Neuerscheinungen Literatur
Buchtipps von Michael Lausberg
Buch 1
Olivie Blake: The Atlas Complex. Macht ist grenzenlos, Fischer Tor, Frankfurt/Main 2024, ISBN: 978-3-596-70766-9, 25 EURO (D)
Dies ist das Finale der explosiven Atlas-Trilogie von Bestsellerautorin Olivie Blake.
Die talentiertesten Magier wurden auserwählt – aber nur die Klügsten werden überleben. Die Ereignisse in der Bibliothek von Alexandria spitzen sich zu, und jeder der sechs Auserwählten muss sich die Frage stellen, ob die Suche nach grenzenloser magischer Macht sie verändert. Wie sie sich selbst beschränken können, um menschlich zu bleiben. Oder wen sie verraten müssen, um ihre wahren Ziele zu erreichen.
Dies ist ein psychologisch angehauchter Fantasy-Roman, der viele anthropologische Fragen stellt. Die Autorin schafft es, ihre Charaktere durch die Augen des jeweils anderen zu analysieren, um zum Kern ihrer Persönlichkeit zu gelangen. Die Charakterdynamik wird so gründlich erforscht, dass wenig Raum für weitere Handlungsstränge bleibt.
Blake schreibt manchmal etwas umständlich, so dass dann der Lesefluss etwas verloren geht. Dies tut aber der Spannung keinen Abbruch.
Dies ist eine Serie darüber, was passieren würde, wenn man sechs der mächtigsten Menschen auf dem Planeten, Zugang zu unendlichem Wissen, unendlicher Macht und der Möglichkeit geben würden, ihre ureigensten Träume wahr werden zu lassen. Was würde es kosten, Größe zu erreichen, und wie weit sind sie bereit, die Grenzen zu überschreiten, um sie zu erreichen?
So ist das Buch auch eine Charakterstudie und Darstellung des menschliches Verhaltens und Denkens. Es ist eine Geschichte über Besessenheit, Liebe, Hass, Privilegien und eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Und auch eine Warnung, was grenzenlose Macht für leidvolle Folgen haben kann.
Inwieweit dies auch auf die politische Gegenwart und aktuelle Entwicklungen übertragen werden kann, müssen die Leser*innen selbst entscheiden.
Buch 2
Lauraine Meyer: Feminists in Progress. Ein Comic-Guide für Empowerment, Body Positivity und Vielfalt | Ein Must-have für alle Generationen, Carlsen, Hamburg 2023, ISBN: 978-3-551-72650-6, 26 EURO (D)
Mit leichtem, farbenfrohen Strich lädt Lauraine Meyer in diesem Comic dazu ein, veraltete Vorstellungen von Feminismus, Weiblichkeit und Geschlechterrollen zu überdenken und klärt humorvoll über die wichtigen feministischen Begriffe auf.
Es gibt einen guten, witzigen und erfrischend kurzweiligen Ein- und Überblick in wichtige Ereignisse der Situation von Frauen und beleuchtet dabei neben Themen wie dem Wahl- und Selbstbestimmungsrecht auch Rassismus, Rollenerwartungen und Unterdrückung.
Vom kaum merklichen Alltagssexismus bis zur #metoo-Bewegung, über Mental Load, Body Positivity, Ökofeminismus und Intersektionalität: In pointierten Episoden zeigt der Comic welche Ideen und historischen Entwicklungen hinter den aktuellen Schlagworten und Debatten stecken.
Die charakteristischen Figuren stehen dabei im Vordergrund der Narration und spiegeln in ihrer Mimik und Gestik eindrücklich Empfindungen wider. Die reduzierten und überspitzten Darstellungen, bekommen das Wort, indem Sprechblasen in das Bild eingelassen werden. Der comicartige Stil mit schwarzen Linien und dominierenden schwarzen Farbflächen wird der thematischen Struktur des Buches entsprechend mit verschiedenen Farben unterlegt, die hell und komplementär gehalten sind.
Natürlich ist es unmöglich, alle Themen des Feminismus und alle Protagonistinnen in eine Graphic Novel zu packen, es muss hier eine Auswahl getroffen werden.
