Neuerscheinungen Romane
Buchtipps von Michael Lausberg
Buch 1
Alain Claude Sulzer: Fast wie ein Bruder. Roman, Galiani, Berlin 2024, ISBN: 978-3-86971-294-9, 24 EURO (D)
In einer Buchrezension ist es eigentlich üblich, das Buch inhaltlich grob vorzustellen und es kritisch zu bewerten.
Eigentlich.
Dieses Buch enthält jedoch einen gezielten Tabubruch, so dass der Inhalt des Buches zu einer Randnotiz verkommt.
Der Autor, ein erfolgreicher Schweizer Schriftsteller, revitalisiert die rassistische Konstruktion „Zigeuner“ und verhilft jahrhundertealten antiziganistischen Stereotypen in der Mehrheitsgesellschaft zu neuer Akzeptanz in der (intellektuellen) Mitte der Gesellschaft. Fast ein Jahrzehnt nach den Ergüssen des „Experten“ Rolf Bauerdick, ein Multiplikatoren einer rassistischen Agitation wird wieder der literarische Versuch unternommen, Rassismus salonfähig zu machen.
Dass sich die Eigenbezeichnung „Sinti und Roma“ in weiten Teilen der Gesellschaft durchgesetzt hat, dürfte der Autor wissen.
Die von der Mehrheitsbevölkerung stammende negativ konnotierte Name „Zigeuner“ hat eine sehr lange Traditionen, die ihren Höhepunkt in der Vernichtung von vielen Angehörigen in Auschwitz-Birkenau und anderer KZs hatte.
In der deutschsprachigen Literatur entstanden im Laufe der Jahrhunderte antiziganistische Stereotypen, die –je häufiger sie wiederholt wurden- sich im Gedächtnis der Mehrheitsbevölkerung festsetzten und schließlich als Wahrheit ausgegeben wurden. Wilhelm Solms und Daniel Strauß bemerkten zu Recht: „(…) gerade in der Literatur hat die Pflege des ‚Zigeunermythos‘ eine lange und unselige Tradition ausgebildet. (…) Ob in Märchen, Sagen, Schwänken, Volksliedern oder in der hohen Literatur – die Texte strotzten nur so von grotesken Klischees, die die eigenständige Erzähltradition der Sinti und Roma auf den Kopf stellen.“1
Dass eine kleine Minderheit den Begriff „Zigeuner“ als Selbstbezeichnung wählt, ist unbestritten. Von der großen Mehrheit wird der Begriff „Zigeuner“ jedoch als diskriminierendes Konstrukt der Dominanzgesellschaft unter anderem von Zentralrat Deutscher Sinti und Roma abgelehnt. Die Sinti Allianz Deutschland aus Köln akzeptiert die Bezeichnung auch nur dann, wenn das Wort wohlmeinend gebraucht wird.
Die Beweggründe des Autors mögen Aufmerksamkeit für sein Buch sein oder auch Ablehnung von Political Correctness. Was aber auch nicht so wichtig ist.
Die Folgen dürften es in sich haben:
Der Autor hat sich als genuiner Rassist geoutet, es wird nicht nur erheblichen Gegenwind in der Literaturszene, Zivilgesellschaft und Politik neben Zustimmung aus dem rechten Lager geben.
Über Strafanzeigen wegen „Volksverhetzung“ und andere strafrechtliche Konsequenzen darf er sich nicht wundern.
Die Frage bleibt, warum sich ein sonst seriöser Verlag und Person, die das Lektorat vorgenommen hat, darauf eingelassen hat.
Das Image als Verlag, der Rassismus toleriert und auch öffentlich weiterverbreitet, wird sich nur schwer korrigieren lassen. Damit dürften sicher auch Umsatzeinbußen einhergehen und der Verlust von Leser*innen, die Rassismus nicht unterstützen wollen.
Ein Buch, das nur Verlierer*innen kennt.
