Neuerscheinungen Biografie
Buchtipps von Michael Lausberg
Buch 1
Ignacio Gómez de Liaño: Herrscher des Lichts. Karl III. Zwischen alter und neuer Welt, Westend, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-864-89384-1, 39 EURO (D)
Karl III. (1716-1788), König von Spanien, gilt als einer der prominentesten Vertreter der europäischen Hochkultur im Zeitalter der Aufklärung. Er unterstützte die Ausgrabungen von Herculaneum und Pompeji, stellte Alexander von Humboldt den Freibrief für seine Forschungsreisen aus und förderte Wissenschaften wie die Ethnologie, die Kulturanthropologie oder die vergleichende Sprachwissenschaft.
Ignacio Gómez de Liaño, einer der wichtigsten Schriftsteller und Philosophen Spaniens, erzählt in seiner umfassenden Biografie die Geschichte eines der frühen Globalisierer, den ersten Ausgrabungen der Maya-Ruinen von Palenque, der Entdeckung des Aztekenkalenders und der entscheidenden Unterstützung Spaniens für die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten.
Karl (1716-1788) war der dritte Sohn von Philip V., der im Zuge des Polnischen Erbfolgekrieges (1733-1735) das Königreich Neapel und Sizilien zurückerobert hatte. Als seine Mutter die Herzogtümer Parma, Toskana und andere erbte verbrachte er einen großen Teil seiner Jugend in Italien. Durch den Tod seines Bruders Ferdinand VI ohne Nachkommen wurde er erst mit 43 Jahren 1759 Inhaber der spanische Krone.
Ignacio Gómez de Liaño will in seinem groß angelegten Werk alle Facetten der Herrschaft des spanischen Monarchen vorstellen.
Der Autor hebt die Leistungen Karls wie großer künstlerischer Projekte und Förderer bedeutender wissenschaftlicher Expeditionen hervor. Nicht nur wegen seiner öffentliche Beleuchtungssysteme, sondern auch wegen seine zahlreichen Bauvorhaben in Madrid und wirtschaftlichem Fortschritt wird er als „Herrscher des Lichts“ bezeichnet.
Es werden politische Aufgaben in der Innen- und Außenpolitik beleuchtet. Innenpolitisch erlebte das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung. Wichtige Themenfeld waren der Aufstand von Esquilache oder die Vertreibung der Jesuiten aus Spanien. Für die Hauptstadt Madrids bedeutete Karls Herrschaft eine Blütezeit und viel Fortschritt, wie Gómez de Liaño hervorhebt. Er leitete bedeutende Städtebaumaßnahmen ein, vor allem in Madrid, wo er öffentliche Beleuchtungs- und Abwassersysteme sowie zahlreiche repräsentative Bauten in Auftrag gab. Außenpolitisch werden die Kriege wie der Siebenjähriger Krieg oder Unabhängigkeitskrieg der Vereinigten Staaten thematisiert.
Ein Kapitel ist speziell auch der Faszination Karls für Archäologie und Kultur gewidmet. Seine Faszination begann, als er Neapel lebte und an den Ausgrabungen von Herculaneum und Pompeji teilnahm. Mit den Ressourcen des spanischen Thron setzte er dies in verschiedener Weise fort und wurde zu einem bedeutenden Mäzen.
Dabei werden die Ausgrabungen der Maya-Ruinen von Palenque oder die Entdeckung des aztekischen Kalender wohl erst nach seinem Tod beschrieben. Der Autor geht aber auch auf das damalige archäologische Wissen und Ausgrabungspraxis ein.
Nicht nur die Archäologie wird hervorgehoben. Verschiedene Kapitel untersuchen die Entwicklung von Disziplinen wie Ethnologie, Geographie, Botanik, Linguistik oder Anthropologie von der Renaissance bis zum Zeitalter der Aufklärung. Neben Pionieren auf ihrem jeweiligen Gebiet stehen die zahlreichen von Karl III. geförderten wissenschaftlichen Expeditionen und ihre wegweisenden Ergebnisse im Vordergrund. Für die Erforschung des Pazifikraumes bildeten die Erkenntnisse eine unersetzbare Grundlage.
