Neuerscheinungen Sachbuch
Buchtipps von Michael Lausberg
Buch 1
Philip Ball: Experimente. Versuch und Irrtum in der Wissenschaft, Haupt Verlag, Bern 2024, 978-3-258-08343-8 38 EURO (D)
In diesem reich bebilderten Buch führt uns Philip Ball anhand sechzig wegweisender Experimente quer durch die Geschichte der Naturwissenschaft. Dabei erhalten wir nicht nur spannende Einblicke in die von Irrungen und Wirrungen geprägten Wege der Forschenden, sondern auch in die technischen Fortschritte, die nötig waren, um den Geheimnissen der Natur und des Universums auf die Spur zu kommen.
Das Buch besteht aus sechs Kapitel, die jeweils einen unterschiedlichen Schwerpunkt haben. Dazu gibt es immer ein passendes Essay in Form eines Intermezzo.
Das erste Kapitel zeigt, wie die Welt funktioniert. Dort werden zum Beispiel der direkte Nachweis der Erdrotation 1831 oder die Entdeckung der Gravitationswelten 2015 präsentiert. Weiter geht es mit der Frage, was Dinge geschehen lässt. Dies wird an den Beispielen der Forschungen zur Auswirkung des Luftdrucks Mitte des 17. Jahrhunderts oder dem Ursprung der Wärme 1847 vorgestellt.
Woraus die Welt besteht, wird dann behandelt. Experimente wie eine neue Form von Kohlenstoff (1983) oder die ersten Studien mit dem Mikroskop im 17. Jahrhundert folgen dann
Anschließend werden Experimente wie dem Ursprung der Farben (1666) oder die Wellenform des Lichts zur Frage, was ist Licht, illustriert. Was Leben ist, wird dann behandelt. Dazu gibt es zum Beispiel Einblicke in die Rolle des Spermas bei der Befruchtung oder Organismen, die dir Entwicklung steuern.
Zum Abschluss wird noch gezeigt, wie sich Lebewesen verhalten. Versuch und Irrtum wird anhand von der Demonstration von Elektrizität aus elektrischen Fischen oder das Klonschaf Dolly dargestellt.
Im Anhang finden sich noch wissenschaftliche Literatur, ein Register und ein Bildnachweis.
Das Buch beschreibt wegweisende Wegmarken des naturwissenschaftlichen Denkens und Experimentierens, und betont nicht nur, was und von wem getan wurde, sondern auch warum, wie es der Welt gezeigt wurde und wie sie reagierte. Es ist reich an historischen Abbildungen und hat populärwissenschaftliche Sprache. Eine gelungene Reise durch die Wissenschaftsgeschichte.
Buch 2
Andreas Renner: Nordostpassage. Geschichte eines Seeweges, Mare Verlag, Hamburg 2024, ISBN: 978-3-86648-684-3, 28 EURO (D)
Jahrhundertelang träumten europäische Seefahrer vergeblich von einer Ostroute durchs sibirische Eismeer: Willem Barents und Vitus Bering erlagen nach ihren »Entdeckungen« Spitzbergens und der Beringstraße den Strapazen ihrer Expeditionen, und selbst der erfolgsverwöhnte James Cook scheiterte an der Suche nach dem östlichen Ausgang aus den Eismassen. Die Sowjetunion erkämpfte sich den Seeweg durch den Einsatz von Eisbrechern, doch noch immer sank aus Hybris so manches Schiff. Ausgerechnet der Klimawandel öffnet nun die lange herbeigesehnte Wasserstraße - und macht sie zugleich zum Gegenstand unterschiedlichster Interessenkonflikte. Wirtschaftsraum für den Export von fossilen Rohstoffen oder Nationalpark im Sinne des Umwelt- und Klimaschutzes?
