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Neuerscheinungen Sachbuch

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Alexander Clarkson: Die Macht der Diaspora. Die unbekannte Geschichte der Emigranten in Deutschland seit 1945, Propyläen, Berlin 2022, ISBN: 978-3-549-10020-2, 26 EURO (D)

Alexander Clarkson ist Historiker am King's College in London mit dem Schwerpunkt auf den Beziehungen zwischen Diaspora-Gruppen und deutschen politischen Bewegungen nach 1945.

Fast 22 Millionen Menschen in der BRD stammen aus Einwandererfamilien: Die verschiedenen Diaspora-Gruppen sind mit ihrer jeweiligen Heimat verbunden und vertreten deshalb eigene Interessen. Welche Machtstrukturen haben sie im Exil aufgebaut? Was für politische Ziele innerhalb und außerhalb Deutschlands verfolgen sie?

Alexander Clarksons will damit einen differenzierten Blick auf die Einwanderungsgesellschaft eröffnen und auch ihr Anteil an der jüngeren deutschen Geschichte beleuchten.

Der Begriff Diaspora verwies lange Zeit zentral auf die Erfahrung von Vertreibung und Versklavung von Jüd*innen nach der Zerstörung des Jerusalamer Tempels im 6.Jh v. Chr. In der Forschung hat sich aber ein moderner Begriff, der sich weiter geöffnet hat, etabliert. Er setzt Elemente der jüdischen Diasporaerzählung in Beziehung zu den historischen Erfahrungen anderer Gruppen. In den 1960er und 1970er Jahren stand dabei vor allem das Motiv der Flucht- und Vertreibungsgeschichte im Vordergrund. Diaspora-Gruppen sind nicht nur unmittelbare Exilanten, sondern auch immer die folgenden Generationen, ob mit deutscher Staatsangehörigkeit oder ohne.

Der Autor liefert dies in der Einleitung ebenso wie eine kurzen Abriss der Migrationsgeschichte in die BRD seit 1945.

Danach werden in einzelnen Kapitel die fünf Diaspora-Gruppen vorgestellt, die heute in der BRD leben. Clarkson skizziert dabei historische und politische Hintergründe im Herkunftsland, danach schildert er Strukturen, Organisationen und deren Gründer*innen und Protagonist*innen sowie deren Ziele.

Sie unterstützen sie Zurückgebliebene finanziell und wirkten auch durch Kontakt und Spenden auf einheimische Oppositionsgruppen ein Ein zentraler Punkt behandelt die dynamische Wechselwirkung. Die Diaspora-Gruppen veränderten die deutsche Gesellschaft und Politik. Jede Gruppe schuf eigene Organisationen und mitunter auch mit Hilfe von einheimischen Gruppen wurde versucht, auf die Politik ihrer Herkunftsländer und auf die Politik der BRD ihnen gegenüber einzuwirken. Menschenrechtsfragen, Forderungen nach mehr Demokratie und Minderheitenrechte konnten so angestoßen werden. Aber auch umgekehrt wirkte die deutsche Politik auf sie ein und das führte zu Veränderungsprozessen.

Clarkson behandelt die türkische und kurdische Diaspora zusammen.

Die Machtübernahme der Militärs in der Türkei 1971 und die folgende Unterdrückungswelle beschleunigte die Politisierung der türkischen und der kurdischen Diasporagesellschaften. Gewerkschaftler und linke Intellektuelle flohen in die BRD und fanden Zuflucht bei Gleichgesinnten, die ihre eigenen, transnationalen Exilgemeinden und politische Vereinigungen gegründet hatten. Dies löste gleichzeitig bei den rechten Grauen Wölfen in der BRD Widerstand aus.

Die kurdischInterner Link:en Exilgemeinden besitzen einen besonderen Status. Kurd*innen gZur Auflösung der Fußnoteelten weltweit als das größte Gemeinschaft ohne eigenes Staatsgebiet. Die heutige kurdische Diaspora-Gemeinde in der BRD ist insbesondere vor dem Hintergrund der Konflikte in der Türkei zu verstehen: Als Folge des türkischen Nationalismus unter Kemal Atatürk wurde die kurdische KultZur Auflösung der Fußnoteur in der Türkei unterdrückt. Es gab verstärkte Spannungen zwischen kurdischer und türkischer Bevölkerung, vor allem seit der Gründung der PKK. Viele Kurd*innen aus der Türkei wanderten im Rahmen der Anwerbung von Arbeitskräften in den 1960er Jahren nach Deutschland ein. Die PKK fasste auch in der BRD Fuß, neben vielen politischen Aktionen, die friedlich waren, gab es auch militante Anschläge. Dies richtete sich sowohl gegen die türkische Politik als auch gegen die Rolle der Regierung, die Waffenlieferungen an den türkischen Staat genehmigte. Die PKK wurde 2003 wurde die PKK offiziell in der BRD verboten, existiert aber noch immer.