Dass sich Karl große Teile seiner Herrschaft in der „neuen Welt“ aufhielt, ist es nicht verwunderlich, dass davon viele Kapitel handeln. Er führte relevante Reformen in der imperialen Politik durch, auch durch wegweisende Personalentscheidungen. Der Schwerpunkt liegt dabei bei den Verwaltungsreformen in Lateinamerika, die den Ertrag aus den Überseekolonien vermehren und die politische und wirtschaftliche Kontrolle festigen sollten. Die spanische Beteiligung am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg wird genauer untersucht. Aber auch die pazifischen Besitzungen Spanien wie die Philippinen und andere polynesische Archipele werden skizziert. Dies erfolgt vor dem Hintergrund der Machtkonstellation in der Welt und den Veränderungen des 18. Jahrhunderts.
Unter der Herrschaft Karls besitzt Spanien eine bedeutende Stellung in der Weltordnung, die seit den Habsburgern nicht mehr so existierte.„Unter Karl III ist Spanien ein hoch angesehenes, dass alle anderen Mächte ihren Blick auf ihn, den gewissermaßen Ältesten der europäischen Monarchen richteten.“ (S. 416)
Am Ende gibt es noch ein Literatur- und Quellenverzeichnis. Einige Abbildungen und Karten durchziehen das Buch.
Das Buch ist eine Mischung zwischen Biografie und Sachbuch. Es gibt einen informativen Einblick in die spanische Aufklärung und Regierungszeit des prägenden Monarchen Spaniens im 18. Jahrhundert. Der Autor geht aber nicht immer chronologisch vor; es gibt Zeitsprünge und wechselnde Themen, was das Verständnis zuweilen erschwert.
Die Errungenschaften unter dem König wie Kulturförderung und wirtschaftlicher Aufschwung werden umfassend gewürdigt, zu Recht. In manchen Bereichen wird Karl aber unreflektiert-positiv gesehen. Der spanische Kolonialismus war wie alle anderen Ländern, die ihn praktizierten, primär auf Ausbeutung aus. Da machte der Herrscher auch keine Ausnahme.
Buch 2
Ronald Weber: Peter Hacks. Leben und Werk, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3-359-01371-6, 39 EURO (D)
Peter Hacks war einer der führenden deutschen Dramatiker, Lyriker und Essayist im 20. Jahrhundert. Er gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker der DDR dessen Stücke auch in der Bundesrepublik Deutschland gespielt wurden.
Ronald Weber analysiert in diesem groß anlegten Buch das Werk des Dramatikers, Lyrikers und Essayisten und hat eine immense Recherchearbeit über das Leben das Dichters geleistet, wobei er nicht nur Archive und den Nachlass nutzte, sondern zahlreiche Gespräche mit Wegbegleitern führte. Er hat Unbekanntes über Arbeitskontakte u.a. mit Brecht, Wolfgang Langhoff, Benno Besson zutage befördert, über Freundschaften, die im Zeichen eines regen geistigen Austausches standen und lebenslang hielten, wie die mit André Müller sen., Eberhard Esche, Wolfgang Kohlhaase, über Freundschaften, die Hacks aufkündigte, wie die mit Hartmut Lange, Heiner Müller, Wolf Biermann, über kurze und lange Liebschaften wie die mit Eva-Maria Hagen, Cox Habbema, Karin Gregorek.
Die vorliegende Biografie handelt von Hacks’ Literatur, von seinem Versuch, eine neue Klassik zu begründen, wie von seinem Scheitern, von seinen Leidenschaften und von seinen Lieben:
Es ist die Lebensbeschreibung eines ungewöhnlichen Dichters und Kommunisten, dessen Positionen in vielerlei Hinsicht unvereinbar sind mit gängigen Wahrnehmungen von Welt und Geschichte.
Hacks verließ früh die postfaschistische BRD und wollte in der DDR seine Vision von einer antifaschistischen sozialistischen Gesellschaft verwirklicht sehen. Die Zeit ab 1955, wo er nach Ost-Berlin kam, bildet natürlich den Schwerpunkt des Buches. Vom Brecht-Schüler über die sozialistische Klassik, die Beziehungen zu anderen sozialistischen Künstlern, der Angriff der Romantik, seine Bühnenstücke in Ost und West und deren Resonanz, Gattungsfragen bis zum Untergang der DDR. Die Zeit nach der Wende, die späten Stücke und die Zeit bis zu seinem Tod mitsamt Reflexionen und weltanschauliche Sichtweisen werden im letzten Kapitel angesprochen.
Der Autor geht auch auf die politisch-philosophischen Grundlagen von Hacks genau ein. Ein mehr als 30 Seiten starker Bildteil gibt Einblicke in das professionelle und private Leben Hacks.
Nach einem Nachwort und einer Zeittafel zur Orientierung werden dann im Anhang noch ausgewählte Literatur, Siglen, Anmerkungen und ein Personenregister abgedruckt.
