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Neuerscheinung Diverses

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Reinhard Federmann: Das Himmelreich der Lügner. Roman. Mit einem Nachwort von Günther Stocker. Picus, Wien 2023, ISBN: 978-3-7117-2129-7 28,- Euro

Dies ist die Neuauflage des 1959 erschienenen Roman "Das Himmelreich der Lügner" des österreichischen Autors Reinhard Federmann (1923-1976). Sowohl Federmann als auch sein Roman sind fast in Vergessenheit geraten. Aus Anlass seines 100jährigen Geburtstages hat der Picus Verlag den Roman wieder aufgelegt, um ihn einen breiteren Publikum zu präsentieren. Neu ist das Nachwort von Günther Stocker.

Reinhard Federmann befasst sich in dem Roman mit drei schicksalshaften Jahrzehnten österreichischer Geschichte von 1934 bis in die späten 1950er Jahre der Zweiten Republik. Impetus seines Verfassens war die Verklärung des Austrofaschismus in der Nachkriegszeit und eine deutliche Kritik an der zeitgenössischen Geschichtspolitik.

Ich-Erzähler und Hauptfigur des Romans ist der Wiener Sozialist Bruno Schindler. Der Roman beginnt mit den Februarkämpfen zwischen sozialdemokratischen Arbeitern und Machtapparat, wo die Arbeiter die Republik mit Waffengewalt retten wollen. In der Retrospektive 20 Jahre danach skizziert Schindler die Ereignisse in Wien und seine eigene Rolle, reflektiert die Geschehnisse und ordnet sie ein.

Ein Generalstreik ging den blutigen Kämpfen voran. Nicht alle Arbeiter hatten den Mut, bewaffnet für ihre Rechte und die Demokratie zu kämpfen, er selbst ist dazu fest entschlossen. Zusammen mit Gleichgesinnten bewaffnen sie sich und greifen aktiv in die bestehenden Kämpfe ein. Dabei wird Schindler am Kopf verletzt, er wird von Getreuen aufgenommen, weggebracht und versorgt. So bekommt er nur aus der Ferne mit, dass die Arbeiter kapitulieren mussten und der Aufstand gescheitert war. Diese Gründe für dieses Scheitern liegen für Schindler auch in der mangelnden Organisation und fehlendem revolutionärem Willen, wie er etwas verbittert feststellt.

In der Folgezeit schafft er es, sich ins sowjetische Exil zu retten, wo er auch einen weiteren Teil seines einstigen Idealismus verliert, von der autoritären Politik und den internen Hahnenkämpfen abgeschreckt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges und des Faschismus an der Macht kehrt Schindler wieder nach Österreich zurück, diesmal in der Rolle eines sowjetischen Funktionärs auf der Suche nach seinen einstigen Wurzeln. Der angebliche Neubeginn desillusioniert ihn, bei Begegnungen in seinem einstigen Wiener Umfeld trifft er auf Nazi-Mitläufer, Opportunisten und eine allgemeine Verdrängung der jüngsten Vergangenheit. Er sieht, wie frühere Nazis wieder hohe Posten bekommen und ihre Schuld vertuschen oder kleinreden. Auch die Besatzungsherrschaft und die folgende Große Koalition mit ihrem Vergessenheitsfetisch lässt ihn über sich und seine politischen Ambitionen nachdenken. Letztlich flüchtet er aus dieser ihm fremden Welt in die amerikanische Zone nach Deutschland.

In einem Nachwort nennt Günther Stocker die Gründe dafür, dass Reinhard Federmann und sein Werk heute fast vergessen sind, schildert die im Werk angerissenen Episoden Österreichs und die zeitgenössische Rezeption des Werkes.

