Noch ein bißchen ARGEs - Ein Fall aus Höxter
von Horst Bruns
Wenn eine zu der ARGE geht, dann kann sie was erzählen. So auch eine Freundin aus Höxter. Nennen wir sie M.M.M.
M.M.M. ist Vorsitzende des Sozialen Zentrums Höxter (SZH). Da bekommt sie ziemlich oft Besuch von Hilfesuchenden. So auch am 21. Januar dieses Jahres. Von einem jungen Mann namens M.P. Und mit diesem jungen Mann hat M.M.M. bei der ARGE Höxter einiges erlebt, das sie zu einem Offenen Brief an den Geschäftsführer der dortigen ARGE - den Namen lassen wir mal weg - veranlaßt hat. Damit’s nicht allzu lang wird, sei die Geschichte kurz in Stichworten erzählt.
• M.P. kommt am 21.01.2010 in die Beratungsstelle des SZH. Er ist obdachlos, macht rund 20 km entfernt eine Lehre, bei der er keinen Tag und keine Stunde fehlen darf, und braucht dringend eine Bleibe.
• M.M.M. geht mit M.P. zum Ordnungsamt, und nach wenigen Stunden hat M.P. eine vorübergehende Notunterkunft. Die vom Ordnungsamt sind nämlich auf Zack.
• M.P. gibt M.M.M. eine Vollmacht, ihn bei Ämtern und Behörden zu vertreten, weil er wegen seiner Lehre immer erst nach 18.00 Uhr zu Hause ist.
• M.M.M. geht am 22.01. mit Änderungsmeldung und Vollmacht zur ARGE. Die Sachbearbeiterin ist schnell. Abänderungsbescheid ist am 26.01. im SZH.
• M.P. stellt seine Möbel bei einem Freund ab, der aber auch am 31.01. umziehen muß.
• Ein Mensch (der diese Bezeichnung noch verdient) stellt M.P. eine Wohnung mit 50 m² sofort zur Verfügung. Am 29.01. will M.M.M. mit der Mietbescheinigung zur ARGE.
Soweit, so gut. Doch jetzt kommt’s:
• M.M.M. ruft die ARGE an, wegen eines sofortigen Notfalltermins. Die Sachbearbeiterin (s.o.) ist aber für ein paar Tage weg. Das Gespräch wird zu einem anderen Sachbearbeiter durchgestellt. M.M.M. schildert den Notfall.
• Der Sachbearbeiter fordert M.M.M. barsch auf, für „nächste Woche“ einen Termin auszumachen, und fügt verdammt unfreundlich hinzu: „Mit ihnen diskutiere ich nicht!“
• M.M.M. fragt nach dem Ernst dieser „Mitteilung“ und ob denn der junge Mann noch mehrere Tage in der Notunterkunft bleiben solle. Auch die wenigen Möbel des jungen Mannes seien dann verloren.
• Der Sachbearbeiter bleibt hart und schnauzt M.M.M. an: „Mit ihnen diskutiere ich nicht, Frau M.! Machen sie einen Termin!“ Dann legt er auf. An dem Tag passiert seitens der ARGE nichts mehr.
• Der Mensch (der diese Bezeichnung noch verdient) hat die Lösung: Er gibt, obwohl er das überhaupt nicht muß, M.M.M. den Wohnungsschlüssel, damit der junge Mann seine Möbel dort schon einmal abstellen kann.
Glück gehabt! Könnte man meinen. Aber nur unter Menschen (die diese Bezeichnung auch verdienen). Wer bei einer ARGE - in welcher Stadt auch immer - auf „Glück“ vertraut, ist ein hoffnungsloser Utopist. Denn merke:
- Wenn du zur ARGE mußt, kannst du dich auf einiges gefaßt machen.
- Wenn du obendrein noch auf Hartz IV angewiesen bist, kannst du dir so was Lächerliches wie Menschenwürde abschminken. Dann bist du nur noch ein lästiger Tunichtgut, der am „Empfang“ eine „Kunden-“Nummer zieht, als eben diese Nummer behandelt wird und als zu verwaltende Sache in Bergen von Akten und Verfügungen verschwindet. Dort springen sie dann mit dir um wie der Metzger mit der Sau.
- Wenn du von diesem unserem Staat für die Reichen und Gierigen (noch) nicht per Gesetz zu den armen Schweinen geprügelt wurdest und den „menschlichen Sachen“ beistehen willst, wirst du in Nullkommanix zu deren Helfershelfer und Kollaborateur abgestempelt. Dann bist auch du nur noch eine Sache.
- Aber wenn du dich nicht stigmatisieren läßt, wenn du dich zusammen mit anderen auf die Hinterbeine stellst und den argen Menschenschindern in den ARGEn ein vielstimmiges „So nicht!“ um die Ohren kloppst, dann besteht für dich und einige Millionen ebenfalls Betroffene die Chance auf Erfolg.
So geschehen im Fall von M.M.M. und MP. Am 01.02.2010 kommt eine Mail von M.M.M.: M.P. kann am 01.02. in seine neue Wohnung einziehen.
Es ist schon was dran an dem Slogan der LINKEn: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!“ Und beim Sich-Wehren sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. M.M.M. hat’s über eine kurzfristige Aktion im Internet (facebook) und noch ein paar Sachen gemacht und einen schnellen Erfolg erzielt. Ja, ja. Auch ARGEn mögen nicht gerne am öffentlich bestrahlten Pranger der Unmenschlichkeit stehen. Offene Briefe können da schon mal recht hilfreich sein.
Jetzt gebe ich mich noch einer Illusion - oder auch nicht? - hin: Was wäre, wenn Zigtausende um ihr Existenzminimum Betrogene den schwarz-gelben Mietlingen und Günstlingen (neudeutsch: Lobbyisten) der nach immer mehr Kapital Gierenden und auch den Gierlappen selber die Mäuler mit zerknüllten „Leistungs-„Bescheiden stopfen würden? Nicht auszudenken. Wäre das schön!