Neuerscheinungen Diverses
Buchtipps von Michael Lausberg
Buch 1
Gerd Ganteför: Das rätselhafte Gewebe unserer Wirklichkeit und die Grenzen der Physik, Westend, Frankfurt/Main 2023, ISBN: 978-3-86489-383-4, 24 EURO (D)
Der Siegeszug der klassischen Physik hat die Welt entzaubert. Die Realität, so die gängige Auffassung, wird von Naturgesetzen geregelt, die letztlich alles erklären können. Doch dieses Bild ist falsch, davon ist Naturwissenschaftler Gerd Ganteför überzeugt. Viele grundlegende Fragen seien noch immer unbeantwortet. „Das vorliegende Buch handelt von der Wirklichkeit – von dem, was wir wissen, dem, was wir nur glauben zu wissen, und dem, was wir nicht wissen.“ (S. 13)
Fragen, fehlende Puzzleteile und Unvollständigkeiten werden vor allem an dem Urknallmodell analysiert und beleuchtet. Weitere offene Fragen werden vor allem im zweiten Kapitel wie zum Beispiel die Gravitationswellen, dunkle Materie und dunkle Energie, das Higgs-Teilchen oder die Hawking-Strahlung.
Die neuesten Erkenntnisse der Quantentheorie weisen sogar darauf hin, dass es eine Realität jenseits von unserer Vorstellung von Raum und Zeit gibt. Professor Gerd Ganteför zeigt, dass sich moderne Physik und Religion keineswegs ausschließen. Im Gegenteil: Aus ihrem Spannungsfeld kann womöglich ein neues Verständnis der Wirklichkeit entstehen. In den letzten beiden Kapiteln des Buches werden diese wissenschaftliche Erkenntnisse jenseits des menschlichen Verstehens behandelt. Dazu gehören Begriffe Sein und Bewusstsein, natürlich Wahrnehmung und Erkenntnis. Außerdem wird die These einiger Physiker*innen vorgestellt, die Grundlage allen Seins sei „Information“, was im weitesten Sinne mit „Geist“ gleichzusetzen sei.
Damit eröffnet Gerd Ganteför neue Einblicke in Unstimmigkeiten, Unerklärliches, Zauberhaftes und manchmal Unheimliches im Weltbild der Physik.
Ganteför hat den Mut, unbequeme Fragen zu stellen und auf Leerstellen des Wissens hinzuweisen. Dies gelingt in weiten Teilen des Buches, nur den Turn der Physik hin Geist als Grundlage alles Seins ist viel zu abstrakt, die Argumentation ist auch nicht stichhaltig nachvollziehbar.
Das Buch ist speziell etwas für Wissenschaftler, Metaphysiker und Physiker, die über die reine Materialität hinausgehen wollen. Es ist zwar populärwissenschaftlich geschrieben, ist aber ohne Vorwissen schwer zu lesen.
Buch 2
Simon Kremer: Tunesien, Reise Know how, Bielefeld 2023, ISBN: 9783831736263, 24,90 EURO (D)
Tunesien hat mit 1300 Kilometern Küste, zumeist mit Sandstrand, und einem reichen kulturellen Erbe ein großes touristisches Potential. Der Fremdenverkehr hat sich seit Anfang der 1970er Jahre auch zu einem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelt, der in den letzten Jahren etwas kriselte.
Zuerst gibt es ein Kartenverzeichnis, Hinweise zur Benutzung, einen Steckbrief Tunesiens, 10 Fragen und Antworten.
Die folgenden verschiedenen Routenvorschläge nennen Dauer, Transport und Reisezeit, haben eine geografische Karte und werden von Informationen zu Verkehrsmitteln und Reiseplanung eingeleitet. Danach werden Urlaub in Tunesien quer durch das Jahr und je fünf Orte für tolle Fotos, am, auf und unter Wasser, zum Wandern und mit Welterbe dargelegt.
Anschließend wird die Hauptstadt Tunis und die Umgebung mit Sehenswürdigkeiten und Geschichte vorgestellt. Danach folgen andere Regionen des Landes, die einzeln mit Sehenswürdigkeiten, Nationalparks, Inseln und Gebirgen behandelt werden. Dies sind im Einzelnen Nordtunesien und Kroumirie, die Wein- und Gartenregion Cap Bon, die Tell-Region und Westtunesien, Zentraltunesien und die Küste, Tozeur und die Bergoasen, die Sahara, das Dahar-Gebirge und die Ksour und die Insel Djerba. Zu Beginn gibt es immer eine Einleitung zu den Besonderheiten der jeweiligen Region.
