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Neuerscheinungen Sachbuch 1

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Jeremy Rifkin: Das Zeitalter der Resilienz. Leben neu denken auf einer wilden Erde, Campus, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-593-50664-7, 32 EURO (D)

Der renommierte Wirtschafts- und Sozialtheoretiker Jeremy Rifkin zeigt in seinem neuesten Buch, wie die Inbesitznahme der Erde und das industrielle Effizienzdenken alle Lebensbereiche durchdrungen und die Menschheit an den Rand des ökologischen Untergangs geführt hat. Rifkin fordert einen radikalen Wandel unseres Selbstbildes als Voraussetzung für eine neues Zeitalter der Resilienz.

Der Kern seiner Argumentation liegt darin zu zeigen, dass das Zeitalter des Fortschritts dem Zeitalter der Resilienz gewichen ist.

Für Rifkin wird die menschliche Zivilisation von der Idee des Fortschritts angetrieben, die durch Vernunft und einer bestimmten Auslegungen der Wissenschaft verstärkt wird. In diesem Fortschrittsparadigma wird Effizienz über alles andere gestellt wird, was sich auch in der Ökonomie und den politischen Systemen manifestierte. Das Zeitalter des Fortschritts stützte sich auf die Philosophie der Aufklärung und praktische Lesarten der Theologie und sah die Menschheit als von der Natur getrennt und über sie herrschend an, die als auszubeutende Ressource für mehr menschlichen Wohlstand und Glück behandelt wurde. Spätestens seit dem Beginn der Industrialisierung und dem Siegeszug des Kapitalismus wurde dies auch mit Hilfe neuer Erfindungen perfektioniert. Dies war eine rein materielle Vorstellung von Fortschritt und Reichtum. Dabei wurde ein anderer Reichtum vergessen: der natürliche Reichtum von dem der gesamte Lebensprozess abhängt und ohne den das Wirtschaftssystem nicht existieren würde.

Dieser Raubbau auf Kosten der Natur und der eigenen Lebensgrundlagen wird mit der Kapitalismuskritik, immer mehr Elemente des menschlichen Lebens als Geschäft oder Ware zu sehen. Diesem Fortschrittsglaube und die kapitalistische Gier bringt einen Menschentyp hervor, dessen Sinn des Lebens darin besteht, Profit zu machen, indem die Menschen effiziente Akteure auf dem Markt sind.

Rifkins Anliegen ist eine philosophische Neudefinition des Verhältnis von Mensch und Natur.

Er beschreibt das schwierige und konkurrierende Verhältnis der frühen Menschen zu ihrer jeweiligen Umwelt. Ein Gegensatz zwischen Mensch und Natur, der bis in die Frühgeschichte zurückgeht. Ein großer Teil der Weltgeschichte besteht darin, dass die Menschen allmählich die Werkzeuge zur Erfüllung ihrer Wünsche auf Kosten der übrigen Natur erwarben. Die industrielle Revolution und ihre Wirkung für die Umwelt und den Menschen selbst mit ihren Nachteilen der Aufstieg der Konsumgesellschaft und ihrer Umweltkosten ist eine wichtige Etappe. Im Zeitalter des Anthropozän haben sich die Machtverhältnisse zwischen Mensch und Natur eindeutig hin zum Menschen verschoben.

Die menschlichen Einstellungen gegenüber der Natur sollten verändert werden. Dieser Turnaround wird radikal aussehen müssen, wenn es um grundsätzliche Gegenwarts- und Zukunftsfragen wie wir Menschen mit dem Planeten, den wir bewohnen, interagieren sollten, geht.

Die menschliche Spezies hat der Welt genug Schaden zugefügt, so dass es Zeit wird für mehr Resilienz im Denken und Handeln. Nur wenn die Idee des immerwährenden Fortschrittes aufgegeben wird, könne es eine lohnenswerte Zukunft geben. Der Kernbegriff, den Rifkin benutzt, ist die Biophilie. Der Begriff Biophilie wurde terminologisch von Erich Fromm in „Die Seele des Menschen“ (1964) im Kontext seiner Charakterologie und Ethik eingeführt und bedeutet „Liebe zu Lebendigem“ im Sinne des Speziesismus. Dies bedeutet: Die natürliche Welt muss wiederhergestellt werden, der Klimawandel muss bekämpft werden, die Artenvielfalt respektiert und geschützt werden. Dabei kommt der Bildung eine wichtige Aufgabe zu: Biophilie soll an den Schulen gelehrt werden.

