Neuerscheinungen Sachbuch
Buchtipps von Michael Lausberg
Buch 1
Das aktuelle Handbuch der Supervision. Grundlagen – Praxis – Perspektiven, Psychosozial, Gießen 2024, ISBN; 978-3-8370-2645-3, 44,90 EURO (D)
Das vorliegende Handbuch schließt an die zwanzigjährige Geschichte der Standardwerke zur Supervision an und spiegelt den aktuellen Stand dieses komplexen Beratungsverfahrens wider. 35 anerkannte SupervisorInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz geben in fünf Kapiteln einen profunden Ein- und Überblick zum Beratungsverfahren Supervision in Verbindung mit Mediation, Coaching und Organisationsberatung.
Die Autorinnen und Autoren verdeutlichen, dass sich Supervision inzwischen zu einem differenzierten und den Bedürfnissen der Kunden angemessenen flexiblen Beratungsverfahren entwickelt hat.
Nach einer Einleitung über den Begriff der Supervision gibt es einen Einblick in die aktuelle Landschaft in der BRD, Österreich und der Schweiz.
Das erste Kapitel über Grundlagen spiegelt den Stand der Diskussion. Nach einer ausführlichen Darlegung des Beziehungsformates Supervision und seiner Verwendungsfelder geht es um die professionelle Gestaltung von Sondierungsgesprächen, die mit einer Checkliste abschließt.
Danach werden schwierige Situation in der Supervision behandelt. Erfahrene Supervisor*innen einen Einblick in die Praxis und zeigen anhand von 15 Beispielen, welch schwierige Situationen in der Praxis gemeistert werden müssen.
Anschließend steht das Coaching im Vordergrund. Dabei geht es um den Meinungsstreit, ob Coaching etwas Eigenständiges sei oder nur eine neue Bezeichnung für den alten Begriff der Leitungssupervision sei.
Weiterhin geht es Supervision als Institution. Nach einem einleitenden Beitrag beschäftigen sich zwei Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven mit Methodenfragen und dem Umgang mit dem Fremden und zwei anderen zum eigenen Selbstverständnis und zur inneren Haltung. Die Vielschichtigkeit der eigenen Beratungspraxis als Supervisor stellt ein Beitrag vor, der die Vor- und Nachteile interner und externer Supervision reflektiert.
Zum Schluss wird das Thema Forschung behandelt und berücksichtigt die gestiegene Professionalisierung von Supervision. Einerseits werden Evaluierung von Prozessen und das Beratungsverfahren dargelegt, andererseits wird behauptet, dass Supervision in der Praxis in der Regel immer Forschung bedeute.
Am Ende finden sich ein Verzeichnis der Autor*innen und ein Sachregister.
Das Buch bietet einen guten bis sehr guten Überblick über die besagten Themenbereiche, selbst schwierige Arbeitskonstellationen finden hier Betrachtung. Verschiedene visuelle Darstellungen erleichtern das Verständnis. Es muss nicht komplett gelesen werden, sondern dient der Kompetenzerweiterung auch bei Auswahl von einzelnen Artikeln. Für gut bewanderte Laien bis Profis ein empfehlenswertes und gut verständliches Fachbuch.
Buch 2
Pühl/Obermeyer (Hrsg.) Beratung als Kunst? Kreative Spielräume in Supervision, Coaching und Organisationsberatung. Psychosozial, Gießen 2024, ISBN: 978-3-8379-3286-7, 29,90 EURO (D)
Im Hinblick auf arbeitsweltliche Beratung ist oft metaphorisch von »Beratungskunst« die Rede. Aber wie hängen Beratung und Kunst in der Praxis zusammen? Welche Relevanz hat künstlerisches Handeln in der beraterischen Tätigkeit?
Die Autorinnen und Autoren loten Verbindendes und Trennendes der Sphären von Kunst und Beratung aus. Sie schildern praktische Zugänge und Anwendungsbeispiele, die deutlich machen, wie künstlerisch-ästhetische Praktiken im Beratungsprozess nützlich und gewinnbringend eingesetzt werden können. Geschichten, (Sprach-)Bilder, Inszenierungen, Bewegungen, Choreographien oder Improvisationen können dazu beitragen, kreative Räume in der Beratung zu eröffnen.
Dieser Tagungsband beginnt mit einer grundlegenden Einführung und der Vorstellung der Beiträge.
Nach einer Einleitung teilt sich der Band in zwei große Sinnabschnitte, wo in verschiedenen Essays Autor*innen zu Wort kommen.
Im ersten Teil geht es um das Verhältnis von Kunst, Ästhetik und Beratung. Schwerpunkte sind die Kunst der Improvisation, Thesen zu Beziehungspunkten und Kluften zwischen Kunst und Beratung, die Kunst der Supervision, das Streben nach ästhetischer Einzigartigkeit in der Arbeitswelt der Singularitäten, die Beziehung zwischen Schauspiel und Coaching, und das Verhältnis zwischen Intuition und Erfahrung.