Kurdische Autonomiebestrebungen wie etwa im Irak oder Syrien werden von Seiten der Türkei als starke Bedrohung wahrgenommen, was einerseits zu außenpolitischen Spannungen als auch zu Konflikten innerhalb von Migrant*innen und deren Organisationen führt.

Weiterhin wird die iranische Diaspora vorgestellt. Die iranische Diaspora in der BRD wird besonders an dem Besuch des Schahs 1967 festgemacht, was auch in verschiedener Hinsicht die politischen Geschicke mitgeprägt haben. Im Vorfeld des Besuches des Schahs mit der Station Berlin gab es viel Vorberichte von medialer Seite, die nicht selten unkritisch waren. Der Schriftsteller und Exiliraner Bahman Nirumand gründete 1960 die Konföderation iranischer Studenten, die über die Willkürherrschaft des Schahs aufklären wollte. Die Veröffentlichung seines Werkes „Persien. Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der freien Welt“ machten das Anliegen bekannter.

Ab Mai 1967 lud der ASTA der Freien Universität Berlin Nirumand zu einer Podiumsdiskussion über den Iran für den 1. Juni ein. Der Berliner SDS warb für die Veranstaltung und so verfolgten mehrere tausend Zuhörer*innen die grausamen Zustände und Menschenrechtsverletzungen. Schon vorher war der Fall ein Politikum. Die iranische Botschaft ersuchte die Bundesregierung, auf ein Verbot der Veranstaltung hinzuwirken, und drohte, den Schahbesuch sonst abzusagen.

Die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorgs durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras erschoss, während seine Kollegen diesen verprügelten auf der Demonstration am 2. Juni 1967 gegen den Schah-Besuch markiert eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Seitdem verbreitete sich die Studentenbewegung und die Kritik der Unterdrückung von Protest für Menschenrechte und Demokratisierung und an undemokratischen Tendenzen in der Exekutive und Justiz nahm zu. Als moralischer Protest gewann die antiautoritäre Revolte an Plausibität.

Die Geschehnisse berührten auch die Außenpolitik der BRD. Anstatt Haltung zu zeigen und einen kritischen Dialog zu suchen, gab es einen Kniefall vor dem Regime. Der damalige Bundesinnenminister Paul Lücke reiste eilig nach Teheran. Aus Sorge um die Beziehungen beider Länder entschuldigte er sich vor Ort beim Schah im Namen der Bundesregierung für die Proteste. Die Zweifel an der demokratischen Neuorientierung der jungen BRD bei den Protestierenden waren nicht unbegründet. Der ehemalige Nazi und jetzige Bundeskanzler Kiesinger reiste im September 1968 in den Iran und hätschelte den Autokraten.

In den nächsten Kapiteln werden die arabische, die Exilanten aus dem ehemaligen Jugoslawien auch in Bezug auf den Krieg im Balkan präsentiert. Überraschend wird der ukrainischen Diaspora, die durch den Exodus des Krieges stark angewachsen ist, zuletzt eingehend behandelt. Dort erfahren die Leser*innen auch den persönlichen Bezug Clarksons zu der Thematik – seine Vorfahren kommen aus der Ukraine.

Der Anhang schließt das Buch ab und ist sehr umfangreich.

Dies ist ein detaillierter Stand der Diasporaforschung als Teil der Migrationsgeschichte der BRD. Hinter den nüchternen Analysen Clarksons verbergen sich oft Zerrissenheit, die Frage nach Identität und Zugehörigkeit. Ein bemerkenswertes Buch.

Natürlich werden nicht alle Versionen der politischen Einordnungen Clarkson durchgehend Anklang finden. Er begründet zwar jede These mit Quellen und Fußnoten, dennoch ist reichlich Platz für Diskussionen zu erwarten.


