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Neuerscheinungen Sachbuch und Romane

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

August Zirner und Ana Zirner: Ella und Laura. Von den Müttern unserer Väter, Piper, München 2021, ISBN: 978-3-492-07040-9, 22 EURO (D)

August Zirner und Ana Zirner beginnen etwa zeitgleich damit, sich für die Geschichten ihrer Großmütter zu interessieren. Beide empfinden eine zaghafte „Jewish Identity“, hinterfragen diese jedoch kritisch: Nutzen wir sie aus, um ein „reines Familiengewissen“ vertreten zu können? Und was kann uns noch gegeben werden von den starken Frauen, die uns vorangegangen sind? Sie blicken nach Wien, in die Zeit zwischen den Weltkriegen. Ella Zirner-Zwieback leitet das noble Modekaufhaus „Maison Zwieback“ in der Kärntnerstraße. Sie gilt als Grand Dame des Wiener Großbürgertums. Gleichzeitig lebt dort auch das Mädchen Laura Wärndorfer. Die Stoffe der Spinnerei von Lauras Vater werden in Ellas Kaufhaus verarbeitet. Die beiden Damen begegnen sich jedoch erst viel später, im Jahr 1942 in New York. Laura hat Ellas Sohn Ludwig geheiratet. Beide hatten aufgrund ihrer jüdischen Familien emigrieren müssen. Bei ihren Recherchen stellen Ana und August fest, dass es einzig die Bilder in ihren Köpfen sind, denen sie Glauben schenken können. Und so beginnen sie, die Welten ihrer Großmütter mit Fantasie zum Leben zu erwecken. Bis schließlich Laura und Ella selbst zu sprechen beginnen …

Ana und August Zirner berichten in je eigenen kurzen Kapiteln abwechselnd und setzen sich mit den Charakteren detailliert auseinander. Dies ist also nicht nur eine spannende Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch eine Identitätssuche der Autoren selbst. Was können uns unsere Vorfahren noch mitgeben, was kann man von ihnen lernen oder nicht?

Ana und August Zirner schreiben nicht nur über Ella und Laura, sie sind Teil des Buches.

Darin verschwimmen bewusst Realität und Fiktion, Zeit und Geschichte. Exemplarisch dafür steht die Aussage von Ana Zirner: „Der gesamte Entwicklungsprozess dieses Buches war getragen von dem Versuch, die Balance zwischen zwei Kontrasten zu halten: Einerseits fühlte ich mich meiner Großmutter verpflichtet, empfinde eine Verantwortung dafür, ihr Leben so zu erzählen, dass sie damit einverstanden gewesen wäre. Andererseits habe ich natürlich das Bedürfnis, stellvertretend für Laura einiges an „Versteinerung“ in ihrem Leben aufzuarbeiten, dort hinsehen, wo sie weggesehen hat.“ (S. 344)

Es ist gut recherchiert, enthält Bilder aus dem Familienalbum und zeitgenössische Dokumente und schildert auch teilweise die jeweiligen politischen, historischen und gesellschaftlichen Hintergründe.

Gleichzeitig ist es eine jüdische Familiengeschichte, nicht nur die Biografien von Laura und Ella stehen im Vordergrund. Ein Genre, das in der letzten Zeit boomt. So wie:

-René Nyberg: Der letzte Zug nach Moskau. Zwei Freundinnen, zwei Schicksale, eine jüdische Familiengeschichte,

-Dory Sontheimer: Das Vermächtnis der sieben Schachteln,

-Michael Wolffsohn: Wir waren Glückskinder – trotz allem. Eine deutschjüdische Familiengeschichte,

Dort wird sich mit der eigenen Vergangenheit im Kontext von Krieg, Faschismus und Holocaust und vor allem der eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt. Die Enkel fragen nach dem Leben ihrer Großeltern, wollen ihre Vorfahren charakterlich einordnen und verstehen. Die Suche nach den eigenen Wurzeln und eine Aufarbeitung der Vergangenheit sind dabei Schwerpunkte.

Dieser Suche nach familiärer Zugehörigkeit ist nun um eine spannende Facette reicher.


Buch 2

Èric Forey: Städte fotografieren. Von der richtigen Planung bis zur kreativen Umsetzung, dpunkt, Heidelberg 2021, ISBN: 978-3-89490-821-7, 24,90 EURO (D)

Der bekannte Städtefotograf Èric Forey zeigt in diesem Buch, wie die Stationen vor Ort zu planen, das richtige Licht für die Motive zu finden und sie so in Szene zu setzen, dass in den Bildern das Typische einer Stadt zutage tritt. Dabei liegt sein Schwerpunkt auf der Architekturfotografie.

