Neuerscheinungen Klima
Buchtipps von Michael Lausberg
Buch 1
Michael E. Mann: Momente der Entscheidung. Wie wir mit Lehren aus der Erdgeschichte die Klimakrise überleben können, oekom, München 2024, ISBN: 978-3-98726-069-8, 34 EURO (D)
In dieser Wanderung durch die Erdgeschichte stellt der renommierte Klimaforscher Michael E. Mann unmissverständlich klar, wie fragil der Moment ist, in dem die Menschheit sich gerade befindet - und dass es sich lohnt, um die Zukunft zu kämpfen.
Michael E. Mann liefert verschiedene Studien zu Stadien der Klimageschichte mit einer großen Vielfalt an Klimasystemen, die für heutige Verhältnisse paradox erscheinen. Wie Hitze und Palmen in der Arktis oder ein Äquator, die mit Eis bedeckt ist. Wüstenlandschaften, wo heute Ozeane existieren.
Und eine Welt mit einem milden und außergewöhnlich stabilen Klima in den letzten zwei Jahrtausenden. Diese Veränderung war auf die Zusammensetzung der Atmosphäre und des Klimas zurückzuführen. Mann beschreibt, was in jedem dieser Fälle geschah und begründet dies ausführlich.
Er weist darauf hin, dass der Hauptunterschied zwischen den meisten Ereignissen auf der Ebene des Aussterbens in der Vergangenheit und unserer aktuellen Situation darin besteht, dass sich die Atmosphäre um Größenordnungen schneller verändert.
Der Autor liefert immer Befunde daraus, wie sich unser gegenwärtiges Klima ändern könnte. Dabei merkt er aber auch an, dass sich die Erfahrungen der Vergangenheit nicht immer direkt auf die Gegenwart übertragen lässt.
Die heutige Klimakrise beschreibt er überraschend sachlich. Seine Position ist, dass noch Zeit zum Gegensteuern bleibe, jedoch ohne wirkliche Eindringlichkeit in Anbetracht der sich häufenden Klimakatastrophen, vermehrte Klimamigration oder sich abzeichnende Kriege wie Kampf um Wasser.
Insgesamt aber bietet sein Buch aber ein tiefes Verständnis über Klimasysteme aus der Geschichte und Anknüpfungspunkte für die Gegenwart in Bezug auf die nähere Zukunft. Es ist wissenschaftlich geschrieben, also nicht gerade leichte Kost.
Buch 2
Christiane Grefe/Tanja Busse: Der Grund. Die neuen Konflikte um unsere Böden – und wie sie gelöst werden können, Verlag Antje Kunstmann, München 2024, ISBN: 978-3-95614-585-8, 24 EURO (D)
Der Grund, der Boden ist existenziell für Ernährung, Wasser und Klimaschutz. Ohne Boden kein Leben. Doch Boden ist gefährdet: überdüngt, vertrocknet, zubetoniert. Er wird teurer, ist umkämpft. Wie lassen sich Flächenkonflikte im Sinne des Gemeinwohls lösen?
Der Wert des Bodens, das Wunder der Unterwelt, jene Abermillionen von Wurzeln und Würmern, Käfern, Bakterien und Pilzen, die in symbiotischem Zusammenwirken immer wieder neues Leben schaffen, wurde lange unterschätzt und missachtet. Fruchtbare Böden sind weltweit gefährdet. Wie wir mit dem Land, mit den Flächen umgehen, ist die zentrale Zukunftsfrage.
Wofür soll der Boden, der Grund genutzt werden: für Beweidung, Ackerland oder klimaresiliente Wälder? Für Wind- und Solarkraftwerke oder Naturschutzgebiete? Für Wohnungen und Gewerbegebiete in wachsenden Städten? Lassen sich Energiewende, Klimaschutz, Biodiversität und Ernährungssicherheit in Einklang bringen? Darf man Flächen für den Anbau von Energiepflanzen nutzen, wenn Menschen hungern? Wer entscheidet darüber: Bauern, Landbesitzer, Investoren, wir alle? Wie ließe sich Verantwortungseigentum für den Boden regeln?