Buch 2

Das Flugzeug Buch. Die visuelle Chronik der Luftfahrt. Über 800 Modelle aus aller Welt. Aktualisierte Neuausgabe, DK, München 2022, ISBN: 8310-4521-1, 34,95 EURO (D)

Von Otto Lilienthals wagemutigen Flugversuchen über die ersten Flugzeug-Prototypen bis zum Eurofighter zeichnet der Bildband die Entwicklung der Luftfahrt nach. Mit mehr als 800 Flugzeug-Modellen werden alle wichtigen Fahrzeuge der Lüfte auf zahlreichen Galerieseiten und detaillierten Sonderseiten präsentiert. Über 1300 Fotos und viele Hintergrundinformationen zu Herstellern, Motoren und neuesten Entwicklungen lassen die Geschichte der Luftfahrt lebendig werden. Außerdem werden auch Flugzeuge mit Geschwindigkeitsrekorden oder andere spektakuläre Daten und Fakten bereitgestellt.

Nach einer Einleitung über die Liebe zum Fliegen beginnt das Buch mit der Zeit vor 1920: Dort werden die Erforschung der Aerodynamik, Pioniere und Erfinder wie Louis Biériot, der den Ärmelkanal 1909 mit einem Eindecker überquerte, und der Erste Weltkrieg, der die Entwicklung beschleunigte und zu neuen Flugzeugtypen führte, dargelegt.

Danach geht es in Zeiträumen von 10 Jahren weiter bis zum Jahr 2000. Im Kapitel nach 2000 werden grundlegende Entwicklungen wie mehr Effizienz, Aerodynamik und Sparsamkeit im Verbrauch, aber auch Zukunftsvisionen wie unbemannte Drohnen und die Verschiebung von Fluggeräten an den Rand des Weltraums angesprochen.

Im Anhang wird illustriert, wie Flugzeugen fliegen (Auftrieb und ausgleichende Kräfte, Druckunterschied). Außerdem werden die Entwicklung von Kolbenmotoren, die Entwicklungszeit von Stahltriebwerken und epochale Motoren vom Ersten Weltkrieg bis in die jüngste Zeit behandelt.

Das Buch wird abgeschlossen durch ein Glossar für Fachausdrücke und einem Register. Ein Literaturverzeichnis fehlt.

Dieses Buch behandelt die Geschichte aller Arten von Flugzeugen in zusammenfassender Form mit dem Schwerpunkt auf der visuellen Darstellung, die gelungene Abbildungen aus vielen Perspektiven zeigt.

Natürlich kann es nicht einen detaillierten Einblick in alle Aspekte der Luftfahrtgeschichte geben. Es zeigt nur diejenigen Modelle, die eine Epoche markiert oder die Geschichte des Flugzeugs definiert haben. Für den Rest bieten sich speziellere Typenbücher an.


Buch 3

Blandine Calais-Germain: Anatomie der Bewegung. Technik und Funktion des Körpers, S. Marix Verlag, 6. Auflage, Wiesbaden 2022, ISBN: 978-3-86539-038-7, 34 EURO (D)

Umfangreiche Analysen zu Statik und Motorik sowie Anleitungen zur Beherrschung verschiedener Körpertechniken machen dieses Buch zu einem wichtigen Nachschlagewerk für alle, die sich aus sportlichen, therapeutischen oder diagnostischen Gründen mit dem menschlichen Körper in seiner Bewegung auseinandersetzen müssen.

Blandine Calais-Germain, Physiotherapeutin und Tänzerin, vermittelt darin, in welcher Verbindung Knochen, Gelenke und Muskeln bei Bewegungsabläufen stehen. Dieses Buch ist als erster Ansatz auf dem Gebiet der Bewegungsanalyse zu verstehen.

Im ersten Kapitel wird eine kurze Erläuterung in die allgemeine Anatomie, Bewegungstypen und Fachtermini, die in den folgenden Kapiteln verwendet werden, gegeben.

Danach wird der Rumpf, die Morphologie des Rumpfes, allgemeine Bewegungen und Details behandelt. Nach derselben Systematik werden danach die Schulter, der Ellenbogen, Hand- und Handgelenk, Hüfte und Knie vorgestellt. Sprunggelenk und Fuß schließen die Hauptkapitel ab.

Bei den gesamten Kapiteln stehen die Zeichnungen klar im Mittelpunkt. Sie zeigen die jeweiligen Elemente von der rechten Seite, um die Positionsbestimmung zu erleichtern. Die Gelenke werden oft in gestreckter Position gezeichnet, um die Gelenkflächen besser zu sehen. Jeder Muskel wird einzeln ohne seine benachbarten Elemente dargestellt. Für jeden Muskel gibt es eine allgemeine Zuordnung und seine Funktion in einem kurzen Text.

