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Neuerscheinungen Sachbuch

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Städel Frauen. Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900, Hirmer, München 2024, ISBN: ISBN: 978-3-7774-4308-9, 49,90 EURO (D)

Die Moderne ist ohne den Beitrag von Künstlerinnen nicht zu denken. Neben bekannten Malerinnen und Bildhauerinnen wie Louise Breslau, Ottilie W. Roederstein und Marg Moll haben sich viele weitere erfolgreich im Kunstbetrieb der Zeit um 1900 behauptet. Sie heißen Erna Auerbach, Mathilde Battenberg, Ida Gerhardi, Annie Stebler-Hopf, Elizabeth Nourse oder Louise Schmidt. Zeit, diesen und weiteren Künstlerinnen erstmals eine große Ausstellung (10.07.2024 - 27.10.2024)  zu widmen und sie neu zu entdecken. 
Zu sehen sind Kunstwerke aus renommierten US-amerikanischen und europäischen Museen sowie zahlreiche Arbeiten aus Privatbesitz, die zum ersten Mal gezeigt werden. Ergänzt werden sie durch bislang unveröffentlichtes Archivmaterial. Fotografien und Briefe erzählen von internationalen Ateliergemeinschaften, von der strategischen Bedeutung professioneller Künstlerinnenverbände, von Erfolgen, aber auch vom andauernden Streben um Anerkennung.
Die Ausstellung zeigt Künstlerinnen, die sich mit großer Eigenständigkeit und Professionalität in einem durch männliche „Künstlergenies“ bestimmten Kulturbetrieb durchsetzten. Unter dem Blickwinkel der Netzwerke entsteht ein komplexes Bild der Ausbildungs- und Arbeitssituation von Künstlerinnen in der Moderne: vom Kampf der Wegbereiterinnen im Paris der 1880er-Jahre über die ersten Bildhauerinnen an der Kunstschule des Städel um 1900 bis hin zu einer jungen selbstbestimmten Generation von Künstlerinnen im Neuen Frankfurt der 1920er- und 1930er-Jahre. Die stilistisch sehr unterschiedlichen Arbeiten zeigen dabei die Vielfalt weiblicher Positionen in der Kunst auf und spiegeln die radikalen gesellschaftlichen und ästhetischen Umbrüche der Zeit. In ihren Werken setzten sich die Malerinnen und Bildhauerinnen mit ihrer eigenen Existenz als Künstlerinnen in einem männlich dominierten Umfeld auseinander. Sie zeigten sich selbstbewusst im Kreis ihrer Freundinnen und Mitstreiterinnen und stellten die überkommenen Geschlechterrollen infrage. Mit Darstellungen des menschlichen Aktes reklamierten sie einen zuvor den Männern vorbehaltenen Motivkomplex auch für sich. Dabei bedienten sie sich nicht nur der Malerei und Zeichnung, sondern eroberten zunehmend auch die Bildhauerei, die aufgrund der physischen Anstrengung sowie der technischen und materiellen Anforderungen als vermeintlich „männlichste“ Gattung der Kunst galt.
Dies ist der offizielle Katalog zur Ausstellung, der gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache erscheint. 
Das Buch beginnt mit acht Hintergrundessays, das während und danach von Bildern, Gegenständen oder zeitgenössischen Zeugnissen umrahmt wird. 
Im ersten Essay geht es um den Frankfurter Kunstbetrieb um 1900 und seinen vielfältigen Wechselbeziehungen zur französischen Hauptstadt. Danach stehen Strategien von Ottilie W. Roederstein und ihr Pariser Künstlerinnennetzwerk im Vordergrund. Die Selbstorganisation von deutschen Künstlerinnen wird dann vorgestellt, bevor die Stellung Marie Helds im männlich dominierten Kunstbetrieb untersucht wird. 
Ferner geht es um die Frankfurter Künstlerin, Sammlerin und Mäzenin Pauline Kowarzik. Die Künstlerinnenausbildung im Städel vor 1923 mitsamt Privatunterricht folgt danach. Louise Schmidt, die als erste Frau überhaupt ein „Meisteratelier für Damen in der Bildhauerei“ gründete, wird dann vorgestellt. Die Künstlerinnenausbildung an der neuen Frankfurter Kunstgewerbeschule zwischen 1923 und 1933 beschließt die Essays. 
Danach folgen Kurzbiografien der angesprochenen Frauen in alphabetischer Reihenfolge. Die Biografien werden jeweils auf einer Seite mit Lebensdaten, Abbildungen und einem Fließtext dargestellt. 
Ein größerer Abschnitt liefert die englische Übersetzung des Inhalts.
Im Anhang finden sich eine Biografie und der Bildnachweis.