Dort stellt Stocker fest, dass sich der Roman quer zum Geschichtsverständnis der Zweiten Republik stellte, das die Zeit der austrofaschistischen Diktatur zugunsten eines großkoalitionären Friedens ausblendete. „Das Himmelreich der Lügner setzt ganz andere Epochengrenzen: auf der einen Seite die Ausschaltung des österreichischen Parlaments im März 1933 und auf der anderen Seite den Ungarnaufstand Ende 1956. Damit lenkt der Roman den Blick auf die Kontinuitäten und Übergänge zwischen Austrofaschismus und Nationalsozialismus, Austromarxismus und Stalinismus, bis hin zu Besatzungszeit und Kaltem Krieg.“ (S. 534)

Im Roman wird gekonnt die Verklärung des Austrofaschismus in der Nachkriegszeit, sowohl im individuellen als auch im öffentlichen Bereich, wo es nicht um Schuld, individuelle Verantwortung und Lernen aus der Geschichte ging, kritisiert. Sprachlich hat er kein gehobenes Niveau, was hervorzuheben ist, die kritische Beschäftigung mit der wechselvollen Zeitspanne und dass Federmann der Gesellschaft den Spiegel vorhält.

Es ist richtig, diesen Roman noch einmal zu veröffentlichen und es bleibt zu hoffen, dass hier Debatten nachgeholt werden können.

Am besten liest man das Nachwort zuerst und dann den Roman, um ein historisches Grundgerüst zu haben.

Der Roman ist aber nicht nur österreich-spezifisch zu verstehen, es gibt viele Parallelen zur postfaschistischen Bundesrepublik: der Mythos von der Stunde Null, die weithin gescheiterte Entnazifizierung mit Persilscheinen, die Kontinuität von nationalsozialistischen Mentalitätsbeständen wie Rassismus, Antisemitismus oder Chauvinismus, die personelle Kontinuität mit Globke, Oberländer, Kiesinger und unzähligen Verantwortlichen in Wirtschaft, Verwaltung, Militär oder die Schuldabwehr wie die Mitscherlichs in „Die Unfähigkeit zu trauern“ treffend beschrieben.


Buch 2

Jules und Edmond de Goncourt: Blitzlichter. Aus den Tagebüchern der Brüder Goncourt, Galiani, Berlin 2023, ISBN: 978-3-86971-281-9, 25 EURO (D)

Den zwillingsgleich lebenden Brüdern Jules und Edmond de Goncourt entging fast nichts. In ihren geheimen Tagebüchern dokumentierten und kommentierten sie mit spitzer Feder das gesellschaftliche Leben im Paris des 19. Jahrhunderts, die erst Jahrzehnte nach dem Tod der beiden Brüder erscheinen durften.

Es gibt kurze Episoden in die führende Schicht in Paris der damaligen Zeit, vor allem mit hochrangigen Politikern, Ärzten und anderen Leuten aus dem Pariser Establishment. Aber auch bekannte Angehörige der Boheme waren mit den Brüdern Goncourt vertraut. So zum Beispiel Charles Baudelaire, der Autor der „Fleurs du Mal“ Emile Zola, der gilt als einer der großen französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts und als Leitfigur und Begründer der gesamteuropäischen literarischen Strömung des Naturalismus gilt.

Oft geht es um den Schriftsteller Gustave Flaubert, der mit seinem Roman „Madame Bovary“1857 einen handfesten Skandal auslöste. Dies lag daran, dass die beiden Brüder oft mit ihm verkehrten und von daher viel über ihn wussten. Obwohl sie sich als Freunde sahen, schreckte sie das nicht ab, in den Tagebüchern über ihn zu lästern und sich über ihn zu amüsieren.

Gar nicht in sonst so feinen Manier der vornehmen Gesellschaft gibt es bizarre, peinliche, abgründige und witzige Einblicke. In den Tagebüchern schrieben sie das, was sie sonst nicht offen zeigen oder sagen wollten oder konnten. Lästereien, Gerüchte, pikante Andeutungen und versteckte Leidenschaften und Amusements inmitten des Glamours werden so transportiert.

Viele Leute der feinen Gesellschaft hatten Leichen im Keller, waren ausgestattet mit einer perfiden Doppelmoral, das Erheischen von Aufmerksamkeit und Ansehen und die Sorge um den eigenen Status werden schonungslos offengelegt. Sarkastisch, fast schon etwas boshaft und überheblich werden berühmte Personen karikiert und/oder demaskiert.

Wenn die Brüder Goncourt sich über die Doppelmoral und Verlogenheit in der High Society lustig machten, waren sie selbst nicht besser oder moralisch höherwertig. Aus Sicht des später geborenen Lesers natürlich sehr unterhaltsam.

