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Neuerscheinungen Romane und Krimis

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Frauke Scheunemann: Tod zur See. Ein Usedom-Krimi, Scherz Verlag, Frankfurt/Main 2024, ISBN: 978-3-651-00130-5, 17 EURO (D)

Dies ist der dritte Fall für Radioreporterin Franziska Mai und Kommissar Kay Lorenz auf Usedom.
Franziska Mai ist dank ihrer Radio-Show auf Usedom inzwischen ein kleiner Star und wurde als Moderatorin für das große Abschlussspektakel des Ahlbecker Stadtfests engagiert. Was eigentlich der Höhepunkt des maritimen Sommervergnügens sein sollte, wird jedoch zur Katastrophe: Der Jetski des Stuntmans explodiert mitten im finalen Salto. 
Franzis kriminalistischer Instinkt meldet sich und sagt ihr, dass Bruno Wunderlich Opfer eines Mordes geworden ist. Es wird auch schnell deutlich, dass sie mit ihrer Vermutung nicht falsch lag. Die Reporterin stürzt sich gemeinsam mit ihrem Volontär Janis in die Ermittlungen. 
Natürlich ist auch Kommissar Kay Lorenz involviert, die sich in den letzten Fällen auch privat nähergekommen sind. Dies setzt sich fort, wenn auch mit Spannungen, als Franziskas Ex-Freund auf Usedom auftaucht. Die private Weiterentwicklung der beiden ist jedoch nur ein Nebenprodukt, denn der Fall und die Folgen der Ermittlung steht im Vordergrund. 
Es kristallisieren sich verschiedene Motive und Verdächtige heraus. Verdeckte Ermittlungen von Janis enden im Krankenhaus, ab dann nimmt der Krimi Fahrt auf. Als es ein weiteres Opfer gibt, ändert sich die Konstellation. 
Manchmal stehen sich der wortkarge und zurückhaltende Kay und die offene Franziska selbst im Weg, aber ergänzen sich im Laufe der Zeit immer mehr. Zu den beiden entwickelt sich Janis zu einer Hauptfigur. Die Figuren sind sympathisch mit Ecken und Kanten gezeichnet, die manchmal auch zu humorvollen Dialogen führt.  Die Eigenheiten Usedoms und Inselschönheiten kommen auch nicht zu kurz, vor allem das hier offenbarte Sommerflair. 
Es ist kein Krimi mit Blut und menschlichen Abgründen, sondern eher locker geschrieben.


Buch 2

Stephan Schäfer: 25 letzte Sommer, Ullstein, Berlin 2024, ISBN: 978-3-9881600-9-6, 22 EURO (D)

Der Ich-Erzähler macht Urlaub auf dem Land, um seinen beruflichen und persönlichen Stress hinter zu lassen und Ruhe zu finden. sich von seinem stressigen Berufsalltag ein wenig zu entspannen. Er und seine Familie haben ein kleines Haus gemietet. Als er allein mit seinem Rad unterwegs ist,  trifft er auf Karl. Karl ist das genaue Gegenteil von ihm: Er sortiert Tag für Tag Kartoffeln - und denkt nach. Er ist etwas und wirkt weiser. Er selbst ist entschleunigt, von seiner Art zu leben überzeugt und glücklich. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit verstehen sich die beiden gut. Der Ich-Erzähler genießt fast schon die Anwesenheit Karls, weil er bei ihm er selbst sein kann, entspannen kann und seine Alltagssorgen für eine Zeit lang hinter sich lassen kann. 
Als Karl ihn mit der Tatsache konfrontiert, dass ihm noch ungefähr 25 Sommer bleiben, beginnen beide ein lange Gespräche über die großen Fragen des Lebens: Warum verbringen wir so viel Zeit mit unserer Arbeit anstatt mit den Menschen und Dingen, die uns wirklich wichtig sind? Woher nehmen wir den Mut, unsere eigenen Träume zu verwirklichen? Und warum beginnt das richtige Leben oft erst, wenn wir erkennen, dass wir nur eines haben?  
Als Konsequenz dieser Gespräche wird dem Ich-Erzähler vieles bewusst, dass er sein Leben überdenken sollte und einiges bei ihm schief läuft. Sein eigenes Leben ist von Zwang, Druck und Stress gekennzeichnet und fremdbestimmt. Seine eigenen Träume und sein eigenes Wohlbefinden spielt kaum eine Rolle dabei, er funktioniert nur.  

