babys erzählt; das kann er: erzählen. Er zelebriert geradezu das Ursprungsdenken in einem vergleichbaren Sinne, wie Peter Bürger es zu Recht als ein Problem der Moderne diagnostiziert (BUP-UPM, 173), in dem der Mensch nach letzten Gewissheiten sucht, weil er diese in den alltäglichen Strukturen nicht mehr zu finden vermag (Kap. 14.6.4.6), er außerhalb des Tatsächlichen also nicht mehr zu sehen vermag, was einmal werden soll. In der Tatsache ist in der Tat nicht verborgen, was aus ihr werden kann, zumal nicht vorhersehbar. So möchte man es aber haben, um strukturellen Konflikten aus dem Weg zu gehen; um damit einhergehende innere Spannungen auf wohlfeile Weise aufzulösen. Vergeblich. Diese müssen sich zuweilen entladen, nicht immer nur gewalttätig, sondern sie lösen sich zuweilen in Rührseligkeiten auf (“wenn das der Führer wüsste”), während der Konflikt unverarbeitet weiter schwelt. Anstatt sich ihm zu stellen, sucht der Mensch sein “Heil” in der Suche nach dem Ursprünglichen und verfällt dabei, nunmehr philosophischer gesprochen, einem infiniten Regress, den er ja nicht deshalb vermeidet, weil er, wie Detel, das Ursprüngliche außerhalb der Natur mit dem Bewusstsein verknüpft. Der Regress ergibt sich dadurch, dass Detel Geist und Verstehen mit dem Normativen kurzschließt, bzw. das eine mit dem anderen im Sinne einer Definition identifiziert, was schon der gestrenge Behaviorismus kritisierte, wenn er sagt: das Essen (äußeres Handeln) aus dem Hunger (Innen) zu erklären, sei keine Erklärung, sondern trivial. Somit sei das Innenleben trivial. Das findet Detel zurecht ganz und gar nicht. Doch er macht aus dem Innenleben dennoch etwas Triviales, weil er es von der sozialen Praxis isoliert. Das wird im Ursprungsdenken verhehlt. Im Ursprung wittert man Zukunft. Falsch, der Ursprung verrät uns keineswegs die Zukunft, es sei denn auf triviale Weise. Ich wiederhole es gern noch einmal: Letztendlich ergeben sich Norm und Geist dadurch, dass Menschen mit der sozialen Praxis konfrontiert werden und diese bewältigen müssen, also aus dem Regelverstoß oder dem Konflikt, ohne dass ich damit sage, der Konflikt bürge für das Bewusstsein oder das Soziale auf ursprüngliche Weise.
Ich möchte es schärfer ausdrücken: Ursprünglichkeit interessiert mich einen Dreck, weil sie entgegen ihrem Anspruch, etwas zu beweisen: etwas “Gutes” oder das “Richtige” (für die Zukunft) freizulegen, nichts, aber auch gar nichts beweist. Es ist völlig unerheblich, ob es so etwas wie ursprüngliche Normativität, einen Ursprung der Menschwerdung, des Sozialen, kurzum, einen ontologischen Kern des Sozialen gibt. Scheinprobleme wälzt man gern, wenn einem die Spannungen der sozialen Praxis nicht behagen. Pure Ablenkung, so wie die Kids, kaum dem Schnuller entwachsen, sich mit Fernsehen und Computerspielen ablenken dürfen, weil sie mit sich und den Spannungen ihrer Umgebung nichts anfangen können oder wollen. Weil Erwachsene es ihnen, den Konflikt mit ihren Kids scheuend, nicht beibringen. Dann werden Konflikte entweder ignoriert oder mit Gewalt gelöst. Da hilft auch kein Begriff einer “nicht-repressiver” Macht. Ja, Detel löst (seine) Probleme gern dadurch, dass er etwas definiert, was in der Welt per definitionem der Fall ist.
14.6.5.3 Generik und Projektionsmodus
Ähnlich interessant, aber sozialphilosophisch belanglos ist übrigens die Frage, ob es einen freien Willen gibt, ein Scheinproblem. Natürlich gibt es einen freien Willen; es gibt ihn freilich nur aus einem einzigen Grund: weil wir wollen, dass es ihn gibt. Wir definieren ihn als frei; wir brauchen ihn als Ausgangspunkt sozialer Analyse. Seine Existenz im Sinne einer Definition besitzt generische Funktion genau dann, wenn zu definierende Eigenschaften oder Fähigkeiten, z.B. im Hinblick auf einen “freien Willen”, festlegen, welche Eigenschaften oder Fähigkeiten wir allen Menschen zuschreiben im Interesse einer sozialverträglich funktionierenden Gesellschaft. Ähnlich war die Fähigkeit zum Monotheismus eine soziale Fähigkeit oder Eigenschaft im Sinne des Exodus (Auszug der Juden aus Ägypten). Ohne Gott kein Exodus. Kurzum: es werden tragende Eigenschaften im Sinne des Ganzen definiert, freilich, und das ist wichtig: nicht in dem Sinne, dass diese tragende Eigenschaften existieren als etwas, was in der (sozialen) Praxis real der Fall ist. Analog dazu werden in der Systemtheorie der objektorientierten Anwendungsentwicklung Eigenschaften definiert, die jedem beliebigen, auch konkret zu programmierendem Objekt (jedem Einzelnen), zukommen soll. Eine der grundlegenden Eigenschaften, das in der objektorientierten Systementwicklung jedem beliebigen Objekt zukommt, besteht in der Fähigkeit, über sich selbst Auskunft zu erteilen. Ohne die Methode “verallgemeinernder definitiver Festlegung” gäbe es die moderne objektorientierte Anwendungsentwicklung nicht und vermutlich auch nicht die grafischen Benutzeroberflächen in der komfortablen und relativ absturzsicheren (wenn man so will: sozialverträglichen) Form, wie wir sie heute in der EDV kennen und problemlos benutzen. Und so definieren wir den Willen als frei, nicht weil es einen freien Willen faktisch gibt, sondern um uns in einer konkreten Situation in die Lage zu versetzen, soziale und ökonomische Probleme in einer Massengesellschaft so zu gestalten, dass wir sie besser bewältigen, bzw. weitergestalten können. Wir brauchen die Definition im Sinne einer abstrakten Vorstellung oder Idealität, damit wir eine Zukunft haben, ohne die wir “die Welt im Großen wie im Kleinen nicht gestalten” können. (WIF-DPB, 12) Und da ist es völlig uninteressant, ob diese abstrakte Vorstellung mit dem übereinstimmt, was das Experiment (mit einem Neun-Monats-Säugling) oder die soziale Wirklichkeit faktisch hergeben. In der (sozialen) Praxis erkennt man zuweilen das Definitive (die abstrakte Fähigkeit, die Idealität) durchaus zum Leidwesen des einen oder anderen Teilnehmers, das deshalb in der sozialen Praxis der konkreten (nicht konfliktfreien) Ausgestaltung oder Umsetzung bedarf (Verhandeln negativer Gefühle). Wenn ich mich z.B. im Verstehen oder in der Verständigung gegen die Konvention (oder Norm) verhalte, z.B. indem ich eine Arbeit ablehne, die mir das Hartz-IV-Amt anbietet, so gilt mein freier Wille. Erst dieser stellt sicher, dass ich mich gegen die Konvention verhalten kann und mich dabei auf der “sicheren Seite” fühlen darf – ggf. gegen die Masse der Arbeitssuchenden, die gewöhnlich die Arbeit annehmen, die man ihnen anbietet, und die deshalb gerne auf den Außenseiter moralischen Druck ausüben würde, weil dieser – wohlgemerkt nur möglicherweise – parasitär auf Kosten anderer leben möchte. Dieser moralische Druck verspürt natürlich auch der Arbeitsverweigerer; aber er gibt diesem Druck möglicherweise nicht nach, zumal unter dem Schutz einer gleichermaßen unverzichtbaren Grundrechtsnorm. Grundrechtsnorm und “freier Wille” schließen zwar den Versuch paternalistischer Bevormundungen jeglicher Art nicht aus, stellen aber sicher, dass man als Subjekt sich dem Druck der Masse zu entziehen vermag. Kurzum, das Grundrecht stellt sicher, dass Konflikte (negative Gefühle) verhandelt werden und ihre Lösung dem Einzelnen nicht paternalistisch appliziert werden muss.
