Skip to main content Skip to page footer

Freidenker-penseur libre

Bild. Wilma-Ruth Albrecht

Von Wilma-Ruth Albrecht

Freies Denken ist von Natur aus international,

weil es humanistisch ist –

nichts Menschliches ist ihm fremd -,

weil es sozial ist, weil es antiklerikal ist.“

[Jean-Marc Schiappa]

1. Freiheitsbaum

Seit 2024 gibt der alternative, in Heidenheim beheimatete Kleinverlag „Freiheitsbaum“, gegründet von dem Historiker über herrschaftskritische und demokratische Basisbewegungen, Georg-Elser-Biograf, Schriftsteller und Mundartdichter Hellmut G. Haasis (1942-2024), die neue „Edition Libre Pensée“ heraus. Der Name „Verlag freiheitsbaum“ ist Programm, gilt doch der Freiheitsbaum seit der Französischen Revolution (1789), der Mainzer Republik (1793), der Juli- (1830) und Märzrevolutionen (1848) als Symbol des Volkes für Freiheit und Demokratie.

Und seit vielen Jahren veröffentlicht Heiner Jestrabek (*1956) in der Reihe „edition spinoza“ klassisch aufklärerische, religionskritische Schriften, regionsbezogene historische Studien und schöne Literatur. Die neue Edition wendet sich den Freidenkern, speziell den Franzosen Etienne Delot (1508-1546), Marie Vérone (1874-1938) und André Lorulot (1885-1963), ihrer Biografie, ihrem Wirken und ihren Schriften zu.

Bekanntlich hängen die Freidenker eng mit den demokratischen Strömungen des Humanismus (einschließlich ihrer antiken Wurzeln), selbstverständlich der europäischen Aufklärung und den radikaldemokratischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts mit ihren Ausstrahlungen in die Frauen- und Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts zusammen. Öffentlich bekämpft wurden obskuranter religiöser Fanatismus, intellektueller Dogmatismus, zynisch praktizierte Rechtlosigkeit und schrankenlose Machtausübung der jeweiligen Herrschaftssystem

Von daher gesehen ist das Freidenkertum sei es in seiner klassischen oder in seiner modernen Form so aktuell wie nötig.

2. Étienne Dolet – Märtyrer des Freien Denkens

Einer der frühen freien Denker war der französische Humanist Étienne Dolet (1509-1546), dem Jestrabek einen fast 300 Seiten starken Band gewidmet hat:

Étienne Dolet (1509-1546): Märtyrer des Freien Denkens. Leben und Werk nach der Biografie von Richard Coply Christie (1899)

Cymbalum mundi. Anonym, vermutl. Bonaventure Des Périers (1537/1538). Reutlingen-Heidenheim 2024, 291 S. 18 Euro

Der Band beinhaltet eine mit zeittypischen Abbildungen versehene Einführung von Heiner Jestrabek (S.6-49), dann folgen als Nachdrucke die Biographie über Dolet von Richard Copley Christie aus dem Jahr 1899 (S. 50-268) sowie das „Cymbalum mundi“ von Bonaventure Des Périers (etwa um 1510-1544) aus den Jahren 1538/39 (S.269-291).

Étienne Dolet wurde am 3.8.1509 in Orléans geboren, ging als 17-jähriger zum Studium nach Padua, der damaligen Hochburg des Humanismus/Renaissance mit ihren pantheistisch, materialistisch und ciceronisch ausgerichteten Gelehrten, wurde dann Sekretär des aus der Auvergne stammenden Bischof-Botschafters Jean den Langeac in Venedig, kam 1532 an die Universität Toulouse, um Jura zu studieren. In Toulouse, seit jeher Hochburg des sogenannte „Ketzer“ verfolgenden Dominikanerorden, kam es zur gleichen Zeit wieder zu einer Verfolgungswelle gegen den Protestantismus, Säuberungen der Universität, Inhaftierungen und Folterungen von Professoren und Studenten, die sogar Ketzerverbrennungen einschlossen. Dolets öffentliche Kritik dieser Zustände in Reden 1533 und 1534 führten nicht nur zu einer Gefängnisstrafe sondern auch zum Verweis aus der Stadt. Im August 1534 ließ er sich in der eher bürgerlich geprägten Stadt Lyon nieder, erlernte bei Sebastian Gryphius (1509-1546), der auch Dolets humanistische Schriften herausgab, das Druckerhandwerk, erhielt 1538 das Druckerprivileg und wirkte erfolgreich als Drucker und Herausgeber von medizinischen, griechischen und lateinischen Klassikern und zeitgenössischer Literatur auch in französischer Sprache, darunter befanden sich auch einige Werke des Lyrikers Clément Marots (1496-1544) und des Arztes und Romanciers Françoise Rabelais (1483-1553). Durch seine Schriften „Les deux discours contre Toulouse“, „Le dialogue sur l´imitation de Cicéron contre Didier Erasme d´Amsterdam“ oder „Commentaires sur la langue latine“ machte er sich unter humanistischen Kreisen einen Namen als Gelehrter. Ab 1539 geriet Dolet wieder in das Fadenkreuz kirchenrechtlicher und folgend staatlicher Verfolgung: Konnte er sich 1542 noch durch königliche Begnadigung vor der Hinrichtung retten, wurde er 1544 im Rahmen einer Intrige in Paris erneut verhaftet, gefoltert, erdrosselt und im August 1544 auf dem Place Maubert zusammen mit seinen Büchern verbrannt. Das Verbrecher, dessen sich Dolet schuldig machte, war nach dem Urteil des Inquisitationsgerichtes, dass er nicht an ein Leben nach dem Tode und an die Unsterblichkeit der Seele glaubte, diese Meinung jedoch nicht direkt vertrat sondern in den Mund von Klassikern wie Sokrates legte.