Im ersten Kapitel legt er die Vor- und Nachteile einer Reiseplanung dar. Dabei empfiehlt er, dass man sich auf die Reise gut vorbereiten, aber auch gleichzeitig spontan bleiben sollte. Danach geht es um die Organisation der Reise, um nützliche Hilfsmittel vor Ort und die Fotoausrüstung und um Speichermedien. Die Organisation vor Ort ist dann das Thema. Die Planung eines Tagesablaufs für spezielle Bilder, die Miteinbeziehung von Mitreisenden und mehr oder weniger Kontext im Bild sind dort die Schwerpunkte.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit den Methoden, wie man fotografisch am besten die recherchierten Schauplätze in Szene setzt. Dabei geht es um Aufnahmen aus der Untersicht, aus der Obersicht, die Verflachung der Perspektive, das Fotografieren von Innenräumen, die Korrektur, Tricks bei schwachem Licht, das Prüfen der Beleuchtung, zahlreiche Ideen zur Anregung der Kreativität wie Schattenspiel oder Farbe als bildbeherrschendes Element. Anschließend wird gezeigt, wie die Besonderheiten einer Stadt, die einen gewissen Wiedererkennungswert haben. Dies können spezifische Objekte wie Straßen, Verkehrsmittel oder Gebäude sein, aber auch immaterielle Dinge wie Begegnungen oder Gespräche.

Zum Abschluss geht es um die Bildauswahl nach der Reise. Vorsortierungen, die weitere Bildauswahl anhängig vom Verwendungszweck, Fotoserien und ein Fotobuch sind Schwerpunkte.

Im Anhang findet man noch ein Register.

Dieses Buch richtet sich vor allem an Anfänger mit ein wenig Vorkenntnissen, ohne eine bestimmte Art von Kamera im Auge zu haben. Quer durch die Kapitel hindurch gibt es immer wieder beispielhafte Aufnahmen. Die erstklassigen Bilder visualisieren den Fließtext und geben eine genaue Vorstellung von der Absicht des Autors.

Das letzte Kapitel ist jedoch sehr dünn. Die Informationen über Fotobücher und Fotoserien hätten weiter ausgeführt werden sollen, die Art und Weise, wie man eine Geschichte mit Bildern erzählt, fehlt ganz.


Buch 3

Grit Poppe/Niklas Poppe: Die Weggesperrten. Umerziehung in der DDR, Schicksale von Kindern und Jugendlichen, Propyläen, Berlin 2021, ISBN: 978-3-549-10040-0,

In diesem Buch kommen dreißig Jahre nach dem Ende der DDR Zeitzeugen und Opfer der staatlichen Umerziehung von problematischen oder aus Sicht des realsozialistischen Staates problematische Kinder und Jugendliche zu Wort. Die Berichte wühlen emotional auf und sind keine leichte Lektüre.

Zuerst wird ein kurzer Einblick in die Erziehungsgrundsätze in der DDR gegeben (Heimerziehung, Jugendhilfe). Danach berichten Zeitzeugen über ihre eigenen Erlebnisse in kirchlichen Heimen, in „Sonderheimen“, in „Spezialkinderheimen“, in „Jugendarbeitslagern“, „Durchgangsheimen“ und Jugendwerkhöfen in verschiedenen Distrikten der DDR.

Anstatt dies an den Anfang zu setzen, folgt dann ein Zeitsprung zum „Schwererziebare“ im NS. Euthanasie und Jugendkonzentrationslager werden dort angesprochen.

Ein wenig aussagekräftiges Kapitel mit vielen Leerstellen über „Menschenrechtsverletzungen in Rechtsstaaten“ folgt danach, wo „NS-Relikte“ an einem (!) Beispiel, „Verdingkinder“ in der Schweiz und einer von etlichen Skandalen in der BDR vorgestellt werden. Warum gerade diese, bleibt das Geheimnis der Autoren.

Im Anhang werden noch die Biografien der Zeitzeugen, Quellen und Literatur zum Weiterlesen und die Anmerkungen vorgestellt.

Ein großes Kompliment gehört den Zeitzeugen für ihren Mut, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und die Kraft, zu berichten

Der jahrelange Kampf der Betroffenen um Rehabilitation, in vielen Fällen erfolglos, hinterlässt einen sehr schalen Beigeschmack. Die immer wieder Zurückweisung von Klagen haben etwas von einer sekundären Schuld der Justiz.