Unabhängig also, was über den freien Willen oder die Autonomie des Verstehens gesagt wird oder gesagt werden kann oder noch gesagt werden wird – es bleibt dabei: die Konfliktbewältigung, mithin die Fähigkeit, über negative Gefühle Auskunft zu geben, um sie zu verhandeln, macht die soziale Praxis im Kern aus und begründet die “reale” Einheit von Verstehen und Verständigung – freilich, und das ist wichtig, nicht im Sinne eines Ursprungs. Erst über die Fähigkeit und die Verpflichtung, über sich selbst Auskunft zu erteilen, vor allem über negative Gefühle, ist der Einzelne unmittelbar mit sozialer Praxis konfrontiert, analog wie dies in objektorientierten Anwendungssystemen der Fall ist: auf diese Weise sind Fehler im System unmittelbar praxisrelevant und relevant für den Einzelnen (das einzelne Objekt im System) lokalisierbar. Sind sie es nicht, lassen sich (Programmier)Fehler (im Kontext gesellschaftlicher Praxis) nur sehr schwer identifizieren. Schon der Neun-Monats-Säugling ist mit sozialer Praxis konfrontiert; er äußert Gefühle (bääh...), um sie zeitgleich mit dem Erwachsenen zu verhandeln, z.B. wenn dieser ein beliebtes Spiel unterbricht, vielleicht vor Erschöpfung, oder weil das Telefon klingelt, und dadurch eine bestimmte und bestimmbare Erwartungshaltung des Säuglings, mithin eine schöne Stimmung, ein Feeling, verletzt wird.
Im Kontext frustrierter Erwartungen lernt schon der Säugling seine Innen-Außen-Beziehungen auszubilden. Womit nicht gesagt sein soll, dass Frustrationstoleranz, abgefedert durch Gefühlsverschiebungen (Schnuller statt Mutterbrust), das Soziale im Kern ausmacht. Dennoch ist richtig, dass ein Leben in Massengesellschaften ohne Frustrationstoleranz nicht möglich ist. Das wusste schon Gott, als er erfunden wurde: “Die Rache ist mein”, sprach der Herr. Frustrationstoleranz ist Teil der sozialen Praxis, in der wir alle, nicht nur das Kleinkind, gehalten sind (etwas) zu lernen: die Innen-Außen-Grenze muss immer wieder aufs Neue bewältigt und ausgebildet werden, ganz zentral durch Gefühlsverschiebungen (im Objektbezug), resp. durch einen Gegenstand, der zwischen die Menschen tritt und verhandelt werden kann (Triangulationen); Triangulationen im Projektionsmodus begleiten uns beim (sozialen) Lernen bis ins hohe Alter. Im Kontext von Gefühlsverschiebungen machen sie zu schaffen. Mit anderen Worten: Lernen ist Denken und Handeln im Projektionsmodus; den Projektionsmodus (Verschiebungen) zu verdrängen (in der Analyse zu unterschlagen), kann dazu führen, dass sich Menschen im Alter zu Kindern bis hin zum Kleinkindverhalten zurückentwickeln. Regressionen, z.B. (gewalttätige) Überreaktionen im Falle schlechter Gefühle, passieren auch ganz fürchterlich intelligenten Menschen, die ganz fürchterlich viel wissen. Dann nämlich, wenn Lernen in einem konflikthaltigen Kontext nicht stattfinden darf, weil Menschen Konflikte nicht aushalten und deshalb auch nicht bewältigen. Dann warten sie auf oder inszenieren den Bruch: einen antagonistischen Konflikt, der nicht (mehr) bewältigt werden kann, den sie freilich im Geheimen als einen solchen definieren – Autisten machen das ständig –, und lernen in dem Augenblick einmal mehr nichts dazu, was von sozialer Bedeutung sein könnte. Beim gesellschaftlich hervorgebrachten Autismus (vgl. WIF-TDJ) ist es zufallsbedingt, ob und wann Menschen etwas hinzulernen, meist erst, wenn’s zu spät ist, wenn z.B. nach einem Krieg alles in Schutt und Asche gefallen ist. Vorsätze oder Erkenntnisse, die zufällig zustande kommen, halten freilich gewöhnlich nicht lange vor, weil man ihre innere Logik nicht durchschaut (Gettier-Problem, vgl. DEW-GK4, 59f)
Der Konflikt begleitet uns als soziale Praxis also unser ganzes Leben; er lässt uns buchstäblich nicht zur Ruhe kommen. Und wie gesagt, es ist keineswegs trivial, in einem konflikthaltigen Kontext z.B. das Klavierspielen zu erlernen, überhaupt etwas zu lernen, was von sozialer Bedeutung sein kann, auch wenn es immer wieder schön und erholsam ist, wenn Konflikte sich auflösen, z.B. wenn wir schlafen oder vor uns hindösen: links rein, rechts raus. Muss auch mal sein. Man kann nicht immer nur unter Hochspannung denken und handeln. Und so lassen sich auch schöne Gefühle nicht beliebig lang in die Zukunft verlängern. Sie dünnen immer wieder aus. Menschen versuchen dies im Huldigungswahn krampfhaft zu vermeiden, z.B. indem sie einen Führer oder Gott anbeten. Das beschrieb Freud sehr hellsichtig, 1921 vor der Machtergreifung der Nazis, in seiner Abhandlung “Massenpsychologie und Ich-Analyse” oder später, zum Ende seines Lebens hin, in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion”: Die Menschen, so Mark Edmundson in seiner sehr lesenswerten Freud-Interpretation,
“suchen nach einem starken Mann”, der verständlich “macht, warum wir leiden müssen, (...) [der] uns sagt, wo unsere Feinde stehen.” Er gäbe “uns etwas, das dauerhafter ist als Wein und beständiger als die Liebe (...) Unsere Angst verschwindet und wir fühlen und frei. Der Mann, der uns auf diese Weise zu berauschen vermag, muss laut Freud vollkommen selbstsicher auftreten.” (EDM-SFR, 114f) “Wenn die Menschen sich dem Willen eines Führers ausliefern (...), erlangen sie dadurch eine Art inneren Frieden.” (aaO, 137)
In der Tat, der Führer soll schöne Gefühle machen, wie auf Knopfdruck, buchstäblich bis zum Abwinken in die Zukunft verlängern, noch während alles in Schutt und Asche fällt. Den Untergang der Welt haben dann die zu verantworten, die nicht hinreichend mitgefühlt haben mit dem Führer, so wie wir heute den Untergang der Finanzmärkte zu verantworten haben, wenn wir nicht hinreichend mitfühlen mit den Finanzmärkten: wenn wir die Finanzinvestoren durch unbedachte Äußerungen in Unruhe versetzen. Nur dass wir mit dem Mitfühlen allein die Funktion und Bedeutung der Gefühle ganz generell verfehlen, wie Freud zutreffend meint, ohne freilich den Lernbegriff (Lernen mit dem und durch das Gefühl hindurch) allzu sehr zu bemühen. Er denkt aber immerhin, so Edmundson,
“dass unsere psychischen Spannungen weitgehend notwendig sind (...) Gewiss, sind die psychischen Dissonanzen zu heftig, ist die Folge davon wahrscheinlich eine Neurose.” Gewiss sei aber auch: “die vollständige Aufhebung innerer Spannungen” führt zu “Chaos im öffentlichen und privatem Leben.” (EDM-SFR, 134f) Was Freud bejahe, “ist nicht der innere Frieden, sondern der innere Konflikt.” (aaO, 137
Mit anderen Worten: im Lernen sind Menschen in einer Weise aufeinander bezogen, im Projektionsmodus, der immer wieder zu schaffen macht; beim Denken und Handeln (im Projektionsmodus) ist es unerlässlich, dass die beteiligten Menschen in der Lage sind, negative Gefühle, die in der Verschiebung (des Gefühls im Objektbezug) sich immer wieder bilden, frühzeitig als Ressource zwischenmenschlicher Verständigung zu verhandeln (Kap.14.6.3) und nicht immer erst, wenn’s sich nicht mehr vermeiden lässt, nachdem die soziale Praxis uns eingeholt hat, z.B. im Krieg. Diese Fähigkeit, Konflikte zu verhandeln, bildet der Neun-Monats-Säugling, wie Detel richtig sagt (Kap. 14.6.5.1), schon im vorsprachlichen Alter aus und zwar, was Detel unterschlägt, im Zusammenhang mit der Ausgestaltung der Innen-Außen-Grenze (WIM-DOS, 38f); Beziehungskompetenz wird aber auch hernach zusammen mit der Entwicklung der Sprache weiterhin tief verinnerlicht werden müssen, bis ins hohe Alter in immer neuen Anläufen. Schon Kinder müssen, wenn sie anfangen, in ganzen Sätzen zu sprechen, zugleich lernen, über (ihre) Gefühle, vor allem über negative Gefühle, zu reden, so dass später auch ausgewachsene soziale Gruppen es zu akzeptieren vermögen, wenn sich negative Gefühle zu Wort melden. Das ist heute alles andere als selbstverständlich. Das erfordert schon für Kleinkinder eine komplexe Erziehungsumgebung, in die Erzieherinnen und Erzieher einbezogen werden müssen, die zuvor eine entsprechende Hochschulausbildung absolviert haben, um von der komplexen Umgebung nicht überfordert zu werden, weil sie selbst es ablehnen, sich erziehen zu lassen (so Marx in einer seiner “Thesen über Feuerbach”: “auch Erzieher müssen erzogen werden”). Hochschulausbildung will nur sagen: wir dürfen es nicht dem Zufall überlassen, wie Menschen mit Konflikten oder ihren weniger schönen Gefühlen umgehen, um ihre Fähigkeiten nicht voll, oder nur, wenn der Zufall es will, auszuschöpfen. Ich selbst habe das Schreiben systematischer – nicht nur, weil ich es musste, aus beruflichen Gründen – so zwischen Mitte und Ende Vierzig gelernt, erst heimlich und dann zunehmend öffentlich. Ganz schön mühsam, zufällig, also mehr schlecht als recht, v.a. sehr spät. Dass Michel Petrucciani (1962-1999) das Klavierspiel erlernte, bevor er einer der weltbesten Jazz-Pianisten wurde, war keineswegs selbstverständlich; das verdankte er einer erzieherischen Umgebung, die (zufällig) in der Lage war, mit (seinen) negativen Gefühlen umzugehen. Die körperlichen Voraussetzung waren für sein virtuoses Klavierspiel nicht besonders gut, denn Michel wurde mit einer Glasknochenkrankheit geboren, die ihn nie größer als ein Meter werden lassen sollte, und die es mit sich brachte, dass er Zeit seines Lebens unter starken Schmerzen spielen musste. Dass er spielen lernte bis zu seinem Tod, verdankte er seiner großen Leidenschaft zur Musik und einer Umgebung, die dafür sorgte, dass er seine Leidenschaft ausleben konnte, ggf. negative Gefühle dabei äußern konnte, auf die seine Umgebung einging; seine Leidenschaft sorgte ferner dafür, dass er seine extreme Behinderung als nicht behindernd empfand. So etwas macht Hoffnung für alle Behinderungen dieser Welt. Ja, auch Behinderte können leidenschaftlich sein. Michel vermochte mit Musik Menschen zu verzaubern; dadurch sah seine Umgebung über seine Behinderung hinweg, als sei sie ganz normal, ebenso sah sie über all seine Exzesse hinweg, die Michels Kunst und seinen Umgang mit geliebten Menschen Zeit seines Lebens begleiteten. Doch bevor es mit dem Klavierspielen im Alter von vier Jahren losgehen konnte, musste Michel einen Konflikt mit seinen Eltern austragen; sie schenkten ihm zu seiner großen Enttäuschung ein Spielzeugklavier zu Weihnachten. Der kleine Michel verhandelte den Konflikt kurz und schmerzlos, wie es seiner exzessiven Mentalität entsprach, so wie er auch später, als Erwachsener, Liebesbeziehungen kurz und schmerzlos, viele würden sagen: rücksichtslos, abwickeln sollte: er nahm einen Hammer und zertrümmerte das Klavier. So erzählt es uns Michael Radford in seiner ziemlich anrührenden Film-Dokumentation “Michel Petrucciani – Leben gegen die Zeit”.
