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Neuerscheinungen Literatur und Biografie

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Franziska Augstein: Winston Churchill. Biografie, dtv, München 2024, ISBN: 978-3-423-28410-3, 30 EURO (D)

Unter den herausragenden Politikern des 20. Jahrhunderts ist Churchill der schillerndste. Hollywood hat den Adeligen mit der Zigarre längst zu einer Film- und Heldenfigur überhöht. Churchill gilt als einer der größten Redner der Geschichte, hat seinen aufwendigen Lebensunterhalt als Schriftsteller und Journalist bestritten und wurde mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er galt in den dreißiger Jahren als politisch erledigt, doch da er unermüdlich vor der Bedrohung durch Deutschland gewarnt hat, wurde er über Nacht Premierminister während deutsche Truppen in Frankreich einmarschierten und war Hitlers härtester Gegner. 
Die Journalistin Franziska Augstein legt hier eine umfangreiche Biografie vor, die aus der Perspektive des „einfühlsamen Verstehens“ (S. 17) entstanden ist. 
Sie charakterisiert ihn und seine beruflichen Stationen unter komplexen Vorzeichen. Vielleicht das wichtigste Zitat: „Churchill war ein Mann des 19. Jahrhunderts, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts prägte. Er war ein politischer Romantiker.“ (S. 16)
Augstein setzt sich schon kritisch mit seinen Schattenseiten wie ein manischer  Antikommunismus, sein Festhalten am britischen Kolonialismus und dem ihm innewohnenden Rassismus sowie vielen auch aus der Sicht des 20. Jahrhunderts verstaubten Positionen auseinander. Dies geht aber nicht weit genug. 
Trotz der nur zarten Kritik an Churchill ist aber insgesamt gesehen ein sehr umfangreiches Werk, das nicht nur sein Leben erzählt, sondern auch ein gutes Stück europäischer Geschichte. 
Man sieht die fundierte Recherche, die Augstein für das Buch unternommen hat. Churchill kommt deutlich sowohl als Politiker als auch als Schriftsteller und Maler rüber. Es wird auch klar, wie diverse Facetten seiner Persönlichkeit ineinander greifen und Churchill zu einer komplexen Figur gestalten. Die Leser*innen erfahren auch mal weniger bekannte Details aus Churchills Leben. Auch die wichtigen Fragen und Entscheidungen vor dem und während des zweiten Weltkrieges, genauso diese im Fall des ersten Weltkrieges, werden detailliert dargeboten.


Buch 2

Hark Bohm: Amrum. Roman, Ullstein, Berlin 2024, ISBN: 978-3-550-20269-8, 21,99 EURO (D)

Dieser Roman beschäftigt sich mit einer dunklen Zeit aus der näheren Amrumer Vergangenheit.  Er beginnt wenige Tage vor dem Ende des 2. Weltkrieges und dem Selbstmord Hitlers und die Wirren und Not der ersten Zeit danach. Der Autor ist selbst auf Amrum groß geworden und weiß, wovon er spricht. 
Der Hauptprotagonist ist das Kind Nanning, der schon früh Verantwortung lernen muss Der junge Nanning hat eine schwangere Mutter und jüngeren Geschwister, die ums nackte Überleben kämpfen. Die materielle Not ist groß. Er und sein bester Freund Herrmann haben Amrum noch nie verlassen, fühlen sich dort heimisch und kennen ihre Insel genau. Gemeinsam mit Herrmann trotzt er der kargen Natur ab, was er kann, um während des Krieges für seine Familie zu sorgen.  Die beiden suchen, als das Essen immer knapper wird, Kaninchen, Schollen, sammeln Vogeleier und arbeiten hart bei der benachbarten Bäuerin für ein Stück Butter. 
Die  Amrumer Flora bestimmt durch die Lage am Meer und die unterschiedlichen, meist nährstoffarmen Landschaften der Insel wird detailgenau beschrieben. Auf Teilen des Kniepsands und im breiten Dünengürtel wachsen Dünengräser wie der und zahlreiche andere Sand liebende Pflanzen. Dies, Wattimpressionen und Heidegebiete gemischt mit Nadel- oder Mischwald sieht man bildlich vor sich. Genauso wie die atmosphärische Beschreibung des Meeres und der Naturgewalten.  
Die politischen Ereignisse jener Tage spielen auch eine Rolle im Roman. Die nur beschriebenen Eltern von Nanning sind begeisterte Hitler-Anhänger. Sein Vater  ist SS-Obersturmführer in Hamburg, die Mutter BDM-Führerin. Die Nazi-Doktrin hat  Nanning erlebt. Der Gegenpol dazu ist seine Tante Ena, die eine entschiedene Nazi-Gegnerin ist. Sein Onkel Theo kämpft sogar auf Seiten der Alliierten. Nicht nicht er, auch andere Amrumer kämpfte auf Seiten der nach Amrum anrückenden Alliierten. Diese Zeit des Kriegsendes ist auch Teil des Romans. Die Amrumer sind gespalten beim Ende des Krieges, für die einen eine Befreiung für die anderen eine Katastrophe und Niederlage. 
Sein Freund Herrmann wuchs in einer Familie von Widerstandskämpfern auf, was ihre innige Freundschaft nicht tangierte. Er ist froh, dass die Kämpfe vorbei sind und ein neues Kapitel beginnt. Das Ende des Krieges verändert auch das Leben von Nanning. Seine Kindheit auf Amrum ist vorbei, es wird ihn in eine neue Welt tragen.