Heute würde man diese Art von Genre als Enthüllungsbuch bezeichnet. Es wird sicherlich viele der hier beschriebenen Personen, wenn sie noch lebten, und/oder ihre Nachkommen mächtig geärgert haben, was für Geheimnisse und peinliche Seiten hier in die Öffentlichkeit breit getreten wurden. Für heutige Leser*innen ist es ein lustiges und entwaffnendes Sittengemälde der gehobenen Gesellschaft und auch ein Abbild von Standesdünkel, dem Aufbau eines Images und Doppelbödigkeit, auch ein Gesellschaftsporträt des 19. Jahrhunderts in Paris.


Buch 3

Jo Nesbö: blutmond, Ullstein, Berlin 2022, ISBN: 978-3-550-20155-4, 25,99 EURO (D)

Dies ist der 13 Band mit dem Hauptprotagonisten Harry Hole.

Nach dem Tod seiner Frau Rakel ist Harry Hole ganz unten angekommen. In Los Angelos ist er auf dem besten Wege sich zu Tode zu trinken. Gerade zu diesem Zeitpunkt wird Harry von dem reichen Osloer Unternehmer Roed engagiert. Er hatte Kontakte zu zwei jungen Frauen, eine ist verschwunden, die andere wurde ohne Gehirn tot aufgefunden. Um ihn als Hauptverdächtigen zu entlasten soll Harry, der bei bestimmten Leuten wohl immer noch einen guten Ruf hat, den wahren Täter finden. Kommissarin Katrine Bratt fordert Harry Hole vergeblich an, denn bei der Polizei interessiert sich niemand mehr für den Spezialisten für Mordserien. So ermittelt Harry Hole privat für Roed, der ihn fürstlich entlohnen will.

Hole sucht sich ein skurriles Team, bestehend aus einem Kokain-dealenden Schulfreund, einem korrupten Polizisten und einem schwer an Krebs erkrankten Psychologen. Die Zeit läuft, während über Oslo ein Blutmond aufzieht.

Harry Hole wird mehr als sonst als gebrochener Mann in einer schlimmen Verfassung präsentiert. Dennoch hat er seinen alten Instinkt nicht verloren, und hat trotz seiner Alkoholsucht, den festen Willen und die Überzeugung, den Fall zu lösen. Einige neue Sequenzen aus seiner Vergangenheit tauchen in diesem Band auf. Seine Chaostruppe, die ihn bei seinen Ermittlungen unterstützen soll, entpuppt sich in vielen Fällen als erstaunlich hilfreich.

Die vielseitige Sichtweise der Erzählstränge sorgt dafür, dass der Fall selbst ist ziemlich komplex aufgebaut wird. Nesbö versteht es, einige falsche Fährten zu legen und den Leser damit zu verwirren. Auch ist die Handlung bietet viele Wendungen und Überraschungen. Dies ist dafür verantwortlich, dass ein hoher Spannungsbogen existiert. Erst nach und nach lösen sich Ungereimtheiten und kleinere Rätsel auf, der Plot bietet eine Überraschung.

Nesbö schreibt gewohnt fesselnd und kann Bildersprache transportieren, was wohl bei häufig beschriebenen Grausamkeiten und blutigen Szenen nicht immer angenehm ist.


Buch 4

Carlo Strenger: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Das Leben in der globalisierten Welt sinnvoll gestalten, Psychosozial, Gießen 2022, ISBN: 978-3-8379-3157-0 32,90 EURO (D)

Das Individuum sei heute mit der gesellschaftlichen Leitidee konfrontiert, alles sei möglich und jedes Ziel erreichbar. Das führe zu einer weit verbreiteten Angst, die eigenen Potenziale nicht voll auszuschöpfen und ein unbedeutendes, erfolgloses Leben zu führen. Die Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls werde so erschwert. Die Vorherrschaft einer kommerzialisierten Selbsthilfekultur der Selbstoptimierung verhindere eine intensive Beschäftigung mit grundlegenden existenziellen Fragen.Mithilfe philosophischer, psychologischer, soziologischer und ökonomischer Theorien macht Carlo Strenger einen Versuch, diese Entwicklung zu analysieren und zu kritisieren. Er will auch zeigen, wie durch eine aktive Anerkennung des eigenen Selbst und durch eine ernsthafte intellektuelle Auseinandersetzung mit dem eigenen Weltbild eine bedeutungsvolle Lebensführung gelingen kann.