Der Mord an Dolet bildete quasi den Auftakt zu einem schrecklichen Massaker an den Bewohnern des sogenannten Waadtlandes (Gebiet um den Genfer See):

Die drei Waadtländer Städte wurden zerstört, 3.000 Menschen massakriert, 256 nach dem Massaker hingerichtet, und nach einem Scheinprozess wurden sechs- oder siebenhundert weitere auf die Galeeren geschickt, und viele Kinder als Sklaven verkauft“ (S.250), so Richard Copley Christie in seiner 1899 veröffentlichten und im vorliegenden Band wieder nachgedruckten Biografie über Dolet.

Hintergrund dieser ideologisch-politischen Auseinandersetzungen zwischen frühbürgerlichem-weltlichem Humanismus und feudal-kirchlichem Dogmatismus war eine epochale Zeitenwende: das Aufkommen der Geldwirtschaft, ihre erste Expansion im Zuge der Raubzüge der Entdeckungen und der ersten Akkumulation des Kapitals. Diese Zeit der Umwälzungen eröffnete Freiräume für rational ausgerichtete Wissenschaften und humanistisch-realistische Künste, forderte aber auch mutige Kämpfer als Opfer, die erst spät geehrt wurden.

So ließ die Pariser Stadtverwaltung 1889 am Place Maubert, dem Ort Dolets Hinrichtung, ein Denkmal mit einer Statue für Dolet und zur Verehrung des freien Denkens errichten, das 1942 von der profaschistischen Vichy-Regierung zerstört, eingeschmolzen und auch nicht wieder errichtet wurde.

3. André Lorulot – Leben eines Freidenkers

Zur Zeit, als das Denkmal errichtet wurde, war die Freidenkerbewegung auch in Frankreich sehr lebendig und aktiv. Einer ihrer bekanntesten Aktivisten war André Lorulot. Auch ihm hat der „Verlag freiheitsbaum“ ein Buch gewidmet

André Lorulot (1885-1963). Leben und Ideen eines Freidenkers. Vie et idées d´un libre-penseur. Hrsg. v. Heiner Jestrabek. Heidenheim (Verlag freiheitsbaum, edition Spinoza) 2024, 249 S., 16 Euro

In bekannter Weise hat Jestrabek das Buch gegliedert und illustriert: Nach einem längeren Beitrag über Lorulots „Leben, Werk und Ideen eines Freidenkers“ (S.7-26), der „Literatur Bibliographie Oeuvre Lorulots“ (S.27-34) folgen autobiographische Texte von Lorulot „Ma vie..., mes Idées.../ Mein Leben...meine Ideen“ (S.35-192) von Freunden 1973 zusammengestellt und Auszüge aus der religionskritischen Satireschrift „La vie comique de Jésus - Das komische Leben des Jesus“ aus dem Jahr 1934 (193-245) mit Illustrationen im Comicstil von Armageol (eigentlich Armand Gros bzw. Armand Mougeol 1891-1974).