14.6.5.4 Definieren bis zum Abwinken
Das Leben von Michel Petrucciani zeigt exemplarisch, dass und wie negative Gefühle oder Konflikte in einen Verstehenskontext eingelassen sind, mit dem Menschen dann so ihre Schwierigkeiten haben, ohne gleich sozialunverträglich reagieren zu müssen. Dennoch: ob Menschen, sie mögen sein wie sie wollen, Konflikte auf sozialverträgliche Weise verstehen und bewältigen, ist nirgends ausgemacht und schon gar nicht sicher prognostizierbar. Lässt man den Konflikt, mithin negative Gefühle aber außen vor, weil man mit ihren Unwägbarkeiten nicht gern etwas zu tun haben möchte, dann gerinnt das Verstehen sowie, im Kontext dazu, die Konstitution sozialer Strukturen zur puren Definitionsangelegenheit, konfliktfrei, wie Detel dies insbesondere in seinem fünfbändigen “Grundkurs Philosophie” (DEW-GKP), über weite Strecken aber auch nicht zu knapp in “Geist und Verstehen” zelebriert. Mit der Folge, dass Konflikte einen irgendwann sozialunverträglich einholen, ohne dass Konfliktbeteiligte dann darauf vorbereitet wären. In diesem Sinne sind Definitionen unzureichend und trivial, nämlich genau dann, wenn soziale Strukturen (des Verstehens und der Verständigung) in ihrem Aufbau lediglich terminologisch benannt werden, so als würde den Worten auf quasi-genuine Weise etwas zukommen (woher kommt das Soziale?, die Norm?, der Geist?), was in der sozialen Welt gleichsam ursprungs-eindeutig und deshalb nicht verhandelbar, bzw. konfliktfrei der Fall ist. Das führt in Regression und (infiniten) Regress. Richtig ist, die (Beziehungs-)Arbeit, und schon das Schreiben ist Beziehungsarbeit, fängt eigentlich erst richtig an, nachdem Definitionen (da ist etwas zu benennen) erfolgt sind, was Benennungen nicht unberührt lässt in dem Sinne, dass man fragt wie etwas sein soll, das bislang nur ist im Kontext eines terminologisch umrissenen sozialen Zusammenhangs. Über Terminologisches können Menschen in Machtpositionen, bzw. Menschen, die Macht erst noch erlangen wollen, sich stundenlang unterhalten und lenken damit von irrationalen Dominanzbedürfnissen ab, letztendlich indem sie dem Terminologischen einen sozial-ontologischen Status verleihen; was aber nur heißt, sie unterhalten sich leerbegrifflich: das, was sie wollen, bleibt im Unbestimmten; es soll für etwas stehen (in ihrer Phantasie), ohne für etwas (in der sozialen Realität) stehen zu können, weil es im Leerbegrifflichen dem Imaginativen nicht entrinnt. Das ist möglich, weil wir selbst in unseren Phantasien nicht umhin kommen, im Projektionsmodus zu denken (vor uns hin monologisieren, im Geiste handeln), und zwar deshalb, weil Leerbegriffe es mit sich bringen, die Identität von Innen und Außen stillschweigend zu setzen, resp. im Inneren ein Außen zu setzen, das real, außerhalb des Innen, gar nicht existiert; und so kommt es, dass Menschen den gesellschaftlichen Kontext auf (ihre) Gefühle reduzieren, wie dies – ganz schön peinlich – Arnulf Baring ganz ungeschminkt macht (vgl. Kap.14.6.4.4), bzw. sie schließen Innen und Außen kurz selbst dort, wo menschliche Verstehensbemühungen Differenzen ausmachen, z.B. unterschiedliche Bedeutungen von Worten, je nachdem in welchem semantischen Kontext sie eingelassen sind. (DEW-GuV, 407ff) Dies freilich selbstkritisch zu reflektieren, wie Detel es nicht tut, setzt einen begrifflichen Schnitt zwischen Innen und Außen voraus, eine imaginative Intersubjektivität, die, um nicht wahnhaft-kurzschlüssig zu werden, gehalten ist, sich in reale Intersubjektivität zu ergießen (sich der Praxis aussetzen). Den Praxis-Erguß ersparen wir uns regelmäßig. Wie sollten wir nicht? Doch wir mögen Innen und Außen immerzu kurzschließen, dies freilich nur im Sinne einer gleichsam wirklichkeitsfremden Konstruktion, die Detel nicht akzeptiert, weil er als passionierter Logiker mit der Notwendigkeit des konfliktträchtigen Wirklichkeitsfremden (des Regelwidrigen, Kap. 14.6.4), der realen sozialen Praxis, vermutlich nichts anfangen kann oder nicht will, ein dunkler Fleck in seiner Hermeneutik.
Den begrifflichen Schnitt zwischen Innen und Außen vorausgesetzt, sind wir in der Lage, den Innen-Außen-Mechanismus zu beschreiben, über den Menschen sich auslegen und verstehen, nicht objektiv oder erschöpfend oder zunehmend objektiv, sondern um zu kommunizieren. Die Wahrheit liegt in der Kommunikation, wenn sie sich (generisch) an etwas bemisst, das nicht in jener Kommunikation enthalten ist; “Wahrheit” versteht sich nicht von selbst, so wie sich das Innenleben nicht von selbst, sondern nur im Kontext eines Außen verstehen lässt; wenn Verstehen und kommunikative Verständigung sich also letztendlich nicht am Auge Gottes bemessen, ein Auge, das, nicht weiter begründbar, alles sieht und alles versteht, im höchsten Maße objektiv und alles verobjektivierend, sondern wenn Verstehen und Kommunikation sich letztendlich an Grundrechten bemessen; diese sind als solche genauso wenig begründbar wie das Auge Gottes, auch wenn die Notwendigkeit der Existenz von Grundrechten begründbar ist, also die Notwendigkeit eines generischen Verfahrens, das früher durch die Erfindung Gottes erstmals in die Welt gekommen ist, heute, in einem neuen Anlauf, mehr denn je notwendig durch Grundrechte in substituierender Kontradiktion zum Auge Gottes, das heute, nachdem universale Strukturen sich aufgelöst haben, nichts mehr zu leisten vermag: seiner generischen Funktion verlustig gegangen ist. Das möchten Philosophen und andere Sozialwissenschaften bis heute nicht so recht wahrhaben; mit gravierenden Folgen: Fehlt die Bemessungsgrundlage, heute in Gestalt von – ganz wichtig: unmittelbar einklagbaren! – Grundrechten, bleibt alles im Unbestimmten, dann brechen sich Verstehen und Kommunikation nicht an der sozialen Praxis, so wie sie sich zuvor, als universale Strukturen noch existierten, am Gottesglauben brechen konnten, wenn auch nur imaginativ im Zweifel an Gottes wirklicher Existenz, nicht zuletzt, weil im und durch den Gottesglauben hindurch alles begründbar sein soll (in Anlehnung an quasi-intakte universale Strukturen), vor allem körperlich-paternalistisch begründbar: Ausgrenzung, Inquisition, Mord und Totschlag und heute einmal mehr humanitäre Kriege.