Die liebevoll illustrierte Graphic Novel ist trotz ernster Themen leichtfüßig und ironisch – und das ein oder andere Lachen bleibt dem Leser dabei eindeutig im Halse stecken. Denn so witzig und pointiert die Novel auch aufgemacht und erzählt ist, die Thematik bleibt erschreckend aktuell und ist in manchen Zusammenhängen sehr nah bei der Gegenwart.
Buch 3
Ursula Parrott: Ex-Wife. Roman, S. Fischer, Frankfurt/Main 2024, ISBN: 978-3-949465-28-4, 24 EURO (D)
Dies ist das vergessene Meisterwerk aus den 1920ern von Ursula Parrott. Ihr halbautobiografischer Roman, der 1929 in Amerika veröffentlicht wurde, wird neu aufgelegt.
Ursula Parrott (1899-1957) ist das Pseudonym von Katherine Ursula Towle, Autorin von über zwanzig Romanen und fünfzig Geschichten. Ihr zunächst anonymes Debüt, Ex-Wife, wurde 1929 über 100.000 Mal verkauft. Parrott wurde bald zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der 1930er Jahre, doch nachdem ihre Popularität zurückgegangen war, unter anderem aufgrund diverser Gerichtsverfahren, starb Parrott schließlich arm und alkoholkrank an Krebs in New York.
Der Roman war bei seinem ersten Erscheinen eine umstrittene Sensation und wurde später für Hollywood adaptiert. Im Mittelpunkt steht die 24-jährige Patricia. Sie ist gut ausgebildet, scheint unabhängig zu denken, steckt jedoch in einer missbräuchlichen Ehe mit Peter, der sie dann für eine andere Frau verlässt. In diesem Selbstporträt erzählt sie schonungslos aus ihrem Leben.
Parrotts Darstellung ihrer Trennung ist schonungslos und beschreibt ausführlich häusliche Gewalt und eine gefährliche illegale Abtreibung. Auf das Ende der Ehe folgt ein Leben als eine von New Yorks immer zahlreicher werdenden "Ex-Frauen".
Ihre Umfeld hat sie eindeutig darauf getrimmt, den Schein zu wahren, also ist sie immer auf dem neuesten Stand der Mode und makellos gekleidet; sie ist Männern gegenüber betont höflich, ist sich jedoch schmerzlich bewusst, dass die Kreise, in denen sie sich bewegt, voller Heuchelei und Widersprüche sind und für Frauen potenziell schädlich sein können.
Sie schreibt tagsüber Werbetexte für ein Kaufhaus, besucht nachts Clubs und Flüsterkneipen, und die Männer, die sie trifft, halten sie für Freiwild, bis hin zur Vergewaltigung.
Der Stil des Romans wechselt oft: Es finden sich viele ironische Bemerkungen darin, aber auch einige sehr emotionalen Passagen und Momente. Momente von Gesellschaftskritik und doppelbödiger Dogmen und Werte gibt es auch. Als authentische Sozialgeschichte ist der Roman eine unbequeme, oft aufwühlende Momentaufnahme des gesellschaftlichen Lebens der Zwischenkriegszeit im männlich dominierten Amerika.
Buch 4
Elin Hilderbrand: Das Fünf Sterne Wochenende. Roman, Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN: 978-3-455-01758-8, 18 EURO (D)
Hollis Shaws Lebens scheint perfekt: Sie ist erfolgreiche Food-Bloggerin und führt eine glückliche Ehe. Tochter Caroline studiert und geht ihren Weg. Als Hollis’ Mann jedoch völlig unerwartet stirbt, ist nichts mehr, wie es war. Doch Hollis hat der Lebensmut nicht verlassen: Sie lädt ihre vier wichtigsten Freundinnen in ihr wunderschönes Strandhaus ein, um zu fünft ein “Fünf Sterne Wochenende” zu verbringen. Jede der Frauen bringt ihre eigene Geschichte mit, und schon bald kommt es zu einigen überraschenden Bekenntnissen.