Die Schwäche an diesem Buch liegt darin, dass nicht eine allgemeine Geschichte der Autoritären Erziehung im deutschsprachigen Raum vorgelegt wird, eine Art Schwarzbuch. Das Schicksal von Verschickungskindern in der BRD, grausame Methoden in Eirichtungen beider christlicher Konfessionen und die fatalen Bedingungen in Kinderheimen und Einrichtungen behinderter Menschen sind nicht weniger wert als die hier vorgestellten Beispiele.

Es sollte staatenübergreifend geschehen, um die fatalen Folgen von solchen Erziehungsmethoden hinzuweisen und solchen Leuten, die heute einer Revitalisierung von Autorität, blindem Gehorsam in der angeblich guten alten Zeit das Wort reden, mundtot zu machen.


Buch 4

Gebhardt, Wolfgang: Deutsche Lieferwagen und Transporter seit 1896, Motorbuch, Stuttgart 2021, ISBN: 978-3-613-04414-2, 49, 90 EURO (D)

Lieferwagen sind unverzichtbar, ob zur Versorgung der Innenstädte oder für den Überlandtransport. Von den frühen Transportwagen um 1900 über die Lieferdreiräder vor und nach dem Zweiten Weltkrieg hin zu den heutigen Pritschen- und Kastenwagen auf vier Rädern: Wolfgang H. Gebhardt präsentiert die Geschichte der Groß- und Kleinserienfabrikate und Prototypen einschließlich der Klein-Kommunalfahrzeughersteller in der BRD. Ein Überblick aller Hersteller von A bis Z mit mehr als 900 historischen Fotos und detaillierten Informationen zu Marken und Typen. Dies sind insgesamt über 300 Produzenten mit den ersten und bekanntesten Firmennamen.

Nicht aufgenommen wurden Firmen, die während der Zeit des „Dritten Reiches“ nach der Angliederung Österreichs und danach zum Bereich der „großdeutschen Industrie zählte. Für die Nachkriegszeit wurden die Hersteller in Ostdeutschland berücksichtigt.

Das Buch beginnt mit einer kurzen Darstellung der Geschichte des deutschen Lieferwagen und Transporterbaus.

Die folgende Darstellung ist alphabetisch nach Namen der Traktorenhersteller und ihrer Produkte geordnet. Dies sind über 320 einzelne Darstellungen, die die Geschichte der Firmen, ihrer Produkte, ihre Besonderheiten, ihre Bedeutung in der Industrie und ihr weiteres Schicksal beinhalten. In den Beschreibungen sind die Produzenten mit ihrem ersten oder bekannteren Firmennamen aufgeführt. Danach folgen eventuelle Änderungen des Namens, der Adresse oder der Rechtsform.

Baureihen werden chronologisch nach ihrem Erscheinen in Unterkapiteln behandelt. Die Länge der Beschreibungen variiert stark: manchmal gibt es nur ein oder zwei Sätze, andere sind mehr als 20 Seiten lang.

Im Anhang gibt es ein Verzeichnis der Fremdmotorenhersteller und ein Literaturverzeichnis.

Hier wird jede Marke und Modell bzw. Baureihe umfangreich nach dem enormen Wissenstand des Autors dargestellt. Dabei geht der Autor oft ins Detail, eine wahre Fundgrube für Liebhaber. Es werden viele Bilder aus der jeweilgen Firmengeschichte, Modelle aus verschiedenen Perspektiven, Getriebefertigung, historische Werbeplakate gezeigt.

Manche Tabellen wie zum Bespiel zu den technischen Details der Opel- Lieferwagen sind jedoch sehr klein und schwer zu lesen.


Buch 5

Frank Elstner/Jens Volkmann: Dann zitter ich halt. Leben trotz Parkinson, Piper, München 2021, ISBN: 978-3-492-07112-3, 20 EURO (D)

Mehr als 350.000 Menschen sind im deutschsprachigen Raum an Parkinson erkrankt. Frank Elstner, selbst betroffen, und der Neurologe Jens Volkmann geben in diesem Buch die wichtigsten Antworten um Fragen rund um die Krankheit. Und machen Mut, eine Therapie ist heute besser möglich als noch vor wenigen Jahren.

