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Neuerscheinung Krimis und Romane

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Rieke Husmann: Inselangst, Emons, Köln 2023, ISBN: 978-3-7408-1807-4, 13 EURO (D)

Dies ist ein neuer Krimi rund um die Reihe der Kommissarin Hella Brandt von Rieke Husmann. Er spielt dieses Mal auf ihrer Lieblingsinsel Spiekeroog. Eine alte Frau hat sich bei der Polizei gemeldet; sie kann ihre Enkelin Isabell, die seit einem Dreivierteljahr auf der Nordseeinsel lebt, nicht mehr erreichen.

Auf der Suche nach der Vermissten stoßen sie auf eine Gruppe von jungen Erwachsenen, die zusammen in einem Haus in den Dünen wohnen. Sie sind wohl die letzten, die die Vermisste zuletzt gesehen haben. Unisono geben sie an, dass sie Isabell das letzte Mal vor längerer Zeit gesehen haben und sie noch nicht vermisst haben. Hella Brandt hat bei den Befragungen der Hausbewohner ein seltsames Gefühl, dass sie etwas zu verbergen haben und nicht die ganze Wahrheit sagen. Sie geben nur widerwillig Auskunft und wenn, dann wirkt es wie abgesprochen.

Der Fall entwickelt sich als mysteriös und schwierig. Die Zeit drängt aber, bei der Suche nach der Vermissten und das Team um Hella Brandt muss noch anderen Spuren neben den seltsamen Hausbewohnern nachgehen.

Wie in anderen Krimis zuvor spielt immer wieder Hellas Zwiespalt zwischen Mutterrolle und beruflichen Anforderungen eine Rolle. Sie selbst muss irgendwie den Spagat zwischen Berufsleben und Familie schaffen, was oft mit einem schlechten Gewissen begleitet wird, irgendeinem von beiden nicht gerecht zu werden.

Es ist nicht der typische Krimi, der im Urlaub gelesen werden kann und Strandfeeling und Küstenatmosphäre verkörpert. Das liegt nicht am fließenden Sprachstil, sondern an der atmosphärisch eher bedrückenden Darstellung von Spiekeroog. Der Spannungsbogen ist gut, kann mit Wendungen aufwarten und der Plot kommt doch etwas überraschend.


Buch 2

Adam Andrusier: Tausche zwei Hitler gegen eine Marilyn. Roman, Unionsverlag, Zürich 2023, ISBN: 978-3-293-00593-8, 24 EURO (D)

Dies sind die Memoiren von Adam Andrusier, einem professionellen Autogrammhändler, der sehr erfolgreich ist und Kunden in der ganzen Welt hat

Seine Sammelleidenschaft begann mit zehn Jahren, als er sich ein Autogramm von der lokalen Berühmtheit Ronnie Barker sichert. Diese weitet sich immer mehr aus und als Jugendlicher beginnt er in seiner Freizeit damit, berühmten Leuten auf der ganzen Welt in der Hoffnung auf ein Autogramm zu schreiben.

Dies beschränkte sich nicht nur auf Schreiben. Wenn die Promis Großbritannien besuchten, versuchte er im persönlichen Kontakt, sein Ziel zu erreichen. Für den jungen Adam waren Autogramme die Eintrittskarte in eine Welt jenseits seines Lebens in einem nicht immer leichten Elternhaus. Sie boten eine besondere Verbindung zu einer Welt voller Glamour und Bedeutung, die außerhalb seiner Reichweite lag.

Dabei hatte er Kontakt zu Berühmtheiten seiner Zeit wie Elizabeth Taylor, Ray Charles, Nelson Mandela und Boris Jelzin. Die gemischten Erfahrungen mit deren Reaktionen und Auftreten bilden einen Schwerpunkt des Buches. Ebenso ironische Porträts der schrägen Händler und Sammler, die er trifft. Dabei sind Kunden, die bereit sind, für ein Original-Autogramm ein Vermögen zu bezahlen.

Daneben wird sein wirkliches Leben in einem Vorort von London mit seiner jüdischen Familie behandelt. Sein Vater Adrian ist sehr dominant und versucht, seine Leidenschaften und geistigen Beschäftigungen wie der Holocaust ihnen aufzuzwingen. Adam sucht nach Freiheit und geht nach Cambridge, um Musik zu studieren. Nach einem erfolglosen Auftritt als Pianist verschreibt es sich seinem Hobby und wird beruflicher Autogrammhändler.

Ein sehr erfolgreicher mit der Zeit, obwohl es auch Rückschläge gibt, wie das Hereinfallen auf eine Fälschung.

Als sein Vater seine Familie immer mehr dominiert, will er seinem Vater seine Grenzen aufzeigen. Als Provokation ihm gegenüber kauft er ein teures signiertes Exemplar von Hitlers Mein Kampf. Der Abschluss dieser Familienstreitigkeit bildet den Abschluss des Buches.