Den Menschen Peter Hacks charakterisiert Weber folgendermaßen: „Beides zusammen, seine selbstbewusste, durch keine falsche Autorität unanfechtbare künstlerische Position und seine feste politische Haltung machen die Besonderheit von Hacks aus. Aus dieser Kombination rühren seine Souveränität und sein Eigensinn.“ (S. 13)
Hacks war ein Künstler durch und durch, der Kritik und eine eigenständige Haltung austeilen und einstecken konnte, aber seinen privaten Ruhepol und Rückzugsort brauchte.
Dies ist wohl die umfangreichste Biografie über Peter Hacks, dessen Leben und Werk wie bei vielen anderen Künstler*innen nicht voneinander zu trennen sind. Dass Hacks kein einfacher Mensch war und sehr extrovertiert war, dürfte deutlich werden. Selbst bei Parteioberen scheute sich Hacks nicht, unbequem zu sein und mit seiner Kunst zu provozieren. Der Autor verschweigt auch Charakterschwächen nicht, es ist also keine unreflektierte Hagiografie.
Die politischen Botschaften, Einstellungen und Visionen müssen und werden wohl nicht von jedem geteilt werden.
Hacks ist ein Künstler, dem das negative DDR-Image immer noch anlastet und selbst nach mehr als 30 Jahren immer noch verfemt ist. Zu Unrecht, denn er hat dieselbe künstlerische Anerkennung verdient wie andere aus dem Westen.
Buch 3
Egon Krenz: Aufbruch und Aufstieg. Erinnerungen, Eulenspiegel, Berlin 2022, ISBN: ISBN 978-3-360-02805-1, 24 EURO (D)
Die Memoiren von Egon Krenz sind auf drei Bände angelegt. Dies ist der erste Band, der von seiner Jugend im früheren Kolberg/Pommern, heute Ko?obrzeg bis 1973 reicht. Die Memoiren sind auf drei Bände angelegt, setzen je einen zeitlichen Rahmen, sind jedoch nicht chronologisch und linear erzählt. Durch Vor- und Rückgriffe ordnet Krenz seine biografischen Stationen in die Zeitgeschichte ein und wertet aus der Fülle und Differenziertheit der Erkenntnisse seiner langen politischen Laufbahn und natürlich auch jener Erkenntnisse, die er nach dem Untergang seines Staates machen musste. Jeder Band hat eine absolute Eigenständigkeit zum Ziel.
Krenz wurde als Sohn eines Schneiders in Kolberg, heute Kolobrzeg eine polnische Hafen- und Kurstadt an der Ostsee. geboren, wo er 1943 eingeschult wurde. Prägend waren die Erfahrungen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Die nationalsozialistischen Verbände waren ab 1943 auf dem Rückzug. Als die sowjetischen Truppen an der Ostgrenze Deutschlands standen, erklärte Adolf Hitler, Kolberg sollte bei einem Vorrücken der Sowjettruppen nicht aufgegeben werden, sondern bis zum letzten Soldaten verteidigt werden. Diese unnötige Verlängerung des Krieges brachte nicht nur die Zerstörung weiter Teile der Stadt, sondern auch viele Todesopfer. Glücklicherweise entschloss sich die Familie Krenz 1944 zur Flucht aus der Stadt. Er flüchtete zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester ins mecklenburgische Damgarten. Sein Vater starb dagegen im Krieg, ein schwerer Schicksalsschlag. Als Jugendlicher machte Krenz für die CDU Wahlkampf bei den Wahlen 1946, ironischerweise, indem er auch SED-Plakate überklebte.
Dass er sich dennoch für den entstehenden Sozialismus begeisterte, lag neben mehreren Einflussfaktoren an der Zeit in der FDJ. Nach der Schule begann er eine Schlosserlehre im VEB Dieselmotorenwerk Rostock, die er aber abbrach. Stattdessen ging es wieder zur Schule. Er absolvierte eine Ausbildung zum Unterstufenlehrer in Putbus auf Rügen. Dort intensivierten sich seine politischen Kontakte und Ambitionen. Er trat in die SED ein und sammelte politische Erfahrungen als Mitglied der FDJ-Kreisleitung Rügen.
Zwischen 1957 und 1959 absolvierte Krenz seinen Wehrdienst bei der NVA in der Kasernenanlage von Prora auf Rügen. Nebenher übte er noch Funktionärsämter bei der FDJ aus. Ein Höhepunkt seiner Wehrdienstlaufbahn und ein Schritt zum langsamen Aufstieg innerhalb der Partei war sein Mitwirken am V. Parteitag der SED 1958 als Delegierter der Parteiorganisation der NVA.