In Form eines Interviews fragt Elsner den Fachmann nach den Entstehungsursachen der Krankheit, nach Möglichkeiten einer frühzeitigen Diagnose und Behandlungsansätzen. Einen breiten Raum nehmen auch die neueren Forschungsergebnisse ein.

Es werden Anzeichen wie frühe Symptome, die wichtig sind, um möglichst viele Jahre vor dem Auftreten der motorischen Symptome Hinweisen auf die mögliche Erkrankung mit Parkinson durch eine Behandlung das Fortschreiten der Krankheit zu dämpfen, vorgestellt. Ebenso Störung des Geruchssinns, Stimmungsschwankungen (leichte Reizbarkeit) mit leichten Depressionen, Verstopfung und motorische Krankheit im Hauptstadium wie Muskelzittern, insbesondere als rhythmisches Zittern der Extremitäten, verlangsamte Bewegungen, die bis hin zu Bewegungslosigkeit führen können, sowie Haltungsinstabilität.

Daneben gibt es auch Hinweise auf die medikamentöse Behandlung, den Umgang von Angehörigen mit den Patienten, Pflege, Bewegungstherapie und den Zusammenhang mit einer gesunden Ernährung.

Hilfreich sind die Informationen im Anhang. Dort gibt es Adressen von ärztlichen und wissenschaftlichen Organisationen, von Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen, zur Pflege und Ausbildung, zu klinischen Studien oder Palliativmedizin bei Parkinson. Im Anhang gibt es auch sehr persönlich gehaltene Gespräche mit Betroffenen, wobei die Kraft der Betroffenen, sich darüber zu äußern, bemerkenswert ist.

Die Form des Interviews ist gewöhnungsbedürftig. Ein durchgängiger Fließtext wäre besser gewesen, und nur ein abschließendes Interview.

Dennoch: Ein für Patienten interessantes und instruktives Buch, das die neuesten Erkenntnisse der Diagnose und Therapie vermittelt. Es ist auch für Einsteiger geeignet, die sich erstmals ein Bild von dieser Krankheit machen wollen, und für Angehörige zur näheren Information.


Buch 6

Garry Disher: Barrier Highway. Kriminalroman, Unionsverlag, Zürich 2021, ISBN: 978-3-293-005723, 22 EURO (D)

Das australische Tiverton, wohin Constable Paul Hirschhausen strafversetzt wurde, ist ein Ort im Nirgendwo inmitten des australischen Outbacks. Er schiebt Frust über seine Abkommandierung und kann sich selbst nach anderthalb Jahren nicht wirklich damit abfinden.

Die dritte Folge der Reihe rund um den sympathischen Ermittler beginnt mit einer Reihe von Bagatelldelikten. Ein „Schlüpferdieb“, der Unterwäsche entwendet, treibt sein Unwesen, eine Anzeige wegen Rodung und ein Kind, das relativ verwahrlost ist, und irische Wanderarbeiter, die Wucherlöhne für das Instandsetzen von Dächern verlangen, sind nichts Weltbewegendes für Hirschhausen.

Spannend wird es beim Fall einem Wohnungsbrand, wo es eine Leiche gibt. Dann taucht noch eine Stalkerin auf, die Hirschhausen nachstellt.

Die anfängliche Langeweile bei Hirschhausen schlägt in Stress um, als seine Vorgesetzte dienstunfähig ist und er deren Revier übernehmen muss. Es gibt doch mehr im beschaulichen Tiverton und der Nachbargemeinde zu tun, als ihm lieb ist. Ist Tiverton doch ein kriminalistischer Hotspot?

Im Laufe des Romans werden die vorangegangenen Einzelheiten wie zu einem Puzzle zusammengesetzt. Die Spannung steigt dann spürbar an.

Im ersten Teil des Buches wird an manchen Stellen etwas langatmig die Situation im australischen Outback beschrieben, davon sollte man sich nicht abhalten lassen weiterzulesen, im zweiten Teil folgt ein spannender Kriminalroman mit überraschenden Wendungen und einem spannenden Plot. Viele Personen aus den ersten Bänden tauchen wieder auf, für den Leser entwickelt sich so eine gewisse Vertrautheit auch mit den Gegebenheiten im Outback.

Die Zeichnung von Charakteren ist auch diesmal eine Stärke des Romans. Außerdem schafft es Disher, eine atmosphärische Stimmung der Natur und des einfachen Lebens an einigen Stellen zu schaffen und dies mit einem gewissen Gefühl von Freiheit zu verbinden. Ein spannender Krimi in einer ungewöhnlichen Umgebung.