Diese ausführliche Auswertung des Städel-Museums im Hinblick auf seine Schülerinnen um 1900 liegt hier vor. Beziehungsgeflechte, Netzwerke und schon damals vorhandene Solidarität unter Frauen wird hier deutlich gemacht. Natürlich geht es auch um die Werke und vor allem um die Motivwahl, die die männlich dominierte Kunstszene gehörig provozierte und durcheinander wirbelte.


Buch 2

Von Art Déco bis DDR, Hirmer, München 2024, ISBN: 978-3-7774-4334-8, 34,90 EURO (D)

Der Band erzählt zum Geburtstag des Museums für Angewandte Kunst Gera 40 spannende Objektgeschichten.
Von französischen Art-déco-Möbeln und Kleidern über Bauhaus-Keramik bis zu Fotografien der Avantgardistin Aenne Biermann und Designklassikern der DDR erzählt der Band (Design-)geschichte und lenkt den Blick auf vielfältige Lebenswelten. Für Gestalter*innen und Künstler*innen spielen technische Innovationen, Produktionsbedingungen und Rohstoffvorkommen eine ebenso wichtige Rolle wie soziale und gesellschaftliche Verhältnisse.  Keramiken und Teeservice stehen für Demokratisierungsmomente, Kunststoffe markieren den Beginn des Modeschmucks und aus Fotografien spricht die Schönheit des Alltäglichen.

Nach Grußworten und einen Editorial führt Anne-Kathrin Segler in das Design zwischen Kunst und kollektiven Gedächtnis ein. 
Danach werden die Objekte einzeln in verschiedenen Kategorien vorgestellt. Dies sind die Bereiche Handwerks-Kunst, Wohnkultur, Kunst-Stoffe, Körpernah/hautnah, zum Beispiel ein Art Déco Abendkleid oder Art Déco-Armschmuck, Verführung wie ein Werbeschild oder die Verpackung und Signet, besondere Augenblicke und Objekte der Tischkultur wie ein Kaffee- und Teeservice oder ein Tafelaufsatz. 
Im Anhang finden sich ein Ausstellungsverzeichnis, ein Literatur- und Quellenverzeichnis sowie der Fotonachweis.

Dies geschieht nach einem einheitlichen Schema. Zuerst werden die Objekte kurz charakterisiert, danach folgt eine längere textliche Erläuterung. Dazu gibt es immer ein großformatiges Bild des Objektes.

Der Band bietet eine interessante Übersicht über das Design des 20. Jahrhunderts.  Dazu gibt es gute visuelle Eindrücke und informative Texte. Dieses Buch eignet sich für alle, die sich für die Schnittstelle von Kunst und Design interessieren.


Buch 3

Jochen Arntz/Holger Schmale: Wannsee. An den Ufern deutscher Geschichte, Herder, Freiburg 2024, ISBN: 978-3-451-39931-2, 25 EURO (D)

Jochen Arntz und Holger Schmale besprechen in diesem Buch die faszinierende Geschichte des Wannsees, der nicht nur als malerischer See im Südwesten Berlins bekannt ist, sondern auch ein Ort mit tiefgehenden historischen und kulturellen Bedeutungen. Er steht für die dunkelsten und auch die leichtesten Kapitel der deutschen Geschichte. Ob Sehnsuchtsort für stadtgeplagte Eliten, Symbol für die Ermordung der europäischen Juden, Schauplatz des ersten Agentenaustauschs im Kalten Krieg oder Inspirationsquelle für zahlreiche Künstler und Schriftsteller – kaum ein Ort verfügt über so ein reiches historisches Erbe. 
Das Buch beginnt mit dem Ursprung der Besiedelung an den Ufern an den Ufern des Wannsees im 19. Jahrhunderts. 
Ab 1870 entstand in der Gegend um den Wannsee eine Kulturlandschaft mit  prachtvollen Villen der Wannsee-Kolonien, von denen es nur noch wenige Überbleibsel gibt. Der Bankier Wilhelm Conrad wollte eine "Villencolonie" errichten., das in einer Parklandschaft, umgeben vom Wasser der Havelseen, entstehen sollte. Er beauftragte den Berliner Gartenbaudirektor Gustav Meyer  mit der Ausarbeitung eines Parzellierungs- und Straßenplans. 
Die Grundstücke wurden an Mitglieder des "Clubs von Berlin" und andere Angehörige der Berliner Oberschicht verkauft. Nur zwei Jahre, nachdem Conrad die Villa Alsen bezogen hatte, wohnten bereits 64 Siedler in 12 neu errichteten Villen in der Kolonie. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten hatten Bankiers, Industrielle, Künstler, Architekten, Wissenschaftler und Verleger Parzellen in der „Colonie Alsen“ erworben wie zum Beispiel Max Liebermann, Oscar Begas, die Verlegerfamilie Langenscheidt, Franz Oppenheim oder Fritz und Ferdinand Springer.

