Neuerscheinungen Sachbuch
Buchtipps von Michael Lausberg
Buch 1
Christian Pantle: Der Bauernkrieg. Deutschlands großer Volksaufstand, Propyläen, Berlin 2024, ISBN: 978-3-549-10051-6, 22 EURO (D)
In einer großen historischen Erzählung spannt Christian Pantle den Bogen von den überraschenden Anfangserfolgen über den blutigen Höhepunkt des Bauernkriegs bis zu seinem Nachspiel in den Alpen. Er zeigt den Mut der Entrechteten, die mit den Zwölf Artikeln ein faszinierend progressives Reformprogramm formulierten – die Idee von einer Gesellschaft freier Menschen, in der das Recht gilt, nicht die Willkür. Auch wenn die Aufständischen nur kurzzeitig über weite Teile des Reichs regierten und am Ende die großen Schlachten verloren, so führte ihr hartnäckiges Ringen doch zu einer Beschränkung der herrschaftlichen Gewalt. Dieses Buch zeigt, wie das gelang.
Der Bauernkrieg von 1524 bis 1526 brach nicht plötzlich über die deutschen Territorien herein. Vielmehr gehört er in eine lange Reihe von europäischen Aufständen und Widerstandsaktionen, die sich seit dem Spätmittelalter ausbreitete.
„Der Bauernkrieg von 1525 ist (…) kein Einzelfall, sondern der Höhepunkt und vorläufige Abschluss einer ganzen Serie von Volksaufständen, die seit dem späten Mittelalter Europa erschütterten.“ (S. 13)
Die Vorgeschichte, die gesellschaftlichen feudalen Strukturen und Reformbestrebungen werden im ersten Kapitel angesprochen. Danach werden der Ausbruch und die Zeit zwischen Februar und April 1525 mit der Erklärung der Menschenrechte skizziert. Ferner geht es um die Herrschaft der unteren Klassen, wobei die Gegenspieler Feuerbacher und Truchsess auch im Mittelpunkt stehen
Der blutige Terror der Reaktionäre und die Niederschlagung werden dann behandelt. Die unmittelbaren Folgen mit Prozessen und Ausmaß der Tötungen und Zerstörungen schließen sich an.
Nach einem Epilog gibt es einen umfangreichen Anhang mit einer Zeittafel, einem Quellen- und Literaturverzeichnis, die Bildnachweise, ein Orts- und Namensregister.
Dies ist eine informative Schilderung der Ursachen, Geschehnisse und Folgen des Bauernkrieges. Die Grausamkeiten dieses Krieges stehen jenen des folgenden 30jährigen Krieges in nichts nach, für viel Pathos oder heroische Aufmachung bleibt da wenig Spielraum. Die Rezeption des Bauernkrieges in der weiteren Geschichte hätte vielleicht ein wenig ausführlicher sein können.
Dennoch: Für Geschichtsinteressierte ist dies ein auf aktuellen Quellen beruhende Grundlagenwerk.
Buch 2
Monika Fenn/Peter Riedel (Hrsg.): Perspektiven auf das Mittelalter, Wochenschau/utb, Frankfurt/Main 2024, ISBN: 978-3-8252-6214-3, 26,90 EURO (D)
Der neue Band in der Starter-Reihe bietet wesentliche fachliche und fachdidaktische Grundlagen zur Epoche des Mittelalters und greift dabei neue Forschungstrends und Fragestellungen auf. Vermeintlich klassische Themen wie etwa die Stadt im Mittelalter werden für den Geschichtsunterricht "gegen den Strich gebürstet": Beispiele sind Córdoba, Venedig und Aleppo.
Dabei wird von der These ausgegangen: Geschichtsunterricht kann gelingen, wenn die planende Lehrperson die Perspektive des Angebots mit Hilfe der Elemente der Prozessstruktur auf das lernende Individuum bezieht.
Dies wird im Vorspann ausgeführt, dem eine grundsätzliche Einführung in Forschung, Lehre und Geschichtskultur des Mittelalters folgt.
Die einzelnen Beiträge weden dann in drei Teilbereichen differenziert.
Im ersten Bereich geht es um Fragen der Vermittlung historischer Forschungsergebnisse. Dort werden Entwicklungslinien und strukturelle Kennzeichen der mittelalterlichen Gesellschaft, die Konstruktion von Geschlecht im europäischen Mittelalter, Dis/ability History, die Behinderung historisiert und sie als soziokulturelle Konstruktion und gesellschaftliche Differenzkategorie zusammenfasst, Mittelalterarchäologie und die Frage nach der Epochenkonstruktion Mittelalter skizziert.
Danach geht es um die Geschichtskultur und einen reflexiven Umgang mit Geschichtskultur. Dort werden die Visualisierung des Mittelalters im Schulbuch, Reenactment, Living History und Histotainment und das Mittelalter in Social Media behandelt.
Der dritte Bereich handelt von der Unterrichtspraxis. Dort werden Vorschläge unterbreitet, auf welche Weise die Epoche bzw. der entsprechende Inhalt im Geschichtsunterricht behandelt werden kann. Dort geht es um ein ganzheitliches Bild der Stadt, die politisch-sozialen Verhältnisse auf dem Land und die Geschichte der Kreuzzüge im internationalen Vergleich.
Im Anhang werden die Autor*innen vorgestellt, ein Index rundet das Buch ab.
Der Band verbindet Wissenschaft, Didaktik und Praxis und umfasst damit alle Aspekte, die für Berufsanfänger*nnen bei der Planung von Geschichtsunterricht wichtig sind. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Fachwissenschaften, die anderen zwei Bereiche hätten mehr Input verdient, d.h. ein oder zwei Bereiche mehr. Bei der Geschichtskultur hätten Spiele/Games im Geschichtsunterricht, in der Unterrichtspraxis zum Beispiel Migration im Mittelalter behandelt werden können.