Sein Paradigmenwechsel, dass die Menschheit nie die Herrschaft über die Erde hatte und dass die Natur viel gewaltiger ist, als wir dachten, während unsere Spezies im größeren Bild des Lebens auf der Erde viel kleiner und weniger bedeutend erscheint, ist nachvollziehbar und richtig.

Einige Argumente und Vorstellungen sind aber eher realitätsfremd und muten esoterisch an. Jeder Mensch trage in seinen Genen einen natürlichen biophilen Impuls, der verkümmert sei und durch Bildung freigesetzt und gefördert werden müsse.

 

Buch 2

Domenico Losurdo: Eine Welt ohne Krieg. Die Friedensidee von den Verheißungen der Vergangenheit bis zu den Tragödien der Gegenwart, Papyrossa, Köln 2022, ISBN: 978-3-89438-790-7, 28 EURO (D)

Der italienische Philosoph Domenico Losurdo zeichnet in diesem Buch eine ausführliche Geschichte der Idee des Friedens von der Aufklärung und der Französischen Revolution bis in die Gegenwart mit ihren Kriegsgefahren nach. Zentrale Fragen sind: Ist es möglich, eine Welt ohne Krieg aufzubauen? Ist die Demokratie eine echte Garantie für den Frieden oder kann sie zu einer Ideologie des Krieges werden? Wie und unter welchen Umständen kann der Universalismus in einen Anspruch auf Überlegenheit und Weltherrschaft umschlagen?

Es geht zentral um den Begriff des „ewigen Friedens“ und deren Umsetzungsversuche seit der Französischen Revolution. Dieser Friede hatte eine wesentliche Neuerung, er hatte eine wesentliche Neuerung, er hatte einen universalistischen Charakter und sollte eigentlich die gesamte Menschheit umfassen. Im Gegensatz zu früheren utopistischen Ansätzen wurde dies als reales politisches Projekt verstanden. Genauer gesagt waren es verschiedene politische Projekte, die zwar nicht endgültig verankert werden konnten, aber sich in ihren Ansätzen, Zielen und Durchführungen fundamental voneinander unterschieden. Dabei klassifiziert Losurdo zwischen Projekten, die die Gleichberechtigung verschiedener Länder und Kulturen und das Recht auf Sicherheit und Frieden für alle beinhalteten, und solchen, die kolonialistischen und imperialistischen Charakter hatten und haben. Im Vordergrund der letzteren steht die Kritik an den (demokratischen) USA und ihr Umgang, der in einer angeblichen zivilisatorischen Überlegenheit gipfelte, bis hin zum Völkermord an Angehörigen der First Nations. Von der Sklaverei ganz zu schweigen. Die Kolonialkriege des 19. und 20. Jahrhunderts, also nicht nur im Zeitalter des Imperialismus, zeigten den heuchlerischen Charakter der Großmächte.

Als Projekte, die die Gleichberechtigung verschiedener Länder und Kulturen und das Recht auf Sicherheit und Frieden für alle beinhalteten, versteht Losurdo solche, die von der Französischen Revolution und der russischen Oktoberrevolution inspiriert wurden. In diesem Zusammenhang nimmt er Marx und das Kommunistische Manifest als Referenz, worin ein immerwährender Kampf nicht nur der Klassen, sondern auch der Bourgeoisien verschiedener Länder untereinander, ausgedrückt wurde. Die Gründe für das Scheitern dieser Friedensprojekte seien vielschichtig.

Ein Schwerpunkt des Buches dreht sich um die Frage Ist die Demokratie eine echte Garantie für den Frieden oder kann sie zu einer Ideologie des Krieges werden? Die Antwort darauf wird anhand zahllosen Beispielen gegeben, wo es Krieg zwischen demokratisch verfassten Ländern gab, wie auch der Unabhängigkeitskrieg zwischen den USA und Großbritannien. Oder der erste Weltkrieg mit Beteiligung demokratischen, imperialistischen Ländern wie Frankreich und Großbritannien. Die Kriegsbegeisterung nicht nur im Parlament des Deutschen Reiches ist bekannt. Der Kriegseintritt der USA wurde 1917 von dem amerikanische Präsident Wilson mit Freiheit und des Friedens in der Welt begründet. Es wurde postuliert, dass die weltweite Verbreitung von Freiheit und Demokratie eine Partnerschaft begründen würde, die das Ideal des ewigen Friedens verwirklichen würde. Gleichzeitig gab es unter Wilson nicht so genannte Kolonialkriege in Lateinamerika.