Die Autoren berichten unter anderem von der Wannseekonferenz, einem dunklen Kapitel der Geschichte rund um den Wannsee und der deutschen Geschichte. Am 20. Januar 1942 trafen sich hochrangige Vertreter des NS-Regimes in einer Villa am Berliner Wannsee, um zu koordinieren, wie die Ermordung der europäischen Juden auf Behördenebene möglichst effizient umgesetzt werden sollte. Heute gibt es die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz, die besucht werden kann.  

In verschiedenen Kapiteln wird die Sozial-, Wirtschafts-, Kultur- und Besiedelungsgeschichte sowie die politische Geschichte rund um den Wannsee prägnant und informativ skizziert. So bekommen auch neben interessierten Einheimischen auch Kulturtourist*innen, die den Südwesten Berlins entdecken wollen, eine gute Handreichung.


Buch 4

Ian Stewart/Vann Jones: Die Transaktionsanalyse, Herder, Freiburg 2024, ISBN: ISBN: 978-3-451-03413-8, 32 EURO (D)

Was läuft hier gerade schief? Immer wieder passiert es, dass wir uns in Psychospielchen verfangen oder wir in alte Gefühlsmuster zurückfallen. Meist sind dann Blockaden in unserer Kommunikation am Werk. Woher diese rühren und wie wir sie überwinden können, zeigt dieses Standardwerk der Transaktionsanalyse. Konkret und praxisbezogen geht es um zwischenmenschliche Kommunikation und die Befreiung aus eingefahrenen, schädlichen Mechanismen. Ob aus beruflichem oder privatem Interesse ist dieses Buch für Therapeuten, Laien und jeden, der die Transaktionsanalyse näher kennenlernen möchte, geschrieben. 
Nach einem ausführlichen Vorwort geht es in der Einleiung um Schlüsselbegriffe und Grundübertragungen der  Transaktionsanalyse (TK).
Danach wird die Vorstellung der menschlichen Persönlichkeit und das Modell der Ich-Zustände beleuchtet. Weiter geht es mit menschlichen Beziehungen, Transaktionen, Strokes und der Gestaltung der Zeit. Das Schreiben der eigenen Lebensgeschichte wird dann behandelt, bevor die Grundlagen der Passivität vorgestellt werden. Menschen, Spielsysteme und ihre Analyse kommen dann zur Sprache. 
Im letzten Abschnitt geht es um die Praxis der TK. Schwerpunkte sind Änderungsverträge, die Ziele einer Veränderung, die Therapie, die TK in Organisationen und Bildungswesen und eine Zeitleiste, wie sich die TK entwickelt hat. 
Im umfangreichen Anhang finden sich Literatur, Fachverbände, Ausbildungswesen, Anmerkungen, Quellenhinweise, eine Bibliografie, ein Glossar mit Fachausdrücken sowie ein Fach- und Personenregister.

Dies ist eine fundierte Einführung in die Transaktionsanalyse. Der theoretische Teil steht dabei nicht so sehr im Vordergrund, sondern eher verschiedene Anwendung für die Praxis. Dies wird begleitet von Übungen, die alleine oder in einem Team gemacht werden können. Es ist für den Laien geschrieben, behandelt seine Leser aber nicht von oben herab. Der Anhang ist umfangreich, das Glossar sorgt für Klarheit bei Fachausdrücken.