Dies ist ein witziger biografischer Bericht über einen Jungen, dessen Leidenschaft für das Sammeln von Autogrammen berühmter Persönlichkeiten dazu führte, dass er zu einem weltberühmten Händler für Autogramme und Manuskripte wurde. Sein Erwachsenwerden und Familienkonflikte haben jedoch einen ernsten Hintergrund.

Insgesamt aber ein unterhaltsames Buch mit vielen Pointen über die Begegnungen mit Promis.

 

Buch 3

Claudia Pineiro: Kathedralen. Roman, Unionsverlag, Zürich 2023, ISBN: 978-3-293-00592-1, 24 EURO (D)

Dieser Roman ist ein intensives Lehrstück, der zeigt, welche fatalen Folgen religiöser Dogmatismus haben kann. Er richtet sich eindeutig gegen die argentinische katholische Kirche und ihren Einfluss in der Gesellschaft.

Dies wird exemplarisch an der Familie Sarda illustriert. Dabei geht es um die Aufarbeitung und Rekonstruktion eines schrecklichen Verbrechens, das die Familie zerrissen hat. Ana Sarda, die jüngste von drei Schwestern, wurde vor langer Zeit nicht nur ermordet aufgefunden, sondern verbrannt und zerstückelt auf einer Müllhalde abgelegt. Weder der Täter noch das Motiv sind ermittelbar. Diese menschlichen Abgründe führen dazu, dass in der Familie nichts mehr ist, wie es mal war.

Die Auseinandersetzung mit diesem brutalen Schicksalsschlag wird aus der Sicht verschiedener Familienmitglieder geschildert. Zeitsprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit sind dabei die Regel.

Da ist einerseits

Den Anfang macht Lia, die seit dem Tod sich von der Familie innerlich entfernt hat. Sie wendet sich gegen den in der Familie praktizierten Katholizismus und fängt ein neues Leben in Europa an. Sie lässt sich in Spanien nieder und wird Inhaberin einer Buchhandlung. Mit ihrer Familie will sie erst dann wieder was zu tun haben, wenn der Tod Anas aufgeklärt ist. Nur mit ihrem Vater Alfredo tauscht sie unpersönliche Briefe aus.

Ein unerwarteter Besuch reißt bei Lia alte Wunden auf und zeigt die familiären Spannungen. Die älteste der Schwestern, Carmen und ihr Mann, tauchen unvermittelt auf und begründen dies mit der Suche nach ihrem verschollenen Sohn Mateo, der sich in Spanien aufhalten soll. Dort wird die Sicht der unsympathischen Carmen auf die Ereignisse um Anas Tod geschildert.

Anhand der kontrollsüchtigen und falschen Carmen werden auch die Gründe für Mateos Verschwinden deutlich. Er ist Lia sehr ähnlich, er hat zu seiner Familie auch kein gutes Verhältnis und will jenseits von ihnen frei leben. Auch seine Sichtweise zu Anas Tod wird vorgestellt.

Die letzte Perspektive kommt von Marcela, eine Freundin von Lia. Sie leidet unter einer teilweise Amnesie verursacht durch einen Unfall. Ihr Erinnerungsvermögen an die Geschehnisse von Anas Tod kommen bruchstückhaft hervor.

Daneben gibt es noch Erinnerungen an das Geschehen vom Vater Alfredo, Carmens Mann und einem der damaligen polizeilichen Ermittler.

All diese zusammen werden am Ende zusammengebracht, so dass die Umstände von Anas Tod genau rekonstruiert werden können.

Die Autorin hat die Komposition des Buches so gewählt, dass wie bei einem Puzzle alle Einzelteile zu einem Gesamtbild fügen. Somit ist der Roman nicht nur eine gesellschaftskritische Familiensaga, sondern auch eine Art Kriminalroman, wo ein Cold Case gelöst wird.

So bleibt die Spannung immer hoch und unterhaltsam.

Pineiro schreibt emotional, wenn es um existentialistische Fragen geht, und deckt gekonnt eine religiöse Doppelmoral auf.


Buch 4

Noah Martin: Florentia - Im Glanz der Medici. Roman, Droemer, München 2023, ISBN: 978-3-426-28396-7, 18 EURO (D)

Dieser historischer Roman spielt in der Hochzeit der Renaissance in Florenz, genauer im Jahr 1469.