Während ein unvergessliches Wochenende seinen Lauf nimmt, treten immer mehr kleine und große Geheimnisse ans Licht und das Leben schlägt die fünf Freundinnen auf neue, unerwartete Weise in seinen Bann.
Der Schreibstil ist einnehmend und eindringlich, so dass man sich in der Geschichte leicht wiederfinden kann. Es gibt viele Wendungen in der Stimmung der Charaktere. Die Autorin vermischt dabei Momente der Leichtigkeit und Introspektion, so dass unerwartete Geheimnisse ans Licht kommen. Dabei vermischen sich die Erkenntnisse der Freundinnen, jede profitiert von den Erfahrungen und dem Umgang mit einschneidenden emotionalen Momenten.
Das Buch ist aber mehr als nur eine Flucht in eine luxuriöse Umgebung. Es ist eine Geschichte, die Themen wie Selbstfindung nach einem traumatischen Verlust, Vergebung und die transformative Kraft der Freundschaft behandelt. Das Wiederaufleben von Beziehungen und das Wiederfinden von Liebe sind auch Themen, mit denen sich wahrscheinlich viele Leser*innen identifizieren können.
Das Buch ist alles andere als eine leichte Sommerlektüre. Es erinnert daran, wie wichtig es ist, unsere Beziehungen zu schätzen, die unerwarteten Wendungen des Lebens anzunehmen und Freude an den einfachen Momenten zu finden. Dazu braucht man aber nicht unbedingt eine luxuriöse Umgebung.
Buch 5
Elizabeth Haran: Fliegende Ärzte. Schicksal unter roter Sonne, Lübbe, Köln 2024, ISBN: 978-3-7577-0019-5, 22 EURO (D)
Dies ist ein Roman um eine junge Krankenschwester, die im Australien der 1940er-Jahre ihren Weg im Leben findet.
Die junge Krankenschwester Catherine arbeitet in einem Waisenhaus vor der Küste Darwins. Dort kümmert sie sich um Kinder, die ihren Familien entrissen wurden. Sie ist mit dem Piloten Preston verlobt, und sie planen zu heiraten, sobald der Krieg in Europa vorüber ist. Doch dann kommt alles anders, als Darwin angegriffen wird. Catherine wird schwer verletzt. Prestons Flugzeug wurde abgeschossen, er gilt als vermisst. Catherine wird von den »Fliegenden Ärzten« nach Alice Springs evakuiert. Ihre Zukunftspläne und Träume scheinen zunichte gemacht. Kann sie je wieder glücklich werden?
Der Roman hat den folgenden historischen Hintergrund: Es gab militärische Auseinandersetzungen im Pazifikkrieg während des Zweiten Weltkrieges zwischen Japan und Australien. Japanische Streitkräfte waren für Luftangriffe in Australien von 1942 bis 1943 verantwortlich, darunter der schwere Luftangriff aus Darwin 1942.
Die grundlegende Versorgung, wie Trinkwasser- und Elektrizitätsleitungen, wurde schwer beschädigt oder zerstört. Furcht vor einer bevorstehenden Invasion breitete sich aus, und eine Flüchtlingswelle entstand, als die Hälfte der zivilen Bevölkerung aus der Stadt floh.
Dies ist aber in erster Linie ein Schicksalsroman, der im Outback von Australien spielt und sich teilweise auf reale Ereignisse beruft. Er ist emotional und auch spannend geschrieben, Die Handlung ist bisweilen etwas oberflächlich und vorhersehbar. Man kriegt auch viele Einblicke in die Tätigkeit der fliegenden Ärzte, was sehr interessant ist.
Was den Reiz ausmacht, sind die dichten Beschreibungen eines Kontinents, der vieles zu bieten hat. Einerseits viele wildromantische Schönheiten, andererseits auch viele Gefahren. Elizabeth Haran gelingt es, dies in dem Auge der Leser*innen vorstellbar zu machen. So entsteht etwas Fernweh, die Gelegenheit zur Flucht aus dem Alltag bietet.
Für Australien-Fans ist es ein lesenswertes Buch.