André Lorulot, eigentlich Roulot, wurde 1885 in Paris in armen Verhältnisse geboren, sein Vater als Lithograf tätig, alkoholabhängig und gewalttätig, starb früh an einer Bleivergiftung. Wie in der Zeit üblich arbeitete André 14-jährig als Lehrling, Bote, Buchhalter und bildete sich autodidaktisch in Geschichte, Literatur und Philosophie weiter. Er fand im Vorkriegsfrankreich Anschluss an radikaldemokratische und sozialistische Kreise, schloss sich dann anarchistischen Zirkeln um die Zeitschrift „L´Anarchie“ von Joseph Albert (1875-1908) an und wirkte als politischer Redner und Schriftsteller. Nach Alberts Tod übernahm Lorulot die Leitung der Zeitschrift (1909-1911), davor 1906-1908 beteiligt er sich an der libertär-kommunistischen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft „Colonie libertaire“ in Saint-Germain-en-Laye (Yvelines) und wurde als Antimilitarist mehrmals strafrechtlich verfolgt. Der Anarchist, Pazifist und sozialreformistische Aktivist Léon Prouvost (1856-1921) wurde zu dieser Zeit sein einflussreicher Freund. Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sich Lorulot verstärkt in der Freidenkerbewegung und agitierte gegen den Klerikalismus: Er wirkte ab 1921 als Herausgeber der Zeitung „L´Antireligieux“, 1928 von „La libre pensée“ und als erfolgreicher wie verfolgter Redner der Freidenkerbewegung in allen französischen Departements, in Nordafrika, Belgien und der Schweiz. Selbstredend engagierte er sich gegen den Faschismus, die deutsche Besatzung und den französischen Kolonialismus. Er hielt ungefähr 2500-3000 Vorträge, gab eine Vielzahl von Broschüren und Bücher, darunter die Satirezeitschrift „La Calotte“ heraus, schrieb sogar Theaterstücke, Romane und Rundfunkbeiträge. Er starb 1963 in Herblay und ist auf dem Friedhof Père Lachaise (Paris) beerdigt.

Nachdem er den Opportunismus der Sozialisten in Person Aristide Briand (1862-1932) im Zusammenhang mit seiner Verurteilung wegen eines antimilitaristschen Flugblattes 1907 persönlich erfahren (S.12) und sich entgültig mit Ende des Ersten Weltkrieges vom militanten Anarchismus eines Viktor Serge (1890-1947) distanziert hatte, nahm er fortan einen unabhängigen antiklerikalen und aufklärerischen Standpunkt ein. Das war auch nötig, denn: Obwohl Frankreich 1905 in Folge der Dreyfußaffaire die Trennung von Staat und Kirche eingeführt hat, blieb das Land stark vom Katholizismus geprägt. Sogar im 21. Jahrhundert bekennt sich eine Mehrheit der Bevölkerung Frankreichs - zumindestens formal - zum katholischen Glauben. Gegen religiösen Obskurrantismus jeder Art agierte Lorulot lebenslang. In dieser satirisch vorgestellten Tradition agierte auch Charlie Hebdo 2006, als sie die Muhammed cartoons von Jylland-Posten veröfffentlichte und einen Sturm der Entrüstung von allen Dunkelmännern erntete.

Nach der Abkehr vom radikalen Anarchismus und der Distanzierung vom Parteisozialismus wurde und blieb Lorulots gesellschaftspolitisches Ideal das genossenschaftliche, wie er in seiner Schrift „Ein Blick in die Zukunft“ (S.153-166) ausführt:

Mein Ideal ist und bleibt das genossenschaftliche Ideal, das ich dem etatistischen Sozialismus und dem Kommunismus weit überlegener finde. Das Genossenschaftssystem respektiert die individuelle Autonomie; es versucht nicht, die Persönlichkeit zu absorbieren und zu zermalmen; es entlohnt jeden nach seinem Verdienst und seiner Anstrengung; es gewährt privaten Initiativen ein Höchstmaß an Freiheit, das mit dem Interesse der Gemeinschaft vereinbar ist.“(156)

Es muss die Genossenschaftsrepublik aufgebaut werden!

Das repräsentative System muss verbessert werden, damit der Parlamentarismus endlich zu einer Regierung des Volkes DURCH DAS VOLK wird.“ (166)

4. Maria Vérone – Frauenrechtlerin und Freidenkerin

Die enge Verbindung zwischen Freidenkertum, Antiklerikalismus und Frauenrechts- und -emanzipationsbewegung zeigt Jestrabek im 3. Band der édition Libre-Pensée auf: exemplarisch in den 70 biografischen Porträts von Freidenkerinnen und ausführlich am Leben und Wirken von Maria Vérone.