Zum Schluss kommt Losurdo auf die Voraussetzungen zu sprechen, wie in der Gegenwart ein dauerhafter Frieden aussehen und durchgesetzt werden könnte. Dabei identifiziert er eindeutig die USA als Gefahrenquelle für einen neuen weltumspannenden Krieg. Dies begründet er mit einem De-Facto-Monopol der USA auf Atomwaffen, das ihnen uneingeschränkte militärische Macht verleiht. Dies nennt Losurdo „Exzeptionalismus“ gepaart mit Imperialismus. Die USA als führendes Land der NATO wolle den souveränen Willen der UNO und dem Sicherheitssrat untergraben und ihrerseits Hegemonie beanspruchen, was zu wachsender Kriegsgefahr führe.

„Was den neokolonialen Kriegen neuen Schwung gibt, ist ein ‚Exzeptionalismus‘, der zwar die Fahne der ‚universellen Werte‘ schwenkt, aber per definitionem das Gegenteil von Universalismus ist, es ist der Anspruch auf eine privilegierte Behandlung des Westens und insbesondere seines führenden Landes, dem das alleinige Recht vorbehalten sein soll, Kriege auch ohne Autorisierung durch den UN-Sicherheitsrat zu führen.“ (S. 431)

Stattdessen sollte das Prinzip der Gleichheit zwischen einzelnen Ländern fundamental gestärkt werden und wenigstens eine Annäherung der internationalen Beziehungen auf Augenhöhe stattfinden. Für eine Verwirklichung einer globalen Friedensidee bedarf es für Losurdo einer Überwindung des Kapitalismus und Neokolonismus. Eine große Gefahr sieht es im mächtigen militärischen-industriellen Komplex, der sein Geld durch Kriegsausrüstung und Bewaffnung verdiene, und nicht an Frieden interessiert sei.

Losurdo kritisiert auch die Peacekeeping-Einsätze und die „humanitären Kriege“ vor allem nach 1945. Diese wurden oft ohne Genehmigung des UN-Sicherheitsrates heraufbeschworen oder die Bedeutung seiner Resolutionen verzerrt, sie wurden daher unter Verletzung des Völkerrechts begonnen. Dies beinhalte einen Anspruch, weltweit nach Gutdünken Kriege entfesseln zu dürfen und die Souveränität anderer Länder zu verletzen oder in Frage zu stellen. Diesem Neokolonialismus müsse durch die Stärkung der UNO begegnet werden. Kein Land oder eine Gruppe von Staaten hat einen Anspruch auf Hegemonie und "Exzeptionalismus".

Eine der wichtigsten Aussagen des Buches ist folgende: Obwohl der „ewige Frieden“, der die Menschheit als Ganzes umfasste, proklamiert wurde, war damit Frieden unter den „zivilisierten Ländern“ gemeint. Kolonialkriege und die Eroberung des Landes, Unterwerfung unter weißer Vorherrschaft und Versklavung fielen nicht unter dieser Kategorie. Diese wurden zwar als humanitärer Fortschritt getarnt, waren aber in Wirklichkeit das komplette Gegenteil.

Im Anhang gibt es noch ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister.

Das Buch hat einen ernüchternden Befund: Die verschiedenen Projekte zur Gestaltung eines dauerhaften Friedens überall in der Welt sind bislang gescheitert. Kein Buch für Utopist*innen und Träumer*innen.

Losurdo legt einige Gründe dafür offen und demaskiert meisterhaft die Ansicht, kapitalistische Demokratie mit Frieden gleichzusetzen.

Leider ist das Buch vor dem Angriffs Russlands auf die Ukraine verfasst worden, dies hätte in die Analyse mit einfließen können.


Buch 3

Ulrike Guérot/Hauke Ritz: Endspiel Europa. Warum das politische Projekt Europa gescheitert ist und wie wir wieder davon träumen können. Westend, Frankfurt am Main 2022, ISBN: 978-3-86489-390-2, 20 EURO (D)

Ulrike Guérot und Hauke Ritz beleuchten in ihrem Essay „Endspiel Europa“ die Entwicklung der Europäischen Union seit 1992 und besinnen sich auf die ursprünglichen europäischen Werte und Ziele: ein souveränes Europa und eine kontinentale Friedensordnung. Europa ist mit einem grausamen Krieg an seiner Grenze konfrontiert und stehe dreißig Jahre nach Wiedervereinigung und Maastrichter Vertrag am Scheideweg.

