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„NICHTS hören NICHTS sehen NICHTS sagen“

von  H. Hilse - SOKO Köln

So lautete der Titel der Veranstaltung, die das Griechenlandkomitee Köln gemeinsam mit der Initiativgruppe griechische Kultur über Deutsche Wehrmachtverbrechen in Griechenland am Dienstag, dem 26.März 2013 im DGB-Haus Köln durchführte.

Die Journalistin Natalia Sakkatou sowie Jürgen Rompf als Vertreter der Initiativgruppe griechische Kultur in der BRD stellten den Besuchern die Thematik eindringlich vor.

In einem Lichtbildervortrag stellte Jürgen Rompf die schöne Kleinstadt Distomo im Norden Griechenlands mit etwa 2000 Einwohnern vor. Die Bilder- wie aus einem Reiseprospekt - lösten bei den 40 Anwesenden Urlaubswünsche aus. Doch es wirkte wie ein emotionaler Absturz, als dann dieselben Gebäude und Bäume auf den Bildern vom Juni 1944 wiederzuerkennen waren.

Der Vortragende erläuterte: Am Samstag, den 10. Juni 1944, fuhr die 2. Kompanie des 4. SS-Panzer- Grenadier-Regiments 7 (vormals SS-Polizei-Panzer- Grenadier-Regiments 7) in der Regionalhauptstadt Levadia (Böotien) zur "Freikämpfung" der Hauptstraße nach Arachova hinauf, die von griechischen Partisanen gesperrt sein sollte. Zur Täuschung der Partisanen fuhr ein Zivilkommando auf zwei Lkws der nachfolgenden Kompanie voraus.

Bei der Durchsuchung von Erdbunkern (in Wirklichkeit waren es Schafställen), unweit der Abzweigung nach Distomo entfernt, stießen sie auf eine Gruppe von 18 unbewaffneten Zivilisten, die sich dort mit einer Schafherde aufhielten. Als sechs der Männer zu flüchten versuchten, wurden sie erschossen. Die anderen 12 Männer wurden gefangen genommen und bis Distomo mitgeführt…. Die Soldaten hielten sich hiernach 3. Stunden im Ort auf, ohne das Feindeinwirkung erfolgte. Eine Kolonne von mehreren Fahrzeugen sollte den Weg in das fünf Kilometer entfernte Stiri erkunden. Etwa 700 Meter vor Stiri wurde die Kolonne von Partisanen angegriffen. Vom Gefechtslärm und Lichtsignalen alarmiert, rückten die in Distomo verbliebenen Soldaten nach. Daraufhin zogen sich die Partisanen zurück Bei der Schießerei kamen drei Angehörige der Kompanie ums Leben. Vier der insgesamt 18 Verwundeten starben kurze Zeit später.

Georg Koch, Angehöriger der deutschen Geheimen Feldpolizei, der an diesem Tag die Kompanie begleitete gab später zu Protokoll:

„Nach Rückkehr der Truppe nach Distomon wurden als Sühnemaßnahmen wohl auf Befehl eines Obersturmführers, der jedenfalls bei diesem Vorgang dabei war, auf dem Marktplatz die mitgeführten 12 Personen erschossen. Anschließend wurden alle in Distomon anwe­senden Leute an den Stellen, an denen sie gerade angetroffen wurden, erschossen. Soweit ich die Vorgänge beobachtet habe - ich hielt mich in dieser Zeit auf dem Marktplatz auf und kümmerte mich um unseren verwundeten Dolmetscher - wurden in der Umgebung des Marktplatzes 60-70 Personen, und zwar Männer, Frauen und Kinder getötet. Soweit ich gesehen habe, sind alle erschossen worden…..

Es waren an jenem Tag 218 Menschen und zwar: 20 Kleinkinder im Alter von wenigen Monaten bis zu 5 Jahren. (die ungeborenen aus den Bäuchen gerissen Säuglinge nicht mitgerechnet, das jüngste war weniger als 2 Monat alt). 45 Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 20 Jahren (davon waren 26 Jungen und 19 Mädchen). 111 Erwachsene im Alter von 20 bis 60 Jahren. (davon waren 44 Männer und 67 Frauen). 42 Erwachsene über 60 Jahre. Davon 24 Männer und 18 Frauen - die älteste 85 Jahre alt.