Heiner Jestrabek: Freidenkerin und Frauenrechtlerin Maria Vérone (1874-1938). Libre-Penseuse et droits des femmes. Biografische Porträts von 70 Freidenkerinnen Libre-Penseuses. Vorkämpferinnen für Frauenrechte und Freies Denken. Heidenheim (Verlag freiheitsbaum, edition Spinoza) 2024, 283 S., 17 Euro

Der Band ist in drei Bereiche unterteilt: Im ersten charakterisiert Heiner Jestrabek „Maria Vérone (1874-1938), Freidenkerin und Frauenrechtlerin, Libre-Penseuse et droits des femmes“ (S.6-34) die französische Frauenrechtsbewegung mit ihren frühen Repräsentanten: der Philosophin und Schriftstellerin Clémence Royer (1830-1902), der Kommunardin und Sozialistin Marie Bonnevial (1841-1918) und der Rechtsanwältin Maria Vérone. Im Mittelteil werden Texte von Maria Vérone wiedergegeben wie „Zum Tod von Louise Michel 1905“ (S.35), ein „Vortrag über den Feminismus 1910“ (S.36-42), Auszüge aus der Schrift „Die Frau und das Gesetz“ aus dem Jahre 1920 (S.43-73). Den dritten Teil bilden die von Heiner Jestrabek zusammengestellten „Biographische[n] Porträts von 70 Freidenkerinnen. Libre-Penseuses, Vorkämpferinnen für Frauenrechte und Freies Denken“ (S.74-276), er kann als ein verdienstvolles Nachschlagewerk dienen.

Maria Vérone wurde am 20. Juni 1874 in Paris geboren, wo sie auch bis zu ihrem Tode am 23. Mai 1938 wohnte. Ihre Eltern, die Blumen- und Federmacherin Marie-Antoinette und der Buchhalter Gustave Vérone, waren engagierte Mitglieder der Fédération nationale de la Libre Pensée, die ihre Tochter in die Vereinsarbeit einbanden. Nach dem Tode des Vaters 1890 unterstützte Maria die Mutter bei ihrer Arbeit, trat aber auch schon früh als Kabarettsängerin und Rezitatorin auf, ja sie galt als „jugendlicher Star der französischen Freidenkerszene, die regelmäßig bei deren groß inszenierten öffentlichen Feiern und Manifestationen auftrat“.(15) Von einer Tätigkeit als Hilfslehrerin der Stadt Paris (1894-1897) wurde sie wegen ihres öffentlichen Engagements für die Sozialistische Partei, die Liga der Menschenrechte und die Friedensbewegung gekündigt. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit für die feministische Tageszeitung „La Fronde“, den öffentlichen Auftritten auf Freidenker- und sozialistischen Veranstaltungen studierte sie Jura, erlangte einen Abschluss und wurde 1907 als erste Frau in Paris als Anwältin zugelassen. Sie engagierte sich in den nachfolgenden Jahren weiterhin für Frieden, für Frauen- und Menschenrechte, publizierte in zahlreichen Zeitschriften zentristischer und linker Ausrichtung und verfasste mehrere Bücher und Broschüren. 1936 galt sie als Anwärterin eines Ministerpostens in der Volksfrontregierung Léon Blums. 

Wichtig war ihr als Frauenrechtlerin die Aufklärung über die geschlechtsspezifische Natur des französischen Rechts: so die Umsetzung der Rechtsgleichheit im stark patriarchal ausgerichteten traditionellen französischen Familien- und Eherecht, das die verheiratete Frau in die Abhänigkeit vom Mann zwingt, und im Strafrecht. Ein spezielles Anliegen war ihr auch die Gleichstellung der Geschlechter sowie eine soziale Ausrichtung in der Umsetzung der Arbeitscharta der Friedenskonferenz 1919 (Versailler Vertrag XIII. Teil: Arbeit, Abschnitt 2, Art. 427) ins neu zu schaffende nationale Arbeitsrecht. Selbstredend trat sie auch engagiert für die politische Gleichberechtigung von Frauen ein. Doch das Frauenwahlrecht wurde in Frankreich erst 1944 nach der Befreiung Frankreichs vom Faschismus eingeführt, sechs Jahre nach dem Tod von Maria Vérone 1938.

Auf die biografischen Porträts der 70 Freidenkerinnen, die sich von Mary Wollstonecraft-Godwin [1759-1797] bis Lina Haag [1907-2012] erstrecken, soll hier nicht eingegangen werden. 

Es gilt aber festzuhalten: Die Frauen, die sich der Freidenkerbewegung und der Frauenemanzipationsbewegung anschlossen, zeichneten sich durch ein ausgeprägtes Interesse an umfassender Bildung im Sinne der Aufklärung und den Willen diese auch gegen widrige Umstände zu erlangen aus. Auch suchten sie finanzielle Unabhängigkeit und eigenes Einkommen zu erlangen. Sie übernahmen für ihr Tun und ihre Überzeugung Eigen- und Selbstverantwortung. Sie agierten mit Mut und Selbstbewusstsein. Sie waren somit Persönlichkeiten.

Wilma-Ruth Albrecht, August 2024