Im ersten Kapitel wird gezeigt, dass der Umgang mit Böden und Fläche eine Überlebensfrage des 21. Jahrhunderts darstellt. Danach wird das Wunder der Unterwelt und das Ökosystem dort dargestellt. Die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch Klimawandel, Artensterben und schleichende Vergiftung, das Spannungsfeld verschiedener Interessengruppen zur Nutzung der Flächen und Böden, die Beschleunigung der Raumplanungsverfahren als Hemmschuh für Naturschutz, Landwirtschaft und Demokratie, Landgabbing, steigende Bodenpreise und Höfesterben werden in den folgenden Kapiteln behandelt.
Wohnungsbau, Straßen und Grünflächen in den Städten im Spannungsfeld zwischen Bürger*innen und Investor*innen werden dann angesprochen, bevor die globalen Verteilungskämpfe um Agrarland, Wasser und Bodenschätze beleuchtet werden.
Danach zeigen sie Wege auf, wie Flächenkonflikte im Sinne des Gemeinwohls politisch gelöst werden können. Es werden eine nationale ökologische Verkehrswende, das Schaffen von Biodiversitätsoasen, soziale Bewegungen für gemeinwohloriente Politik, die Erneuerung von Böden und Moore, eine Neugestaltung der Wirtschaft, die Wissenschaft als Hilfe bei der Bodenwende, die Gewinnung von Landbesitzer*innen für mehr Gemeinwohlarbeit, Regeln für faire Bodenmärkte, bodenpolitische Instrumente wie neue Steuern, Flächenzertifikate, Entsiegelungprämien, Umbau zu einer Kreislaufwirtschaft und EU-Subventionen, die dem Boden helfen, vorgeschlagen.
Im Ausblick wird eine gesamtgesellschaftliche Strategie für die Bodenkrise als unsere Existenzgrundlage gefordert.
Im Anhang finden sich noch die Anmerkungen und weiterführende Literatur.
Die Frage danach, wem der Boden gehört, ist aus Sicht des Gemeinwohl leicht zu beantworten. Natürlich allen.
Dieser Logik folgend müsste aber der Privatbesitz durch eine Vergesellschaftung ersetzt werden, was zu begrüßen wäre. Dies dürfte nicht ohne Zwang und Enteignung möglich sein, breite Mehrheiten dafür scheinen jedenfalls im Augenblick utopisch.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind in diesem Buch auch weniger radikal und praktischer gehalten. Einige davon sind tatsächlich bei gutem Willen umsetzbar, andere wie die Gewinnung von Landbesitzer*innen für mehr Gemeinwohlarbeit eher nicht.
Insgesamt schafft das Buch ein Problembewusstsein, was alles mit Böden zusammenhängt und bietet vielfältige Ansätze für eine solidarische und ökologische Nutzung, die nicht nur Wenigen zugute kommt.
Buch 3
Martin Häusler: Unsere entscheidenden Jahre. Welche Grenzen überschritten sind, wo wir noch gestalten können, wer uns daran hindert, Europa Verlag, München/Wien 2024, ISBN: 978-3-95890-604-4, 25 EURO (D)
Wir wissen seit vielen Jahrzehnten sehr genau, warum unser Planet zugrunde geht. Wir kennen alle wissenschaftlichen Zusammenhänge und Wirkmechanismen. Wir wissen auch längst, wie man es besser machen könnte. Und doch geht es kaum voran.
Realistische Rettung kann nur noch erlangt werden,indem wir noch in diesem Jahrzehnt radikale Lösungen vorantreiben, Erkenntnisprozesse auslösen und gesellschaftlichen, politischen und juristischen Druck ausüben auf diejenigen, die ihre alten Geschäftsmodelle durchziehen wollen.
Martin Häusler führt in seinem Appellativ durch die fünf großen bedrohten Sphären: Klima, Luft, Wasser, Boden, Biodiversität. Er erklärt jeweils, 1. wie weit der Grad der Plünderung fortgeschritten ist, 2. wie wir werden leben müssen, wenn weiterhin zu wenig passiert, und 3. wo genau die Schalthebel für unsere Rettung liegen und wer sie blockiert. Schonungslos konfrontiert uns der Journalist mit den Grundzügen einer immer unwirtlicher werdenden Welt, in die wir sehenden Auges hineinschreiten. Genauso schonungslos gibt er den Verantwortlichen ein Gesicht, die bislang unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung arbeiten konnten.