Der erste Band endet mit dem Tod von Ulbricht 1973.
Das Personenregister ist sehr ausführlich mit Kurzbiografien. Ebenso ausführlich ist der Bildteil mit privaten Aufnahmen und solchen als Funktionär.
Die politische Sicht der Welt von Krenz, seine Rechtfertigungen und Versuche der Relativierung können nicht überzeugen. Dies war auch nicht zu erwarten.
Dennoch ist dieser erste Band mit Gewinn zu lesen: Es gibt detaillierte Inneneinsichten zu verschiedenen Gliederungen der SED, ihre Funktionsweise, Hinweise über das Verhältnis zum „großen Bruder“ UdSSR und über Beziehungen der damaligen Führungseliten.
Buch 4
Martina Clavadetscher: Vor aller Augen. Unionsverlag, Zürich 2022, ISBN: 978-3-293-00587-7, 24 EURO (D)
„Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ von Jan Vermeer, Leonardo da Vincis „Dame mit Hermelin“, Walburga Neuzil als „Auf dem Rücken liegende Frau“ von Egon Schiele oder andere Frauenmotive berühmter Maler hängen in den bekanntesten Museen der Welt.
Wir sehen ihre Körper, ihre Blicke, ihre Kleidung, gebannt oder verbannt in einen ewigen Augenblick. Die Motive sind weltbekannt, die den Betrachter*innen hier im Bild gegenübertreten, aber stehen in der Popularität der Maler weit zurück. Auch weil in den seltensten Fällen die Bildtitel ihren wirklichen Namen nennen, sondern nur Umschreibungen. Die Lebenssituationen der Modelle sowie deren Biografien sind oft unbekannt oder tauchen in Fachbüchern lediglich im Zusammenhang des Bildes auf.
Dies will Martina Clavadetscher ändern. In ihrem neuesten Buch will sie Perspektive wechseln und lässt sie die stummen Frauen sprechen. Dabei stützt sie sich sowohl auf kunsthistorisches Wissen, der Kenntnis von Zeitumständen und Kultur als auch auf literarische fiktive Freiheiten.
Insgesamt werden 19 solcher Frauen behandelt und ihnen je nach Art des Charakters verschiedene Sprachmuster und Themen in den Mund gelegt.
So Hendrickje Stoffels, die als Motiv „Badende Frau“ von Rembrandt fungierte. In der realen Welt war sie Rembrandts Haushälterin und schlüpfte unverhofft in eine Rolle, wohl auch dadurch, dass sie mit dem großen Meister ein Verhältnis hatte, über das sie allerdings uncharmant und eher ruppig urteilt.
Stimmen in Dialogform finden sich auch: In Manets Gemälde „Olympia“ mit dem Modell Victorine-Louis Meurent als „Olympia“ wird im Gespräch mit ihrer Dienerin Laure mit Missverständnissen und falschen Zuschreibungen aufgeräumt. Manet kommt dabei nicht gut weg, in künstlerischer Hinsicht wird ihm Meurent gegenübergestellt, die selbst als Malerin erfolgreich war.
Wenig schmeichelhaft ist auch der emotionale Ausbruch von Lina Franziska Fehrmann für Ernst Ludwig Kirchner, der sie als „Artistin“ porträtiert hat.
Über Vincent van Goghs Spätzeit in Frankreich und die Streitereien mit Paul Gauguin, um die sich viele Mythen ranken, plaudert von Goghs Modell, Augstine Roulin, die als „La Berceuse“ bekannt ist. Die tiefe innerliche Krise van Goghs wird eher verständnisvoll begleitet, obwohl das Verhalten des berühmten Niederländers gegenüber seiner Umwelt alles andere als herzlich war.
Berühmte Frauen als Motiv der Kunstgeschichte werden einerseits - jedenfalls in diesem Buch - ins Licht der Aufmerksamkeit gestellt und holen so vielleicht ihren Ruhm verspätet nach, andererseits ist es auch eine feministisch inspirierte Parodie auf den männlichen Kunstbetrieb.
Eine originelle Idee, die auch mit der Wiederentdeckung von Künstlerinnen innerhalb der Kunstgeschichte zu tun haben. Auch wenn die Autorin dabei zwischen Fakt und Fiktion wechselt und mit Dramatik spielt, ist es eine zugleich informative wie auch unterhaltsame Lektüre.