Buch 2
Andrew O'Hagan: Caledonian Road. Roman, Ullstein, Berlin 2024, ISBN: 978-3-988-16003-4, 30 EURO (D)
Der Roman erscheint im Mai 2021 und umfasst fast ein Jahr – von der Lockerung der Pandemiebeschränkungen bis hin zur Invasion Russlands in der Ukraine. Im Hintergrund spielen sich große Ereignisse ab, während eine Vielzahl von Charakteren das Leben im Herzen Londons auf eine Weise erlebt, die die Stimmung unserer Zeit genau einfängt:
Der Autor Andrew O'Hagan untersucht Fragen der Klasse, Ethnie und Gerechtigkeit entlang der anderthalb Meilen langen Caledonian Road – einer Hauptverkehrsstraße im Norden Londons, die für ihre große ethnische Vielfalt und ihre erschreckende Ungleichheit des Wohlstands bekannt ist – und durch Gespräche zwischen einer Vielzahl von Charakteren wird eine große Bandbreite an Ideen angeboten und in Frage gestellt.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Campbell Flynn, ein erfolgreicher Schriftsteller und Historiker, der trotz seiner Erfolge und seiner privilegierten Welt mit einer inneren Leere ringt. Seine Reise verflechtet sich mit der von Milo, einem klugen jungen Studenten, der die Bestrebungen einer neuen Generation verkörpert. Milos Ehrgeiz und Intellekt faszinieren Campbell, der von seinen irisch-äthiopischen Eltern mit den Werten der Arbeiterklasse erzogen wurde, und die Leser werden in die Komplexität des modernen Großbritanniens eingeführt, während sie durch die Straßen Londons gehen.
Ihre Begegnungen werfen ein Licht auf die Schattenseiten der Gesellschaft, von Menschenhandel bis Korruption, stellen Campbells Wahrnehmung in Frage und lassen ihn sein Verständnis der Welt des Luxus und der Aristokratie, in der er lebt, überdenken. Neben russischen Plutokraten und Figuren aus seiner Vergangenheit begegnet Campbell Personen mit unterschiedlichem Hintergrund – Migranten, Musikern und Personen mit Verbindungen zur kriminellen Unterwelt –, von denen jeder eine einzigartige Perspektive auf das zeitgenössische Leben bietet.
Mit einer Besetzung von Charakteren wird ein Gefühl eines zeitgenössischen Romans erreicht. Diese Charaktere sind manchmal schlimm, andere dagegen vorzeigbar. Es geben Klassenunterschiede, Korruption in Politik und Adel, Identitätsverwirrung in der heutigen Gesellschaft und Kultur, alte Werte gegen neue Werte und letztlich der menschliche Preis der Ausbeutung zur Wahrung der eigenen Position.
Am Anfang kommt man ein wenig mit den vorgestellten Charakteren durcheinander, mit der Zeit kommt dann Struktur rein. Diese sind sehr gut beschrieben und man kann sie sich in der eigenen Phantasie visuell vorstellen.
Ob diese allerdings als Kaleidoskop für ganz England herhalten können, ist fraglich. Dafür gibt es wahrscheinlich zu viele Ausprägungen.
Dennoch hat der Roman das Format dazu, noch in der ferneren Zukunft gelesen zu werden, um zu sehen, wie die Menschen in dieser speziellen Zeit gelebt und gedacht haben.
Buch 3
Daniela Raimondi: Das erste Licht des Sommers. Roman, Ullstein, Berlin 2024, 24 EURO (D)
Daniela Raimondi wurde in der Lombardei geboren und verbrachte den größten Teil ihres Lebens in England. Ihr Romandebüt „An den Ufern von Stellata“ hat es auf Anhieb auf die italienische Bestsellerliste geschafft und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Dieses Roman knüpft teilweise an ihr schon erschienenes Werk „An den Ufern von Stellata“ an, ist aber keine Vorbedingung für das Verständnis.
Die Geschichte spielt teilweise in Stellata, einem kleinen Dorf am Ufer des Po, wo die Casadios lebten und teilweise noch leben. Die Familie zerbricht in zwei Hälften, was für Gefühlschaos und die Suche nach Halt und Identität sorgt.
Die Protagonistin des Romans ist Norma, die sich an die Sommer erinnert, die sie mit ihrer Großmutter Neve in Stellata verbracht hat. In Stellata gab es auch Elia, den Jungen, der ihr überallhin folgte, die erste und einzige Liebe ihres ganzen Lebens. Als Norma nach Stellata zurückkehrt, ist sie eine erwachsene Frau, die sich um ihre kranke Mutter kümmern muss, die von Schmerzen geplagt wurde.