Im zweiten Teil werden Grenzbeziehungen in der Praxis nach demselben Schema veranschaulicht. Dort geht es im Einzelnen um psychodramatische szenisch-kreative Arbeit mit Kindern in Supervision und Coaching, achtsames Fotografieren als medialer Zugang zum Thema Zusammenarbeit, einen Einblick in eine Beratungstätigkeit entlang der Dimensionen Raum, Zeit und Struktur, kusntanaloges Coaching nach dem Vorbild der Hamburg Medical School, eine kritische Auseinandersetzung mit Thesen zu Kunst und Beratung und die Haltung, Beratung musikalisch zu denken.
Als Nachklang zu den Beiträgen gibt es noch ein Zwiegespräch über den Diskurs zwischen Kunst und Beratung.
Das Credo des Buches, sinnliche und ästhetische Einblicke jenseits des bewussten Verstandes darzulegen und damit die Beratungstätgkeit zu erweitern und zu differenzieren, ist nicht teilweise gelungen. Es geben sicherlich kreative Ansätze wie Musik oder Fotografie, die praktisch genutzt werden können. Manches wirkt abstrakt-theoretisch, überdimensioniert und konstruiert sowohl in den theoretischen als auch im praktischen Teil.
Buch 3
Voß/Stumpe (Hrsg.): Grundlagen des Sexcorporel. Ein Modell für die körperorientierte Sexualberatung und Sexuelle Bildung, Psychosozial, Gießen 2024, ISBN: 978-3-8379-3312-3, 39,90 EURO (D)
Mit dem Modell Sexocorporel, das von Jean-Yves Desjardins entwickelt wurde, ist der Körper in die Sexualwissenschaft und Sexualberatung zurückgekehrt. Atmung, An- und Entspannung von Muskeln sowie ein Bezug zum eigenen Körper und zur eigenen Selbstbefriedigung werden in diesem Modell als Ausgangspunkte für eine gelingende Sexualität betrachtet: Sie bieten nicht nur Möglichkeiten zur Steigerung des eigenen sexuellen Wohlbefindens, sondern können auch der Bearbeitung von Sexualproblemen dienen.
Der hier vorliegende Band erläutert die Grundlagen von Sexocorporel. Der Sexocorporel bietet eine umfassende und präzise Beschreibung sexueller Phänomene, die eine genaue Diagnose, samt darauf aufbauender Behandlung, ermöglicht.
Die Behandlung zielt darauf ab, schnell und effektiv die Anliegen von Einzelnen und Paaren zu erfüllen, die mehr Befriedigung in Ihrer Sexualität und in ihrem Beziehungsleben erreichen wollen – körperlich wie emotional.
Der Band beginnt mit Aufsätzen, die einen umfassenden Überblick über die theoretischen Grundlagen und ihre praktische Relevanz für die Beratung nach Sexocorporel. Die weiteren Autor*innen haben zum Teil direkt bei Desjardins studiert schließen sich mit individuellen Zugängen zu Beratung und sexueller Bildung auf Grundlage des Modell Sexcorporel an.
Im zweiten Teil werden die klinische Sexologie, erotische Kompetenz und Auszüge aus den Gesprächen von Desgardins und der Autorin Nicole Audette skizziert. Danach geht es im dritten Teil um Sexcorporel in der Sexualberatung. Schwerpunkte sind dabei eine Einführung des Modells Sexcorporel in der Sexualberatung und Therapie, Sexcorporel in der Behandlung sexueller Probleme von Frauen, Sexcorporel im Kontext der embodimentorientierten Sexualberatung und Sexcorporel in der integrierten Sexualberatung.
Anschließend wird Sexcorporel in der Sexualpädagogik und Sexuellen Bildung behandelt. Dort werden die sexuelle Bildung für Erwachsene, die Förderung von Sexualität von Menschen mit Beeinträchtigung, Sexcorporel in der Sexuellen Bildung von Kindern und Jugendlichen und Transidentität aus der Sicht des Sexcorporel- Gesundheitsmodell.
Im einem Nachwort werden noch die sich abzeichnenden Fortentwicklungen des Modells Sexcorporel dargelegt.
Der Ansatz von Desjardins ist integrativ; indem wir die theoretischen Grundlagen, Werkzeuge und Fälle in der Praxis werden ausreichend vorgestellt. Dies gelingt in einer meist verständlichen Sprache, Vorkenntnisse sind dabei von Vorteil. Der Aufsatz über Transidentität ist spannend, da es zu diesem Thema sehr wenig Literatur gibt.