Heute, im Zeitalter vollständiger Atomisierung menschlicher Beziehungen, müssen Verstehens- und Verständigungsbemühungen sich an etwas bemessen lassen, was für den Einzelnen (nicht für eine übergeordnete soziale Struktur) von unmittelbar praktischer und nicht, in Anlehnung an paternalisierende Pseudo-Universalismen, von imaginärer Bedeutung ist. Das geschieht durch unmittelbar einklagbare Grundrechte für den Einzelnen. Nur in diesem praktischen (dem universalen Gott abgewandten) Kontext machen sozial-ontologische, bzw. sozialstrukturelle Verweisungs-Zusammenhänge Sinn. Man trennt Gehalte begrifflich; man reißt sie wirklichkeitsfremd auseinander, so das Auge Gottes oder definitive Grundrechte aus dem sozialfamiliären Kontext, in der Gewissheit, dass beide Seite (Soziales und Grundrechte oder Auge Gottes) real nicht getrennt werden können; denn das Irdische (der sozialen Praxis) war selbst im Kontext mit der generischen Gottesexistenz immer präsent, gleich mit der Entstehung von Gott (im “Alten Bund”) bis zum heutigen Tag. Der Gottesglaube ist zwingend an die irdische, körperlich begreifbare Existenz gebunden. Da gibt es real keine Trennung, es sei denn begrifflich oder gedanklich. Auf diese Weise kommen dann Sätze im Alten Testament zustande wie: Du sollst Dir kein Bild machen von deinem Gott. Schön und gut. Doch wie soll das möglich sein, nicht in irdischen Kategorien oder frei von Propositionen zu denken und zu sprechen? Das reflektiert Detel übrigens durchaus zutreffend, nur eben ohne den Begriff des Wirklichkeitsfremden einzubeziehen. Er glaubt, dass begriffliche Trennungen nicht wirklichkeitsfremd sind, sondern ihnen etwas zukommt: Reales, was in der Welt eindeutig der Fall ist (was übrigens Derrida und andere Poststrukturalisten auch nicht reflektieren). Detel fragt vermutlich: wie sonst sollte der Begriff (begriffliche Differenzen) entstehen?, etwas aus dem Nichts? Natürlich nicht, denkt der Tatsachenfetisch mit seinem Tunnelblick auf die Tatsache. Richtig ist, Begriffe werden immer wieder neu befärbt durch ihren Gebrauch; oder sie entstehen neu: man reichert Sprache an, erfindet neue Wörter, befärbt sie neu und denkt, dass ihnen etwas Reales, Quasi- Unzerstörbares, zukommen müsse, um zugleich auf diese Weise gedankliche Figuren in hochwuchernden Definitionen immer höher zu schrauben, die das Rationale in sich geschlossen abrunden sollen, um es letztendlich aber auf einer tief gelegenen Ebene physikalistischer Begrifflichkeit dingfest zu machen, einer Physikalität, die Detel z.B. repräsentiert sieht in der logische Figur der Transitivität (Kap.13.2), die auch für Rationalität des Innenlebens steht. Das Innenleben ist verstehbar, weil es rational ist (Prinzip der Nachsicht). Abgesehen davon, dass man in dieser Rationalität eine Tautologie sehen könnte, ist sie auch immanent kritisierbar; denn rational verstehbar ist das Innenleben erst, nachdem, wie auch Detel einräumen muss, es sich entäußert hat, ein Außen abgesondert hat, dem Rationalität appliziert werden kann, indem man das Außen interpretiert mit Hilfe einer Metasprache, die freilich, und hier hört das Nachdenken Detels auf, dem Außen (der Objektsprache) unweigerlich metasprachlich etwas hinzufügt, z.B. durch ein neues Wort oder neu befärbendes Wort, das die objektsprachlichen Worte des Außen neu befärbt.
Nun, und die metasprachliche Interpretation ist ihrerseits wieder interpretierbar, mithin befärbbar. Kurzum, man prägt im Zuge von Interpretation und Verstehen neue Begriffe, denen man so stillschweigend wie schwammig, also alles andere als “eindeutig”, eine abweichende Bedeutung gegenüber den zu interpretierenden Worten beilegt, um aus dieser Differenz messerscharf zu schlussfolgern, dass zumindest dem Begriff der begrifflichen Differenz ein eindeutiger propositionaler Gehalt zukommen muss, weil jene neuen Begriffe in ihrer Differenz von zu interpretierenden Begriffen andernfalls gar nicht entstehen könnten. Das riecht nach Zirkelschluss. Man schließt von der Sache auf ihre Ursache (von der Norm auf ursprüngliche Normativität). Die Ursache (der Norm) müsse nicht nur gedanklich, sondern real (körperlich zumindest als implizite F-Sanktion) existieren. Wie sollte sie nicht angesichts der Tatsache, dass sich negative Gefühle nicht vermeiden lassen? Man möchte aus dem, was sich nicht vermeiden lässt, messerscharf auf Erklärungen, sozusagen auf “natürliche” Rationalität, schließen. Hier witterte schon Kant Unrat. Heute möchte man Differenzen nachvollziehbar verstehen auf der Grundlage, dass sie auf einer propositional-explizierbaren, sprich: in sich stimmigen Grundlage, existieren (Prinzip der Nachsicht). Das ist unmöglich in dem Sinne, dass neue Wörter keine Eindeutigkeiten schaffen. Im Moment ihrer Entstehung oder ihres Gebrauchs entstehen neue Differenzen. Die Differenz existiert in Detels Vorstellung schon, nur eben in kurzschlüssiger Verbindung von Phantasie und Realität, also als etwas Reales. Wie auch nicht? Schließlich gibt es die Differenz in der Phantasie. Und dort hinein muss die Differenz doch irgendwie gekommen sein, um zu einer Vorstellung zu werden. De facto existiert sie aber nur unirdisch wirklichkeitsfremd wie Gott, der freilich das Real-Irdische durchaus in sich schlüssig von sich abgespaltet haben möchte (er möchte nicht am Irdischen gemessen werden), so wie Detel die reale soziale Praxis abspaltet, in der es – oh Schreck! – vor (konfliktträchtigen) Differenzen nur so wimmelt, denen er, koste es was es wolle, habhaft werden möchte, wie um ihre Konflikte (kognitive Dissonanzen) zu entschärfen, was ja durchaus menschlich ist. Fragt sich nur, ob das immer nur auf Kosten “des Anderen” sein muss.