Zunächst wird das halbe Jahrtausend angefangen von den ersten Eismeerfahrten englischer und niederländischer Kapitäne rekapituliert. Es folgt ein intensiver Einblick in das zaristische Russland und die historischen gewachsenen territorialen Alleininanspruchnahme Russlands für das Geschehen und die Nutzung der Nordostpassage. Was die Beherrschung der Nordostpassage nicht nur für den Fernhandel bedeutete, sondern auch für machtpolitische Ambitionen wird ebenfalls gezeigt. Dies zeigte sich nicht nur im Kalten Krieg, sondern auch in Ansätzen danach, wo die strategischen Interessen vor allem der USA und der Russischen Förderation aufeinanderprallten.
Das »ewige Eis« schmilzt und arktische Räume werden immer leichter und länger zugänglich. Auf dem Land können die reichen Bodenschätze einfacher abgebaut werden und der Schiffsverkehr nimmt zu. Der Klimawandel macht sie zum Objekt widerstreitender Interessen und Machtkonflikte. Seit Beginn des Angriffs Russlands auf die Ukraine, auch ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland und der NATO, die von den USA angeführt wird, ist eine neue, gefährlichere Situation entstanden. Auch China ist ein wichtiger Akteur.
Hier wird die Nordostpassage nicht nur als reine Verbindungslinie zwischen Atlantik und Pazifik betrachtet, sondern in den geopolitischen und historischen Kontext gestellt. Das Buch ist spannend für die Geopolitik einer Gegend, die zumeist nicht auf der Agenda steht. Die Ausplünderung von Bodenschätzen und der damit verbundene Raubbau an der Natur wird leider weitergehen, das zeigt dieses Buch auch.
Buch 3
Leyla Piedayesh/Stefanie von Wietersheim: Irans Töchter, Über Mut, Heimat und die Schönheit des Lebens, Callwey, München 2024, ISBN: 978-3-7667-2703-9, 29,95 EURO (D)
In diesem Buch erzählen außergewöhnliche Frauen mit iranischen Wurzeln von ihrer Herkunft, ihren Werten und ihrer Suche nach Freiheit. Initiiert wurde das Projekt von der deutsch-iranischen Modemacherin Leyla Piedayesh aus Berlin, die mit der Autorin Stefanie von Wietersheim und der Fotografin Neda Rajabi Lebensläufe iranischer Frauen in Deutschland zeigen möchte – als Signal des Freiheitswillens der Frauen im Iran und über seine Grenzen hinaus.
Die feministische Revolution unter dem Motto Frau, Leben, Freiheit im Iran hat seit dem Herbst 2022 weltweit Solidarität hervorgerufen und diese Frauen sind ein Symbol des Kampfes für ein eigenbestimmtes Leben in Würde geworden. Sie laden ein, ihre fesselnden Geschichten zu entdecken, ihre Häuser zu besuchen und von ihren persönlichen Ritualen, von Poesie und Musik zu erfahren.
Dieses Buch vereint Lebenshaltung, Stil und politisches Momentum zu einer einzigartigen Verbindung. Die Leser*innen tauchen ein in die Welt der Stärke, Schönheit und Liebe zum Leben.
Die Frauen werden in eigenen Kapiteln vorgestellt. So wie Maryam Keyhani, Berliner Künstlerin und Filmemacherin, für die Realität gerade finster ist, deshalb die Schönheit als Gegenmacht so wichtig ist. Oder Mana Pirzad, Schauspielerin und DJ, die viel über ihre Familie, die persische Kultur und das Leben in der BRD preisgibt.
Jede Vorstellung beinhaltet einen längeren informativen Text, dazu gibt es noch verschiedene persönliche Bilder. Außerdem eine Playlist des eigenen Lebens und am Ende ein Lieblingsrezept.
Am Ende finden sich noch Kurzbiografien der vorgestellten Frauen.
Dies ist ein Buch, das nachdenklich macht, aber auch viel über die unvorstellbaren Zustände im Iran berichtet. Gleichzeitig werden auch die Unterstützerinnen, einige bekannte wie die Schauspielerin Jasmin Tabatabai, näher vorgestellt. Ein starkes Plädoyer der Solidarität mit der iranischen Protestbewegung, die jedoch nicht nur aus weiblichen Personen besteht.