Dieser Roman ist mehr als ein Zeitdokument. Die Diskrepanz der Inselbewohner für oder gegen Hitler wird überwunden durch die unzerstörbare Freundschaft zwischen Herrmann und Nanning. Dies alles wird spannend erzählt mit viel menschlicher Empathie.


Buch 3

Alexander Oetker/Yanis Kostas: Zyprische Geheimnisse. Kriminalroman, Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN: 978-3-455-01746-5 18 EURO (D)

Dies ist der dritte Fall der Reihe um die Ermittlerin Sofia Perikles auf der Mittelmeerinsel Zypern. 
Im beschaulichen Bergdorf Kato Koutrafas auf Zypern geht das Leben einen ruhigen Gang. Hin und wieder müssen Police Officer Sofia Perikles und ihr Kollege Kostas Karamanlis ausrücken, wenn übermütige Jugendliche mal wieder den Zaun zur griechisch-türkischen Pufferzone aufgeschnitten haben, doch ansonsten herrscht Frieden im Dorf. 
Bis zu dem Tag, an dem in der Zone zwischen dem griechischen und türkischen Teil der Insel ein Mord an einem Deutschen mit mysteriöser Vergangenheit passiert. Die ersten Ermittlungen ergeben viele Ansätze für ein Motiv und dem dazugehörigen Täterkreis.  Als bei den Ermittlungen eine ebenso beliebte wie illegale zyprische Tradition in Sofia Perikles Visier rückt, werden sie und Kostas überraschend von dem Fall abgezogen. Sofia  Perikles gibt sich damit nicht zufrieden, sondern ermittelt auf eigene Faust. So entwickelt sich ein spannender Krimi mit einigen Wendungen. 
Kulinarische Sequenzen gibt es genauso wie Strand, Sonne und Meer für eine Kopfkino mit Urlaubsfeeling. Es gibt also eine Menge schöner, atmosphärischer Szenen mit vielen  liebenswürdigen Charakteren. Kostas und Sofia ergänzen sich trotz ihrer unterschiedlichen Persönlichkeit immer besser.
Neben dem Fall entwickeln sich die Charaktere auch privat weiter. 
In dem Roman ist neben authentischen Bräuchen auch die Politik auf Zypern mit der Teilung in eine griechische und türkische Zone seit einem halben Jahrhundert auch Thema. Eine Grenzziehung, die nicht nur willkürlich ist, sondern auch einem zusammenwachsenden Europa mit angeblich offenen Grenzen nichts zu suchen hat. Durch den Mordfall erfahren die Leser gleichzeitig etwas über die Geschichte und politischen Situation der Insel.  
Alles in allem ein  gelungener Krimi auf Zypern.  


Buch 4

Leigh Barduro: Der Vertraute. Roman, Knaur, München 2024, ISBN: 978-3-426-28477-3, 25 EURO (D)

Der neue Roman von Leigh Barduro entführt die Leser*innen in das Spanien zu Beginn des Goldenen Zeitalters.
In einem heruntergekommenen Haus in Madrid nutzt die junge Luzia Cotado einen Hauch von Magie, um die endlose Schufterei als Küchenmädchen zu überstehen. Doch als ihre intrigante Herrin entdeckt, dass ihre Dienerin ein Talent für kleine Wunder besitzt, verlangt sie, dass Luzia diese Gabe einsetzt, um die gesellschaftliche Stellung der Familie zu verbessern. Dieses Unterfangen nimmt eine gefährliche Wendung, als Antonio Pérez, der in Ungnade gefallene Sekretär des Königs, auf Luzia aufmerksam wird. Pérez schreckt vor nichts zurück, um die Gunst des Hofes zurückzuerlangen. Und der spanische Herrscher ist noch immer von der Niederlage seiner Armada erschüttert und sucht verzweifelt nach einem Vorteil im Krieg gegen Englands ketzerische Königin.

Die historische Erzählung wird durch die Elemente der Magie zu einer Mischung zwischen Realität und Fiktion erweitert. Spannungselemente gibt es auch durch die Intrigen von Peréz und die auf dem Spiel stehenden Schicksale.
In dem Roman schafft es Bardugo eine gelungene Balance zwischen der großen Politik bzw. den Herrschern und den Verfolgten zu finden. Die katholische Kirche kommt natürlich durch ihre Grausamkeiten und Engstirnigkeiten nicht gut weg, die Diskrepanz zwischen ihrer angeblichen Lehre der Nächstenliebe und der Verfolgung von Abweichlern wird hier sehr deutlich herausgestellt. Religion als Machtmittel für eigene Zwecke findet sich durchgängig.

Die Handlung wird in kurzen Kapiteln präsentiert, so dass ein durchgehender Lesefluss möglich ist. 
Die Stärke des Buches liegt eindeutig bei den Charakterdarstellungen und das Eintauchen in die historische Atmosphäre des 16. Jahrhunderts in Spanien. Besonderen Wert erhalten die Frauendarstellungen, die entgegen des herrschenden Machismo starke Persönlichkeiten sind.