Leserbrief von Sebastian Gerhardt zum Beitrag 'Ein Lehrstück: Ukraine'
von Sebastian Gerhardt
Eines der Prinzipien stalinistischer und politbürokratischer Gesellschaftsformierung bestand darin, daß die Menschen in diesen Gesellschaften wenig bis gar nichts über die politischen Entscheidungen wissen sollten, die über ihr Leben bestimmten.
Was sich hinter den Türen der Macht wirklich tat, war Gegenstand von Vermutungen und Spekulationen, von - privaten - Diskussionen und Überlegungen, die sich ohne eine Chance auf objektive Nachprüfung über Jahrzehnte hinziehen konnten: Lenins Testament und Stalins Aufstieg zur Macht, die Säuberungen der dreißiger Jahre und die Vorgeschichte des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion - die Liste der großen Tabus war lang.
Auch vergleichsweise kleine Ereignisse wie die Übergabe der Krim an die Ukrainische Sowjetrepublik 1954 wurde mit dem Mantel des Geheimnisses umgeben und führten zu originellen Theorien.
Eine dieser Theorien hat Eingang in Horst Hilses interessanten Text "Ein Lehrstück: Ukraine" gefunden:
Mit dem "Geschenk" klebte Chruschtschow die immensen Kosten für den Bau des Wolga-Don-Kanals ganz einfach dem Junior-Partner an die Backe und organisierte zugleich eine Grenzbegradigung: Die Ukraine trat dafür das „Rostower Gebiet“ (Oblast) mit 4 Millionen Menschen um Taganrog im Osten an Russland ab und erhielt dafür die Krim mit 2 Millionen Menschen.
Die Theorie kann nur nicht stimmen. Was auch immer die Kosten des im Juli 1952 eröffneten Wolga-Don-Kanals mit der Entscheidung Chrustschows 1954 zu tun hatten: Die Gegend von Rostow-am-Don bis Taganrog war schon vor Gründung der Oblast Rostow Bestandteil der Russischen Förderativen Sowjetrepublik.
Der Grenzverlauf zwischen den ukrainischen Gebieten Stalino (Donezk) und Worischilowgrad (Luhansk) und der russischen Oblast Rostow ist auf einer Karte des Jahres 1940 gut zu erkennen: Die Grenze lag da, wo sie auch heute ist.
Auch Marxisten sollten die alte Technik des Faktenchecks anwenden.
"Wir wollen etwas verfeinerten Radikalismus. Nicht bloß dieses grobkörnige Entweder-Oder"
Rosa Luxemburg
Sebastian Gerhardt
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