Buch 4
Jörg Walz: Ferrari. Meisterstücke für Rennstrecke und Straße, Motorbuch, Stuttgart 2024, ISBN: 978-3-613-04668-9, 39,90 EURO (D)
Initiiert und inspiriert vom Nationales Automuseum - The Loh Collection präsentiert Jörg Walz hier die Schönsten, die Ruhmreichsten und die Schnellsten unter den roten Rennern aus Maranello. Doch neben den hier gezeigten Ikonen handelt dieses herausragende Buch auch von Menschen und Technikern, von Siegern und tragischen Helden im Zeichen des Cavallino Rampante.
Das Buch beginnt mit einer Galerie, Vorworten und einer Zitatsammlung. Danach geht es um Enzo Ferrari und seine Rennleidenschaft, die Beziehung zwischen Ferrari und Alfa Romeo und einer kurzen Zeittafel durch acht Jahrzehnte.
Abwechselnd mit der Vorstellung der Modelle gibt es noch Hintergrundtexte zu Ferrari und seine Rennfahrer, die Industriegeschichte von Ferrari, 1000-Kilometerrennen auf dem Nürburgring, die Ära Schumacher in der Formel 1 und Technik und Innovationen. Außerdem wie auf den Monaco-Grand-Prix eingegangen und es werden interessante Zahlen wie 13 Sportwagen-WM-Titel oder der Börsenwert von Ferrari im August 2023 geliefert.
Bei den Modellen wird zum Beispiel der Ferrari 250 GT Speciale vorgestellt, ein zweisitziger Sportwagen der von 1955 bis 1958 produziert wurde. Zur besseren Differenzierung werden die Fahrzeuge üblicherweise nach den beteiligten Karosseriebauunternehmen als 250 GT Boano bzw. 250 GT Ellena bezeichnet. Sie waren die ersten Straßen-Ferraris, die zusammengenommen eine dreistellige Stückzahl erreichten.
Oder der unterbewertete 365 GTC14, der stand lange Zeit im Schatten des Aufsehen erregenden „Daytona“ stand. Bei der Entwicklung des Wagens griff Ferrari weitgehend auf die Technik des „Daytona“ zurück, besaß jedoch eine eigene Karosserie.
Die Vorstellung der Modelle erfolgt in einer Mischung zwischen Text und Bild. Die hochwertigen Aufnahmen zeigen die Modelle aus verschiedenen Perspektiven, die Innenausstattung, Räder und historische Aufnahmen.
Dieses Buch zeigt die Fahrzeuge in hochwertigen Bildern und erzählt Geschichte und Geschichten über ihre Eigenarten, der Konstruktion oder auch Erfolge. Im Fokus stehen die Eleganz, das Design und die Klasse
der Fahrzeuge, die sich in den Bildern offenbaren. Eine gelungene nostalgische Zeitreise für Ferrari-Fans.
Buch 5
Katja Hoyer: Im Kaiserreich. Eine kurze Geschichte 1871 – 1918, Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN: 978-3-455-01728-1, 26 EURO (D)
Als Kolumnistin der Washington Post schreibt Katja Hoyer regelmäßig über deutsche und europäische Gesellschaft und Politik. Ihr erstes auf Deutsch erschienene Buch »Diesseits der Mauer« war direkt ein Spiegel-Bestseller.
In einer Erzählung über fünf Jahrzehnte, die den Lauf der modernen Geschichte veränderten, zeichnet Katja Hoyer die Geschichte des Deutschen Kaiserreichs von seinen gewaltsamen Anfängen bis zu seinem verhängnisvollen Ende nach.
Das Buch beginnt mit einer längeren Einleitung. Danach wird die Vorgeschichte der Gründung ab 1815 bis 1871 kurz zusammengefasst. Anschließend geht es um die Gründung selbst und die herausragende Persönlichkeit Bismarcks, der viele Weichenstellungen legte.
