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Neuerscheinung Natur und Tier

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Benedikt Bösel: Rebellen der Erde. Wie wir den Boden retten – und damit uns selbst!, Scorpio, München 2023, ISBN: 978-3-95803-560-7, 26 EURO (D)

Klimawandel, Artensterben und Bodendegradation bedrohen unsere Existenz. Jede dieser Krisen ist mit den anderen verbunden und alle drei treffen sich in der Landwirtschaft.

Nachdem Benedikt Bösel vor sechs Jahren das elterliche Gut in Brandenburg mit 3000 Hektar Land und Forst übernommen hatte, machte er sich auf, den Beweis anzutreten, dass es möglich ist, zerstörte Nährstoffkreisläufe wieder zu schließen und damit nicht nur Extremwetterereignissen und Ernteausfällen zu trotzen, sondern auch das Mikroklima günstig zu beeinflussen. Mit Neugier, Mut, Offenheit, Begeisterungsfähigkeit, kurz: Entdeckergeist schaute er sich auf der ganzen Welt nach alternativen Landnutzungsmodellen um, die den Boden als Wiege aller Nahrung ins Zentrum stellen. Dabei lernte er von Pionieren und alten Traditionen.

Dabei geht es im Wesentlichen um regenerative Landwirtschaft: Es unterscheidet sich von vorhandenen bodenschonenden, konventionellen und biologischen Anbausystemen durch das konsequente Einbeziehen des Bodenlebens. Der Grundgedanke ist die enge Kooperation von Pflanzen mit ihren mikrobiellen Partnern direkt an den Wurzeln.

In diesem Buch gibt er sein Wissen zum Weg zur regenerativen Landwirtschaft und die Schritte zur Umstellung eines laufenden Betriebes weiter.

Dazu ist eine umfassende Analyse der Gegebenheiten wichtig: die Art der Bodenstruktur, typische Pflanzenkrankheiten und Unkräuter, die Leistungen des Tierbestandes mitsamt häufig auftretenden Krankheiten, die Auswertung von Pflanzen- und Ernteuntersuchungen werden dabei behandelt. Weiter geht es mit der richtigen Unterkrumenlockerung. Diese soll das verlorene Habitat für Wurzeln und Bodenlebewesen wieder herstellen und den Gastaustausch und die Wasserhaltefähigkeit im Boden verbessern. Für die Belebung der Böden ist der dauernd begrünte Anbau wichtig. Dadurch findet ein kontinuierlicher Humusaufbau statt und man senkt dabei über Jahre das Ertragsrisiko. Wie das geschieht, ist Gegenstand des nächsten Kapitels.

Ein zentrales Elemente ist die Flächenrotte, wo im Boden große Mengen von grünen, frischen organischem Material nach flachem und lockerem Einarbeiten in kurzer Zeit abgebaut und verstofflicht werden, behandelt. Dies ist die am schnellsten wirksame und leistungsfähigste Art organisch zu düngen.

Ein zentrales Werkzeug der regenerativen Landwirtschaft ist die Verwendung von Pflanzenfermenten bei der Bodenbearbeitung. Dadurch wird der Rotteprozess verbessert, die Fäulnis im Boden verhindert, die Mikroflora positiv beeinflusst und neu aufgebaut und das Auftreten von Unkräutern und Krankheiten eingedämmt.

Außerdem wird das Konzept des Market Gardening vorgestellt, der Gegenentwurf zur intensiven, chemiegestützten, großflächigen Landwirtschaft mit schwerem Gerät. Es ist der Humus aufbauende und den Boden schonende Anbau vor allem von Gemüse mit kleinen Flächen.

Im letzten Kapitel beschreibt er, was sich alles ändern muss. Dazu gibt es Appelle an die Landwirtschaft, die Politik, Wissenschaft und Ausbildung und die Unternehmer und Finanzierer.

Im Anhang gibt es noch ein Quellenverzeichnis.

Dies ist ein spannender Ansatz, der Pflanze und Bodenleben mit ihrem gemeinsamen Stoffwechsel als Grundlage hat. Die einzelnen Schritte der Umsetzung werden mit vielen Praxistipps veranschaulicht. Die Erläuterungen sind allerdings keine Blaupause, der Prozess muss immer individuell an jeden Betrieb angepasst werden.


