Die Klimakrise, für deren Begrenzung nur noch wenig Zeit bleibt
Von Gilbert Siegler
Teil 1 Grundlagen
Der vom Menschen verursachte Klimawandel beginnt mit der Industrialisierung und dem damit möglich gewordenen Wachstum der Wirtschaft. Die Entwicklung des Kapitalismus mit einem historisch einmaligen Wirtschaftswachstum basiert auf der Nutzung von Kohle, Öl und Gas als Energieträger. Mit deren Nutzung stand zum ersten Mal Energie überall kostengünstig und in scheinbar unbegrenzter Menge zu Verfügung.
Das wesentliche Merkmal dieser Entwicklung ist die weltweite Ausbeutung von Natur und Menschen. Die Ausbeutung der Kolonien, der bis in die Gegenwart reichende Neokolonialismus und andere Formen der Ausplünderung zahlreicher Länder dienten und dienen der Aneignung von Rohstoffen und Halbfertigprodukten. Diesen Ländern wurden und werden durch Sklaverei, Zwangsarbeit und Völkermord zugleich in großem Umfang Menschen geraubt. Zu den Folgen der kapitalistischen Industriealisierung gehört die zunehmende Zerstörung lebenswichtiger Ökosysteme, die sich in den letzten Jahrzehnten noch deutlich beschleunigt hat. Zugleich kam es zu einer Anhäufung unvorstellbaren Reichtum in wenigen Händen. Für breitere Teile der Bevölkerung in den alten alten kapitalistischen Industrieländern des globalen Nordens wuchs der materielle Lebensstandard in historisch einmaligem Umfang. Beides freilich auf Kosten von Völkern des globalen Südens.
Zu den Folgen dieser Entwicklung des industriellen Kapitalismus zählt insbesondere die zunehmende Anreicherung von Treibhausgasen (THG) in der Atmosphäre. Der THG - Gehalt hat sich seit Beginn der Industrialisierung um 50% erhöht. Das führt mit zunehmender Geschwindigkeit zur Erwärmung der Erdatmosphäre, bisher um 1,1 Grad. Die Folgen sind ebenso messbar: Der Meeresspiegel erhöht sich, weil sich Wasser durch Erwärmung ausdehnt und weil die großen Eismassen der Erde zunehmend abschmelzen. Mehrere Hundert Millionen Menschen leben in niedrig liegenden Gebieten, die vom Meeresspiegelanstieg betroffen oder gar existenziell bedroht sind. Die globalen Meeres- und Luftströmungen, die seit Jahrtausenden das Klima bestimmen und bislang stabil gehalten haben, verändern sich. Das führt zu immer häufiger auftretenden Extremwetterereignissen wie zu extremen Hitzeperioden, Dürren, Starkregen, Tornados, die schon jetzt die Lebensgrundlagen in zahlreichen Ländern zunehmend zerstören. Bisher landwirtschaftlich nutzbare Flächen werde zu Steppen und Wüsten, der Fischreichtum der Meere bricht zusammen usw.
Es geht um nichts weniger als die drohende Zerstörung der menschlichen Zivilisation bis hin zur Gefahr der Auslöschung der Spezies Mensch. Kaum weniger bedrohlich sind das Artensterben und andere ökologische Krisen. Das Artensterben wird durch die globale Erwärmung beschleunigt, indem z. B. Wälder geschädigt und zerstört werden und Ozeane versauern. Der Verlust intakter Ökosysteme beschleunigt wiederum die globale Erwärmung; nur intakte Wälder, Moore und Böden etwa können Kohlendioxid speichern.
