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Anarchismus und Judentum Kapitel 3.6

von Gai DÃo via A - Infos

aus dem Jiddischen von Marcel Heinrich

Die 1950 erschienene Schrift 'Anarkho-syndi- kaltishe ideyn un bavegungen bay yidnâ' von Dr. Herrman Frank (1980 - 1952), jahrelanger Redakteur bei der angesehenen anarchistischen Zeitschrift 'Fraye arbeter shtime', dokumen- tiert die Geschichte und die Ideologien der jüdisch-anarchistischen Arbeiterbewegung.

In Paris veröffentlichte Alexander Shapiro im Verlag einiger revolutionärer Syndikalisten im Jahr 1934 die jiddische Schrift ‘Der mark- sistisher tsusamenbrukh. Außerdem erschien eine Reihe über den spanischen Bürger- krieg, welche die jüdischen Anarchisten in Pariser stark beeindruckte und ein Teil von ihnen gehörte zu den ersten Freiwilligen, die ihr Leben für die Befreiung des spanischen Volkes aufopferten. Während der meisten Zeit zwischen den beiden Weltkriegen er- schien in Paris die jiddische Zeitschrift ‘Fraye tribune’.

Im Jahr 1939 trat an ihre Stelle die Zeitschrift 'Fraye yidishe tribune', von der aller- dings nur eine Ausgabe erschien. Ihr Redakteur war A. Bzshezshinski, der im Jahr 1941 starb.

Der Holocaust der 40er Jahre schwächte die Pariser Gruppe. Über 30 ihrer aktivsten Mitglieder wurden in die Todeslager der Nazis ver- schickt und nur wenige von ihnen überlebten und kamen nach Paris zurück. Im Jahr 1949 lebte der ehemalige Redakteur der 'Fraye arbeter shtime' Josef Kahan Ãber einen längeren Zeitraum hinweg in Paris und belebte mit seiner Anwesenheit die Pariser Gruppe.

In der heutigen Zeit, 1950, sind die freiheitlichen jüdischen Sozialisten auf verschiede- nen Gebieten tätig. Eine Gruppe Anhänger Rudolf Rockers schloß sich dem Pariser 'Arbe- ter ring' an. Mit Hilfe amerikanischer Kreise und Freunde gründeten sie eine Schneiderei- Kooperative, die bereits seit mehreren Jahren tätig ist. Seit dem Juli 1949 erscheint in Paris eine monatliche Zeitschrift in Jiddisch, Der 'fraye gedank', eine Zeitschrift des freiheitlichen Sozialismus, die dem Kampf für die Freiheit auf allen Gebieten des Lebens und Denkens gewidmet ist. Seit 1950 existiert eine Gruppe mit dem Namen 'Fraye arbe- ter shtime', im Geiste der New Yorker 'Fraye arbeter shtime', die auf breiter Ebene freiheitliche Propaganda unter der jüdischen Bevölke- rung zu verbreitet.

In Polen, wie schon an anderer Steller erwähnt worden ist, kam die anarchistische Be- wegung noch vor dem ersten Weltkrieg auf. Au- ßer dem Kampf gegen die zaristische Macht strebte die Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wie die Arbeiterbewegung überhaupt, nach dem Aufbau von Gewerkschaften (Syndikaten).

Die Entstehung eines neuen unabhängigen Polen im Jahr 1919 verbesserte die rechtli- che Lage der anarchistischen Bewegung kaum. Für die neuen Herrscher war die anarch- istische Bewegung genauso verboten und gefährlich, wie für die alte. Die Bewegung wurde in den Untergrund vertrieben. Für ihre Tätigkeit landeten viele ihrer Mitglieder für lange Zeit hinter Gittern. Das passierte in Krakau, Lodz und anderen Städten. In War- schau gab es Massenverhaftungen.

Doch ungeachtet der Polizeirepressionen entwickelte sich die Bewegung gut und wuchs stetig an. Es bildeten sich größere Kreise und Gruppen. Der Großteil jüdischer Jugend- licher und Erwachsener fand sich in Warschau, Lodz, Przemyl, Krakau, Tarnov, Lemberg und Lublin zusammen. Es kamen Gruppen in Städten auf, in denen es traditionell solche Bewegungen nicht gab. 80% der anarchistischen Anhängerschaft waren Juden. Aber in Warschau, wie auch im schlesischen Kohle Gebiet waren auch rein polnische anarchisti- sche und anarcho-syndikalistische Gruppen aktiv.

Die Propaganda wurde auf polnisch und jiddisch geführt. Die 'AFP' (Polnische Anarchisti- sche Föderation) gab das mehrsprachige Journal 'Wolka Klasâ' (Klassenkampf) heraus und verbreitete es über das Land. Es erscheinen Bücher und Broschüren über Anarch- ismus, soziale Fragen und Werke von berühmten anarchistischen Theoretikern in beiden Sprachen auf legalem und illegalem Weg.

Außer der Aufklärungsarbeit legten die jüdischen Anarchisten großer Wert darauf, den anarcho-syndikalistischen Geist in die Gewerkschaften zu tragen. Sie nahmen am Auf- bau und dem Wuchs der Syn- dikate regen Anteil, besonders in der Kleidungsindustrie, im textil-, holz- und metallverarbeitenden Gewerbe, in Schustereien, bei der Sandalen- produktion, bei Friseuren und anderen. In der Warschauer Mittelschule führten Lehrer einen fruchtbaren Kampf, bei dem ein Teil der Schülerinnen und Schüler in die Bewegung hineingezogen wurde. Aber von dem turbulenten jüdischen gesellschaftlichen Leben war der jüdische Sektor der anarchistischen Bewegung abgetrennt.

Eine Gruppe ethisch-jüdischer Anarcho-Individualisten wanderte in den Jahren 1924 bis 1926 nach Palestina aus, um dort Propa- ganda für das anarchistische Ideal zu betrei- ben. Sie planten eine Kolonie 'Genesisâ zu gründen (siehe den Artikel von Menashem Anger. 'Farzukh tsu predikn anarkhizm' in hebreish. 'Fraye arbeter shtime', 13. Juni 1930).

Der Ausbruch des Krieges (1939) unterbrach die Tätigkeiten in Polen nicht. Unter dem Regime der Nazis arbeitete eine interna- tionalistische Gruppe. Sie half den jüdischen Brüdern im Ghetto und ein polnischer Genosse wurde am Tor des Ghettos erschossen als er versuchte Hilfsgüter in das Ghetto zu schmuggeln.
In der Schlacht gegen die Nazi-Deutschen beim Aufstand im Warschauer Ghetto kämpf- ten nicht wenige jüdische Anarchosyndikalisten und Anarchisten mit dem Gewehr in der Hand.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Herbst 1939 wurden mit einem großen Strom flüchtende und heimatloser Juden auch die Anarchisten in die von der sowjeti- schen Armee besetzten Gebiete vertrieben. Sie teilten später das gleiche Schicksal wie die anderen hunderttausende entronnenen polnischen Juden, die alle nach Sibirien oder andere weit abgelegenen, wüsten Gebieten des sowjetischen Reiches verschickt wurd- en, wo die meisten von ihnen vor Hunger und Erschöpfung starben.

Es blieb auch kaum jemand der Genossen und Genossinnen oder der jüdischen Gemein- schaft leben, die unter das Ausrottungs-Regime der Deutschen fielen. Nur Einzelne überlebten. Und sie, wie auch jene, die aus Russland nach Polen zurückgekehrt sind, finden sich heute in Polen.

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