Die beiden skizzieren in Dezennien die Entwicklung von Europa nach. Darin entwerfen sie einen sehr kritischen, fast schwermütigen Blick auf Fehlentwicklungen und deren Gründe. Dabei sehen sie eine wachsende Abhängigkeit Europas von den USA und kritisieren eine einseitige transatlantische Geopolitik, die Europa insgesamt schwächen würde. Dies sei eine gewollte Schwächung, die von den USA bewusst betrieben werde, um folgsame Verbündete in der weltweiten Außenpolitik zu haben, die aber nicht zu mächtig werden sollten. Das politische Projekt Europa werde dadurch nicht nur geschwächt und behindert, sondern auch in den Abgrund getrieben.

Guérot und Ritz fordern ein Umdenken hin zu einem eigenständigen Europa, das gegenüber Amerika und Russland als gleichwertiger Partner auftritt.

Viel Raum nimmt der Angriffskrieg in der Ukraine ein, der folgendermaßen interpretiert wird. Die USA hätte mindestens in Kauf genommen oder sogar daraufhin gearbeitet, dass in der jetzige Krieg in der Region ausbricht. Sie interpretieren dies als (imperialistischer) Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen, der ganz im Interesse der USA wäre, um Europa finanziell zu destabilisieren und geopolitisch und militärisch noch stärker an die USA zu binden. Aber unter deren Führung, als Art Lebensversicherung im militärischen Sinne.

Diese Kritik an den USA wird mit der Forderung nach einer sofortigen Beendigung der Kampfhandlungen und Verhandlungen mit Russland verbunden. Diese Verhandlungen sollte Europa eigenständig möglichst ohne die USA mit Russland führen, um Frieden für den Kontinent zu erreichen. Neben dem Frieden in Europa gehe es noch um ein übergeordnetes Ziel: eine strategische Bestandsaufnahme und Leitideen für ein unabhängigeres Europa im 21. Jahrhundert.

Dies wird einer Kritik an Nation, Nationalismus und Nationalstaat verbunden. Dies ist in Teilen der wissenschaftlichen Forschung bereits verbreitet. Benedict Anderson definiert „Nation“ als „eine vorgestellte politische Gemeinschaft – vorgestellt als begrenzt und souverän. Vorgestellt ist die deswegen, weil ihre Mitglieder selbst der kleinsten Nation die meisten anderen niemals kennen, ihnen begegnen oder auch nur von ihnen hören werden, aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert.“1

In diesem Sinne sehen sie auch die Ukraine als imaginierte Nation an, „die es in dieser Form nie gab, noch gibt, sondern die wie alle Nationen in Europa ein multi-nationales und multi-ethnisches Produkt der Geschichte, eine ‚imaginierte Gemeinschaft‘, die zu überwinden Europa im letzten Jahrhundert angetreten“ sei. Dies gelte auch für andere Nationalstaaten Europas, die für die Zukunft keinen Bestand haben dürften. Ihre Vorstellung von Europa ist stark mit dem Regionalismus und Föderalismus verbunden. Die einzelnen Regionen sollten ohne zentralen Nationalstaat existieren. Ihr Charakter wäre eine relative Eigenständigkeit und umfasst kulturell und sprachlich eigenständigen Räumen die miteinander verbunden eine Symbiose bilden würden.

Das Buch neigt zu Übertreibungen und Zuspitzungen: So wenig Europa als politisches, soziales und wirtschaftliches Projekt gescheitert ist, so wenig verheißungsvoll wird auch die Zukunft aussehen, wenn die geforderten fundamentalen Reformen eingelöst würden. Dies muss differenzierter gesehen werden, genauso wie die Thesen des Duos.

Die Interpretation des Krieges in der Ukraine wird sicherlich heftige Kontroversen auslösen. Eine bewusst geplante geostrategische Eskalation zum Vorteil der USA wird aus den benutzten Quellen jedenfalls nicht vollständig nachgewiesen, Russland Rolle als imperialistischer Gegenpart der USA klein geredet und teilweise krude Zusammenhänge konstruiert.

