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Leserbrief von Volker Ritter zu Karl Wild "Wir haben sie so geliebt, die Revolution"

Der Klassenkampf ist permanent!

Tatsächlich kulminiert Klassenkampf nicht ständig in Revolutionen. Aber eine Reduzierung der Geschichte auf zwei revolutionäre „Wellen“ im letzten Jahrhundert ist doch sehr europäisiert. Da fehlen die antikolonialen Befreiungskämpfe von Algerien bis Nicaragua. Da wäre auch eine 68er Bewegung von Berkley bis West-Berlin ohne die Revolutionen in China und Kuba nicht denkbar. Im Fall der portugiesischen Kolonien, schlug dies auch die beiden letzten faschistischen Reststaaten in Europa.

Ebenso trifft nicht zu, dass Akteure der 68er nur, oder primär im akademischen Milieu zu verorten sind. Dies trifft wohl weder auf die 'Black Panther', oder die in Vietnam eingesetzten US-Soldaten zu, noch auf die westdeutsche Lehrlingsbewegung.

Ein Verdienst des Kampfzyklus von 67 bis 73 war, vom Anarchismus bis zum Operaismus die im Stalinismus verdrängten Perspektiven der Arbeiterbewegung wieder zur Diskussion zu stellen. Selbst Kautsky, Lenin und Luxemburg wurden wieder ernsthaft gelesen - von westdeutschen Lehrlingen!

Zum Zyklus von 68 gehören sicher auch angeblich kulturelle Aspekte, wie die Positionen der Psychoanalytischen Gesellschaft (Fritz Brupbacher, Wilhelm Reich) und ebenso die Genderfrage. Beides hatte ganz dialektisch auch bürgerliche bis reaktionäre Facetten hervorgebracht. Aber wenigstens eine von drei westdeutschen Guerillagruppen hatte eine Frauenorganisation, die sich vehement gegen eine Biologisierung des Genderaspektes wehrte.

Die Verbindung von „Systemkritik“ und „nachhaltiger Befreiung...“ gab es bei 68ern nicht nur in Form von Kaufhausbränden (gegen Konsumterror) oder der Antispringerkampagne (Bewusstseinsindustrie) und anders, als in den Hoffnungen von Helmut Kohl ist ein Ende der Geschichte noch nicht geschrieben.