Der Treppenreiniger
von Georg Korfmacher - München
Wer hätte je gedacht, dass der Primat von der Isar eine radikale Umkehr der katholischen Kirche fordert? Dabei bemüht er das Bild einer Treppe, die man von oben nach unten kehren müsse. Recht hat er. Auch ein Fisch stinkt vom Kopf her.
Seltsamerweise wird diese Forderung in den USA und nicht in unserem Land formuliert, würde man doch hier nicht nur an die prachtvollen Treppen in den Residenzen der Primaten der Catholica denken, sondern auch an die ungezählten und weitgehend unbekannten Treppen in all ihren Immobilien.
Dabei propagiert er Forderungen, die seit langem von seinem Fussvolk hier ergebnislos gefordert werden: mehr Verantwortung für Frauen und Laien in leitenden Funktionen seiner Kirche. Besonders der Ausschluss der Frauen von Führungsaufgaben erscheint dem Kirchenmann „nicht im Geist des Evangeliums“.
Wer hätte das gedacht? „Gott gibt uns all diese Menschen, und wir sagen, ‚nein, der ist kein Kleriker, der kann den Job nicht machen, oder seine Idee ist nicht so bedeutend‘. Das ist inakzeptabel.“ Na dann: Just do it!
Auch wiederverheiratete Geschiedene will er wieder zur Kommunion zuzulassen.
„Wir müssen nach Wegen für die Leute suchen, die Eucharistie zu empfangen, und nicht Wege finden, sie auszuschließen.“
Bei gleichgeschlechtlichen Paaren meint er doch glatt:
„Wir sollten vielleicht nicht vom Geschlechtsverkehr ausgehen, sondern von Liebe, Treue und der Suche nach einer lebenslangen Beziehung.“ Wie wohltuend, dass der Kirchenmann einmal die Fixiertheit der Klerisei auf das Gemächte aufgibt! Er hält einen eindimensionalen Blick auf Homosexuelle für unmöglich, wenn sie „einander treu sind, wenn sie sich für die Armen einsetzen, wenn sie arbeiten, dann ist es nicht möglich, zu sagen, ‚alles, was ihr tut, ist negativ, weil ihr homosexuell seid‘.“
Recht so! Nur die Bedingung ‚wenn sie arbeiten’ ist wohl nur in Verbindung mit der Aussage von Paulus verständlich, wonach der nicht essen soll, der nicht arbeitet. Doch etwas vertrackt für einen Sozialethiker der Catholica.
Nicht überraschend treiben den Primaten auch die zahlreichen Paare ohne Trauschein und Segen der Kirche um. Er konzediert aber beschwichtigend, dass man solche Beziehungen nicht in Bausch und Bogen verurteilen solle.
Das sind ganz neue Töne von einem Mann, der in seiner Organisation Demokratie nicht zulässt und hierzulande noch nie so gehandelt oder auch nur gesagt hat, was er jetzt in den USA fordert.
Möglicherweise wagt er solch publikumsheischenden Worte nur in dem Wissen um den „fehlenden Mentalitätswandel“ im überwiegenden Teil der Leitung der Catholica. Da wird der selbsternannte Treppenreiniger trotz hoher Ämter in der Kurie noch viel zu putzen haben, und, um im Bild zu bleiben, über die unteren Stufen wird noch viel Dreck schwappen.
Gleichwohl:
hoch lebe der Treppenreiniger. Ab sofort wird man ihn an seinen eigenen, mutigen Worten messen. Bei uns wird er seine Initiative wohl auch auf die Abschaffung der in der Welt einmaligen Kirchensteuer, des kirchlichen Arbeitsrechts und die auch von „Ungläubigen“ bezahlten Staatsleistungen richten müssen, ebenso wie auf eine für alle gesetzlich vorgeschriebene Transparenz der Einkünfte aus Vermögen und Geschäften. Der Treppenreiniger braucht eine starke Putzkolonne.