Neuerscheinungen Literatur
Buchtipps von Michael Lausberg
Buch 1
Lauren Groff: Matrix. Roman, Claassen Verlag, Berlin 2022, ISBN: 978-3-546-10037-3, 24 EURO (D)
Dieser historische fiktive Roman spielt in der Phase zum Spätmittelalter.
Die Hauptprotagonistin Marie ist das Kind aus einer Vergewaltigung von Geoffrey V. von Anjou, zweitem Ehemann von Kaiserin Maud und Vater der Plantagenet-Dynastie. Mit 13 Jahren stirbt ihre Mutter, sie muss seitdem das Anwesen verwalten. Dann wird sie mit 15 Jahren an den englischen Hof geschickt, dort wird nicht als Familienmitglied behandelt. Aufgrund angeblich fehlender Grazie wird ihr die Ehereife angesprochen. Mit siebzehn Jahren schickt Königin Eleanor Marie als Priorin quasi als Verbannung in eine Abtei.
Die Abtei befindet sich in einem schrecklichen Zustand. Die meisten Nonnen sind krank oder verhungert. In ihrer neuen Führungsposition in dem heruntergekommenen Nonnenkloster zeigt Marie, was in ihr steckt.
Sie wird wichtig für ihre Nonnengemeinschaft, hält die Messe ab und verwaltet die Sakramente und vermittelt Recht und Ordnung. Sie gewinnt Land und Steuern zurück, die der Abtei geschuldet wurden, führt Bauprojekte an, züchtet Vieh und steigert die Einnahmen, indem sie reiche Frauen anzieht, die ihre älteren Jahre in Frieden und Kontemplation verbringen möchten. Ihre spirituelle Anhängerschaft nimmt ebenfalls zu, die Abtei wird zur reichsten des Landes. Ohne eine religiöse Berufung zu haben, besitzt sie die größte Freiheit, die eine Frau in der mittelalterlichen Gesellschaft hätte anstreben können, ohne Königin zu werden.
Marie ist eine unkonventionelle Frau in jeder Hinsicht, sie wird durch interessante Charakterstudien lebendig gemacht. Auch die Charakterisierung der anderen Personen überzeugt.
Die Sprache und das Erzeugen von Atmosphäre ist durchschnittlich und das Buch auch an einigen Stellen zu langatmig. Dagegen das Buch spannend gemacht und nahe dran an den historischen Ereignissen und Wertevorstellungen.
Es gibt viele Themen im Buch (Liebe, unerwiderte Liebe, die Stellung der Frau in der Gesellschaft, mittelalterliche Beziehungsdynamiken), aber das interessanteste sind die Wesenszüge, die notwendig sind, um als Frau einigermaßen frei und selbstbestimmt zu leben und sich in einer äußerst männlich dominierten Umgebung durchzusetzen.
Buch 2
Rakel Haslund-Gjerrild: Adam im Paradies, Albino, Berlin 2022, ISBN: 978-3-863-00341-8, 26 EURO (D)
Dies ist ein historischer Roman über tatsächlich lebenden dänischen Maler Kristian Zahrtmann, über künstlerischen Ausdruck und verfemte Gefühle, die mit scheinbaren Skandalen über Moral und Sexualität, die die dänische Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigten, verbunden wird. Dies ist die deutsche Ausgabe des Buches.
Rakel Haslund-Gjerrild's Roman spielt in den Jahren 1910-1913, wobei Geschehnisse davor auch eine wesentliche Rolle spielen. Vor jedem Kapitel gibt es authentische Briefe, Anhänge und Dokumente zum Zeitgeschehen. Ein großer Teil mit Materialien im Zusammenhang mit dem Prozess gegen mehrere Männer, was in der Presse Sittenskandal genannt wurde. Darunter war ein enger Freund von Kristian Zahrtmann, Hjalmar Sørensen, der beim Gerichtsprozess gegen einen Angeklagten, Carl Albert Hansen, vorgeladen wurde. Was wurde ihnen zur Last gelegt? Die beiden hatten eine homosexuelle Beziehung geführt, was in Dänemark Straftatbestand war, ebenso wie dem Schriftsteller Herman Bang. Dies zog eine Welle von staatlichen und gesellschaftlichen Verfolgungen von Homosexuellen mit sich.