„Eine neue Gattung Mensch wird geboren: der Homo Globalis, die große Gruppe von Menschen, deren Identität in erster Linie dadurch definiert ist, dass sie Teil des globalen Infotainment-Systems sind. Die „Opfer dieses Zeitalters“ seinen vor allem „die Idee einer freien Welt und einer freien Gesellschaft“. (S. 9)

Das Buch teilt sich in drei Bereiche.

Im ersten wird der Versuch einer „Diagnose des Dilemmas des Homo Globalis“ gestartet. Im ersten Kapitel gibt es einen Überblick über die kulturellen und existentiellen Veränderungen, gleichzeitig skizziert der Autor seinen eigenen Ansatz. Danach werden zwei „Aspekte der globalen Kultur, die durch das Infotainment-System vorangetrieben werden“, vorgestellt. Anschließend werden Phänomene beleuchtet, „mit deren Hilfe die Bewohner der globalisierten Welt ihre ständige Angst vor Bedeutungslosigkeit zu mildern suchen: die boomende Selbsthilfe-Kultur und die Pop-Spiritualität“.

Der zweite Teil will eine existentialistische Alternative zu einer Konzeption des Selbst bieten. Zuerst geht es um Elemente eines guten Lebens, danach die eigenen Schwächen und Stärken besser kennenzulernen und das Erkennen der eigenen Grenzen und zum Schluss um Alter und Selbsterkenntnis, was im Leben wirklich wichtig ist.

Der dritte Teil will helfen, zu einer „Kultur des begründeten Argumentierens“ zurückzukehren. Zuerst werden die „schwerwiegenden Schattenseiten der politischen Korrektheit“ kritisiert, danach entwickelt er den Begriff der „zivilisierten Verachtung“ und schließlich Zukunftsfragen rund um das „Nicht-Nullsummen-Prinzip“.

Das Themenspektrum der Kritik an der Globalisierung auch auf die Befindlichkeiten von Menschen ist sehr breit.

Dass die Spielregeln der Globalisierung zumeist politisch einflussreichen multinationale Unternehmen vorwiegend zu deren Nutzen aufgestellt werden oder eine neoliberale Ausrichtung der Globalisierung, die zu viel Vertrauen in Kapitalismus und Marktwirtschaft und zu wenig in staatliche Interventionen und Soziales setze. Damit verbundene Ängste vor Arbeitsplatzverlust oder verbunden mit den Auswirkungen der Digitalisierung als überflüssig zu erscheinen, sind wohl weit verbreitet. Oder die Angst vor einem vermeintlichem Verlust der kulturellen Identität, was von rechts erfolgreich besetzt wird.

Dies vom Autor Dargestellte ist also einer von vielen Randaspekten der psychischen Befindlichkeit in problematischer Hinsicht.

Außerdem wird Globalisierung auch einseitig negativ gesehen und Probleme groß geredet. Die vielen positive Aspekte und Begleiterscheinungen tauchen hier nicht auf.

Von daher kann die Analyse, die das Fundament des Buches darstellt, nicht überzeugen und manche der Empfehlungen wie die „zivilisierte Verachtung“ schon gar nicht.


Buch 5

Mathias Hirsch: Die Therapie als Beziehungsraum. Modifizierte psychoanalytische Traumatherapie, Psychosozial, Gießen 2022, ISBN: 978-3-8379-3180-8, 24,90 EURO (D)

Welche Bedeutung hat die therapeutische Beziehung in der psychoanalytischen Behandlung schwer traumatisierter Patient*innen?

Mathias Hirsch versteht Therapie als Beziehungsraum, in dem Übertragungs-, Gegenübertragungs-, Identifikations- und Projektionsprozesse ablaufen. Er zeigt, wie in psychoanalytischen Einzel- und Gruppenpsychotherapien mit Metaphern und konstruierten Bildern gearbeitet wird, stellt Phasenabläufe und Krisensituationen dar.