Im Anhang gibt es einen Index, der das Auffinden des für den jeweiligen Themenbereich relevanten Fachbegriffes. Leider fehlen ein Literaturverzeichnis oder Links zum selbständigen Weiterlesen.

Das Buch beschränkt sich nur auf die Studie von Knochen, Muskeln und Gelenken und gibt eine gründliche Darstellung der Anatomie des Zusammenspiels bei Bewegungsabläufen. Das Herzstück sind die tollen Abbildungen, die viele Details enthalten. Passend zu den Abbildungen gibt es Erläuterungen dazu, was jeder Muskel tut und bei welcher Bewegung er aktiv wird.


Buch 4

Ralf-Uwe Beck/Klaus Töpfer/Angelika Zahrt (Hrsg.): Flucht. Ursachen bekämpfen, Flüchtlinge schützen. Plädoyer für eine humane Politik, oekom, München 2022, ISBN: 978-3-962-38400-5, 22 EURO (D)

Mehr als 100 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Jede Flucht hat ihren Grund. Fluchtursachen, nicht Flüchtlinge müssen bekämpft werden. macht Vorschläge zur Bekämpfung des Hungers, der Klimakrise und der sozialen Ungerechtigkeit. Zugleich werden die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik und die Zustände bei der Abschiebepraxis, an den EU-Außengrenzen und bei der Seenotrettung kritisiert. Hier wird ein humaner Flüchtlingsschutz verlangt - und sehr konkret vorgeschlagen.

23 profilierte Autorinnen und Autoren stecken das weite Feld der Flucht ab. Das Buch ist ein politisches Plädoyer: Es gibt Orientierung für die Politik, für die Zivilgesellschaft, für engagierte Menschen, für all jene, die einen Impuls brauchen, um zu tun, was zu tun ist.

Das Buch hat folgenden Hintergrund: Träger*innen des Bundesverdienstkreuz forderten 2017 in einem Aufruf eine Enquete-Kommission „Fluchtursachen“. Beim Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD im Jahre 2018 wurde vereinbart, eine Kommission „Fluchtursachen“ einzusetzen, was mit der Fachkommission 2019 realisiert wurde. 2021 lag der Bericht vor, worin 15 Forderungen nach zeitnaher Umsetzung ausgesprochen wurden.

Viele der Autor*innen dieses Sammelbandes beziehen sich auf diese Vorschläge und Forderungen, vertiefen und verstärken sie.

So beschäftigt sich zum Beispiel Rudolf Buntzel mit dem indirekten Beitrag der EU-Agrarpolitik zu Fluchtursachen. EU-Agrarexportsubventionen von Fertigprodukten und gleichzeitig steigende Importzöllen je nach Verarbeitungsgrad der Produkte wirken sich besonders auf die Arbeitsmöglichkeiten junger Frauen und Männer in „Entwicklungsländern“ aus. Es wird gefordert, dass die Flächensubventionen der EU für Anbauflächen, auf denen Produkte angebaut werden, die exportiert werden, eingestellt werden müssten. Der Selbstversorgungsgrad armer Nettoagrarimportländer müsse erhöht werden und ihnen eine handelspolitische „Spezielle Sperrklausel“ zugestanden werden, ihre Landwirtschaft zu unterstützen und vor Billigimporten zu schützen.

Der Klimawandel beschleunigt und verstärkt die Verschlechterung von Lebens- und Produktionsbedingungen insbesondere ärmerer Bevölkerungsgruppen in ländlichen Regionen ärmerer Länder. Hans-Joachim Preuß gibt Empfehlungen zum Handlungsbedarf auf verschiedenen Ebenen.

Gerald Knaus beschäftigt sich mit der ersten Phase der massenhaften Flucht von Ukrainer*innen aus ihrem Land und stellt dar, was über Flucht, Aufnahme und die Zukunft des internationalen Schutz von Geflüchteten gelernt werden kann.

Die einzelnen Beiträge sind kompakt auf einigen Seiten dargestellt, mit konkretem Problemaufriss und Vorschlägen zu Lösungen. Am Ende der Beiträge gibt es eine Vita der Autor*innen. Leider fehlt weiterführende Literatur zu jedem Thema.

Im Anhang werden die Schritte zur Entstehung des Buches nochmals abgedruckt.

