Neuerscheinungen Kreativität
Buchtipps von Michael Lausberg
Buch 1
Architectural Digest (Hrsg.): Stilvoll wohnen. Die schönsten Interiors der Welt, Callwey, München 2021, ISBN: 978-3-7667-2541-7, 49, 95 EURO (D)
Dieser von der Fachzeitschrift Architectural Digest herausgegebene Bildband hat den Anspruch, die „schönsten Räume der Welt“ vorzustellen. Die vorgestellten Interiors „berauschen durch ihre Farben, durch die in ihnen zur Geltung gebrachten Kunstwerke, durch die maximalistische Üppigkeit und ästhetische Kargheit. Sie entführen uns an fremde Orte und vermitteln uns dennoch ein Gefühl der Vertrautheit.“ (S. 7) Die Bilder dazu stammen aus den Archiven von zehn Ausgaben der Zeitschrift.
Insgesamt werden Interiors aus zehn Länder und Regionen vorgestellt. Danach orientieren sich auch die Kapitel.
Zunächst werden Räume aus den USA gezeigt. Darunter eine glamouröse Wohnstätte in Manhattan, die mit Kunstwerken und Antiquitäten neu gestaltet wurde. Ebenso ein Gebirgsdomizil in den Rocky Mountains, ein in den Hang bebautes Haus, das einen weiten Ausblick bietet und minimalistisch eingerichtet ist.
Anschließend geht es um Interiors in der BRD. Der Raum von Wolfgang Hölker, Chef des Coppenrath Verlages mit einer Afrikakarte nachempfundenen Teppich und einer Hafenszene als Bild oder die mit erlesenen Möbeln und Kunstwerken dekorierte Wohnung von Wolfgang Joop in Potsdam sind dabei besonders spannend. In Indien sind die Villa einer Unternehmerfamilie in Neu-Dehli mit hohen Decken und kultureller Atmosphäre und die maximalistische Ausrichtung eines alten Herrenhauses mit internationalem Flair in Kolkata erwähnenswert.
In Frankreich überzeugt die von Luis Laplace für das Topmodel Absacal Schreder eingerichtete Pariser Wohnung; der Eingang ist von Licht durchflutet und von der zeitgenössischen Kunst inspiriert. Ebenso ein Haus an der Cote dÀzur mit einem Potpourri optischer und ultragrafischer Elemente. In Russland wurde für die Verlegerfamilie Melik-Pashaevy ein traditionelles Holzhaus in eine zeitgenössische Residenz verwandelt, interessant ist auch das hochglänzende Interieur mit Naturstein und Glas in Moskau.
In Spanien wurde das Wohnzimmer eines Haus in Madrid ganz auf ein monumentales Werk des Malers Secundino Hernandez abgestimmt. Außerdem ist ein Landhaus in Oropesa, wo traditionelle Elemente in moderne Gebrauchsgegenstände umgewandelt wurden.
In China verbindet ein Pekinger Garten mit Teepavillon die französische und chinesische Kultur, ein Haus mit sieben Meter hohen Decken und intensiven südamerikanischen Farben und traditionellen und modernen chinesischen Elementen ist auch spannend.
In Mexiko überzeugen ein Strandhaus in Acapulco mit einer durchscheinenden Farbpalette und groben Texturen sowie ein Raum in Mexiko-Stadt, wo die nach außen drehbaren Glastüren die Abgrenzung zum üppigen Garten aufheben.
Ein Haus aus dem 19. Jahrhundert in neoklassizistischer Manier in der Nähe von Noto auf Sizilien und ein altes Landhaus in der Toskana, das auf die umgebende Landschaft abgestimmt ist, stechen in Italien heraus.
Die Region des Nahen Ostens bildet den Schlusspunkt. In der Rotunde von Munib Al Masris spektakulärem Domizil steht das Original einer Herkulesstatue im palästinischen Nablus. Ein Familienwohnzimmer in Riad/Saudi-Arabien ist exklusiv und behaglich zugleich.
Zu Beginn jedes Kapitels gibt es einen Hintergrundtext zu jeweiligen Designströmungen. Danach folgen die einzelnen Interiors mit einem Bild, das fast die gesamte Seite umfasst. Darunter gibt es noch Hinweise zu Ort, Besitzer, Designer und Ausrichtung sowie Nummer und Ausgabe des Abdrucks in der Zeitschrift.