Der Ansatz selbst ist spannend und bietet viel mehr lebensweltliche Orientierung als früher.
Buch 3
Walter Lange: Als die Zeit nach Hause kam. Erinnerungen, Econ, Berlin 2024, ISBN: 978-3-430-21200-7, 28 EURO (D)
Im Jahre 1845 gründete Ferdinand Adolf Lange im sächsischen Glashütte eine Uhrenmanufaktur, die mit ihren ebenso luxuriösen wie hochpräzisen Taschenuhren Weltgeltung erlangte. 1949 dann das Ende der großen Glashütte-Uhrentradition: Walter Lange, der Urenkel des Gründers, wechselte in den Westen. Als die Mauer fiel, zögerte er keinen Augenblick und baut gemeinsam mit Günter Blümlein, einem erfahrenen Manager, der schon die Schweizer Uhrenfirmen IWC und Jaeger-LeCoultre saniert hatte, das Unternehmen neu auf. Mit grandiosem Erfolg.
Walter Langes Leben liest sich wie ein spannender Roman: Krieg, Verwundung, Flucht, zweimalige Enteignung, Existenzkampf in der Uhrenbranche und Wiederaufstieg in den internationalen Uhrenolymp. Das Lebenswerk des Mannes, der in Glashütte wieder die besten Uhren der Welt bauen wollte, ist nach der Erstauflage 2004 fortgeschrieben worden.
Nach einem Vorwort wird der Neubeginn der Firma nach der Wende im sächsischen Glashütte als ein emotionaler Augenblick des Nachhausekommens gefeiert. Doch im Jahr 1990 ergriff Walter Lange die Gelegenheit, das verloren geglaubte Erbe seiner Familie wieder aufzunehmen und gründete die Marke A. Lange & Söhne neu – exakt 145 Jahre nachdem Ferdinand Adolph Lange die Grundsteine für die deutsche Feinuhrmacherei gelegt hatte.
Die wechselvolle Geschichte der Firma und die damit untrennbar verbundene Biografie von Walter Lange werden ausführlich in den nächsten Kapiteln nachgezeichnet. 1994 folgte die Präsentation der ersten Kollektion, die dank der Vision von Walter Lange und Günter Blümlein A. Lange & Söhne an die Weltspitze der Uhrmacherei führt.
Im letzten Kapitel geht es um Walter Lange selbst: Dort werden die Anerkennungen für sein Lebenswerk, ein Reflexion über den Uhrmachernachwuchs und vor allem einige Erinnerungen und Würdigungen von verschiedenen Weggefährten.
Im Anhang finden sich noch ein Sach- und Fachregister und ein Personenverzeichnis.
Dieses Buch lässt sich neben der wechselvollen Firmengeschichte im Spiegel der deutschen Geschichte auch als eine Art Memoiren von Walter Lange lesen. A. Lange & Söhne sind trotz aller Widrigkeiten eine Erfolgsgeschichte nicht nur des sächsischen Uhrenbaus quer durch de Jahrhunderte.
Dieses Buch ist ein Must-have für jeden Sammler und Uhrenfachmann.
Buch 4
Christine Rankl: So beruhige ich mein Baby. Aktualisiert und ergänzte Neuauflage, Patmos, Ostfildern 2024, ISBN: 978-3-8436-1533-4, 22 EURO (D)
Manchmal reichen liebevolle Beruhigungsversuche nicht aus. Das Baby schreit scheinbar grundlos und hört gar nicht mehr auf, die Belastung für Kind und Eltern ist groß. Einfühlsam und kompetent erklärt Christine Rankl, wie Schreiprobleme entstehen, vermittelt nötiges Wissen zur Entwicklung des Babys und gibt konkrete Hilfestellungen, wie Eltern ein Schreiproblem lösen und zu mehr Ausgeglichenheit finden können.
In einem zusätzlichen Kapitel geht es um die Förderung der kindlichen Selbstregulationskompetenz, die für das ganze weitere Leben sehr wichtig ist.
Zunächst wird die Frage beantwortet, wie viel Schreien für Babys normal ist. Danach wird im ersten Teil untersucht, wie Schreiprobleme entstehen. Dort geht es vor allem um Schlaf, Selbstregulation und Kommunikation.
Der zweite Teil zeigt auf, wie Schreiprobleme bewältigt werden können. Dabei werden verschiedene Entwicklungsphasen des Babys von bis zu drei Monaten, zwischen drei und sechs Monaten, zwischen sieben und neun Monaten und
zehn bis zwölf Monaten. Entlang der kindlichen Entwicklungsphasen werden dabei für diese Zeiträume Tipps gegeben. Zum Abschluss geht es um die schon oben angesprochene Förderung der Selbstregulation.
Im dritten Teil geht es um die Eltern-Kind-Beziehung: Schwerpunkte sind die Bedürfnisse und das Temperament des Kindes, die Vorstellungen und Wünsche der Eltern und das Sorgen für Ausgeglichenheit.
Im Anhang finden sich ein Tagesablaufprotokoll, die Anmerkungen, Literaturtipps, ein Literaturverzeichnis sowie Beratungs- und Therapieangebote für Säuglinge und Kleinkinder.
Dieses Buch hat den Vorteil, das auch die Gefühle der Eltern berücksichtigt und auch auf diese eingeht. In der Zeit mit Schreibabys kann es helfen, insbesondere mental mit der Situation umzugehen. Es sind ein paar Alltagstipps enthalten, aber vor allem hilft es, zu verstehen und zu akzeptieren und sich nicht immer selbst die Schuld zu geben.