Hier werden oft unbequeme Wahrheiten ausgesprochen, die die Mitverantwortung der westlichen Welt für die Fluchtursachen offenlegt und anprangert. Dies ist die Stärke des Buches. Auch die Festung Europa wird offen kritisiert, und auch die Erfahrungen mit ukrainischen Geflüchteten miteinbezogen.

Obwohl das Buch sich primär um Fluchtursachen dreht, sollte eine humane Politik auch die Legalisierung der Sans-Papiers in der BRD miteinbeziehen, die nicht nur rechtlos und vogelfrei sind, sondern auch ohne wirklichen Zugang zu Corona-Schutzimpfungen, die Leben retten können.


Buch 4

Anja Herrmann u.a.(Hrsg.): Fat Studies. Ein Glossar, transcript, Bielefeld 2022, ISBN: 978-3-8376-6005-0, 30 EURO (D)

Fat Studies beschäftigen sich mit hohem Körpergewicht, ohne es auf die Wahrnehmung als Gesundheitsgefahr zu reduzieren. In einer Gesellschaft, die soziale und politische Anerkennung unter anderem auch an Körper verknüpft, kommt dem Gewicht eine prominente Rolle als Klassifizierungskategorie zu. Die Beiträge fokussieren auf den gesellschaftlichen Umgang mit ›Übergewicht‹ als Ordnungs- und Herrschaftskategorie und analysieren, wie dicke Körper normiert und pathologisiert werden und wie sich dies überwinden ließe. International bereits weit entwickelt, sind die Fat Studies im deutschsprachigen Raum noch kaum bekannt.

Dieses Glossar ist aus der Zusammenarbeit des wissenschaftlichen Netzwerkes „Fat Studies: Doing, Becoming and Being Fat (2018-2022) entstanden. Die Klammer des multidisziplinären Teams, worin auch Aktivist*innen involviert sind, besteht darin, die gesellschaftliche Stigmatisierung und Diskriminierung dicker Menschen sichtbar zu machen und zu kritisieren.

Die multidisziplinären und internationalen Beiträger*innen des Glossars präsentieren erstmals eine breite Palette zentraler Begriffe dieser jungen Disziplin. „Unser Anliegen ist es deshalb, die Fat Studies hier sichtbar, verständlich und anschlussfähig zu machen sowie ihre theoretische und empirische Perspektive vorzustellen.“ (S. 14)

Es versteht sich als Nachschlagewerk, das eine Vielfalt an Perspektiven, Theorien und Methoden versammelt und einen Überblick über den internationalen Forschungsstand geben will.

In der Einleitung werden Zielsetzungen des Buches, ein Problemaufriss, Fat Studies und ihre Geschichte sowie Forschungsstand und Kontroversen geschildert.

Das Glossar will einen Dialog etablieren, der sich zu existenter Forschung positioniert und diese vorwiegend mit einem im deutschen Sprachraum verorteten Perspektive erweitert. Die ausgewählte Form des kritischen Glossars will anhand von Stichwörtern, die die Fat Studies ausmachen, aus globaler Perspektive schreiben.

Die Einträge sind alphabetisch sortiert, kurz gehalten und bieten am Ende die benutzte Literatur und auch weiterführende Quellen. Sie sind in einem deutschsprachigen Kontext entstanden oder aus dem Englischen übersetzt worden.

Am Ende werden die Autor*innen kurz vorgestellt.

Dass die Darstellung der Fat Studies in Form eines Glossars geschieht und nicht etwa in Form eines Handbuches, zeigt deutlich, dass der Forschungsbereich erst in den Kinderschuhen steckt. Die Multiperspektivität dabei macht auf jeden Fall Sinn, da hier verschiedene Bereiche wie Ethik, Soziologie, Pädagogik, Ernährungspsychologie, Ökotrophologie oder Ästhetik zusammenarbeiten müssen. Dies ist jedoch ein Lebenszeichen und eine Positionierung eines zu Unrecht im Schatten stehendes Themas, das virulent und von hoher Aktualität ist.


Buch 5

Jörn Brunotte (Hrsg.): Das Museum in Zeiten der Pandemie. Chancen für das kulturelle Leben der Zukunft, transcript, Bielefeld 2022, ISBN: 978-3-8376-6133-0, 30 EURO (D)

Die Coronakrise hat Auswirkungen auf das gesamte kulturelle Leben. Wie steht es nun um die Kultur und die Museen? Was sind die wichtigsten Maßnahmen und Entscheidungen für die Zukunft? Und was sind die neuen Prioritäten in Hinblick auf das Ausstellen, Vermitteln, Sammeln, Bewahren und Forschen?