Buch 4
Niklaus Kuster: Weniger haben mehr sein. Freiräume für ein erfüllendes Leben gewinnen, Patmos, Ostfildern 2024, ISBN: 9783843615471, 22 EURO (D)
Weniger Dinge schaffen mehr Bewegungsraum, weniger Gepäck macht leichtfüßiger, weniger Termine lassen mehr Zeit, weniger Ablenkung macht achtsamer und weniger Kontakte kommen tieferen Beziehungen zugute. Doch es hilft wenig, ein Übermaß an Dingen oder Terminen zu reduzieren, wenn ich mich mit weniger Stress zu langweilen beginne. Erst wenn die Leere zum Freiraum für etwas wird, wirkt Verzicht beflügelnd und macht kreativ. Bewusstes und entschiedenes Weglassen ist eine Kunst, die sich üben lässt. Ein Weniger will sich mit einem Mehr verbinden: mehr Raum und Zeit für anderes, mehr Gesundheit und Vitalität, die mir und anderen zugutekommt. Ziel jedes Weglassens ist ein größeres oder tieferes Glück, sei es individuell oder gemeinsam.
Niklaus Kuster ist seit 40 Jahren Kapuziner und erlebt es als Privileg, mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein. Hier gibt er seine Erfahrungen weiter, welche Chance darin liegt und wie es gelingt.
Es wird an verschiedenen Beispielen dargelegt, wie ein Gewinn für sich selbst und für andere dabei entstehen kann. „Verantwortungsbewusste Menschen blicken über ihre Lebenswelt hinaus und erleben sich als Teil der Gesellschaft, einer Menschheitsfamilie und einer Mitwelt, in der auf die Dauer niemand allein glücklich und gar leben kann.“ (S. 155)
Dieses Buch ist eine Mischung zwischen Konsumkritik, Absage an radikalen Materialismus, Rückkehr zu den Freuden des einfachen Lebens und zum menschlichen Miteinander. Anthropologische Fragen nach dem Wesen des Menschen schwingen dabei immer mit.
Für die Verwirklichung eines bewussteren und sinnerfüllenden Lebensstils bietet das Buch das notwendige geistige Rüstzeug und weist auf die Notwendigkeit für einen Wandel des gesellschaftlichen und individuellen Bewusstseins hin.
Buch 5
Hans Peter Doskozil: Hausverstand. Mein Leben, meine Politik, Benevento, Wals bei Salzburg 2024, ISBN: 978-3-7110-0316-4, 26 EURO (D)
Hans Peter Doskozil ist ein Politiker aus Überzeugung. Der burgenländische Landeshauptmann hat sich ganz der Verbesserung der Lebensumstände in dem Bundesland verschrieben. Dass er dabei auch aneckt und selbst in der eigenen Partei nicht nur Unterstützer hat, gehört für ihn zum Geschäft.
In diesem Buch zeichnet er seine Lebensgeschichte, verwoben mit seinem beruflichen Werdegang, auf höchst spannende Weise nach. Eine Zeitreise von der Kindheit in Kroisegg bis ins Jahr 2024 wird hier biografisch ausgearbeitet, die vielen politischen Ereignisse und Diskussionen der letzten Jahrzehnte stehen natürlich auch im Mittelpunkt.
Doskozil beschreibt sich als streitbar, was natürlich nur ein Teil der Wahrheit ist. Er ist immer noch das enfant terrible der SPÖ und er verfolgt auch eine sehr besorgniserregende Linie.
Seine konfrontativen Aussagen gegenüber dem SPÖ-Bundesvorstand vor allem seine Haltung zu geschlossenen Grenzen in Migrationsfragen oder das Sinnieren über eine mögliche Koalition mit der faschistischen FPÖ sind dabei nur einige Beispiele genauso wie der Linzer Sonderparteitag. Neben parteiinternen Gegnern kriegen auch Personen aus der ÖVP, der FPÖ und den Grünen ihr Fett weg.
Er ist jemand, die sich als sozialer Aufsteiger inszeniert, der aber immer die Sprache der „einfachen Leute“ spricht. Dies kann als Bodenständigkeit gesehen werden, aber auch als Anleihe an die populistische Rhetorik, die vor allem die FPÖ verkörpert.
Es entsteht auch das Gefühl, dass der Autor lieber ein führender Politiker in der Provinz ist, als einer unter vielen im Bund.
Doskozil kommt nicht sonderlich sympathisch rüber, vielleicht will er es auch gar nicht. Seine Angriffe auf Leute aus der eigenen Partei gehen weit über eine politische Streitkultur hinaus, sondern sind zum Teil auch persönliche Angriffe ohne viel Respekt.
Das Buch ist natürlich auch der Versuch, die eigene Karriere und das eigene politische Wirken selber in der Retrospektive bestimmen und prägen zu können. Auf jeden Fall ein Buch, das polarisiert.