In der Gegenwart gibt es zahlreiche Stimmen aus der Wissenschaft, dass die Klimakrise die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten noch stärker treffen wird als schon jetzt. Maßnahmen, um den Trend aufzuhalten oder umzukehren, und die Folgen der globalen Erwärmung nicht zu groß werden zu lassen, gibt es genügend.
Dass der globale Kapitalismus eine wesentliche Schuld daran trägt, zeigt spätestens dieses lesenswerte Buch.
Häusler analysiert kritisch die bisherigen Bemühungen um Klimaschutz und sieht in den derzeitigen Produktions- und Machtverhältnissen zu Recht den zentralen Hemmschuh. Die Klimakrise ist die Folge einer auf Geld, Profit und Konkurrenz basierenden Produktionsweise. Es hat sich bislang als unmöglich erwiesen, in diesem Rahmen eine entscheidende Wende im Klimaschutz zu sorgen.
Dass sich in der internationalen Politik wenig bewegt hat und die Anstrengungen wesentlich erweitert werden müssen auch. Da ist der Ruf nach radikaleren Maßnahmen gerechtfertigt.
Fairerweise ist zu sagen, dass die Umweltpolitik in den autoritären sozialistischen Staaten auch nur schwach ausgeprägt war und der Wunsch nach mehr materiellem Fortschritt dort auch vorherrschte. Ein trügerischer Fortschrittsglaube.
Es ist also auch notwendig, den Begriff Fortschritt neu zu denken. Nicht als Wachstumsideologie und immer mehr Konsum, sondern als lebenswerte Zukunft für Menschen auf diesem Planeten.
Buch 4
Rainer Grießhammer: Alles wird gut nur anders. Geschichten aus dem Jahr 2037, oekom, München 2024, ISBN: 978-3-9872608-7-2, 24 EURO (D)
Der 18-jährige Paul und seine Wahlgroßeltern entführen uns in den Alltag und die Gesellschaft des Jahres 2037. Die Welt ist geprägt von Tiny Lofts, autonomen Solarautos und Retrorestaurants ohne Servierroboter. Perureisen finden im Metaverse statt, Bademeisterdrohnen schweben über Baggerseen, und Roboter erklimmen den Mount Everest.
Drei Generationen kämpfen um das wahre Leben und die richtige Politik. Um Umweltschutz, Energiewende, Klimatribunal, Digitalisierung, Innovationsstau, Turbokapitalismus, Postwachstum, Grundeinkommen, Digitalsteuer, bezahlte Klimaleugner, Fake News und die Gestaltung der Zukunft.
In einer Erzählung aus Information und plausibler Fiktion entfaltet sich die Geschichte in gemeinsamen Erlebnissen, Zeitreisen und Dialogen. Rainer Grießhammer nimmt uns mit auf eine faszinierende Reise, bei der alle Ereignisse bis 2023 real sind und alles danach kreativ erfunden wurde. Er will zum Nachdenken provozieren, welche Zukunft wir haben wollen und wie wir uns dafür engagieren.
Natürlich sind Zukunftsszenarien schwer vorherzusagen, dies ist auch nicht die Absicht des Autors. Er stellt hier eine im Allgemeinen optimistische Vision des zukünftigen Lebens dar und will Untergangsszenarien und Dystopien etwas entgegensetzen. Dabei gibt es aber immer wieder Problemen und Fragen über Lebensgrundlagen, die wir heute mit beeinflussen können. Es stellt die Folgen einer heute nicht realisierten Politik in einer Welt der unmittelbaren Zukunft dar, also Versäumnisse und ihre Nachwirkungen.
Das Buch ist eine Aufforderung zur aktiven Teilnahme an der Gestaltung einer lohnenswerten näheren Zukunft. Es veranschaulicht konkret, was jeder einzelne in diversen Lebensbereichen zum Klimaschutz beitragen kann. Außerdem liefert es informative Fakten rund ums Thema Klimaschutz, seinen Hemmnissen und technischen Möglichkeiten.
Der Autor schafft also eine lebenswerte Welt, für die es sich lohnt zu kämpfen und sich zu engagieren.