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Gedanken zur Weihnachtszeit

Von Katharina Meß

Wenn wir um die Weihnachtszeit Zeitung lesen, Radio hören oder fern sehen, können uns die zahlreichen Spendenaufrufe für Menschen in Not nicht entgehen. Kranke, sozial Ausgegrenzte, Alleinerziehende und, in diesem Jahr hoch aktuell, Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten, bedürfen unserer Unterstützung. Das ist richtig und es ist gut, dass viele Menschen den Aufrufen zur Hilfe nachkommen.

Was mir dann immer wieder bald in den Sinn kommt und weniger gut gefällt, sind drei Dinge: Erstens: Warum eigentlich gibt es diese Welle der Spendenbereitschaft nur in den wenigen Wochen vor Jahresende? Zweitens: Warum eigentlich müssen, um diese Bereitschaft hervor zu locken, Werbekampagnen in den Medien inszeniert werden und Hilfsorganisationen zeitgleich miteinander konkurrieren? Und drittens: Wieso funktioniert das alles heutzutage offenbar nur noch dadurch, dass in den letzten Jahrzehnten eine regelrechte Hilfs- und Spendenindustrie aufgebaut worden ist?

Wir alle wissen, dass es – gerade in unserem Bundesland – sehr viele Alleinerziehende gibt, die ihren Kindern nicht aus eigener Kraft ein schönes Fest mit Geschenken und gutem Essen ausrichten können. Mich stört, dass dann für alle gut hörbar private, familiäre Details ausgebreitet werden und sich Zeitungsredakteure und Fernsehmoderatorinnen in ihrer Weihnachts-Retterrolle gefallen. Diese Aufrufe rühren auch mich, aber wenn ich dann aus der Rührung „erwacht“ bin, bleibt fast immer Wut übrig. Es ist meine Verärgerung darüber, dass all diese Einzelfälle Symptome für den Missstand eines großen Ganzen sind.

In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich, dass solche Aufrufe nötig sind? Fragt unsere Gesellschaft eigentlich auch danach, wie es diesen Menschen im restlichen Jahr geht? Kann die Familie sich einen Urlaub leisten? Können die Kinder zum Kindergeburtstag gehen oder an der Klassenfahrt teilnehmen? Sind die aus Not und Elend ins sichere Mitteleuropa Geflüchteten wirklich bei uns „angekommen“, von uns willkommen geheißen?

Da ich beruflich und politisch mit sehr vielen Menschen in Kontakt bin, weiß ich, dass fast alle Hartz IV-Empfänger, viele im Niedriglohnsektor Beschäftigte und die meisten Rentnerinnen und Rentner sich nicht auf Weihnachten freuen können. Die Spendenaufrufe haben bei ihnen genau den umgekehrten Effekt: Vor Weihnachten wird ihnen besonders deutlich, wie wenig sie sich leisten können, während andere schon gar nicht mehr wissen, was sie noch alles kaufen sollen. Sie wissen, dass diese Schere immer weiter auseinander klafft. Und sie spüren, dass sich ihre Lebenslage durch wohltätige Jahresendspenden nie wirklich ändern wird.

Der Frust der steil ansteigenden Zahl unserer sozial Benachteiligten kann nicht durch mehr oder weniger rührselige Inszenierungen ausgeglichen werden. Im Gegenteil: Die Armutsverwaltung mittels Kleiderkammern, Suppenküchen, Tafeln etc. befördert geradezu die Abschaffung des Sozialstaates und sorgt für eine Wiederkehr des mittelalterlichen Almosenwesens. Kurzfristige und punktuelle Hilfe verschafft den Helfern ein gutes Gewissen, trägt aber nichts dazu bei, die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern.

Wir erinnern uns: Die enorme Zunahme solcher Einrichtungen, die Entstehung einer regelrechten „Wohlfahrtsindustrie“, weist den an den Rand gedrängten Menschen in unserer Gesellschaft ihren festen Platz zu und macht sie abhängig von Barmherzigkeit, während der Staat als Repräsentant des „gesellschaftlichen Willens“ sich immer weiter zurück zieht. Ist das wirklich unser gemeinsamer gesellschaftlicher Wille?

Wir erinnern uns auch: „Die Politik“, die politischen Parteien sind in unserem Gesellschaftssystem die entscheidende Institution, um diesen unseren Willen in Gesetze zu gießen, in die Praxis umzusetzen. Wir sollten uns gerade in den Wochen der Besinnlichkeit fragen, ob und wo dies der Fall ist, welche politische Kraft für Humanität, Menschenwürde, sozialen Ausgleich steht. Ich persönlich habe schon vor einiger Zeit meine Entscheidung getroffen, und die hat sich nicht geändert – im Gegenteil, ich bin heute sicherer denn je.

Ein Gutes haben die vielen Spendenaufrufe jedes Jahr zur Weihnachtszeit: Sie machen uns deutlich, dass es nichts, aber auch gar nichts an Not und Elend ändert, wenn wir unser Gewissen einmal alle zwölf Monate beruhigen. Sozialpolitik kann nicht in homöopathischen Dosen verabreicht werden, sondern sie ist eine grundlegende strukturelle Aufgabe in unserer Gesellschaft. Was wir brauchen sind wirksame Gesetze gegen Armut und keine kalkulierte, auf freiwilliger Basis gegründete Barmherzigkeit. Was wir brauchen ist ein Gemeinwesen, das gesellschaftliche Aufgaben selbst wahrnimmt und sie nicht in geschäftstüchtige Hände vergibt, an eine Wohlfahrtsindustrie, in der Hilfsunternehmen miteinander um Aufträge konkurrieren.

Ich möchte an einen Wandel in unser aller Einstellung zur gemeinsamen Zukunft appellieren. Das Zauberwort heißt „Solidarität“. Um diese Solidarität in die Politik auch in unserem Land hineinzutragen, gibt es für mich eine Option: Ich kandidiere für DIE LINKE zur Landtagswahl im März 2016. In wenigen Wochen haben wir alle die Gelegenheit, unsere Gedanken zur Weihnachtszeit nochmal in Erinnerung zu rufen und uns für eine solidarische, humanitäre, sozial sichere Zukunft zu entscheiden.