Die eigentliche Erzählung beginnt im Jahre 1913, wo die Prozesse stattfanden. Zahrtmann war im reifen Alter, aber auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Neben historischen Themen gehörten auch Porträts von Geistesgrößen zu seinem bevorzugten Genre. So auch Bilder des antiken Sokrates und Alkibiades, denen nachgesagt wurde, sie seien homosexuell gewesen. Zahrtmanns Schüler und Vertraute Hjalmar Sørensen stand für dieses Bild Porträt. In Zeitsprüngen erfahren die Leser*innen, wie die beiden vor drei Jahren lange Zeit in Italien zusammen verbrachten.
In einem Zeitsprung zurück in das Jahr 1913 steht die Entstehung des bekanntesten Bildes Zahrtmanns im Vordergrund: Adam im Paradies. Zahrtmann sucht nach einem neuen Modell für sein Gemälde und findet durch Zufall den passenden Adam, der dem Idealbild Zahrtmann entsprechen musste, Adam mit viel Anziehungskraft, Erotik und Sinnlichkeit darzustellen. Die Sitzungen und der Entstehungsprozess des Gemäldes wird von starken Gefühlen begleitet: von Zahrtmann für sein Modell und seinen Körper, aber auch von gezeigter Distanz des Modells.
Es gibt lediglich sehr viele Andeutungen im Text, dass Zahrtmann selbst homosexuell war, explizit gesagt wird es nicht. Mit diesen Andeutungen spielt Rakel Haslund-Gjerrild gekonnt.
Die Sprache ist metaphorisch, sinnlich und einfühlsam, jedenfalls meistens. Dann kommt ein harter Bruch, wenn von den Verfolgungen von Homosexuellen und den hasserfüllten Wortschatz der Mehrheitsgesellschaft berichtet wird.
Am Ende des Buches gibt es noch eine Beschreibung der handelnden Personen im Roman, Anmerkungen und die Zitatnachweise.
Dies ist keine reine Biografie über Kristian Zahrtmann, es werden immer wieder fiktionale Elemente und Dialoge eingestreut. Es wird ein sehr kritisches Sittengemälde der dänischen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts, was über Kristian Zahrtmann und seine Kunst weit hinausgeht. Dies alles wird in einer wirkmächtigen Bildsprache dargebracht, auch die Charakterdarstellungen sind gelungen.
Die Beschreibung der Personen hilft ungemein, wenn während der Lektüre nicht klar ist, wer das ist und in welchem Verhältnis die Person zu anderen steht.
Buch 3
Märchensagas. Von Trollen, Prinzessinnen, Wikingern und Königen, Kröner, Stuttgart 2022, ISBN: 978-3-520-61801-6, 28 EURO (D)
Sagas sind längere Prosageschichten. Sie werden von meist gebildeten anonymen Autoren im Island des 13. und 14 Jahrhunderts verfasst und haben längst ihren Platz in der Weltliteratur erobert. Den Verfassern lag daran, einerseits unterhaltsame und phantastische Geschichten über die Vergangenheit zu schreiben und andererseits auch ein Bild von der nordischen Wikingerzeit zu zeichnen. Der Stoff- und Motivreichtum der Sagas ist enorm.
Die in diesem Buch vorgestellten Texte sind in verschiedenen Überschneidungen, den unterschiedlichen Gattungen der Vorzeitsagas, Isländersagas, Rittersagas und der Königssagas zuzurechnen und derartige Texte bezeichnet man überlicherweise als Märchensagas.
Bei der Übersetzung wurde Wert gelegt auf größstmögliche Lesbarkeit unter Berücksichtigung höchstmöglicher Texttreue. Da mittelalterliche Handschriften nur selten Interpunktion aufweisen und diese daher meistens erst von den Herausgebern eingeführt wurde, wurden häufig auch die Satzlängen angeglichen.