Anschließend folgen reisepraktische Tipps mit den besonderen Schwerpunkten Mietwagen, Souvenirs, Tauchen und Frauen allein unterwegs.
Das Kapitel über Land und Leute informiert über Geografie, Klima, Flora und Fauna, Umwelt- und Naturschutz, Geschichte, Politik, Medien, Wirtschaft, Bevölkerung und Gesellschaft, Religion, Kunst und Kultur sowie Sport.
Im Anhang gibt es noch Literatur- und Filmtipps, eine Entfernungstabelle, ein Register und Informationen zum Autor.
Dies wohl der umfangreichste Reiseführer über Tunesien auf dem deutschsprachigen Markt.
Der Reiseführer gibt nicht nur einen Überblick über die wichtigsten Gegebenheiten, Verhaltensregeln und Traditionen, er beinhaltet auch aktuelle Tipps im Hinblick auf Hotels, Restaurants und Sehenswürdigkeiten.
Gerade in politischer Hinsicht ist das Land instabil, deshalb empfiehlt sich immer, aktuelle Blogs oder Internetseiten abzurufen.
Buch 3
Matthias Gerst: Ford Mustang. Der amerikanische Traumwagen. Alle Generationen seit 1964, Motorbuch Verlag, Stuttgart 2022, ISBN: 978-3-613-04483-8, 24,90 EURO (D)
Dies ist das stark überarbeitete Standardwerk von Matthias Gerst über den Ford Mustang und seine Generationen.
Im ersten Kapitel wird dargelegt, wie der Ford Mustang die Autowelt veränderte. Der Autor führt dies zum Großteil auf die Personalentscheidung, Lee Iacocca 1960 zum neuen Generaldirektor zu machen. Der Erfolg des Mustang beruhte weiterhin nicht nur auf einer aufwendigen und raffiniert gestalteten Werbekampagne vor und während der Markteinführung, sondern auch auf einer umfangreichen Liste von Einzelextras und Ausstattungspaketen. Jeder Kunde sollte sein Mustang-Modell ganz nach individuellem Geschmack gestalten können, ob als karg ausgestattetes Sechszylindermodell, als kleines Luxuscoupé oder als Sportgerät mit leistungsstarkem V8-Motor.
Danach gibt es eine allgemeine Einführung in die sieben Generationen des Mustangs von 1964 bis heute.
Am 17. April 1964 präsentierte Ford den Mustang der ersten Generation auf technischer Basis des Ford Falcon als Coupé sowie als Cabriolet und schuf damit die nachmalig nach ihm benannte Klasse der Pony Cars.
Dem Mustang war vom Start weg ein großer Erfolg beschieden. Das Fahrzeug konnte das junge, sportliche Publikum ansprechen. Darauf konnten alle folgenden Generationen aufbauen.
Im Folgenden wird die Geschichte entlang der Generationen nachgezeichnet. Dabei werden Modelljahr für Modelljahr behandelt. Dies geschieht in Bildern und Texten, wo optische und technische Veränderungen gezeigt werden, eine Tabelle liefert technische Daten, Angaben zu Produktions- und Verkaufszahlen sowie Preisen.
Zum Schluss werden noch die Mustang-Derivate vorgestellt, die die Handschrift des Autorennfahrers, Rennstallbesitzers und Autobauers Carroll Shelby trugen.
Leider fehlt ein Anhang mit weiterer Literatur, Links oder Autoclubs.
Hier stehen die einzelnen Modelle klar im Vordergrund, die chronologisch aufgelistet werden. Kurz und kompakt werden technische und ästhetische Veränderungen und die neuen Ansprüche von Kunden, prägende Autoingenieure oder Entwicklungen in der Automobilgeschichte angesprochen. Leider fehlt ein Vergleich mit Konkurrenzmodellen anderer Marken.
Als Überblicksdarstellung eher für Einsteiger ist das Buch sicherlich lesenswert.
Buch 4
Lou Bihl: Putin im Wartezimmer. Roman, Unken Verlag, Karlsruhe 2023, ISBN: 978-3-949286-09-4, 22 EURO (D)
In diesem Roman beschäftigt sich Lou Bihl hauptsächlich mit dem Angriffskrieg Russland auf die Ukraine. Dies wird mit Zeichnungen des New Yorker Künstlers Daniel Horowitz begleitet.
Die Teilnehmer eines Schulungskurs zu gesunder Ernährung und bewusster Lebensführung für Menschen mit Übergewicht diskutieren kontrovers und ergebnisoffen im Wartezimmer über die Hintergründe und Geschehnisse des Krieges. Genauer, der Anfangsphase des Krieges.