Im Anhang findet man noch den Bildnachweis der Räume und der Kunstwerke geordnet nach Kapiteln.
Der Untertitel des Buches ist falsch gewählt, es wird nicht die gesamte Welt abgedeckt. Dies ist eine Auswahl von 10 Ländern und Regionen, darunter aber wahrlich keine unbedeutenden.
Dies außen vorgelassen, werden in diesem Buch Perlen der Innenarchitektur und zahlreiche interessante Vorschläge für individuelle Gestaltungsmöglichkeiten gezeigt, die Hausbesitzer als Inspiration dienen können. Die ausgewählten Wohnungen zeigen verschiedene Möglichkeiten des Wohndesigns und verraten viel über den Charakter der Bewohner. Sie sind durch die kulturelle Tradition genauso geprägt wie durch neuere Einflüsse. Für viele Innengestaltungen und Dekorationsstücke muss man allerdings tiefer in die Tasche greifen, einige überzeugen durch Phantasie und kreative Gestaltung.
Buch 2
Michael Martin. Die Welt im Sucher. Abenteuer eines Fotografen, Knesebeck Verlag, München 2021, ISBN: 978-3-95728-539-3, 22 EURO (D)
Dieses Buch bietet Michael Martins sehr persönlichen Rückblick auf 45 Jahre Fotografenleben und eine Welt im Wandel. Zwischen den Kapiteln finden sich zahlreiche Fotografien, auch Aufnahmen von ihm selbst.
Seine Arbeitsweise beschreibt er folgendermaßen: „Ich will als schöne Bilder zeigen und abenteuerliche Geschichten erzählen. Wollte schon immer auch die Welt erklären, Zusammenhänge aufzeigen, auf Missstände hinweisen und Verständnis für andere Lebensformen und Kulturen schaffen.“ (S. 10)
Er berichtet von seinen Anfängen als Hobbyfotograf, seinem mühsamen Studium der Geografie und die Gelegenheit, während der 45 Drehtage zum Kinofilm „Schatten der Wüste in der Republik Niger als Standfotograf zu arbeiten. Daran schließen sich Geschichte und Geschichten der Eiswüsten Grönlands oder Trockenwüsten wie der Sahara, Gobi, Namib, Kalahari oder Atacama, die die gesamte Vielfalt dieses Lebensraumes dokumentieren.
Er macht deutlich, dass sich nicht nur „das Motiv Mensch“, sondern auch das „Motiv Landschaft“ verändert hat. Ein rasanter sozialer, kultureller und ökologischer Wandel habe stattgefunden, wobei manche Entwicklungen kritisch gesehen werden: „So wurden durch den Bau von Staudämmen nicht nur Lebensräume vernichtet und häufig das Überleben ethnischer Minderheiten gefährdet, sondern oft einzigartige Landschaften zerstört.“ (S. 55)
Martin schildert auch seine Erfahrungen als Vortragsredner und Fragen der Projektion und seine Bildbände (Die „Wüsten Afrika“ bezeichnet er als seinen schönsten) und geht auch auf technische Veränderungen und Weiterentwicklung der Kameras ein. Die digitale Fotografie sieht er durchaus positiv, vor allem die Veränderbarkeit der Sonnenempfindlichkeit und ihre Widerstandsfähigkeit: „Seit nunmehr über zehn Jahren setze ich sie im Temperaturbereich von minus fünfzig bis plus fünfzig Grad ein und hatte nie Probleme.“ (S. 217)
Auch in Zukunft will Martin weiter reisen und verschiedene Gebiete der Welt besuchen und mit der Kamera festhalten, auch das Weltall reizt ihn ungemein: „Dabei werde ich noch genauer hinsehen und die Schattenseiten noch differenzierter zeigen. Themen wie Klimawandel, Artensterben oder Desertifikation (…) werden in Zukunft einen größeren Raum einnehmen.“ (S. 233)
Michael Martin erzählt hier aus seinem 45jähigen Abenteuerleben als Fotograf und Naturfreund, der viele der Landschaftszonen der Erde für sich entdeckt hat. Das Werk hat nicht nur biografisch-rückblickenden Charakter, sondern auch einen dokumentarischen, welterklärenden Faktor. Was auffällt: Martin entwickelt enormen Respekt für alles, was ihm begegnet, Mensch und Tier. Die Abenteuer sind nicht nur spannend zu lesen, seine Bilder können die Schönheit der wilden Naturphänomene genauso fesselnd vermitteln.