Mein Gott, wohin man schaut, überall differentiell-terminologische Verweise, die, weil sie etwas real bedeuten sollen, in den Himmel wachsen, wie der Turmbau zu Babel, ohne dass klar wird, wohin das führen soll. Denken und Handeln bricht sich so lang wie irgend möglich nicht an der Realität, bis diese die Menschen doch einholt. Dann steht der Turm da, völlig sinnlos, so wie Kriege völlig sinnlos geführt werden. Bei Detel verweist der Geist explanatorisch auf Verstehen und das Verstehen auf soziale Praxis, freilich indem das Verstehen die soziale Praxis superveniert: in bestimmter und bestimmender Weise befärbt, wie um zu sagen, das Bewusstsein bestimme das Sein; während für mich Verstehen und kommunikative Verständigung (soziale Praxis) zusammen gehören, ohne dass ich an die berühmte Frage nach dem Woher oder “was war zuerst da? Henne oder Ei?” auch nur denke. Völlig uninteressant, dieser Ursprungsgedanke, zuweilen unerträglich aufwendig, wie die Teilchenphysik zeigt. Ich halte mich lieber an Habermas, der übrigens auch nicht die Funktion des Wirklichkeitsfremden in Bezug auf das Reale reflektiert; aber er kommt wie schon Gadamer der Sache zumindest näher: die Bedeutung entsteht (immer wieder neu) aus der Verständigung, intuitiv, ohne dass man zuvor eine “Zeichnung” machen muss, damit es mit dem Verstehen und der Verständigung “richtig” losgehen kann; wiewohl Kommunikation und Verstehen getrennt voneinander analysierbar sind, also ein begrifflicher Schnitt zwischen Kommunikation und Verstehen wiewohl (nunmehr anders als Habermas es für richtig halten würde) wirklichkeitsfremd legitim ist, aber nur, wenn man auf dem Teppich, der sozialen Praxis zugewandt, bleibt. Real gesehen sind Verstehen wie Verständigung gleichermaßen soziale Handlungen (also nicht trennbar), die mit Absichten einhergehen, bzw. auf ein Soll verweisen, dass sich regelmäßig an der sozialen Praxis bricht, sozialverträglich aber nur, wenn sich die Vorstellung, wie etwas sein soll, der sozialen Praxis: dem Ist, aussetzt. In diesem Sinne ist für Detel die Absicht von der Handlung als solche zu trennen, nicht nur begrifflich, was legitim ist, sondern auch real. Unmöglich. Letztendlich bindet der Projektionsmodus die Begriffe real zusammen. Das lässt sich erst richtig ermessen in einer Zeit des Zusammenbruchs universaler Strukturen und ihrer generische Substitution durch das Definitive (Geltung von Grundrechten, Autonomie des Subjekts, bzw. freier Wille des Einzelnen). So wird verstehbar, dass den Verstehensvorgang im Projektionsmodus zu analysieren, zwingend einschließt, ihn, real gesehen, als sozialen Akt aufzufassen. Das war nicht einmal für den hellsichtigen Freud eine ausgemachte Sache, weil er noch an das Universale (Ödipus) im Sinne einer realen (und nicht nur zu definierenden wirklichkeitsfremden) Sache glaubte. Denken wir daran: auch die absolute Geltung definitiver Grundrechte (ihre generische Funktion) ist wirklichkeitsfremd eingelassen in die soziale Praxis, in der Menschen unmittelbar miteinander verkehren. Eben weil Grundrechte sich überfamiliär auf alle Menschen der Gesellschaft beziehen, also definitiv-gesellschaftlich zu begreifen sind. Nur so ist der Satz auf der Rückseite des Buches “Die Politisierung des Bürgers” (WIF-DPB) zu verstehen, der da lautet:
“Im Zweifel müssen wir gesellschaftliche Werte gegen Familienwerte durchsetzen. In diesem Zusammenhang gehen wir davon aus, dass die Familie aus sich heraus zutiefst korrupt ist: bestandssichernd. Somit wäre es gemeingefährlich, wenn die Familie dem gesellschaftlichen Kontext seine Form vorgibt. Mit anderen Worten: wir wissen, dass Korruption menschlich ist. Dennoch wollen wir keine korrupte Gesellschaft.”
Für den eben umrissenen praxisbezogenen Ansatz interessiert sich die geisttheoretisch unterfütterte wiewohl definitionswütige Hermeneutik von Detel freilich kaum, auch wenn Detel, zugegeben, einem sehr differenzierten Verstehensbegriff das Wort redet, über weite Strecken eingelassen, und das macht sein Werk lesenswert, in sehr anregende Textpassagen. Das wird zum Beispiel deutlich, wenn er mit Schleiermacher zurecht zwischen Auslegung und Verstehen (von Texten) unterscheidet. (DEW-GuV, 407ff) Es nützt nur alles nichts, wenn nicht klar wird, worauf das im Projektionsmodus Verstandene oder, umgekehrt, Verinnerlichte verweist. Verstehen mag, wie oben gesagt, ein sozialer Vorgang von Externalisierung des Geistes sein, dem freilich, nachdem etwas verstanden worden ist, ein Verinnerlichungsvorgang folgt; dieser Vorgang bezeichnet den Innen-Außen-Mechanismus, mithin einen Zyklus, der nicht definitionswütig im Leeren kreist, sondern sich willentlich (sozialverträglich) oder unwillentlich (sozialunverträglich) an der sozialen Praxis bricht, brechen muss (so wie im obigen Zitat das Gesellschaftliche am Familiären), wenn er nicht imaginativ (leerbegrifflich) im Leeren kreisen soll (Praxis als Phantasie). Detel nimmt freilich die Grenze zwischen Familiärem und dem Gesellschaftlichen genauso wenig ernst wie die Innen-Außen-Grenze; vor allem letztere hält er für (zu) schwammig, um den Innen-Außen-Mechanismus, mithin den Projektionsmodus ernsthaft in seinen hermeneutischen Ansatz einzubeziehen, obwohl er sich für die Psychoanalyse aufgeschlossen zeigen möchte, diese freilich, wie er selbst eingesteht, auf recht krude Weise behandelt (DEW-GuV, 421, 425), um nicht zu sagen: er plappert sie unkritisch nach, wie übrigens auch der Höffe den Kant, Kap.14.6.1.2); vor allem verkennt Detel die historische Eingebundenheit der Begriffe, z.B. des Über-Ich-Begriffs, durch die Begriffe immer wieder neu befärbt werden. Am Ende werden sie gar obsolet; zur leerbegrifflichen Hülle. Wenn man z.B. im Zuge des Zusammenbruchs paternalistischer Strukturenden den Begriff der vaterlosen Gesellschaft (A. Mitscherlich) ernst nimmt, dann berührt das ganz unvermeidlich die therapeutisch-analytische Bedeutung des Über-Ich-Begriffs. Ihm kommt heute in der (therapeutischen) Analyse vermutlich nicht mehr die Bedeutung zu wie noch zu Freuds Zeit, die den “Vater” noch mit einem gewissen Recht ernst nehmen konnte. Kurz, ohne Einbeziehung des historischen Kontext passiert es, dass man Klischees nachplappert, z.B. wie Detel Klischees über die Funktion der Kunst transportiert, welche beispielsweise die literarische Tätigkeit auffasst als Sublimierung ungelebter Lust oder unerfüllter Wünsche. Stöhn:
“Der Lustgewinn des Dichters im Dichten besteht darin, dass er in dichterischen Phantasien die Erfüllung unbefriedigter Wünsche erleben kann. Genauer ist das Dichten wie das Phantasieren allgemein eine Form der Erfüllung unbewusster verdrängter Wünsche.” (DEW-GuV, 421)
So etwas, auswendig gelerntes (Begriffs)Wissen ohne Bezug zur sozialen Praxis, kann man heute nicht mehr ernst nehmen: Ungehobelter Sex oder Kultur; Leben oder Kunst. Beides ist nicht möglich; oder beides zusammen erzeugt keine vielversprechende Kunst (Thomas Mann). Das, was man nicht unmittelbar auslebt, ergießt sich auf wertvolle Kultur (Phantasie); doch nicht nur der Künstler, auch der Betrachter darf phantasieren:
“Die poetischen Formen erzeugen in Gestalt eines ästhetischen Genusses eine Verlockungsprämie und bringen die anstößigen unbewussten Wünsche in eine annehmbare, intersubjektiv zugängliche Form.” (ebd)
Alles nur Phantasie, das Leben, wenn’s besonders schön sein soll? Damit ist die Kuh vom Eis, der anstößige Konflikt auf krude psychoanalytische Weise aufgelöst. Dass Detel in der Psychoanalyse terminologische Präzision anmahnt, könnte man, mit Verlaub, auch als Drohung auffassen. Er hat ja recht: in der Sublimierungsthese: im interesselosen Blick auf die Kunst (Kant), wird die Innen-Außen-Grenze in der Tat schwammig, was allerdings nicht für die Sublimierungsthese spricht.
14.6.5.5 Terminologische Puzzlespiele
In der Ablehnung der Innen-Außen-Grenze schüttet Detel mit seiner durchaus richtigen ablehnenden Haltung gegenüber Luhmanns Systemverständnis das Kind mit dem Bade aus (DEW-GuV, 427); Luhmann wendet den Systembegriff und damit Grenzziehungen in einem sehr elementaren Sinne auf soziale Strukturen an; es geht aber nicht um eine Grenze, die sich in einer kausalen oder physikalistischen Sprache beschreiben ließe, sondern darum, wie soziales Handeln überhaupt möglich ist und entstehen kann, und zwar nicht im Sinne eines (wie weit auch immer) zurückliegenden Ursprungs, sondern ganz praktisch im aktuellen sozialen Kontext: dass sich also der (verstehende) Blick von Innen nach Außen wendet angesichts dessen, dass die menschliche Bestandsregung, also der Blick nach Innen, fundamental ist. Im Volksmund gesprochen könnte man fragen: warum ist Narziss ein Ding der Unmöglichkeit, nur ein schönes Beispiel wirklichkeitsfremden Konstruierens, um etwas besser zu verstehen? (Kap.13.3.1) Anders gefragt: wieso bleibt trotz Narziss der Blick niemals nur nach Innen gerichtet? Und schließlich und endlich, warum handeln Menschen sozial, obwohl sie zu aller erst sich selbst lieben, verliebt sind in ihr eigenes Spiegelbild, vornehmlich an sich selbst denken, mithin immer wieder egozentrieren, ohne freilich immer nur egoistisch denken oder handeln zu müssen? Vermutlich gibt es Liebe auch im Egoismus. Selbst der Chef der Deutschen Bank, Ackermann, oder der Massenmörder Reinhard Heydrich (1904-1942) liebt seine Kinder so wie jeder normale Mensch. Aber man könnte vielleicht sagen, er liebt sie egoistisch: ohne sozialen Bezug zu Kindern, die nicht seine eigenen sind. Die anderen sollen zusehen, wo sie bleiben. Das geht ihn nichts an; dies auf Basis von Theorien (Theorie des freien Marktes, Recht des Stärkeren), die er lieben gelernt hat nur aus einem einzigen Grund: sie berühren, wie schön!, die soziale Praxis nur in seiner Phantasie, so dass sie dem Imaginativen nicht entrinnen. So etwas erzeugt Grausamkeiten auf systematische Weise, mit gemeingefährlichen Folgen für die Menschheit im Zusammenhang mit öffentlichkeitswirksamer Macht, die heute der Deutschen Bank und ihren wirklichkeitsfremden Repräsentanten zukommt, deren Wirklichkeitsfremdheit freilich darin besteht, das, was sie phantasieren, für real zu halten.