Als der schwedische Delegierte des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK), Prof. Sture Linner und seine Ehefrau Clio, im Morgengrauen des 15. Juni 1944 von der Hauptstraße ins nahe Distomo abbogen, machten sie eine grausige Entdeckung. "Festgenagelt mit Bajonetten", so Linner, hingen etwa zehn Leichen an den Bäumen der Allee, die in das Dorf führte. "Über der Gegend lag ein fürchterlicher Gestank von Brand und Verwesung", berichtet der IKRK-Delegierte. Als die beiden auf den Dorfplatz kamen, stießen sie auf weiteres Grauen: "Überall lagen Tote. Ich kann nicht sagen, wie viele es waren. Auf mich wirkte es, als wären es Hunderte. Darunter waren Frauen, deren Bäuche aufgeschlitzt waren. Die Eingeweide quollen heraus. Einigen Frauen waren die Brüste abgeschnitten, Männern hatte man das Geschlechtsteil abgetrennt. Daneben lagen Kinder, deren Schädel zertreten waren….“

Bei ihrem Rückzug aus Distomo hatten die SS-Angehörigen auch das Vieh von fahrenden Lkws aus erschossen. Verbrannte Tierkadaver lagen auf den Feldern.

In Distomo verübte die deutsche Besatzungsmacht eines der grausamsten „spontanen Massaker.“ Die Journalistin Natalia Sakkatou belegte dann, dass es neben mehreren solcher "spontanen Massaker" auf griechischem Boden erheblich mehr „organisierte Massaker“ gab. Dabei war Tätern und Opfern ihre Rolle schon vorher klar: Massenerschiessungen fanden an unzähligen Orten statt und man entdeckte unter den Totenlisten auch deutsche Namen. Es handelte sich hierbei um deutsche Wehrmachtssoldaten, die desertiert waren oder den Befehl verweigert hatten. Deren Schicksal ist zum größten Teil noch unerforscht.

Zur „Entschädigung“ durch Deutschland

Im Jahr 1946 wurden auf der Pariser Konferenz der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die griechischen Schadensersatzeransprüche auf 7,5 Milliarden Dollar beziffert. Gezahlt wurde diese Summe von deutscher Seite jedoch nicht.

Auch nicht der Betrag von 7,5 Milliarden Reichsmark, den sich die deutschen Besatzer im Jahr 1942 als Zwangsanleihe von der griechischen Zentralbank »genehmigen ließen« und der auf der Londonerschuldenkonferenz bis zum Tag der Widervereinigung Deutschlands gestundet wurde. Ab 1960 bezahlte die Bundesregierung nach Abschluss eines Vertrages 18. 3. 1960 in drei Raten 115 Millionen Mark an die griechische Regierung. Im Vertragstext findet sich die Formulierung:
"zugunsten der aus Gründen der Rasse, des Glaubens oder Weltanschauung von nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen betroffenen griechischen Staatsangehörigen, die durch diese Verfolgungsmaßnahmen Freiheitsschäden oder Gesundheitsschädigungen erlitten haben".

Ausgenommen von diesen Zahlungen waren die Angehörigen der Opfer von Distomo (und den anderen griechischen Orten)! DENN die dort begangenen Verbrechen galten nicht als Folge nationalsozialistischen Unrechts, sondern als Folge von Kriegshandlungen.

Die nach dem blutigen Bürgerkrieg regierende königliche Regierung zeigte kein Interesse an der Regelung der Entschädigungsfrage, waren doch die Opfer zum überwiegenden Teil Angehörige kommunistischer Partisanen, die auch gegen das Königtum gekämpft hatten. So kommt es, dass sich die Bundesrepublik aus ihren rechtlichen Verpflichtungen davonschleichen konnte.