Der Ich-Erzähler ist absichtlich ohne Namen geblieben, er steht symbolisch für unzählige Menschen, deren Alltag genauso aussieht, wie dieser anonyme Protagonist. In Person Karls hält der Autor den Lesern einen Spiegel vor und fordert sie selbst zur Reflexion über ihr eigenes Leben und die damit verbundenen wichtigen Fragen auf.  

Das Buch liefert keine vorgefertigten Antworten, aber regt zum Nachdenken und Reflektieren ein. Es macht darauf aufmerksam, dass wir nur ein Leben haben und wir mit unserer Zeit sorgsam umgehen sollten und im Hier und Jetzt zu leben.


Buch 3

Eric Weißmann: Mord unterm Reetdach. Kristan Dennermann ermittelt – Ein Sylt-Krimi, dtv, München 2023, ISBN:  978-3-423-22051-4, 13 EURO (D)

Der Abend des traditionellen Sonnenwendfeuers endet mit einem Schock: die Leiche des Sylter Urgesteins Hinnerk Petersen wird in dessen Garten gefunden, alles deutet auf Mord hin. Petersen hinterlässt ein prächtiges Anwesen, das der Immobilienmakler Kristan Dennermann verkaufen soll. Als sein Corgi *Prinz of Wales* die Leiche von Petersen in dessen Garten findet, wird Kristan alsbald bewusstlos geschlagen. Nachdem er wieder aufgewacht ist, steht die Polizei vor ihm und sieht in ihm einen potentiell Tatverdächtigen.  
Bei seinen Recherchen stößt der Makler auf gewisse Ungereimtheiten. Es zeigt sich, dass Petersen einige Geheimnisse hatte. Ging es um einen Erbschaftsstreit? Und was hat es mit dem Gerücht auf sich, der Verstorbene habe regelmäßig eine hübsche junge Prostituierte empfangen? 
Dennermann muss letztendlich selbst ermitteln, wer der Täter ist, schon um sich selbst als Tatverdächtigen auszuschließen. Dabei stößt er immer wieder auf das Misstrauen der leitenden Beamten, die ihn als möglichen Täter nicht alles mitteilen. Die Ermittlungen steigern die Spannung, vor allem weil er selbst ins Visier des Täters gerät und um sein Leben fürchten muss. 
Neben dem Corgi kommen Kristans altbekannten Angestellten aus dem Maklerbüro und aus seinem näheren Umfeld wieder vor. Der „Prinz of Wales“ ist nicht nur ein treuer Begleiter, sondern auch hilfreich bei der Aufklärung des  Falles.   
Sylter Lokalkolorit jenseits des Massentourismus und natürlich Impressionen der Schönheiten der Insel und des Strandlebens werden auch immer wieder bildgewaltig eingestreut.  
Der Spannungsbogen ist gut, kann mit Wendungen aufwarten und bietet sympathische Charaktere.
Ein schöne Sommer- oder Urlaubslektüre für Sylt-Fans, die leicht zu lesen ist.