Unmöglich. In der Bewegung bleibt nichts, was es ist, buchstäblich von einer Sekunde zur anderen. Es geht um Bewegung von Innen und nach Außen und von Außen nach Innen; erst diese zyklische Bewegung legt eine Grenze frei, ohne dass diese in einer physikalistischen Sprache beschreibbar sein oder beschrieben werden muss, um als beschreibbare Grenze aufgefasst werden zu können. Allein in der Umkehrbewegung von Innen nach Außen und von Außen nach Innen, kurzum: in der Bewegung, erschließt sich eine Grenze zwischen Innen und Außen und damit der Innen-Außen-Mechanismus. (vgl. WIF-DPB, 71) Diese Bewegung nehmen wir wahr in der konfliktträchtigen Verschiebung des Gefühls im Objektbezug und vermögen sie zu akzeptieren, vorausgesetzt wir verleugnen die mit der Verschiebung verbundenen negativen Gefühle nicht. Ein Zirkelschluss? Mitnichten, wenn wir davon ausgehen, dass es möglich ist, die Fähigkeit, über negative Gefühle zu reden, von Kindesbeinen an zu verinnerlichen. Das schließt – übrigens ganz im Sinne von Habermas – eine quasi-entdramatisierende Beobachterperspektive ein, aus der heraus Lernprozesse angestoßen werden, die auch den Beobachter in Lernprozesse der Froschperspektive einbinden, ohne einer dramatisierenden Froschperspektive in jeder Sekunde seines Lebens ausgesetzt zu sein. Es ist ein Unterschied, ob man direkt involviert ist, oder ob man aus der Beobachterperspektive sich eine Involvierung vorstellt und daher zu klugen Ratschlägen in der Lage ist. Beide Perspektiven unterscheiden sich grundlegend und lösen in ihrem Zusammenspiel den Zirkelschluss auf.
Im Lernen, also in der Entwicklung der Beobachterperspektive in Abgrenzung zur Froschperspektive müssen wir den Konflikt also nicht verleugnen, denn wir müssen den Konflikt in der Beobachterperspektive nicht unmittelbar austragen; unsere Bestandsregungen müssen uns deshalb nicht immerzu auf unerträgliche Weise zu schaffen machen. Um Bestandsregungen zu beruhigen, muss das (konfliktgeladene) Interesse also nicht in Zwecklosigkeit erstarren oder verleugnet werden, um der Froschperspektive zu entgehen; dazu werden wir zwanghaft verführt; anstatt dass wir uns der Froschperspektive, also der realen Praxis auszusetzen; lieber verbeugt das Interesse sich vor der schönen Form. Die schöne Form steht für Sublimierung (des Anstößigen der sozialen Praxis). Kunst oder Leben; nicht beides zusammen. Der Sublimierungsbegriff lenkt vom Konflikt ab; er löst den Konflikt auf, noch dazu im Projektionsmodus; er bringt die Anstößigkeit des Konflikts, wie Detel es möchte, in eine annehmbare Form. De facto wird damit der Projektionsbegriff nur belanglos; er gerinnt zu einer Angelegenheit, an der nichts Problematisches klebt, es sei denn zu bewältigen in der Art einer Rechenaufgabe, eines Kreuzworträtsels oder, etwas für Philosophen: eines terminologischen Puzzlespiels.
Für spaßige Spiele brauchen wir den Projektionsbegriff in der Tat nicht, weder als Segen, noch als Fluch. Wie ist der Begriff aber verstehbar? Seine Bedeutung ergibt sich aus seiner intuitiv-praktischen Verwendung, so wie sich die Bedeutung der Begriffe immer zunächst aus ihrer (intuitiven) Verwendung ergibt, um den Begriffen hernach zur Domestizierung des intuitiven Innenlebens (Subtextes) freilich eine Bedeutung, noch dazu bedeutungsschwanger zu applizieren, so wie Detel der Norm die Eigenschaft “ursprünglich” appliziert; Bedeutungen kann und muss man indes vor allem (intuitiv-praktisch) erfahren und erfahrbar gestalten, angelehnt an Narrationen, z.B. indem man Filme in philosophische Überlegungen einbezieht. In diesem Sinne gibt es die reine Philosophie, wie Detel sie versteht, gar nicht. Sie ist eigentlich kein Fach wie die Mathematik, vielmehr ein unmögliches Kunstprodukt, dass jeden Menschen, der in die Philosophie hineinwachsen will, abschrecken muss, wenn man aus der Philosophie krampfhaft ein Fach macht, in der terminologische Festlegungen fröhliche Urständ feiern. Der Philosoph redet klug daher, hat aber in Wirklichkeit keine Ahnung von nichts, im Volksmud: vom Leben. Also ist er froh, wenn er stumpf vor sich hin definieren darf. Nur dass in dem Sinne, dass Bedeutung erfahrbar (spannend) ist und tatsächlich auch erfahren wird, im Projektionsmodus, Definitionen tatsächlich sekundär (langweilig) sind, zumal immer nur nachträglich. Für sich genommen sind sie trivial. Man wühlt sich durch etwas Aufgesetztes durch, was sich aus der (alltäglichen) Praxis heraus intuitiv, sprich: weniger anmaßend und blasiert ergeben könnte.
Vermutlich besteht das Problem in Detels Zugang zur Philosophie, wie er in DEW-GuV und seinem fünfbändigen “Grundkurs Philosophie” (DEW-GKP) zum Ausdruck kommt. Wesentlich ist für ihn nicht der Projektionsbegriff. Lediglich der Ausgangspunkt des Begriffs ist unproblematisch, nämlich dass Sachen oder Gegenstände (das kann auch eine Theorie sein) zwischen die Menschen treten (WIF-DPB, 78), so dass Menschen sich nicht unmittelbar, sondern nur indirekt aufeinander und ggf. liebevoll beziehen. So weit so gut; problematisch wird’s, wenn der Projektionsmodus ins Spiel kommt: Gefühle tragen sich nicht auf eine Beziehung als solche auf – im unmittelbaren Ich-Du-Bezug, sondern auf etwas, das zwischen die Beziehung tritt, freilich verhandelbar ist, verhandelt werden muss in dem Augenblick, wo das Objekt der Begierde sich ändert oder wechselt. Verhandelt wird also das negative Gefühl im Kontext von Gefühlsverschiebungen. In diesen bleibt die Beziehung zu einer Sache sich nicht gleich; passt die vom Gefühl besetzte Sache nicht mehr ins verinnerlichte Bild, werden Konflikte und Spannungen erzeugt, die man (zur eigenen Entlastung) der Beziehung als solche, bzw. den teilnehmenden Personen anlastet, sei es, dass sie die Beziehung gefährden, z.B. weil sie (zu wenig angepasst) gegen Konventionen oder Regeln verstoßen. Der latente Wechsel einer Sache oder sei es, dass die Sache sich ändert (entwickelt), erzeugt ein Leiden, das den Narzissten in uns wach küsst; der Blick ist krampfhaft nach Innen gerichtet, was den Leidensdruck noch beflügelt durch nach Innen gerichtete Aggressionen. Ein leidender Mensch fühlt sich persönlich (in seinem Inneren) angegriffen, wiewohl eigentlich nur die Sache gemeint ist, die der (gefühlte) Liebesentzug (im Inneren) freilich mit der geliebten Person identifiziert. Der Leidende klebt zuweilen an der geliebten Sache (an der Person, die er mit der Sache gleichsetzt) umso mehr, je weniger die Sache ins verinnerlichte Bild (Vorstellung) des Leidenden passt. Bevor das passiert, hebt das (innere) Bild (Gefühl) ab; es führt eine von der “realen” Sache, wie sie leibt und lebt, abgetrennte Existenz; mit der Folge, dass die leidende Person der Imagination nicht entrinnt, um schließlich beides kurzzuschließen: Phantasie und Sache. Anders herum: würde die Phantasie sich der Sache aussetzen: z.B. in eine unangenehme Auseinandersetzung eintreten, wäre vielleicht der Teufel los. Also bleibt die Phantasie lieber das, was sie ist: Phantasie, nach Innen gerichtet und von der Realität abgehoben; das erzeugt zuweilen völlig überzogene Reaktionen (besinnungslose Entladung von Spannungen) oder abgehobene Verheißungen in der trügerischen Gewissheit, das nichts passiert, was den Leidensdruck beflügelt. Den möchte man nicht herauf beschwören. So kann es passieren, dass Phantasie (Innen) und Sache (Außen), die Grenze dazwischen, verschwimmen in dem Maße, wie die Phantasie (zusammen mit dem Gefühl) abhebt und sich besinnungslos entlädt. Das nimmt mehr oder weniger sichtbar pathologische Züge an, wenn die Phantasie (das Gefühl) die Wirklichkeit, wie sie wirklich ist, nicht mehr findet, vielleicht in der Erwartung, dass die Wirklichkeit die Phantasie findet – wie von Geisterhand geführt. Dann verschwimmen Phantasie und Wirklichkeit, Innen und Außen, vollständig, vielleicht unumkehrbar psychotisch oder manisch-depressiv.