Anschließend geht es um das Binnenverhältnis zwischen Kaiser und dem Reichskanzler Bismarck und von den damit verbundenen Kompetenzstreitigkeiten. Das Reich unter Wilhelm II von 1890 bis 1914 und der Wettlauf um „den Platz an der Sonne“ im imperialistischen Zeitalter. Der Weg in den Ersten Weltkrieg, die Konstellation und die Kämpfe werden dann präsentiert. Einige Schlussfolgerungen und thesenartige Einordnungen schließen den Haupttext ab.
Einige Bilder in Schwarz-weiß sorgen für quer durch die Kapitel für visuelle Einblicke.
Im Anhang gibt es noch die Anmerkungen, eine Bibliografie und die Abbildungen. Eine Zeitleiste und ein Register zum Nachschlagen fehlt allerdings.
Hier werden auf populärwissenschaftliche Weis Innen-, Gesellschafts-, Außen-, und Wirtschaftspolitik des deutschen Kaiserreiches zusammengefasst. Es werden die prägenden Köpfe dieser Umbruchszeit mit den beiden Wilhelms und Bismarck lebendig beschrieben. Der außenpolitische Wettlauf um die Ausbeutung von anderen Regionen der Welt, der Kolonialismus des Deutschen Reiches und damit verbundene Rassismus und Genozide kommen wohl zu kurz.
Buch 6
Christoph Leitl: Europa und ich. Eine politische und persönliche Zeitreise, Ecowing, Wals bei Salzburg 2024, ISBN: 978-3-7110-0334-8, 24 EURO (D)
Der Politiker und Unternehmer Christoph Leitl wirft in seinen Erinnerungen einen Blick auf die Geschichte und Bedeutung der Europäischen Union. Vor 75 Jahren im Mai 1949 schlossen sich zehn Staaten in London zum Europarat zusammen – ein historisches Ereignis. Im selben Jahr wurde Leitl im Österreich der Nachkriegszeit geboren. Das gemeinsame Jubiläum ist für ihn Anlass, auf sein Leben und die Europäische Union zurückzublicken. Dabei treibt ihn eine Frage um: Wie kann die Zukunft Europas aussehen?
Das Buch ist ein Rückblick auf Leitls berufliche Biografie und gleichzeitig ein Input für die kommenden Europawahlen.
Er beschäftigt sich dabei mit den Herausforderungen des Rechtsstaats und dessen Legitimation, die Abwehr von Nationalismus, Rassismus und der europäischen Idee Fragen bezüglich des europäischen Einigungsprozesses, der Wirtschaftspolitik, der Umgang mit Migration und dem Krieg in der Ukraine werden ebenso thematisiert wie Digitalisierung und Bürokratie.
Am Ende des Buches gibt es noch einen Ausblick auf die Zukunft der EU und persönliche Leitlinien in Form von Thesen.
Es werden zahlreiche ernsthafte Herausforderungen analysiert und Lösungsszenarien entworfen. Diese sind im Wesentlichen konstruktiv, jedoch könnte die Selbstkritik stärker sein. Leitl will optimistisch bleiben verweist darauf, dass das System der EU, Wirtschaft und Gesellschaft in jüngerer Zeit immer gestärkt aus Krisen und Anforderungen hervorgegangen seien.
Leitl liefert ein Bekenntnis zu Demokratie, Rechtsstaat, Pluralismus und zu einem geeinten Europa. Seine Thesen sind natürlich diskutabel, je nach politischer Präferenz.
Leitl ist kein Visionär, das wird schnell klar. Er ist eher ein Technokrat, Pragmatiker und eher Bewahrer statt Reformer. Seine Schwerpunkte sind Stabilität und Wirtschaftsdenken. Zu kurz kommen ganz klar Klimapolitik und die wachsende soziale Ungleichheit in der EU.