Die mächtige Familie der Medici beherrschen alle Facetten des Lebens in Florenz. Die Machtfülle ist der Familie der Pazzi ein Dorn im Auge, sie versuchen mit allen Mitteln die Medici abzulösen. Hinter den Kulissen nutzen sie ihre Macht, um zu integrieren und sich mithilfe mächtiger außerstädtischer Akteure wie dem Papst in Stellung zu bringen. Ein unerwartetes Krisenszenario wollen die Pazzi nutzen: Als das Oberhaupt der Medici-Familie stirbt, geht sein Erbe auf den unerfahrenen Lorenzo, der gerade mal 20 Jahre ist, über. Lorenzo ist auch einer der Hauptfiguren des Romans, der den Angriff der Pazzi abwehren muss. Es gibt sowohl historisch reale Figuren im Roman, aber auch einige fiktive. Wie eine andere Hauptfigur, die junge Malerin Fioretta Gorini, die sich in einer männerdominierten Kunstwelt behaupten muss.

Zu Beginn des Romans gibt es zur besseren Orientierung einen Stammbaum und eine kurze Vorstellung der Personen und Charaktere im Buch.

Der Roman ist aus verschiedenen Perspektiven geschrieben: aus der Perspektive von Fioretta Gorini, Leonardo da Vinci, Giuliano de’ Medici und Albiera de’ Pazzi geschrieben.

Neben der Beschreibung der Stadt Florenz als Mekka der Künste und Kultur stehen Liebe, Hass, Verrat, Intrige, Treue, Machtkämpfe und die Bedeutung von Familie im Vordergrund. Natürlich wird auch die Kunststadt Florenz gewürdigt. Der aufstrebende Leonardo da Vinci ist vielseitig erlebbar und ist einer der vielen kulturellen Highlights des Buches.

Die historischen Fakten sind gründlich recherchiert und zeichnen ein lebendiges Bild der Oberschicht der Stadt. Die Verknüpfung von historischen Fakten und fiktiven Elementen ist gut gelungen, die Charaktere werden mit vielen Facetten vorgestellt, so dass sich Leser darin gut wiederfinden können. Trotz mehr als 500 Seiten hat der Roman wenig Leerlauf, sondern bietet ein spannendes Lesevergnügen.


Buch 5

Christine Dwyer Hickey: Schmales Land. Roman, Unionsverlag, Zürich 2023, ISBN: 978-3-293-00594-5, 26 EURO (D)

Dies ist der Erfolgsroman der irischen Autorin Christine Dwyer Hickey, der nun ins Deutsche übersetzt wurde.

Die Familie Kaplan war nach dem 2. Weltkrieg dabei aktiv, deutsche Waisenkinder an US-Adoptiveltern zu vermitteln. Einer von diesen Waisenkindern ist Michael, der 1948 zum kinderlosen Ehepaar Novak nach New York kam. 1950 verbringt er im Domizil von den Kaplans auf der Halbinsel Cape Cod an der Küste von Massachusetts seine Ferien. Michael ist immer noch traumatisiert und hat keinen Zugang zu dem gleichaltrigen Richie, der auch dort wohnt.

Er verbringt seine Zeit alleine in Erkundungen der Gegend. Dabei lernt er Josephine, eine ältere Dame kennen, die zusammen mit ihrem Mann Edward in der Nachbarschaft wohnen. Der 10jährige Michael ist fast jeden Tag dort und bekommt Zutrauen zu dem Ehepaar, was auf Gegenseitigkeit beruht.

Edward Hopper ist ein berühmter realer Vertreter des künstlerischen Realismus, der sich gerade in einer Schaffenskrise befindet. Sie führen eine ambivalente Beziehung, da sie unterschiedliche Charaktere sind. Sie ergänzen sich deshalb oft und sind harmonisch, manchmal kommt es aber zu Streit, den Michael hautnah mitbekommt.

Die anfangs fehlende Verbindung zu Richie taut im Laufe des Buches auf. Hier erfährt man auch mehr über sein Innenleben und sein Schicksal.

Die Hauptperson ist aber Michael. Er leidet an den Folgen des Krieges in seelischer Hinsicht. Die Autorin zeigt dies vor allen an seinen Träumen. Er trauert immer noch um seine Eltern, muss sich in einer völlig neuen, aber nicht zerstörten Umgebung zurechtfinden und eine andere Sprache lernen.

Die Hauptpersonen haben also alle ihre Schwierigkeiten mit sich. Sie sind einerseits positive soziale Wesen, haben aber auch ihre Schwächen und Ängste. Die auftretenden Konflikte untereinander beruhen nicht auf Böswilligkeit, sondern auf Missverständnissen und fehlendem Wissen übereinander. Dies macht den Roman so normal.

Dem angepasst ist auch der Schreibstil, der kein Sprachfeuerwerk darstellt. Er hat empathischen, empfindsamen, zutiefst menschlichen und manchmal traurigen Charakter.

Der Autorin gelingt es, mit den genauen Beschreibungen der Charaktere eine Identifikation der der Leser*innen mit ihnen. Dies ist die große Stärke des Buches.

Es gibt wenig äußere Spannungselemente, der Roman lebt von inneren Gefühlen und menschlichen Bedürfnissen und Interaktionen.