Buch 2

Christine Figgener: Meine Reise mit den Meeresschildkröten. Wie ich als Meeresbiologin für unsere Ozeane kämpfe, Malik, 18 EURO (D)

Meeresschildkröten sind geheimnisvolle Urzeitwesen, und Christine Figgener macht sich seit Langem für ihre Erforschung und ihren Schutz stark. Jetzt nimmt uns die promovierte Meeresbiologin mit auf eine Reise durch das Leben dieser faszinierenden Tiere. Vom Nest folgen wir den Babys in die Weiten der Ozeane, besuchen ihre Kinderstuben und begleiten sie auf ihrer gefährlichen Reise zum Erwachsensein. Außerdem erzählt sie von ihrer augenblicklichen Arbeit in Costa Rica.

Man erfährt auch viel über die Biologie der Meeresschildkröten. Sie werden stolze 75 Jahre alt, die unterschiedlichen Arten werden auch vorgestellt. Meeresschildkröten bewohnen rund um den Erdball tropische und subtropische Meere, halten sich nur im Meerwasser und in Küstennähe auf.

Ihre anatomische Besonderheit liegt darin, ihre Vorder- und Hinterbeine sind zu flossenartigen Paddeln umgebildet sind. Damit können sie 25 Kilometer pro Stunde zurücklegen.

Es werden die Reisen von Weibchen und Männchen beschrieben, zwischen ihren Nahrungs- und den Paarungs- und Nistgebieten hin oder her, die meist mehr als 1000km auseinanderliegen.

Ausführlich wird auf die zurückgehende Population und die dafür verantwortlichen Gründe eingegangen.

Wasserschildkröten haben wenig natürliche Feinde, ihre akute Bedrohung geht eindeutig vom Menschen aus.

Die Verschmutzung der Meere durch Plastik und dessen zerstörerische Wirkung machen auch bei Wasserschildkröten nicht Halt. Andere Gründe sind der Verlust von Lebensraum, und durch Fischereibeifang und die Wilderei. Fleisch, Schildplatt bringen viel Geld, vor allem die an den Stränden abgelegten Eier werden oft zu kulinarischen Zwecken verkauft. Dies bedroht die Art insgesamt, wenn kein Jungtiere nachkommen.

In der Mitte des Buches gibt es eine Fotostrecke mit kleinen und großen Meeresschildkröten, berufliche und private Fotos der Autorin und ihrem Team und Nachtaufnahmen.

Die Autorin versteht es, ihre Faszination für Meeresschildkröten dem Leser zu vermitteln. Auf eine persönliche Weise lernen wir die Arten kennen und es gibt auch detaillierte Einblicke in die Arbeit mit Meeresschildkröten. Schutzmaßnahmen sind eigens aufgelistet, dies ist auch eines der zentralen Anliegen des Buches.


Buch 3

Frauke Fischer/Hilke Oberhansberg: Wal macht Wetter. Warum biologische Vielfalt unser Klima rettet, oekom, München 2023, ISBN: 978-3-96238-419-7, 24 EURO (D)

Die Klimakrise und das Massensterben von Tier- und Pflanzenarten werden oft als zwei voneinander getrennte Probleme behandelt – als ob man sich entscheiden müsste, welche Krise man als Erstes angeht. Ein grober Fehler, sagen Frauke Fischer und Hilke Oberhansberg: Das heißere Klima und der beängstigende Verlust biologischer Vielfalt bedingen sich nicht nur gegenseitig, es gibt dafür auch gemeinsame Lösungen.

Im Vorspann werden wichtige Begriffe erläutert.

Das Buch beginnt mit dem gestörten Gleichgewicht in der Natur und wie wichtig Kohlenstoff dafür ist. Viele Prozesse in der Natur sind zeitlich und räumlich aufeinander abgestimmt, der Klimawandel hat vielfältige Auswirkungen auf die belebte Umwelt. Außerdem werden so genannte Kipppunkte des Erdklimasystems skizziert und die natürliche Kohlenstoffbindung erläutert.