Buch 4

Adjei-Brenyah, Nana Kwame: Chain-Gang All-Stars. Roman, Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN: 978-3-455-01706-9. 25 EURO (D)

Dieses Buch enthält ein beklemmendes Zukunftsszenario in den Vereinigten Staaten in naher Zukunft. Angelehnt an Zustände im Alten Rom, werden Brot und Spiele in einer modernen Version veranstaltet, wo Gefängnisinsassen organisiert von einer „Unterhaltungsindustrie“ ausgebeutet werden. 
Straftäter*innen, die zu lebenslanger Haft verurteilt sind,  kämpfen mit einer Sense und mit einem Hammer bewaffnet auf Leben und Tod gegen andere in einer Arena. Es gewinnt die Person, der seine Gegner tötet. Sie steigt nach einer ausreichend hohen Zahl an Siegen auf. Nach mehreren erfolgreichen Jahren kann ein Kämpfer seine Freilassung erreichen. Dies alles wird als "High Action Sport" live im Fernsehen übertragen. 
Alle Kämpfer entscheiden sich nur scheinbar freiwillig für dieses Schicksal, auf Leben und Tod kämpfen zu müssen. Deshalb ist es umso schmerzhafter mitzuerleben, dass es oft nicht wirklich eine Entscheidung ist, sondern das geringere Übel, weil ihre aktuelle Situation noch so viel unerträglicher erscheint. Sie stürzen sich von einem Leid ins andere, während hunderte Zuschauer am Rand der Arena stehen und über ihren Tod in einem Gemetzel jubeln.
Viele davon sind Afroameriker*innen. Damit wird eindeutig auf die rassistischen Missstände im Strafvollzug hinweisen. 
In den Buch kommen verschiedene Perspektiven und unterschiedliche Charaktere mit ihren Empfindungen zu Wort. Natürlich Kämpfer*innen selbst, die untereinander mehr Mitleid und Empathie empfinden als viele Zuschauer*innen. Gegner*innen dieser Kämpfe kommen zu Wort, aber auch Kapitalist*innen, die enorme Gewinne aus den Kämpfen auf Leben und Tod scheffeln.

.Das Buch beschreibt eine dystopische Welt, in der sich Gefängnisinsassen zur Unterhaltung des Publikums in einer Arena bekämpfen. 
Es geht aber nicht nur um die barbarischen Kämpfe  in den Arenen. Es geht viel mehr darum, was es mit diesen Menschen macht, die sich dazu gezwungen fühlen, weitere Morde zu begehen, um sich von dem Mord, der sie ins Gefängnis gebracht hat, zu rehabilitieren. Wie diese Kämpfer*innen zu Monstern gemacht werden. 
Das Buch hat natürlich viele brutale Szenen, aber auch tiefgründige Erläuterungen, wie dieses System entstanden ist und wer die Nutznießer*innen eines solchen menschenverachtenden Spektakels sind. 
Die Dystopie dient also als Aufhänger, um Rassismus im Strafsystem zu kritisieren.


Buch 5

Dolly Alderton: Am Ende ist ein Anfang. Roman, Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN: 978-3-455-01736-6, 25 EURO (D)

Der neue Roman von Dolly Alderton handelt von der Trennungsphase nach einer langjährigen Beziehung.
Hauptprotagonisten sind der 35-jährige Komiker Andy und seine Ex-Freundin Jen. Jen hat nach langen Beziehungsjahren mit ihm Schluss gemacht. 
Andy wohnt provisorisch bei Freunden, sucht eine richtige Wohnung für sich und muss nun mit der Situation umgehen.  Er hat damit zu kämpfen, seine Karriere wiederzubeleben, aber vor allem um und überhaupt über Jen hinwegzukommen. 
Alderton beschreibt  sein wechselvolles, chaotisches Leben nach Jen und seine Gefühlswelten. Er versucht, mit einem neuen Fitnessprogramm,  und schließlich  einer neuen Perspektive auf das, was in seiner alten Beziehung passiert ist, zurechtzukommen.
Die Trennung wird in Rückblicken aus Andys Perspektive erzählt, auch die Zeit, wo sie sich kennengelernt haben und Phasen der Beziehung. Seine Sichtweise hat so seine Tücken. Es schimmert durch, dass selbstsüchtig handelte, sich selbst bemitleidet und wenig Mitgefühl für andere zeigte. Dies wird genau beschrieben, was den Roman an bestimmten Abschnitten langatmig werden lässt.
Mit der Zeit erkennt Andy aber auch seinen Anteil am Scheitern der Beziehung, und er wird selbstkritischer und reflektierter.
Am Ende des Buches wechselt die Perspektive zu Jen, die ihre Sicht der Dinge darlegt. So wird ein umfassenderes Verständnis ihrer Beziehung deutlich, obwohl dies kurz, vielleicht zu kurz, gehalten ist.