Jede Saga wird einzeln präsentiert und abwechselnd von Rudolf Simak, Valerie Broustin, Jonas Zeit-Altpeter, Maike Hanneck und Benedikt Hufnagel übersetzt.
Es wird folgende Systematik gewählt: Am Anfang gibt es die Rubrik Zu dieser Saga, wo es eine Inhaltszusammenfassung, Elemente, Motive und Zusammenhänge zu anderen Sagas gibt. Nach dem Abdruck der Saga finden sich noch eine Genealogie und eine geografische Karte der dargestellten Orte.
Im Anhang werden ein Glossar, ein Register mit einem Gesamtverzeichnis aller Sagas, ein Register mit ausgewählten Personen, eines mit Orten und eines mit Tieren, Gegenstände und Schiffen.
Die Herangehensweise ist gut: Die Übersetzer*innen erläutert nur Namen, Ereignisse usw. im Text, wenn es zum Verständnis notwendig ist. So ist ein flüssiges Lesen möglich.
Hier wird nicht nur ein Teil der altnordische Literatur von hohem künstlerischem Rang überliefert. Ein Teil der Sagas gehört zu den wertvollsten Teilen des nationalen Kulturerbes Islands, die viel über Leben, Vorstellungen und Gesellschaft verraten.
Buch 4
Frances Cha: Hätt ich Dein Gesicht, Unionsverlag, Zürich 2022, ISBN: 978-3-293-00586-0, 23 EURO (D)
Frances Cha Autorin und Journalistin., legt hier einen bewegenden Roman vor. Eine Geschichte, die in Korea spielt, genauer gesagt in Seoul, der Hauptstadt der plastischen Chirurgie. Hier wird ein düsteres Bild hinter der Glitzerfassade der südkoreanischen Gesellschaft gezeichnet. Und ein perfektes Schönheitsideal, das Frauen entsprechen müssen, um ihr Leben zu meistern.
Hier wird das Leben von Frauen ohne Reichtum, Verbindungen, Bildung oder guten Familienstand reflektiert. Erzählt wird dies an den Protagonistinnen Kyrui, Miho, Ara und Wonna. Sie alle führen ein sehr unterschiedliches Leben, aber ihre miteinander verflochtenen Reisen teilen ein ähnliches Thema: die Bewältigung der Frauenfeindlichkeit und der strengen Geschlechternormen für Frauen.
Ara, die stille Friseurin, die innerlich für ein Bandmitglied schwärmt. Da ist ihre Nachbarin Kyuri, die zu viel trinkt, kommerzielle Sexarbeit betreibt und Schulden für ihre ständigen Schönheitsoperationen und ihre gründlichen Schönheitsbehandlungen macht. Miho, Kyuris Mitbewohnerin, deren Kunst sich darauf konzentriert, den Schmerz und düstere Emotionen einzufangen, und Wonna, ihre Nachbarin im Erdgeschoss, deren schreckliche Kindheit sich auf ihre Fähigkeit ausgewirkt hat, als Erwachsene erfolgreich zu sein.
Frauen, die in prekären Verhältnissen leben, die Jobs haben, wo sie buchstäblich Männern gefallen müssen. Es wird von ihnen verlangt, sich mit schmerzhaften und teuren Operationen zu versorgen, um ihren kleinen Vorteil zu behalten. Ein Teil ihres kargen Lohnes geht für enorme Ausgaben wie täglich professionell durchgeführte Haare und Make-up, Schönheitsbehandlungen Botox, Lippenfüllern und auch zahlreiche OPs in plastischer Chirurgie drauf.
Chas Roman ist spannend, da es sich mit Themen befasst, die nicht nur auf die südkoreanische Kultur, sondern auch auf jedes patriarchalische System angewendet werden. Nach einem sehr gelungenen ersten Teil bricht der Roman im zweiten Teil jedoch etwas ein. Daraus hätte wesentlich mehr gemacht werden können.
Dennoch ist es ein Roman, der nachdenklich macht und ein düsteres, kritisches Bild der südkoreanischen Gesellschaft zeigt.