Der Zusammenhang zwischen Artenvielfalt und Klimakrise wird am Beispiel der Walpopulationen sichtbar gemacht. Wenn sich ihr Bestand um ein Vierfaches steigern ließe, könne sehr viel Kohlenstoff mehr gespeichert werden, da die Wale mehr speichern als ganze Wälder. Mangrovenwälder sind natürliche Küstenschützer und gleichzeitig Lebensraum von Fischen und Krustentieren. Auch andere naturbasierte Lösungen für besseren Klimaschutz werden illustriert.

Im letzten Kapitel geht es zunächst um die Auswirkungen der Klimakrise für die Weltgemeinschaft. Einerseits wird der Kampf um knappe Ressourcen wie Wasser hervorgehoben, andererseits aber auch staatenübergreifende Naturschutzprojekte als Chance für Verständigung gesehen. Außerdem wird die Migration aufgrund von Folgen des Klimawandels behandelt. Positive Beispiel wie mit der Beteiligung der Menschen vor Ort ein Küstenschutzprojekt in Indonesien entstehen kann und das Lernen von indigenen Gemeinschaften werden ebenfalls vorgestellt.

Wie Chancen für den Globalen Süden aussehen können, wird unter anderen mit Zahlungen für erbrachte Ökosystemleistungen diskutiert.

Am Ende werden noch die Anmerkungen abgedruckt.

Dies ist eine gute Mischung aus Wissenschaftsbuch und Beispielen, wie alles mit allem zusammenhängt. Es wird gezeigt, wie Ökosysteme funktionieren und gefährdet sind, wenn zum Absturz gebracht werden kann, wenn die Anzahl der darinnen lebenden Tiere und Pflanzen immer mehr verringert werden. Ob jedoch die eigentlich notwendigen Zahlungen oder Boni für Ökosystemleistungen eine realistische Chance zur Durchsetzung haben, ist fraglich.

 

Buch 4

Blandine Pluchet: Die Vermessung der Berge. Eine Wanderung zur Entdeckung der Weltgesetze, Bergwelten, Wals bei Salzburg 2023, ISBN 978-3-7112-0044-0 28 EURO (D)

Wenn Blandine Pluchet zu einer Wanderung aufbricht, begleitet sie dabei nicht nur der Wunsch, den Gipfel zu erreichen. Die französische Physikerin und Autorin betrachtet Gesteinsformationen und landschaftliche Besonderheiten immer auch von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus.

In diesem Buch berichtet sie von ihrer Spurensuche, das auch einige passende Illustrationen bereithält.

Ihre Spaziergänge in den Bergen unterteilen sich in drei große Kapitel.

Im ersten Kapiteln gibt es einen Besuch in einer Forschungsstation in den Bergen, das sich mit Klimaerwärmung und Physik der Atmosphäre beschäftigt. Sie schildert die Begegnung mit dem Forscher Hannes, die Aufgaben des Instituts und ihre Arbeit mit vielen Messgeräten wie Lidar oder Fernmesstechnik. Außerdem taucht sie in einen Dialog ein und stellt Meilensteine der Wissenschaftsgeschichte vor und die Namen, die damit verbunden sind, wie die erste Forschung über Wolken, aber auch die Beschäftigung mit verschiedenen Kristallarten. Jenseits von Wissenschaft geht sie auch auf Sagen, Legenden und Mythen rund um das Hochgebirge ein.

Im zweiten Teil geht es in die Region Poitou, wo weithin Naturforschung in den Bergen behandelt wird. Botanische Besonderheiten werden ebenso dargelegt wie ein Exkurs in die Kunstgeschichte und die Anziehungskraft von Bergen für Künstler.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit Bergen und Kosmologie. Wir lernen einen Schweizer Wissenschaftler kennen, der am höchsten Observatorium Europas die kosmische Strahlung untersucht. Andere Begegnungen und Unternehmungen mit einer Physikerin und Nachtfotografin in den Cevennen und einem Amateurastronom, der den Durchgang von Meteoren untersucht, werden ebenfalls ausgebreitet. Spannend ist noch ein seltener Einblick in die Forschung und das Leben im unterirdischen Labor von Modane.

Hier wird ein ausdrucksstarkes Zusammenspiel zwischen Physik und Bergen aus eigener Erfahrung illustriert.

Es enthält zwar viele wissenschaftliche Fakten und Ziele, ist aber dennoch nicht trocken, sondern emotional und etwas philosophisch geschrieben. Ein ungewöhnlicher Zugang, sich der Bergwelt zu nähern.