Das Buch vermittelt ein Gefühl, was Leute bei einer Trennung durchleben können und dass eine langjährige Beziehung zu beenden, hart ist und es lange nachhängen kann.  Aber es gibt auch eine Prise Humor, nicht nur durch Andys Beruf. 
Alderton Fähigkeit, Charaktere und ihre Gefühle darzustellen, ist das große Plus des Buches. Die schon oben angesprochenen Längen sind dabei zu verschmerzen.


Buch 6

James Clavell: Shogun, Knaur, München 2024, ISBN: 978-3-426-29351-5, 20 EURO (D)

James Clavells Weltbestseller Shōgun gehört zu den meistverkauften Romanen aller Zeiten und wurde mehrfach hoch erfolgreich verfilmt. Die neueste Serienadaption läuft im Frühjahr 2024 beim Streamingdienst Disney+.

Im Jahr 1600 strandet der englische Navigator John Blackthorne an der Küste eines Landes, das erst wenige Europäer erreicht haben: Japan. 
Blackthorne bleibt nur wenig Zeit, um sich in der fremden Sprache und Kultur zurechtzufinden. Und er muss seine Vorstellungen von Loyalität, Mut und Moral hinterfragen.
Schon bald gerät er mitten hinein in den Machtkampf der japanischen Fürsten, der das Land zu zerreißen droht. Blackthorne tritt in den Dienst des faszinierenden Strategen Toranaga. Doch als er sich in die Übersetzerin Mariko verliebt — die Frau eines Samurais in Toranagas Diensten — wird seine Loyalität auf eine harte Probe gestellt.
In einem Land, das sich unaufhaltsam wandelt, hängt nicht nur Blackthornes Überleben davon ab, dass er die richtigen Entscheidungen trifft. Denn nur einer der rivalisierenden Fürsten kann siegreich sein und Shōgun werden.

Dieses umfangreiche Band hat viele Facetten: Metaphern, Allegorien, historische Erzählungen, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Kommentare, Philosophie; und die Erforschung von Themen wie Religion, Geschlechterrollen, Familie, Pflicht, Ehre, Mut. Dies alles innerhalb der Rubrik einer Dichotomie zwischen Ost und West, die durch Blackthornes Landung an der Küste Japans im Jahr 1600 repräsentiert wird.
Es ist dieser Vergleich und Kontrast zwischen den beiden unterschiedlichen Gesellschaften, der dieses weitläufigen Werk zusammenhält. Als Blackthorne ankommt, gibt es dort bereits eine Generation alte westliche Präsenz in Gestalt portugiesischer Seeleute und Jesuitenpriester. Viele Japaner sind zum Katholizismus konvertiert, aber auch Konflikte mit der eigenen Denkweise sind in diesem spannenden Werk ein allgegenwärtiges Element.

James Clavells Meisterwerk über den englischen Seemann John Blackthorne, und sein Eintauchen in die japanische Kultur und deren Übernahme ist auch heute noch ein beeindruckende Lesegenuss. Clavells Buch ist gut recherchiert und trotz einiger Längen spannend. Bemerkenswert sind auch seine Dialoge und seine Charakterisierung. Ein weiterer gelungene Aspekt dieses Buches ist die Rolle der Kommunikation und die entscheidende Rolle, die Übersetzungen in der Handlung spielen.