Das Buch hat aber auch positive Ansätze: Die Forderung nach einer Emanzipation von den USA hat sicherlich seine Berechtigung, wenn es nicht zu eigenen imperialistischen Zielen und Handlungen verbunden wird und das noch unter der Führung Deutschlands.

Die Kritik des Nationalstaates mit seinen willkürlichen Grenzen (Baskenland aufgeteilt zwischen Frankreich und Spanien, dasselbe in Tirol (Österreich, Italien) oder der Lausitz (Polen, BRD) ist völlig berechtigt. Föderalismus und mehr Regionalismus machen schon Sinn: Dezentrale Entscheidungswege und mehr Partizipation und damit auch mehr Demokratie würden bei einer Überwindung des Nationalstaates gewonnen werden.


Buch 4

Toni Andreß: Das Post-Kapitalistische Manifest. Wie wir unsere Wirtschafts- und Umweltkrisen lösen können, oekom, München 2022, ISBN: 978-3-987-26008-7, 36 EURO (D)

Unsere Gesellschaft leidet durch stete Wirtschafts- und Umweltkrisen an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Toni Andreß stellt daher die Idee des Postkapitalismus vor, zeigt viele praktische Lösungen auf und leitet daraus konkrete Handlungsempfehlungen ab. Durchgehend werden deren potenzielle Auswirkungen auf die Gesellschaft skizziert.

Im ersten Teilbereich „Kapital“ wird beschrieben, wie sich die systembedingten Missstände des Kapitalismus entwickelten, es werden die Folgen für die Wirtschaft und den Menschen aufgezeigt und auf Geschichte und Gegenwart Bezug genommen.

Der zweite Teilbereich „Umwelt“ geht von der These aus, dass die Umweltzerstörung und die Umweltbelastung untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden sind. Dort werden die Entwicklungen der einflussreichsten Emissionen, die Entwaldung und Überfischung dargelegt. Außerdem werden die Folgen für Umwelt, Mensch und Wirtschaft beschrieben.

Danach wird im Kapitel „Arbeit“ die weltweite Armut, Ausbeutung und Sklaverei beleuchtet. Es werden die unterschiedlichen Formen, die lange Geschichte und die gravierenden Folgen für den Menschen und die Wirtschaft dargelegt. Im letzten Kapitel „Markt“ werden diese kritisch beleuchtet. Sie sind nicht frei, sondern unterliegen einer Vielzahl weitreichender Restriktionen wie Subventionen oder Zöllen. Es wird wiederum auf die Folgen für Mensch und Wirtschaft eingegangen.

Das von Andreß gezeichnete Modell ist eines mit „sozialer und ökologischer Marktwirtschaft ohne den Kapitalismus“. (S. 13)

Der Postkapitalismus als Alternative definiert sich dabei durch eine grundlegende Reform des Geldes und des Finanzsystems im Sinne der Freiwirtschaftslehre, um die Verbraucher*innen und die Realwirtschaft kostenlos mit Geld zu versorgen, sowie die Einführung eines Grundeinkommens zum Vorteil von Bürger*innen und Wirtschaft. Weiteres zentrales Elemente ist eine Reform des Emissionsrechtehandels, wo die Verschmutzung der Umwelt einen angemessenen Preis haben muss, um das Verhalten von Unternehmen zu ändern. Weiterhin werden die Verwirklichung des Freihandels mit gerechten Wettbewerbsbedingungen und die Schaffung einer neutralen Weltwährung gefordert.

„Da die große Mehrheit der Bürger von einer Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik im Sinne des Postkapitalismus profitieren würde, sollte sie mehrheitsfähig sein, wenn der Bürger der Souverän seines eigenen Interesses ist.“ (S. 304)

Das Buch ist stringent aufgeteilt durch die systematische Vierteilung: Probleme, Lösungsansätze, Handlungsempfehlungen und Auswirkungen. Es werden auch zahlreiche lohnenswerte Ansätze wie eine Weltwährung geliefert. Natürlich auch das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens: Das Konzept bedeutet ein ausbalanciertes Zusammenspiel aus Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit. Niemand müsste zur Existenzsicherung mehr Arbeiten annehmen, die den persönlichen Fähigkeiten und Neigungen nicht entsprechen. Stattdessen könnten die Menschen Arbeiten nachgehen, die ihnen wirklich gefallen und in denen ihre Stärken sinnvoll zum Tragen kommen. Die individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung bekommt einen neuen Schub.