Buch 3
Heinz Stade: Die BUGA in Erfurt und ihre blühenden Partner. Historische Gärten, Parks und Grünanlagen im Porträt, Sutton, Erfurt 2021, ISBN: 978-3-963-03277-6, 19,99 EURO (D)
Verstreut über das ganze Land Thüringen entstanden zwischen dem 16. Und beginnenden 20. Jahrhundert landesfürstliche Parks und Gartenanlagen in einer Dichte wie sonst nirgendwo in Deutschland. Daneben wurden auch Grünanlagen für die breite Masse der Bevölkerung angelegt.
Anlässlich der Bundesgartenschau in Erfurt und anderen Standorten 2021 präsentiert der Journalist Heinz Stade in diesem Band Porträts der historischen Gärten, Paks und Grünanlagen und will Lust wecken, diese unterschiedlichen Stätten der Gartenbaukunst aus verschiedenen Epochen und dem dazugehörigen Rahmenprogramm zu entdecken.
Zu Beginn geht es um die BUGA-Stadt Erfurt. Dort geht es um die historische Entwicklung des Gartenbaus als wirtschaftliches Rückgrat der Stadt, die Rolle von Christian Reichart und Erfurter Spezialpflanzen. Außerdem werden der egapark, der Petersberg, der Nordpark und die nördliche Geraaue vorgestellt.
Danach werden die 25 anderen Standorte über Erfurt hinaus als Gartennetzwerk präsentiert. Diese aus verschiedenen Epochen stammenden Garten- und Parkanlagen werden zunächst in einer geografischen Karte eingezeichnet als allgemeine Übersicht gezeigt. Danach werden sie alphabetisch sortiert in einzelnen Kapiteln behandelt. Dies geschieht in textlicher Form zu Geschichte und Gegenwart der grünen Oasen und mehrerer Abbildungen.
Im Anhang findet man noch eine Literaturliste und den Bildnachweis.
Die Hälfte des Buches machen neben informativen Texten tolle, großformatige Abbildungen aus. Leider ist die Literatur zum eigenständigen Weiterlesen viel zu dünn, da hätte er mehr Hinweise geben müssen. Insgesamt gesehen ist der Band als Begleit- und Einstimmungsbuch für die BUGA an allen Standorten in Thüringen und Sachsen-Anhalt zu empfehlen. Das Buch hat den Vorteil, dass es verhältnismäßig handlich ist und im Rucksack oder einer Tasche mitgeführt werden kann.
Buch 4
Gunther Nickel (Hrsg): Peter Hacks: Woher kommt die viele Dummheit auf die Welt? Briefe an Hansgeorg Michaelis 1944-1998, Eulenspiegel Verlag, ISBN: 978-3-359-02417-0, 40 EURO (D)
Von 1943 bis 1945 saßen Peter Hacks und Hansgeorg Michaelis im Breslauer Gymnasium „Zum Heiligen Geist“ gemeinsam auf einer Schulbank. Die Schulklasse spaltete sich in zwei Lager: Nazis und Antifaschisten. Peter Hacks war der Wortführer der Antifaschisten. Seine Haltung äußerte er nicht nur in politischen Statements, sondern auch in Frisur, Kleidung, literarischen Neigungen und musikalischen Vorlieben. Die Kriegsereignisse sorgten dafür, dass sich die beiden Freunde räumlich voneinander entfernten und getrennte Wege gingen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gelang es Hacks, wieder Kontakt zu Michaelis aufzunehmen. Ihre räumliche Entfernung überbrückten sie durch eine ausgiebige Korrespondenz per Brief, von denen von wenigen Ausnahmen abgesehen nur noch Hacks Briefe überliefert sind. Zwischendurch gab es auch aufgrund von Dissonanzen auch einige Zeit keinen Briefaustausch.
Die Briefe an Michaelis wurden von Gunther Nickel ediert und werden erstmals der Öffentlichkeit systematisch zugänglich gemacht. Dies sind insgesamt 331 Briefe, von denen auch einige nicht datiert sind.
Zunächst werden die Briefe in chronologischer Reihenfolge abgedruckt. Bei den Briefen wird das Entstehungsdatum des Schriftstückes, dessen Verfasser und Adressaten genannt. Der Inhalt wird im Original abgedruckt, nur offenkundige Schreibfehler wurden korrigiert. Manchmal gibt es auch Abbildungen der Briefe in schwarz-weiß.