Die Beiträger*innen des Bandes bieten einen Überblick über den Umgang kleiner bis großer Museen in, mit und nach der Krise. Damit geben sie einen aktuellen Einblick ins Museumsmanagement und zeigen gleichzeitig, dass in einer Krise auch das Potenzial für grundsätzliche Veränderungen und neue Perspektiven steckt.

Das Buch hat folgenden Hintergrund: Der Herausgeber, der Kunsthistoriker, Museumsberater und Leiter des Brandenburgischen Textilmuseums in Forst ist, hatte während der Hochzeit der Coronakrise und der Lockdowns auf seinem Blog zu Reaktionen auf folgende Fragen aufgerufen: Sollen die Museen wieder öffnen? Was sagen die Besucher*innen? Was sind Eure Erfahrungen? Wie steht es jetzt um die Kultur und die Museen? Wie soll es weitergehen? Was sind Eure wichtigsten Maßnahmen und Entscheidungen für die Zukunft?

Die breiten Reaktionen darauf im Jahre 2020 und 2021 werden in den ersten zwei Kapiteln dokumentiert. Außerdem werden sie um eine aktuelle Perspektive erweitert. Dies sind Zusammenfassungen von Kommentaren aus der BRD, Österreich und der Schweiz, die neue (digitale) Wege aus den Lehren der Pandemie und für neue innovative Entwicklungen der Zukunft darstellen. Darunter sind sowohl kleinere als auch größere Museen vertreten.

Aus den Beiträgen und aus eigener Ansicht des Autors werden in dem einleitenden Essay verschiedene Thesen aufgestellt. Dies sind die folgenden: Die Krise hat die Defizite der letzten Jahre im Museumswesen noch einmal besonders sichtbar gemacht. (zögerlicher Ausbau der Digitalisierung, starre Verwaltungsstrukturen, dünne Personaldecke bei gestiegenen Anforderungen und die Vernachlässigung der Dauerausstellungen und Sammlungen).

Es herrsche immer noch die Vorstellung von analogem Museumsbesuch im Gegensatz zur digitalen Vermittlung. Beides gehöre aber gleichberechtigt zusammen. Voraussetzung für eine erfolgreiche und langfristige digitale Transformation ist eine digitale Strategie. Die Häuser, die seit längerem eine verfolgten, waren in der Pandemie klar im Vorteil. Diese müsse als Prozess im Museum mit den Mitarbeiter*innen ausgearbeitet werden und brauche auch qualifiziertes Personal. Dazu gibt es einige Empfehlungen.

Außerdem wird die Frage gestellt, ob das Museum tatsächlich für eine breite Schicht der Gesellschaft relevant ist und als Orientierungssystem dienen kann. Dies beinhaltet eine latente Kritik der stärkeren Einbeziehungen der Besucher*innen bei den Inhalten oder ihnen einen eigenen Raum zur Entfaltung zu bieten.

Neben der Forderung nach besserer finanzieller Ausstattung gibt es Forderungen zum Bilden von Netzwerken zwischen Museen untereinander oder mit anderen Einrichtungen wie Theater, Galerien oder Kinos Kooperationspartnerschaften aufzubauen.

Die Schlussfolgerung und These, Museen gleichzeitig analog und digital zu denken, ist zu begrüßen, auch die Forderung nach mehr Partizipation der Besucher*innen. Schon in der jüngeren Vergangenheit hat sich gezeigt, dass interaktive Museen gut besucht werden. Von daher wird hier zu Recht eine breite Fachdebatte angestoßen.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, was denn die entscheidenden Vorteile des analogen Museums waren und sind und wo die digitalen Grenzen liegen. Zu nennen wären da unter anderem die Unmittelbarkeit, die sinnliche Erfahrung und der Austausch mit anderen Besucher*innen. Auch wenn die Einrichtung des Museums auf die Objekte ausgerichtet ist oder interagiert, sind digitale Grenzen erreicht.

In diesem Buch wird auf jeden Fall aus der Praxis Erfahrungswissen erfahrbar und durch die Thesen eine breite Diskussion angestoßen. Dies berücksichtigt wohl nur die BRD, Österreich und die Schweiz, es gilt ebenso von den Erfahrungen aus anderen Ländern und Kontinenten zu lernen, um eine solide Gesamteinschätzung zu erhalten.