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UNI VV Wirtschaft in Köln unterstützt offenen Brief zur Neuausrichtung des Studiums

von UNI VV Wirtschaft Köln

Sehr geehrter Vorsitzender, liebe Mitglieder des Vereins für Socialpolitik

Wir, Studierende und Lehrende der Volkswirtschaftslehre an über 50 Hochschulen¹ im deutschsprachigen Raum, wollen hiermit auf den alarmierenden Zustand unseres Faches aufmerksam machen und konstruktiv an der Neugestaltung der Volkswirtschaftslehre mitwirken.

Jahrzehntelanger Glaube an die selbstregulierenden Kräfte des Marktes, der vorherrschende Modellplatonismus, mangelnde Selbstreflexion und fehlende Methoden- und Theorienvielfalt haben nicht nur unser Fach in eine Sackgasse geführt: die Einseitigkeit ökonomischen Denkens trägt auch zur anhaltenden Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden Perspektivlosigkeit bei.

ÖkonomInnen haben im öffentlichen Diskurs großen Einfluss: Sie schalten sich durch zahlreiche Forschungs- und Beratungsinstitute sowie den Sachverständigenrat in gesellschaftliche Entscheidungsprozesse ein. Als oft zitierte ExpertInnen tragen sie so die Einseitigkeit des derzeitigen ökonomischen Denkens in die Gesellschaft. Dabei haben wir als ÖkonomInnen eine große gesellschaftliche Verantwortung. Dieser können wir nur gerecht werden, wenn wir die Volkswirtschaftslehre erneuern, indem wir einen pluralistischen Blick auf wirtschaftliche Probleme entwickeln.

Wir rufen alle Lehrenden und Studierenden auf, an der Neugestaltung unseres Faches mitzuwirken und in Forschung und Lehre folgende Grundsätze zu berücksichtigen.

Grundsätze zur Neugestaltung der Volkswirtschaftslehre

1. Theorienvielfalt statt geistiger Monokultur

Der Schwerpunkt der derzeitigen Lehre und Forschung liegt auf Varianten neoklassischer Grundmodelle. Für Forschung und Lehre jenseits dieser Spielarten ist an deutschen Hochschulen zu wenig Platz. Diese „geistige Monokultur“ schränkt die ökonomische Analyse ein und macht sie fehleranfällig. Wir fordern ein kritisches Miteinander unterschiedlicher Theorien. Die Volkswirtschaftslehre ist eine Sozialwissenschaft und muss – wie andere Sozialwissenschaften auch – vielfältige theoretische Ansätze beherbergen. Vielversprechende, aber derzeit weitestgehend vernachlässigte Ansätze sind beispielsweise: Alte Institutionenökonomik, Evolutorische Ökonomik, Feministische Ökonomik, Glücksforschung, Marxistische Ökonomik, Ökologische Ökonomik, Postkeynesianismus und Postwachstumsökonomik.

2. Methodenvielfalt statt angewandter Mathematik

Die Mathematisierung der Ökonomik hat dazu geführt, dass die Lehre zur angewandten Mathematik verkommen ist. Die Mathematik darf für ÖkonomInnen nur ein Mittel und niemals ein Selbstzweck sein. Sie soll Teil eines bunten Fächers an Methoden in Forschung und Lehre der Ökonomik sein. Für die Forschung bedeutet dies unter anderem inter- und transdisziplinäre Fallstudien, Theorienvergleiche, Interviews, Fragebögen, teilnehmende Beobachtung, Simulationsmodelle und Diskursanalyse. Die Lehrmethoden müssen beispielsweise durch plurale Lehrbücher, Kleingruppenarbeit, Projektseminare, inter- und transdisziplinäre Veranstaltungen, Fallstudien sowie das Studium von Primärtexten erweitert werden.

3. Selbstreflexion statt unhinterfragter, normativer Annahmen

Zu oft werden die grundlegenden Annahmen der Volkswirtschaftslehre weder explizit dargelegt noch hinterfragt. Dabei sind diese Annahmen oft nicht nur deskriptiver, sondern auch normativer Natur. Letztendlich wohnen jeder volkswirtschaftlichen Analyse gewisse Werturteile inne. Ihre Reflexion ist ein notwendiger Teil wissenschaftlichen Arbeitens. Besonders die Mathematisierung der Ökonomik führt zu einer Verschleierung der Werturteile und so zu einer vermeintlichen Rationalisierung politischer Programme. Trotz aller Versuche sie durch Mathematik als solche zu definieren, ist die Volkswirtschaftslehre keine Naturwissenschaft.

Des Weiteren müssen Studierende der VWL stärker für die historischen und kulturellen Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns sensibilisiert werden. Nur wer sich der Komplexität der Realität bewusst ist, kann wissenschaftliche Modelle richtig anwenden. Nur so besteht keine Gefahr, Modelle mit der Realität zu verwechseln. Hierfür müssen alle ÖkonomInnen die Geschichte ihres Faches und die wissenschaftstheoretischen Grundlagen kennen. Lehrveranstaltungen über die Geschichte des ökonomischen Denkens und Wissenschaftstheorie müssen daher Teil des Curriculums sein. Als größte Vereinigung von WirtschaftswissenschaftlerInnen im deutschsprachigen Raum sehen wir Sie in der Pflicht, unsere Kritik ernst zu nehmen und gemeinsam mit uns folgende Forderungen umzusetzen.

Forderungen

  1. Theorienvielfalt in Forschung und Lehre.

  2. Methodenvielfalt in Forschung und Lehre.

  3. Erweiterung des Curriculums um Lehrveranstaltungen zur Geschichte des ökonomischen Denkens, Wissenschaftstheorie und interdisziplinäre Veranstaltungen.

  4. Integration pluraler Lehrbücher in das Studium.

  5. Abkehr von Thomson Reuters 'Impact Factor' als alleinigem Maßstab für gute Forschung.

  6. Besetzung von mindestens 20 % der Lehrstühle mit heterodoxen ÖkonomInnen.

Um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen, werden wir für Transparenz sorgen.
Auf der Homepage www.plurale-oekonomik.de dokumentieren wir, inwieweit die Organisation des Studiums an unseren Universitäten den gestellten Forderungen Rechnung trägt.

Hochachtungsvoll,
besorgte Studierende und Lehrende der Volkswirtschaftslehre

¹: Eine ausführliche Auflistung der InitiatorInnen und UnterzeichnerInnen findet sich auf www.plurale-oekonomik.de