Dies ist ein zusammengewürfelter Haufen von Menschen, die sich nicht kennen, und außer der 10 Sitzungen bei einer nicht namentlich genannten Hausärztin keine Gemeinsamkeiten haben.
Diese Diskussionen im Wartezimmer werden heimlich von der jungen Syrerin Amira, die eine Art Vertraute der Hausärztin ist, getarnt als Kursteilnehmerin heimlich aufgezeichnet. Durch die übergeordnete Perspektive der Hausärztin erfahren die Leser*innen auch Hintergründe zu den einzelnen Personen, ihren Symptomen und ihres Lebens.
Die Diskussionen sind immer leidenschaftlich und kontrovers, da Personen nicht wissen, dass ihre Argumente aufgezeichnet werden, sind die Aussagen klar, ehrlich und pointiert. Manchmal gibt es auch sehr weit hergeholte Ansichten, aber das ist der Anspruch des Buches: Es soll ein Querschnitt der Gesellschaft diskutieren und abgebildet werden. Verschiedene Klassen, Generationen, Erfahrungen, soziokulturellen Hintergründen und Bildungsschichten sollen aufeinandertreffen und schonungslos diskutieren. Wie und warum manche Personen so argumentieren, wird aus deren Lebensschicksal deutlich.
Ein anderes von Bihl behandeltes Thema ist die Gruppe selbst. Die heftigen Diskussionen führen nicht zu Gräben oder Feindseligkeiten, sondern schweißen die Personen zusammen.
Die behandelten Themen sind natürlich von der weiteren Entwicklung des Krieges überholt, das sagt die Autorin selbst. Dennoch gibt es übergeordnete Themen zum Entstehungszusammenhang des Krieges oder zum Krieg allgemein, die zeitlos sind.
Das Buch soll aber nicht nur einen ungeschminkten gesellschaftlichen Querschnitt von Haltungen über den Krieg darstellen, sondern ist auch sicher eine Art der individuellen Auseinandersetzung der Autorin selbst.
Buch 5
Beate Hausbichler/Noura Maan (Hrsg.): Gerade gerückt. Vorverurteilt, skandalisiert, verleumdet: Wie Biografien prominenter Frauen verzerrt werden, Kremayr & Scherlau, Wien 2023, ISBN: 978-3-218-01372-7, 24 EURO (D)
Berühmte Männer kommen mit allem durch, Frauen im Rampenlicht verzeihen wir: nichts. Prominente Frauen müssen sich im Windkanal der Öffentlichkeit oft warm anziehen. Warum das so ist, durchleuchten Beate Hausbichler, Noura Maan und viele weitere Autorinnen anhand von Schicksalen berühmter Frauen – und rücken die Perspektive aus feministischer Sicht auf sie gerade.
Dabei werden an ausgewählte, sehr unterschiedliche Frauen, die eine bestimmte Bekanntheit haben, wie Romy Schneider, Sharon Stone, Pamela Anderson, Mariah Carey, Meghan Markle, Yoko Ono, die bisher vor allem aus männlicher Sicht beurteilt wurden. In diese prominente Runde schaffte es auch die Sportlerinnen Serena Williams oder Caster Semenya.
Die Berichterstattung nach der Beziehung zwischen Monica Lewinksy und Bill Clinton und die Rezeption wird genauso wie die Vorwürfe an Yoko Ono, die der Lesart nach für das Ende der Beatles verantwortlich sein sollte, behandelt.
Dies geschieht in einzelnen Kapiteln, die von verschiedenen Autor*innen geschrieben wurden, und immer mit einer Illustration der jeweiligen Frau eingeleitet wird. Am Ende werden immer die benutzten Quellen genannt.
Zum Schluss werden die Autor*innen biografisch vorgestellt.
Die Auswahl ist erfreulicherweise sehr heterogen, sie stammt aus verschiedenen Epochen und Ländern/bzw. Regionen. In der Einleitung wird zwar auf die Tradition der Frauen als nicht gleichwertiges Geschlecht hingewiesen, aber langlebige Strukturen oder Rollenmuster kaum ausgeführt.
Die jeweiligen Korrekturen in der Biografie der Frauen werden kurz und knapp angerissen. Diese Reduktion auf das Wesentliche hat wohl mit Platzgründen zu tun.
Die Sichtweise ist sicherlich diskutabel, so unterschiedlich wie Menschen sind, werden sie auch nach individuellen Kriterien beurteilt. Der Perspektivwechsel und das Aufbrechen von Rollenmustern kann aber das Wissen wecken, auch in einer männlich dominierten Welt Nachrichten und Meldungen stärker zu hinterfragen.