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Arbeiterklasse, Arbeiterbewegung und Marxismus heute

von Karl Wild

Beitrag zur Konstitution eines revolutio- nären Subjekts heute und morgen.

Das ideologische und praktisch-politische Pro- jekt des Marxismus von Friedrich Engels und Karl Marx war an den Aufstieg der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung gebunden.

Wurde einem „einheitlichen“ Proletariat im 'Kom- munistischen Manifest' die Fähigkeit zugeschrie- ben, fortschrittlicher als die „fortschrittliche“ Bourgeoisie zu sein, eben durch ihre ein- heitliche Lage und ihre Organisiertheit zur Transformation der Klassengesellschaft in der Lage, so war für den Marx des 'Kapitals' die „organisch“ zusammengesetzte Klasse der Lohnarbeiter ('Kapital', Bd.1, S. 531) insofern weiter Subjekt der Revolution, als die im- manenten Krisen der kapitalistischen Gesellschaft „mit der Notwendigkeit eines Natur- prozesses ihre eigne Negation“ hervorbringen.

Es ist „die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapi- talistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbei- terklasse“, die „des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeut- ung“ überdrüssig wird, umso mehr als die „kooperative Form des Arbeitsprozesses“, die „bewusste technische Anwendung der Wissenschaft“, die „Ökonomisierung“ des Ge- brauchs der Produktionsmittel und der „internationale Charakter“ (siehe „Kapital“, Bd.1, S790f) diesen Umschlag in eine neue Gesellschaft befördert.
Objektiv erwächst eine neue Gesellschaft aus den Vorzügen der alten und subjektiv „schult, vereint und organisiert“ sich das Proletariat durch den Ausbeutungsprozess.

Diese auch theoretische Verbindung des Marxismus mit der Arbeiterbewegung war so- lange eine Erfolgsgeschichte, solange die „Empörung“ über die Verhältnisse das „Prole- tariat“ in eine Gegenstellung gegen das „System“ der kapitalistischen Verhältnisse be- ließ. Trotz aller objektiver „Tendenzen“ ist ganz subjektiv an diese helle „Empörung“ die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft geknüpft. Akzeptiert der subjektive Faktor die Verhältnisse, ist er durch welche materiellen wie ideellen Maßnahmen wie auch im- mer aus diesem Zustand der „Empörung“ befreit, erlischt der revolutionäre Impuls auch des Marxismus.

Heute wird gerne argumentiert, dass die Differenziertheit der objektiven Lage der Arbei- terklasse deren Auflösung impliziert. Doch war für Marx bereits zu Zeiten der Nieder- schrift des 'Kapitals' die Vielschichtigkeit des Proletariats klar und er betonte deswegen, es ist „nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbei- ters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehen.“ (ebda., S. 531)

Nicht die spezifische Stellung, z.B. des Handarbeiters, im Produktionsprozess und des- sen Vereinheitlichung bedingt die Gegenüberstellung zum Kapitalisten, sondern die Lage der gesamten Klasse im Ausbeutungsprozess.
Aber eben diese Lage der Gesamtklasse ist offensichtlich nicht mehr durch „Elend und Knechtschaft“ gekennzeichnet, zumindest in den hochentwickelten, führenden und aus der Sicht von Marx zur Revolution berufenen Ländern. Anders sieht es an der Peripherie des kapitalistischen Systems aus, doch das Scheitern der Revolution dort ist eine an- dere, noch zu analysierende Geschichte!

Mögen auch diese Tendenzen von Elend und Knechtschaft partiell zurückkehren und unsere neoliberale Politik vehement daran arbeiten, siehe Hartz-VI und Agenda 2010, die Lage der Klasse zu verschlechtern, Hoffnung auf Wiederkehr der „Empörung“ bei uns besteht kaum. Die Rekonstitution der arbeitenden Klasse würde eine solche Transforma- tion der spätbürgerlichen Gesellschaft voraussetzen, eine solche Dummheit ihrer politi- schen Klasse, die weit über den reaktionärsten Neoliberalismus hinausweist. Der subjek- tiven Einbindung der arbeitenden Schichten werden weiterhin immense materielle wie ideelle Mittel gewidmet, wobei durchaus für eine Zwischenepoche die verdummenden ideologischen Methoden an Gewicht gewinnen können. Noch einmal zur Verdeutlichung: Nicht die objektive Lage, die Stellung im Kapitalverhältnis, der arbeitenden Menschen heute und in der Zukunft verhindert ihre „Empörung“, sondern subjektiv ihre Bindung ans System. Auch morgen, trotz Wiederkehr von partiellem Elend und vorhandener neuer Knechtschaft.