Mit der Förderung, Verarbeitung und Nutzung fossiler Energien werden gigantische Profite erzielt. Vor allem deshalb ist es in den letzten 30 Jahren nicht gelungen, die Entwicklung Richtung Klimakatastrophe aufzuhalten. Vielmehr ist zunehmend deutlich geworden, dass der zum Kapitalismus gehörende Zwang zum Wachstum (zur erweiterten Reproduktion) alle Bemühungen um Klimaschutz, insbesondere um den Ausstieg aus der Nutzung fossilen Energieträger, zunichte macht. Zum Wirtschaftswachstum gehört ein ständig zunehmender Verbrauch von Energie und anderen Rohstoffen. Sonne und Wind bieten zwar kostenlos Energie in unbegrenzten Mengen. Die für die Nutzung dieser Energien erforderlichen Technologien brauchen aber Rohstoffe, die nicht in unbegrenzten Mengen zur Verfügung stehen. Ihre Förderung und Verarbeitung sind energieaufwändig und auch sie führen zur Zerstörung der Lebensgrundlagen vieler Menschen. Die Strategie der Herrschenden und Regierenden, unbegrenztes Wachstum auf Grundlage erneuerbarer Energien sicherzustellen, wie sie auch von SPD und Bündnisgrünen verfolgt wird, ist nicht nur wegen der endlichen Ressourcen illusorisch, sie verschärft auch die Klimakatastrophe.
Karl Marxʼ Feststellung, dass die kapitalistische Produktionsweise die »Springquellen alles Reichtums« untergrabe, nämlich „die Erde und die Arbeiter“ (MEW 23; S.529F) , verweist bereits auf die Zerstörungskräfte des Kapitalismus durch dessen profitgetriebenes System. Diese gilt es zu bändigen und letztlich zu überwinden, wenn die Klimakrise begrenzt werden soll. An der Zerstörung klimatischer Verhältnisse, die für menschliches Leben notwendig sind, werden jedes Jahr Profite in Höhe von Hunderten Milliarden erzielt. An den Folgen der Klimakrise leiden bisher vor allem, aber keineswegs nur Menschen im globalen Süden.Vor den Folgen von Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen usw. können sich nur die Menschen schützen, die über viel Geld verfügen.
Die Folgen der Klimakrise werden umso schlimmer sein, je mehr Treibhausgase sich in der Atmosphäre anreichern. Dieser Prozess gehorcht naturwissenschaftlichen Gesetzen. Mit diesen kann nicht verhandelt werden. Entweder werden die Emissionen rasch begrenzt oder die Klimaentwicklung gerät außer Kontrolle. Das Zeitfenster für eine Begrenzung der Klimakrise schließt sich in diesem, spätestens im nächsten Jahrzehnt.
Die Klimaentwicklung ist kein linearer Prozess. Ein verstärktes Abtauen der Permafrostböden würde z. B. zu einer starken Freisetzung von Methan und Kohlendioxyd führen. Das zunehmende Abtauen der arktischen Eismassen führt zu einer verstärkten Erwärmung des Meeres, weil die dunkle Meeresoberfläche mehr Sonnenenergie absorbiert als die helle Eisfläche. Ein Erreichen dieser und anderer Kipppunkte im Klimasystem würde zu sich selbst verstärkenden Prozessen führen. Es herrscht in der Klimawissenschaft Einigkeit darüber, dass bereits bei einer globalen Erwärmung unter 2 Grad Celsius die Gefahr besteht, Kipppunkte zu erreichen.
Wegen der gegenseitigen Bedingtheit von ökonomischen und Naturgesetzen ist der Kampf gegen die Klimakrise die existenzielle Gegenwartsaufgabe vor allem der sozialistischen Linken. Noch besteht die Chance zu verhindern, dass Milliarden Menschen insbesondere durch den Meeresspiegelanstieg, Extremtemperaturen, Dürren und Überschwemmungen ihre Lebensgrundlagen verlieren. Gelingt es nicht, diese Entwicklung rasch zu bremsen, werden Schätzungen zufolge von 2035 bis 2050 300 Millionen bis zu einer Milliarde Menschen ihre Lebensräume verlassen müssen, zu Klimaflüchtlingen werden. Wenn zahlreiche Volkswirtschaften zusammenbrechen, wird das zu großen Hungersnöten, Kriegen und Fluchtbewegungen führen. Die reichen kapitalistischen Industrieländer werden infolgedessen schwere ökonomische Krisen erleben und sie werden sich nicht mehr gegen den Ansturm von Flüchtenden abschotten können. Überschwemmungskatastrophen wie im Ahrtal und mehrere Dürresommer in Folge und immer neue Hitzerekorde zeigen schon heute: Die Klimakrise macht auch unmittelbar um die BRD keinen Bogen.
Gilbert Siegler, Mai 2024