In Krisenzeiten wie jetzt würde ein bedingungsloses Grundeinkommen die Menschen vor Not und Armut durch Verdienstausfälle bewahren. Auch Menschen, die durch die Digitalisierung ihren Arbeitsplatz an Maschinen verlieren, könnten von dem Konzept profitieren. Nicht beliebte Arbeiten müssten künftig angemessen bezahlt werden, damit es weiterhin genug Anreiz für Menschen gäbe, diese Tätigkeiten zu verrichten.

Einige Argumente haben Schwachstellen oder werden nicht zu Ende gedacht. Die Freiwirtschaftslehre hat zum Beispiel wesentliche Schwächen: Die Macht der Banken bleibt fast völlig unangetastet und soll durch ein neues Geldsystem auch nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden. Außerdem wird der Konflikt zwischen den Eigentümern an Produktionsmitteln und den Lohnabhängigen, (Marx) dadurch in keiner Weise gelöst.

Dies ist eines der besseren und anschaulicheren Bücher über Kapitalismuskritik. Es richtet sich gegen das Primat der Marktlogik, der Profitmaximierung die wachsende soziale Ungleichheit und ökologische Zerstörung. Manchmal denkt der Autor leider nicht konsequent genug zu Ende.

 

Buch 5

Hugo Wilson: Harley-Davidson. Mythos und Modellgeschichte, DK, München 2022, ISBN: 978-3-8310-4520-4, 24,95 EURO (D)

Harley-Davidson ist eine der bekanntesten Motorradmarken der Welt. Hugo Wilson präsentiert die 120-jährige Firmengeschichte des traditionsreichen nordamerikanischen Herstellers. Großformatige Fotos zeigen alle Motoren und über 70 der begehrtesten Harleys, die je gebaut wurden, darunter Rennmodelle, spezielle Einzelstücke und limitierte Auflagen.

Zuerst wird die Firmengeschichte mit all ihren Höhepunkten und Tiefpunkten in einem längeren Text geschildert. Außerdem geht es um den mit der Marke verbundenen Mythos, die Harley Owners Group, die die Rückkehr der klassischen Motorradclubs ermöglichte mit weltweit über 400.000 Mitgliedern, und dem Museum in Milwaukee, wo 450 Motorräder ausgestellt sind und das jedes Jahr von Hunderttausenden Menschen besucht wird.

Danach werden in zehn Kapiteln chronologisch einzelne Modelle vorgestellt. Zunächst die ersten Motorräder wie das Modell Nr. 1, dem folgen frühe Innovationen wie der 1930 entwickelte Hill Climber und Modelle mit Seitensteuerung wie die WR Rennmaschine von 1949. Weiter geht es mit OHV-Zweizylinder wie FX Super Glide von 1974 und kleinen Motorräder der Nachkriegszeit wie die 1966 Sprint H. Danach werden Sportster wie XR1200X von 2010 und Tourenmodelle wie FLHRI Road King von 1997 behandelt. Danach werden neue, revolutionäre Modelle wie VR 1000 von 1994 und Sportmotorräder wie Buell RR 1000 vorgestellt. Den Abschluss machen neueste Entwicklungen wie der frühe Einsatz von Elektroantrieb und die Pan America von 2021.

Anschließend folgt ein Katalog, der die jährlich von Harley-Davidson hergestellten Hauptmodelle von 1903 bis 2021 aufgreift. Einige in limitierter Auflage hergestellten Modelle und Spezialmodelle wurden ausgelassen.

Im Anhang gibt es noch ein Register, den Bildnachweis; Literatur oder Links fehlen allerdings.

Jedes Modell ist mit beschrifteter Seitenansicht und Vorderansicht zu sehen. In einer Tabelle gibt es Informationen über Motor, Hubraum, Leistung, Antrieb, Rahmen, Federung, Gewicht und Höchstgeschwindigkeit.

Ein veritabler Bildband mit großformatigen Fotos in sehr guter Druckqualität für die Liebhaber dieser Marke! Der Leser erfährt mehr über den Werdegang, berühmte Modelle und über den Lifestyle.

Es gibt auch einen guten Überblick über die Entwicklung des Unternehmens, Schlüsseltechnologien und eine Zeitleiste, wann verschiedene Modelle eingeführt wurden.

1 Anderson, B.: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, 2. Auflage, Frankfurt/Main 2006, S. 15