Für den Marxismus bedeutet dies, will er seine revolutionären Potenzen zurückgewinnen, sich aus den selbst auferlegten Fesseln des Proleta- riats der hochentwickelten kapitalistischen Staa- ten zu lösen.

In dieser Entbindung können ihm neue Kräfte zuwachsen, die ein neues politisches Projekt mitbegründen, dessen Konturen heute nur ver- schwommen am Horizont stehen.

Geht der Marxismus diesen Weg ins Unbekannte nicht, erlöschen seine revolutionären Impulse endgültig. Seine theoretische Kraft der unbe- dingten Kritik der bürgerlichen Ordnung wartet nach dem Scheitern des europäischen Sozialis- mus darauf, neu gewonnen und nutzbar gemacht zu werden. Jede Hinwendung zum Gestern verzögert nur diesen notwendigen neuen Orientierungsprozess.

Eine notwendige Ergänzung:

Einige Anmerkungen zum Subjekt der gesellschaftlichen Transformation“

Zieht man Marx zu Rate, so findet sich bei ihm eine „erweiterte“ und eine „verengte“ Fassung des bei ihm „produktive Arbeit“ genannten Problems (siehe Karl Marx, Das Kap- ital, Erster Band, S.531). Der produktive Arbeiter ist zunächst weit gefasst:
Um produktiv zu arbeiten, ist es nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es ge- nügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollzie- hen.“ Im gesellschaftlichen Arbeitsprozess sind „Kopfarbeit und Handarbeit ... vereint“.

Also wird in den „Ersten Grundlagen“ richtig von einer Erweiterung der Arbeiterklasse ausgegangen, macht die überkommene Trennung zwischen Proletariat und werktätiger Intelligenz keinen Sinn. Mit dieser „erweiterten“ Auffassung vom Gesamtarbeiter verab- schiedete sich Marx bereits im 'Kapital“ von den nivellierenden Vorstellungen über die „einfache“ Arbeiterklasse aus dem Kommunistischen Manifest, die uns so zäh anhängt. Wir müssen in unserer Theorie und Praxis von einer vielschichtigen Arbeiterklasse mit unterschiedlichen Lebenslagen und partiell divergierenden Interessen ausgehen.

Wer nun aber tatsächlich im kapitalistischen Produktionsprozess zu den Lohnarbeitern des Kapitals und damit im Marxschen Sinne zum „Kern“ des Proletariats zählt, findet sich in der „verengten“ formbestimmten Fassung der Arbeiterklasse bei Marx: „Der Arbeiter produziert nicht für sich, sondern für das Kapital. Es genügt daher nicht länger, dass er überhaupt produziert. Er muß Mehrwert produzieren. Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient.“ (Kapital, S. 532)
Nicht bestimmte Branchen konstituieren einen verengten Kern der Arbeiterklasse, son- dern die Stellung im Prozess der Mehrwertproduktion ist ausschlaggebend.
Marx macht am Beispiel eines Schulmeisters den Unterschied deutlich:
Arbeitet dieser für den Staat oder einen Kapitalisten, dies entscheidet über die Zugehö- rigkeit zum produktiven Gesamtarbeiter im Kapitalverhältnis.

Ein „Kern der Arbeiterklasse“ macht sich also nicht an der Nähe oder Ferne zur mate- riellen Produktion fest, sondern bestimmt sich am Vorliegen eines unmittelbaren Ausbeu- tungsverhältnisses. Ob Krankenschwester oder Bauarbeiter, Ingenieur oder Putzfrau, sie sind Teil des „Kerns“ der Arbeiterklasse, wenn sie unmittelbar durch ihre Arbeit Mehr- wert beim Kapitalisten schaffen. Tun sie dies nicht, sollten wir von der Arbeiterklasse angelagerten werktätigen Schichten sprechen, wie z.B. die Arbeiter, Angestellten und Beamten im Staatsdienst. (*1)

Dies mag rein akademisch erscheinen. Von der Heterogenität der Arbeiterklasse, von unterschiedlichen Wahrnehmungen, Interessen und Bedürfnissen, ist auszugehen. Die Pluralität findet jedoch ihre Grenzen in der einheitlichen, konstitutiven Gegenüberstell- ung des „organischen Gesamtarbeiters“ zum Kapital. Hier liegt ein Ansatzpunkt für un- sere Theorie und Praxis.

(*1) Nicht zu vergessen in der Konstitution eines neuen Subjekts sind die Millionen formal selbständigen Werktätigen, die unmittelbar selbst Mehrwert schaffen