In einer mehrjährigen Geschichte, die von Stellata über London bis nach Brasilien reicht, erzählt Daniela Raimondi von Familien, von Liebe, von Tod und Schmerz, von Zugehörigkeit und Bindungen, die Zeit und Distanz widerstehen.
Ein Buch, das einige Jahre des Lebens der Protagonistin Norma und aller Charaktere, die sich um sie drehen, nachzeichnet. Es ist eine Art Erinnerung, aber auch Reflexion über ihr Leben, was fast ein halbes Jahrhundert umfasst.
Die Art und Weise, wie die Autorin die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die zwischen Elsa und Norma, aber auch die zwischen Norma und ihrer Tochter schildert, ist sehr emotional geschrieben.
Es ist ein Roman, der einer langen Reise gleicht, einer Reise auf der Suche nach sich selbst und der eigenen Identität. Identität, die oft in familiären Wurzeln, in der Erinnerung und Verständnis für sich verborgen ist.
Buch 4
Lutz van Dijk. Irgendwann die weite Welt. Roman, Querverlag, Berlin 2024, ISBN: 978-3-89656-346-0, 16 EURO (D)
Sein Leben beginnt am Stadtrand von Westberlin. In einem hässlichen Neubau gegenüber einer Flüchtlingssiedlung - und nicht weit von der Mauer. Zu einer Zeit, als es das Wort "queer" noch nicht gibt und "schwul" allein ein Schimpfwort ist. Die Eltern streiten viel, traumatisiert vom Zweiten Weltkrieg, der noch nicht lange her ist: Sie waren erst fünf, als Hitler die Macht übernahm, und noch keine achtzehn, als alles endete. Der ältere Bruder - ein Fremder, der nichts mit ihm zu tun haben möchte. Doch er sucht und findet Freundschaft - mit anderen Außenseiter*innen wie er selbst. Und irgendwann sogar Liebe und Sex - und die weite Welt. Lutz van Dijk berichtet von seinem Aufwachsen, bis er mit achtzehn nach New York abhaut - und tatsächlich in den USA ankommt. Damals noch ein sehr großer Schritt in ein neues Leben.
Das Buch gibt tatsächlich ein Berlin preis, das heutzutage nicht mehr vorstellbar ist. Es spielt im gesellschaftlichen Mief der Nachkriegszeit, wo Homosexualität noch unter Strafe stand und sehr wenig Toleranz und Akzeptanz herrschte. Es gab keinen CSD mit zehntausenden Teilnehmer*innen, keinen schwulen Oberbürgermeister und Freiräume wie heute. Eigentlich sollte man denken, dass gerade das Großstadtflair mehr Respekt zu bieten hat als das Leben im engen ländlichen Raum der BRD.
So kommt es zu der Situation, dass Freiheit und mehr Verständnis außerhalb Berlins zu suchen ist. Natürlich war der Aufbruch auch eine Art Entdeckungsreise der weiten Welt für den Protagonisten weit weg von der lieblosen Familie.
Das Buch ist lebendig geschrieben, mit vielen emotionalen Momenten. Eine Biografie, die viele Innenansichten preisgibt, auch über die gesellschaftliche Situation vor mehr als 60 Jahren.
Buch 5
Jackie Thomae: Glück. Roman, Claassen, Berlin 2024, ISBN: 978-3-546-10046-5, 24 EURO (D)
„Glück“ ist ein Roman über Frauen unter Druck, über die Phase im Leben, in der sie zu alt sind, um noch länger warten zu können, und zu jung, um es hinter sich zu haben. Doch was wäre, wenn diese Phase sich künstlich verlängern ließe? Wenn die Frauen, wie die Männer schon immer, einfach noch Zeit hätten?