In einem abschließen Briefwechsel zwischen dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Dr. Albert Hilger van Scherpenberg der Botschaften beider Staaten, der von der Bundesregierung und dem damaligen Königlich Griechischen Botschafter Thomas Ypsilanti unwidersprochen blieb heißt es (Zitat):
„Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland geht davon aus, dass die Königlich Griechische Regierung künftig an sie mit dem Verlangen nach Regelung weiterer Fragen, die aus nationalsozialistischen Verfolgungsmaß­nahmen während Kriegs- und Besatzungszeit herrühren, nicht herantreten wird.“

Als der griechische Botschafter im Jahre 1995 im Bonner Auswärtigen Amt an die Ansprüche seines Landes erinnerte, wurde ihm mitgeteilt, 50 Jahre nach Kriegsende habe "die Reparationsfrage ihre Berechtigung verloren". Bis 1989 wurden derartige Ansprüche mit der Begründung zurückgewiesen, dass dafür die Zeit noch nicht reif sei. Für eine abschließende Regelung von Reparationsforderungen erklärte man bis dahin in Bonn einen Friedensvertrag für erforderlich, den nur ein "wiedervereintes" Deutschland schließen könne. Als es der Bundesregierung nach 1989 gelang, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ohne eine solche friedensvertragliche Regelung durchzusetzen, waren damit gleichzeitig die zurückgestellten Reparationsforderungen anderer Staaten vom Tisch gebracht.

Natalia Sokkatou schilderte in eindringlicher Form, was diese „juristische Aufarbeitung“ für die Opfer bis heute bedeutet: Ihr Leid wird nicht als solches anerkannt und das empört die Menschen. Es wäre nach ihrer Auffassung ein großer Schritt, wenn erst einmal die Anerkennung dessen erfolgte, was damals geschehen war.

Dazu gehören auch die Massaker an italienischen Truppen, die in Griechenland als Besatzer waren: 

Nach dem Sieg der Achsenmächte 1941 über Griechenland wurde die Insel Kefalonia von deutschen und italienischen Truppen besetzt. Die Besatzung bestand aus 12.000 Soldaten der italienischen Infanteriedivision „Acqui“ sowie den deutschen Festungs-Grenadierbataillonen 909 und 810 mit zusammen 2.000 Mann. Befehlshaber der Division Acqui war General Gandin und jener der deutschen Truppen Oberstleutnant Johannes Barge.

Italien ergab sich am 8. September 1943 sich den Alliierten. Durch Mangel an Nachrichten und Befehlen aus Rom herrschte zunächst unter den italienischen Armeeangehörigen auf der griechischen Insel heftige Konfusion. Am 9. September begannen Gandin und Oberstleutnant Barge Verhandlungen über das weitere Schicksal der Division Acqui. Gandin befahl als Zeichen des guten Willens den Rückzug von einem strategisch wichtigen Ort.

Während die italienische Verhandlungsführung auf der Insel den deutschen Verbündeten zusicherte, dass sie keinesfalls die Waffen gegen Deutsche erheben werde, verweigerten die italienischen Einheiten der italienischen Führung den Befehl. Am Nachmittag des 12. September kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen Soldaten beider Nationen, als Wehrmachtsangehörige zwei italienische Artillerieabteilungen in ihrem Abschnitt entwaffneten. Während die italienische Verhandlungsführung auf der Insel den deutschen Verbündeten zusicherte, dass sie keinesfalls die Waffen gegen Deutsche erheben werde, verweigerten die italienischen Einheiten der italienischen Führung den Befehl.

Daraufhin ließ Gandin in dieser Nacht seine gesamte Division befragen, welche von drei Optionen sie wählen wollten:

  • an der Seite der Deutschen weiterkämpfen
  • sich ergeben
  • gegen die Deutschen kämpfen

Dies löste – auf Anweisung aus Berlin- das Massaker an den ehemals verbündeten italienischen Truppen durch die deutsche Wehrmacht aus: Am 15.September um 12:30 Uhr begannen Sturzkampfflugzeuge (Stuka) der Luftwaffe mit der Bombardierung der italienischen Stellungen bei Argostoli. Gegen 14 Uhr befahl der italienische General Gandin, den Kampf aufzunehmen. Am 18. September gab das Oberkommando der Wehrmacht den Befehl aus, dass „wegen des gemeinen und verräterischen Verhaltens auf Kephalonia keine italienische Gefangenen zu machen“ seien.