In einem weniger pathologischen Kontext mag es für die Menschen so scheinen, dass sie einen anderen Menschen unmittelbar lieben und nicht das, was zwischen ihnen ist. Unmöglich. Tatsächlich lieben Menschen das, was zwischen ihnen ist, vielleicht das Engagement für eine (gemeinsame) Sache (Vorstellung, Theorie), also etwas, was außerhalb ihrer Person angesiedelt ist, wobei sich die Vorstellung immer wieder an dem bricht, wofür sie real steht, was mit Gefühlsverschiebungen einhergeht. Damit gerinnt der Konflikt, der Widerspruch, die Regelverletzung, und nicht die Norm oder Regelkompetenz, wie Detel glaubt (DEW-OCN), zur grundlegenden sozialen Entität. Wesentlich ist aber, dass der Konflikt, so wie Detel es mit dem Normativen macht, nicht fetischisiert wird, resp. nicht gewollt sein muss, wiewohl er ständig präsent ist. Wie sagte Hegel noch gleich? Der Mensch hat nicht die Wahrheit, sondern die Wahrheit hat den Menschen.
Den Hegel-Spruch wüsste Detel vermutlich nicht recht zu würdigen vor lauter Definitionen, mit denen er seine philosophischen Reflexionen zwanghaft v.a. in seinen “Philosophischen Grundkursen” (DEW-GKP) beschwert. Dass Menschen sozial handeln, gerinnt bei ihm zur Definitionsangelegenheit. Angereichert durch Experimente, wie das in (Kap. 14.6.5.1) erwähnte Experiment mit einem Neun-Monats-Säugling (vgl. DEW-OCN); oder er reflektiert das Soziale anhand von Beispielen, die nichts besagen, weil sie die soziale Praxis politischer Institutionen in einem wenig problematischen Licht abbilden, beispielsweise wenn Menschen unter anderem mit Hilfe der Platon-Lektüre den Marsch durch die Institutionen antreten, wie Christine es in Detels “Grundkurs Philosophie” (DEW-GK5) tut. Der Marsch nötige Respekt ab, den er freilich unmittelbar mit dem politischen-gesellschaftlichen Feld kurzschließt, das gesellschaftliche Feld auf eigene Gefühle reduzierend; damit verschwimmt die Grenze zwischen dem Subjektiven und Familiären einerseits und dem Gesellschaftlichen andrerseits. Warum auch nicht? Es ist in der Tat sehr menschlich, wenn man zu erkennen gibt, dass man wünscht, dass aus der (Schwieger)Tochter mal etwas wird; Leistung sollte endlich mal wieder anerkannt werden, muss sich endlich wieder lohnen. Es ist großartig, wenn Menschen etwas leisten wollen; dem sollte man mit Respekt begegnen. Diesen Respekt erweist Detel der Studentin Christine; das tut er, indem er sie zu verstehen sucht; Ausgangspunkt ist, wie gesagt, die Frage, warum Christine Platon liest. Der Versuch einer Antwort erzeugt weitere Fragen, die auf einen praktisch-politischen Kontext verweisen, so die Frage, und jetzt zitiere ich etwas ausführlicher, warum Christine die absurde Idee habe,
“ein Philosophie-Examen könnte hilfreich für das Ergattern eines guten Jobs sein? Diese Prämisse schreit geradezu nach einer weiteren Rationalisierung. Vielleicht studiert Christine neben Philosophie auch Jura mit dem Schwerpunkt Europäisches Recht, um einen Job in der EU-Verwaltung in Brüssel zu bekommen. Vielleicht glaubt sie, dass das Philosophie-Studium ihr Kenntnisse über die normativen Grundlagen des Rechts und über die historische Entwicklung der liberalen Prämissen westlicher Rechtsstaaten vermittelt, und dass sie in der Interpretation und analytischen Darstellung sehr komplexer Texte trainiert wird. Außerdem denkt sie sich, dass dieses Training und diese Kenntnisse ihren Horizont und ihre Fähigkeiten auch als EU-Juristin beträchtlich fördern können. Wenn all das zutrifft, dann haben wir Christines Platon-Lektüre noch besser verstanden. Aber warum, um einen letzten Erklärungsschritt zu machen, will sie überhaupt EU-Juristin werden? Vielleicht weil sie dort arbeiten will, wo heute die wichtigen politischen Entscheidungen getroffen werden, und weil es ihr wichtigstes Lebensprojekt ist, politisch an der Weiterentwicklung rechtsstaatlicher und liberaler Ideen mitzuarbeiten. Außerdem möchte sie international denkende und multikulturell eingestellte Männer kennenlernen und glaubt, dass sie all das als EU-Juristin in Brüssel mit hoher Wahrscheinlichkeit realisieren kann (...) Allerdings folgt Christine dabei möglicherweise unabsichtlich einigen tieferen sozialen Regeln, d.h. sie folgt ihnen nicht im strikten Sinne, sondern verhält sich nur regelkonform. Indem Christine den Regeln der Prüfungsordnung folgt, folgt sie auch den (oder einigen) Vorschriften des Hochschulrahmengesetzes. Vielleicht kennt sie das Hochschulrahmengesetz aber überhaupt nicht, d.h. sie verhält sich nur konform zum Hochschulrahmengesetz und stabilisiert es damit auch – ohne dies jedoch explizit zu beabsichtigen.
Das Bemühen um eine Vertiefung von Handlungserklärungen ist Ausdruck des Respekts vor anderen Personen. Respekt bedeutet hier: Wir lassen uns mit dieser Vertiefung weitgehend auf andere Personen ein, wir räumen ihnen einen Rationalitätsvorschuss für ihr Denken und Handeln ein, wir versuchen, uns ihren Standpunkt so umfassend und angemessen wie möglich vor Augen zu führen – wir versuchen also, sie so weit wie irgend möglich als intelligibel handelnde Wesen zu sehen. Semantisch formuliert bedeutet dies, dass die Vertiefung von Handlungserklärungen ein immer umfassenderes konsistentes Netz der Gehalte von Absichten und Überzeugungen der Aktoren sichtbar werden lässt. Vertiefungen von Handlungserklärungen führen also zu immer angemesseneren Rationalisierungen von Handlungen anderer Personen. Die moderne Theorie des Verstehens (der Interpretationismus) zeigt allerdings, dass selbst wenn wir die Absichten und Überzeugungen einer komplex verstandenen anderen Person nicht teilen, die Standards von Rationalität und Intelligibilität (Verständlichkeit), auf die wir auch und gerade in vertieften Handlungsrationalisierungen zurückgreifen müssen, dennoch auf der elementarsten Ebene geteilte, universelle Standards sein müssen.” (DEW-GK5, 115f)
Na wunderbar. Wir brauchen mehr solcher Menschen, die sich konform verhalten (können), damit aus dem vereinigten Europa was wird. Dabei beschreibt Detel hier primär eigene subjektive Wünsche, ich würde sagen: eher egoistische Wünsche: ich möchte, dass es meiner Tochter mal besser geht (als anderen Menschen). Unversehens schließt er private Gefühlsdispositionen (eigene Bestandsregungen) kurz mit dem gesellschaftlichen Kontext, so wie wir es schon im Fall Baring viel deutlicher sehen konnten. (Kap.14.4.4) Wie auch nicht ohne definitiven Gesellschaftsbegriff und ohne den Projektionsmodus in der sozialen Analyse zu bemühen? Weltfremder geht’s nimmer. Gegen Respekt und schöne Gefühle ist nichts einzuwenden. Öde wird’s nur, wenn man darauf den Akzent philosophischen Reflektierens legt, um diese Reflexionen eingehen zu lassen z.B. in eine Theorie des guten Lebens, mit der sich schon Aristoteles intensiv beschäftigt hat. Wer will aber wissen, ob ein gutes Leben überhaupt möglich ist? Vielleicht ist das Ganze ja das Falsche, wie Adorno einst formulierte? Damit will er keineswegs sagen, dass Menschen nicht “gut” zu leben verstehen, dass es also ein gutes Leben im falschen Ganzen nicht gibt. Schließlich gibt es ein gutes Lebens (das Wahre) in dem Augenblick, wenn Menschen sagen, dass sie gut leben. Richtig, für die, die es sich leisten können und sich seelisch wie materiell nicht ausgegrenzt fühlen, wiewohl sie es wahrnehmen könnten, wenn sie ihre Phantasien der Wirklichkeit aussetzen würden. Sie tuns nicht und meckern dennoch unentwegt. Freilich Kritik an der Art und Weise, wie sie zu ihrem guten Leben kommen, findet bestenfalls mit angezogener Handbremse statt. Selbst die hochfahrendste Kritik beißt nicht