Anschließend gibt es Erläuterungen zur Edition und ein Siglenverzeichnis. In der editorischen Notiz gibt es eine Aufreihung von Personen, die häufiger und dann immer mit Spitznamen genannt werden. Dann gibt es einen ausführlichen Kommentar mit Seitenzahl zu jedem einzelnen Brief in chronologischer Reihenfolge.
Im Nachwort werden die Beziehung zwischen Peter Hacks und Hansgeorg Michaelis über die Jahrzehnte, historische Hintergründe und auch die Biografie der beiden kurz nachgezeichnet. Es gibt am Ende des Bandes ein Register zu biografischen Annotationen.
In der hinteren Umschlagseite gibt es eine Kurzbiografie von Hacks, Michaelis und dem Herausgeber.
Durch die Berücksichtigung der neuen Quellen kann das Verhältnis von Hacks und Michaelis genauer erfasst werden. Außerdem gibt es Aufschlüsse aus erster Hand vor allem über das Leben und Wirken Peter Hacks in der DDR. Das Buch bietet also einige neue Erkenntnisse.
Die Edition so authentisch wie möglich zu behalten, wird erreicht. Zusammenhang wird vor allem durch den Kommentar hergestellt. Es ist aber leserfreundlicher, das Inhaltsverzeichnis nicht an den Schluss, sondern an den Anfang zu setzen. Auch die editorischen Anmerkungen wären am Anfang besser aufgehoben.
Buch 5
Thomas Windisch: Verlassene Orte Steiermark. Die Faszination des Verfalls, Sutton, Erfurt 2020, ISBN: 978-3-963-03099-4, 29,99 EURO (D)
Der aus der Steiermark stammende Fotograf Thomas Windisch präsentiert in diesem Bildband Impressionen von verlassenen Orten in dem österreichischen Bundesland.
Die vorgestellten Lost Places werden in einem eigenen Kapitel präsentiert. Die begleitenden Texte geben die Gelegenheit, auch etwas über die Historie der Orte und deren frühere Nutzung zu erfahren. Danach folgen dann Aufnahmen, die eine oder manchmal auch eine Doppelseite umfassen.
So wird zum Beispiel das alte Hallenbad in Leitendorf, das 2008 nach 30 Betriebsjahren geschlossen wurde, da ein Wellnesscenter dieses obsolet machte, vorgestellt. Dies wurde mit alten Kassenrollen von Unbekannten dekoriert, was den Motiven etwas Skurriles gibt. Eine 300 Jahre alte Kirche, die „Red Messiah“ genannt wird hat fast keine Einrichtungsgegenstände, nur noch Wandschmuck und eine gefallene Glocke, wird auch präsentiert. Oder ein verlassenes Bordell, das nach Schimmel riecht und wo die Fenster kein Tageslicht hineinlassen, ist ein besonderer Ort. Aufgedunsene Sofas, das Pole-Dance-Parkett ist wie die andere Inneneinrichtung aber noch verhältnismäßig gut erhalten.
Am Ende des Buches gibt es noch so genannte One-Spot-Wonders: Motive, die nur ein einziges Bild hergeben, aber dennoch zeigenswert sind. Dies sind zum Beispiel ein früherer Kasernenraum des österreichischen Bundesheeres, eine Stollenanlage in Peggau oder auch ein vergessener österreichischer Schützenpanzer.
Wie sonst in einigen anderen Bücher über verlassene Orte üblich, gibt es hier keine Tabelle „Short Facts“ mit Informationen zur Kategorie des jeweiligen Ortes, Zeitpunkt der Erkundung, Baujahr, Zeitpunkt des Verlassens, Gesamtfläche, Denkmalschutz, Architekt.
Die Steiermark hat nicht so viele verlassene Industrieanlagen oder Großbauten wie andere Gegenden in Mitteleuropa zu bieten und ist landschaftlich geprägt. Somit bietet das Buch keinen ausdrücklichen Schwerpunkt an lost places, sondern eine breite Variation verschiedener verlassener Orte. Die Aufnahmen sind großformatig und aus verschiedenen Blickwinkeln erstellt, die einen umfassenden Eindruck der Orte widerspiegeln.