Am 24. September wurden wiederum entgegen der zweiten Genfer Konvention von 1929 und entgegen der Haager Landkriegsordnung alle verbliebenen 280 italienischen Offiziere erschossen. Sieben waren verwundet und wurden zu ihrer Hinrichtung aus dem Lazarett geholt. Auch General Gandin wurde erschossen. Auf der Nachbarinsel Korfu, wo sich die 8.000 Mann starke italienische Besatzung am 25. September nach einem eintägigen heftigen Gefecht ergab, fielen 630 italienische Soldaten. Am 26. September 1943 wurden alle überlebenden 280 gefangenen Offiziere auf Korfu erschossen und ihre Leichen anschließend im Meer versenkt.

Der Abtransport der gefangenen Italiener forderte weitere schwere Opfer. Am 28. September sank der Frachter Ardena, der mit 840 Gefangenen auf dem Weg von Kefalonia zum Festland war, südlich von Argostoli. 720 italienische Gefangene starben dabei, darunter viele Überlebende des Massakers. Weitere 1.000 bis 1.300 Kriegsgefangene starben beim Untergang zweier kleinerer Schiffe durch alliierte Minen in der Nähe der Insel.

 Auch dieses Massaker gehört zu den bis heute in Deutschland nicht wirklich aufgearbeiteten Verbrechen. Hinsichtlich der beteiligten Gebirgsjäger wurden mehrfach juristische Untersuchungen aufgenommen, abgeschlossen und nach Medienberichten, politischen Ereignissen und immer neuen Materialhinweisen gezwungenermaßen wieder aufgenommen. In keinem der bisherigen Verfahren in Deutschland kam es zu einer Anklageerhebung von Beteiligten.

Ohne Wahrhaftigkeit gegenüber der Wahrheit könne die Entwicklung eines gemeinsamen Europas nicht gelingen, meinte die Referentin.. Wie dann mit dieser anerkannten Wahrheit umgegangen wird, sei eine davon loszulösende Frage, die dann in gemeinsamen Beratungen zu regeln wäre. Dabei ginge es nicht um eine weitere Anhäufung von Statistiken im deutschen Schulunterricht, sondern um die Weckung eines Verständnisses, was das Lebensrecht des Menschen bedeute. Sie äusserte die Hoffnung, dass so aus der unendlichen Leiderfahrung des 2. Weltkrieges für alle Völker Europas Elemente eines künftigen gemeinsamen europäischen Bewusstseins erwachsen könnten. Bilanzen, Bankgewinne und Statistiken seien jedenfalls zur Herausbildung solch eines Bewusstseins völlig ungeeignet.

Auch wenn diese Veranstaltung des GSKK nicht direkt die aktuelle Situation der organisierten Verarmung durch die von Deutschland forcierte Troika-Diktatur thematisierte, so hat sie doch dazu beigetragen, viele Reaktionen der Betroffenen auf die erzwungene Sparpolitik besser zu verstehen.

Die von der Referentin geäußerte Hoffnung, dass sich europäisches Bewusstsein aus gemeinsamer Leiderfahrung bilden könnte, ist zumindest in Deutschland solange fehl am Platze, solange nicht erlernt wurde, dass Leid zugelassen, anerkannt und beim historisch richtigen Namen benannt werden muss.

Anmerkung: Der Artikel wurde unter Verwendung von Materialien des Referenten erstellt.

Anmerkung:

Im Mai 2004 berichtete die Frankfurter Rundschau: „Prozess über Massaker von Kephalonia steht kurz bevor…im Sommer 2006 wurden die Ermittlungsverfahren an die zuständige Staatsanwaltschaft München I abgegeben und von Oberstaatsanwalt August Stern eingestellt. Stern erkannte auf „Totschlag“, und der Tötung lägen keine grausamen Absichten zugrunde. Damit wurde – wie bereits 1969 – kein Mord angenommen, und somit seien die Taten verjährt. Auch habe es sich nicht um „normale Kriegsgefangene“ gehandelt, erklärt Oberstaatsanwalt Stern, denn: „Aus Verbündeten wurden sie zu heftig kämpfenden Gegnern und damit im Sprachgebrauch des Militärs zu ‚Verrätern‘