die Hand, die sie füttert. Institutionen, beispielsweise, mögen grausam sein, z.B. indem sie nichts gegen die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen tun, aber Institutionen sind Detel zufolge auch “transformativ” mit entsprechenden Menschen darin, die aus sich etwas machen wollen oder gemacht haben; mit der Prädikation “transformativ” wird auf belanglose Weise der Konflikt entsorgt. Man erklärt die Lösung des Konflikts zur Definitionssache, wenn die Norm nur machen darf. Am Ende erklärt man alles, was nicht niet- und nagelfest ist, zur Definitionssache, so in der Art: wir bauen uns unsren Staat (unsre Institutionen), und zwar in einer Weise, die hinter die platonisch-aristotelische Metaphysik zurückfällt; diese fühlte sich ausdrücklich der sozialen Praxis und damit der Konfliktaustragung verpflichtet. Im antiken Griechenland kamen Menschen zusammen und stritten miteinander, z.B. Aristophanes (“Die Wolken”) und Sokrates im “Gastmahl” von Platon, auch wenn der eine für die Meinung des anderen nicht viel übrig hatte. Stellung zu beziehen oder Stellungnahmen zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn sie einem gegen den Strich gehen, empfand der Grieche als heilige Pflicht. Er entzog sich ihr nicht, auch nicht wenn’s weh tat. Heute sind Menschen empfindlicher, zu empfindlich. Geradezu mimosenhaft. Heute definiert man sich als Etatist und Institutionalist beispielsweise seinen an Institutionen gebundenen Machtbegriff zurecht in der Hoffnung, die (soziale Praxis der) Macht wird es gut mit uns meinen und sich der Definition problemlos annähern, wenn sie nur von jemandem mit untadeligem Ruf repräsentiert und vorgetragen werde, als würde die Definition die soziale Praxis buchstäblich anziehen und “transformieren” (“Im Anfang war das Wort”), frei nach Hegel gleichsam verzaubern: man phantasiert sich eine menschliche, nicht-repressive Macht zurecht (den preußischen Staat als idealen Staat, wie Hegel es tat), eine Macht, die ggf. auf sich selbst verzichtet, ohne dass ein einziger Schuss fällt, weil Definitionen es so vorsehen; eine solche Macht nennt Detel – oh Definition! – “transformativ”:
“Transformative Macht liegt dann vor, wenn die machtausübende Person einem unterworfenen Aktor sowohl nützen will als auch darauf zielt, den unterworfenen Aktor so zu verändern, dass das Machtgefälle zwischen beiden Aktoren aufgehoben wird und der unterworfene Aktor mit denselben Kapazitäten und Fähigkeiten ausgestattet wird wie die machtausübende Person. (Die transformative Macht strebt nach ihrer eigenen Aufhebung).” (DEW-GK5, 71) In Ergänzung dazu heißt es ein paar Seiten weiter, “dass menschliche Subjekte (= Personen) nicht nur im Besitz von Produktionsmitteln sind, sondern prinzipiell auch im Besitz der Mittel zur Transformation sozialer Realität.” (aaO, 75)
Na, und wenn Definitionen halten, was sie versprechen, kann nichts mehr schief gehen, oder? Schließlich gibt es sie, also muss es auch etwas geben in der realen Welt, was sich eindeutig auf sie bezieht. Am Ende ist – frei nach Hegel – alles, was vernünftig ist (sich in Begriffe kleiden lässt), auch (irgendwie eindeutig) wirklich (real) und alles, was wirklich ist, auch vernünftig. So wie die Tatsache vernünftig ist, weil sie wirklich ist, und weil sie wirklich ist, ist sie auch vernünftig, letztendlich, weil alles Soziale irgendwie aus dem Normativen geboren ist. Detel buchstabiert seinen Westentaschenhegel einfach nur nach, auf seine Weise. Nur dass der Vernunft-Satz bei Hegel in einen recht komplexen philosophischen Zusammenhang eingebettet ist, nicht einfach zu verstehen, während er bei Detel buchstäblich ins Auge springt: sein nicht enden wollender explanatorischer Aufbau terminologischer Türme in der Art von Loriot “Wir bauen ein Atomkraftwerk”; das sind Türme, die in den Himmel wachsen, die sich der sozialen Praxis entziehen, in der, oh Schreck!, immer alles anders kommt als man denkt und vor sich hin definiert; wer Detels Definitionswut nicht folgt (das Reale in den Begriffen nicht “wahr” haben möchte), gerät schnell unter Subjektivismusverdacht. Mit diesem Leerbegriff ist der Verstehensvorgang und damit jede Diskussion allerdings erschlagen. Loriots Geschichte sieht wenigstens noch Praxis vor, die die Vorstellung von einer beherrschbaren Kernkraft einholt, nämlich einen Super-Gau, während für Detel in der sozialen Praxis alles (Unmögliche) möglich ist und dann tatsächlich auch so ist, sofern sich dafür nur entsprechende Definitionen (Menschen) konstruieren lassen, selbst eine Macht, die auf Macht verzichtet, ist möglich und daher auch wirklich. Wozu also noch reale Praxis bei all den schönen Definitionen, die für sich selbst sprechen, also nicht schwammig, sondern wirklich sind, weil Detel zuvor die Innen-Außen-Grenze als zu schwammig (nicht physikalistisch beschreibbar) wegdefiniert hat und damit zugleich die soziale Praxis wegdefiniert hat. In dieser passt in der Tat vieles nicht zusammen, während in Detels begrifflich-explanatorischem Aufbau Buchstabe für Buchstabe sich alles zusammenfügt. Sein “Grundkurs Philosophie” macht in der Tat den Eindruck eines bombastischen Puzzles. Alles fügt sich zusammen; nichts ist dem Zufall überlassen. Nach getaner Arbeit darf man sich zufrieden zurückziehen und alles Ungemütliche weggenießen, eine nur schwer ermittelbare, weil nicht beweisbare (vermittelbare) Form von Kommunikationsverweigerung und Ausgrenzung, v.a. nicht vermittelbar für die, die schon von Berufs wegen (z.B. Lehrer oder Professoren) ausgrenzen, weil sie ständig Zensuren verteilen müssen.
Quellen:
BUP-UPM: Peter Bürger, Ursprung des postmodernen Denkens, Göttingen 2000
DEW-FKA: Wolfgang Detel, Foucault und die klassische Antike. Macht, Moral, Wissen, Frankfurt/Main 2006, erste Auflage 1998
DEW-GKP: Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie (in 5 Bänden), Stuttgart 2007 – 2009 (Reclams Universal-Bibliothek)
DEW-GK3: Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie, Band 3: Philosophie des Geistes und der Sprache, Stuttgart 2008
DEW-GK4: Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie, Band 4: Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Stuttgart 2008
DEW-GK5: Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie, Band 5: Philosophie des Sozialen, Stuttgart 2009
DEW-GuV: Wolfgang Detel, Geist und Verstehen, Frankf./Main 2011
DEW-OCN: Wolfgang Detel, On the Concept of Basic Social Norms, in: Analyse & Kritik 30/2008 (Lucius & Lucius, Stuttgart), S. 469–482, Link: http://www.analyse-und-kritik.net/2008-2/AK_Detel_2008.pdf
FOM-WUG: Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt 1969
VOK-GPH: Karl Vorländer und Johann E. Erdmann, Geschichte der Philosophie I-VII, mit Quellentexten, Hamburg 1981, erstmals erschienen 1949
VOK-GPH.I: Karl Vorländer, Philosophie des Altertums, Geschichte der Philosophie I, mit Quellentexten, Hamburg 1981, in VOK-GPH
WIF-C26: Franz Witsch, Bürgerbrief C26: Bemerkungen über den Mehrwert, Hamburg 2011
Link: http://www.film-und-politik.de/C26.pdf
WIF-DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Erster Teil: zum Begriff der Teilhabe, Norderstedt 2009;
Link: http://www.amazon.de/gp/reader/383704369X/ref=sib_dp_pt#reader-link
WIF-TDJ: Franz Witsch, Tag der Jagd, Roman von Axel Brauns, Buchbesprechung, Hamburg 2006
Link: http://www.film-und-politik.de/Tag-der-Jagd.pdf
WIM-DOS: Manuel Wieczorek, Die Ökonomisierung des Sozialen. Masterarbeit zur Abschlussprüfung an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit, Darmstadt 2009
Link: http://www.film-und-politik.de/DieOkonomisierungdesSozialenV2.pdf