Marie-Claire, kurz MC, bekannt als die gut gelaunte Stimme aus dem Radio, bekommt mit knapp vierzig von ihrer Frauenärztin diesen Satz zu hören: Sie hatten ein Vierteljahrhundert Zeit. Und jetzt ist es zu spät oder so gut wie. Die wichtigste Deadline des Lebens: verpasst. Den im Grunde einzigen Daseinszweck: verfehlt. Oder noch nicht? Denn als MC am nächsten Morgen aufwacht, ist sie zu ihrer eigenen Überraschung das erste Mal wirklich glücklich.
Anahita ist eine wandelnde Erfolgsgeschichte: Senatorin mit nicht einmal vierzig, Medienprofi, in ein paar Jahren könnte sie in Brüssel sitzen. Doch etwas fehlt, auch wenn sich das niemand zu sagen traut. Eine Politikerin muss kompetent sein, und ist Mutterschaft nicht immer noch die wichtigste Kompetenz einer Frau?
Hier werden verschiedene Lebenswege von Frauen erzählt, sowohl einzeln als auch in Verknüpfung miteinander. Dies geschieht abwechselnd, wobei die Erzählperspektive wechselt. Es werden keine vorgefertigten Antworten geliefert, sondern lediglich ihre Sicht der Dinge berichtet.
Dies ist ein Roman, die eigene Erwartungen und fremde Erwartungen miteinander verbindet. Auch Rollenerwartungen und damit immer noch verbundene Stereotype, Freiheit und die Frage nach Prioritäten im eigenen Leben spielen eine Rolle. Der mehrperspektivische Ansatz ist ein großes Plus des Buches.
Die Frage nach Glück ist natürlich eine subjektive, individuelle Ansicht, wo es mehrere Perspektiven und Elemente gibt. Aber der Roman ruft Fragen auf, die sich viele Frauen oder auch Paare einmal stellen. So wird die Verbindung zu eigenen Fragen des Lebens gestellt, und so Leser*innen miteinbezogen.
Der Roman richtet sich besonders an Frauen, die eine gute Ausbildung haben und sich beruflich weiterentwickeln wollen. Die Frage der Mutterschaft zu stellen, kann natürlich aus der Perspektive von Frauen, die keine Kinder bekommen können, verletzend sein.
Buch 6
Lilly Lucas: This could be love, Knaur, München 2024, ISBN: 978-3-426-53089-4, 15 EURO (D)
Mit diesem Buch startet die neue große New-Adult-Trilogie »Hawaii Love«
von Bestseller-Autorin Lilly Lucas.
Im ersten Band reist Tennis-Shootingstar Louisa auf Hawaii und muss sich bald fragen, wer in ihrem Leben die Nr. 1 spielt: der Sport oder die Liebe.
Deutschlands Tennis-Shootingstar Louisa ist nach einer Verletzung am Boden zerstört. In der Tennisschule ihrer Patentante Kay auf Hawaii will sie sich voll und ganz auf ihr Comeback konzentrieren. Als sie sich bereits beim ersten Lauftraining am Strand übernimmt, wacht sie ausgerechnet auf der Couch eines attraktiven Surferboys auf. Der ist aber spätestens dann tabu, als sie erfährt, dass es sich bei ihm um Vince Greenfield handelt, mit dem ihre Patentante auf Kriegsfuß steht, weil er in direkter Nachbarschaft zu ihrer Strandvilla ein Surfer-Hostel renoviert. Obwohl sie Kay nicht in den Rücken fallen will, zieht es Louisa immer häufiger zu Vince. Bis sie herausfindet, dass er ein paar wesentliche Kapitel seines Lebens unterschlagen hat.
Das Buch bietet eine Achterbahn der Gefühle für die Protagonisten auf einer der schönsten Urlaubsinseln der Welt. Das Setting ist natürlich träumerisch aus der Brille von Verliebten dargestellt.
Dass der Tennissport auch seine Schattenseiten hat, wird ebenso deutlich, wenn man international erfolgreich sein will. Karriere und erste Liebe vertragen sich manchmal nicht so gut.
Das Buch besitzt insgesamt viel Herz und Wohlfühlcharakter. Lucas’ Schreibstil ist flüssig, einnehmend und leicht zu lesen. Sie versteht es, die Kulisse von Green Valley lebendig zu beschreiben und die Emotionen ihrer Charaktere authentisch zu vermitteln.