Die Modifikationen der psychoanalytischen Traumatherapie setzt Hirsch in der Veränderung des Settings des ursprünglichen Standardverfahren. Außerdem die veränderte Haltung des Analytikers: „Die Deutung durch einen Wissenden steht nicht länger im Vordergrund, vielmehr geht es um Interaktion, um die Antwort auf das So-Sein des Patienten, um seine Mitteilungen und nicht nur um die verbalen Äußerungen in der intersubjektiv verstandenen therapeutischen Beziehung.“ (S. 9)

Im ersten Teil geht es Beziehungen. Zuerst wird die Funktion von Grenzen in professionellen und nicht-professionellen Beziehungen angesprochen. Anschließend geht es um Beziehungsphänomene, um psychische Vorgänge, die die Qualität von Beziehungen von Menschen bestimmen. Dort werden vor allem die Begriffe Identifikation und Übertragung mit Leben gefüllt.

Danach steht die psychoanalytische Traumatherapie und ihre Bestandteile im Vordergrund.

Dazu liefert der Autor folgende essentielle Punkte: Die Benennung der Realität des Traumas durch den Therapeuten und seiner heute im Wiederholungszwang hergestellten Entsprechungen, die abgeschwächte, zunehmend symbolische Wiederholung des Traumas in der Übertragung und die Projektion seines Inhaltes, verbunden mit der Erfahrung abgespaltener Gefühle von Angst, Aggression und Sexualisierung. Außerdem die Kommentierung positiver, sexueller und aggressiver Gegenübertragungsgefühle des Therapeuten zu gegebener Zeit und die fortwährende Differenzierung zwischen irrationalem Schuldgefühl, realistischem Schuldbewusstsein und realer Schuld sowie deren Anerkennung, verbunden mit Scham und Trauer, die eine Ablösung von Introjekt begleiten. Es werden vier Therapiephasen vorgestellt: die globale positive Muster-Übertragung, die paranoide negative Muster-Übertragung, das Durcharbeiten des Traumas mit entsprechenden Gefühlen und die Trennungsphase.

Danach werden spezielle Bereiche behandelt: Hirsch hebt die Wichtigkeit von Körpersprache, Humor und verschiedenen Formen der Liebe in der Therapie hervor. Eine besondere Bedeutung kommt hier der analytischen Gruppenpsychotherapie für die Entwicklung von Symbolisierung und Mentalisierung traumatisierter Patient*innen zu. Hier ergeben sich für die Patienten zahlreiche Möglichkeiten der Identifikation und Konfrontation mit anderen Gruppenmitgliedern mit heftigen Affekten, die dem Traumaerleben entsprechen, zugelassen und aufgefangen werden können. Außerdem geht es um das Wagnis von Tätern und Opfern sexueller Gewalt in einer therapeutischen Gruppe und die Kombination psychoanalytisch orientierter Einzel- und Gruppenpsychologie in der ambulanten Behandlung.

Im Anhang gibt es noch ein Literaturverzeichnis.

Die einzelnen Kapitel sind zum geringen Teil unveröffentlicht, die anderen sind an verschiedenen Orten erschienen und überarbeitet worden.

„Es kommt nicht so sehr darauf an, was der Therapeut tut, sondern wer er ist.“ (S. 56) Dieses Leitmotiv von Hirsch wird ausführlich ausgeführt, das Prinzip der Behandlung wird auch genau erklärt. Auch Schuldsymptomatiken als wesentliches Element der modifizierten psychoanalytischen Traumatherapie kommen nicht zu kurz.

Hirschs Konzept einer modernen psychoanalytischen Traumatologie kann als Hintergrundwissen nicht schaden. Es wird ausführlich beschrieben in:

Mathias Hirsch: Traumatische Realität und psychische Struktur. Zur Psychodynamik schwerer Persönlichkeitsstörungen, Psychosozial, Gießen 2022, ISBN: 978-3-8379-3130-3, 32,90 EURO (D)

Mathias Hirsch vermittelt in diesem Buch ein psychodynamisches Verständnis schwerer Psychopathologien. Ausgehend von Sándor Ferenczis Entdeckungen zu familiären Traumatisierungen entwickelt Hirsch ein Konzept einer modernen psychoanalytischen Traumatologie.

Dieses Buch eignet sich gut zur Ergänzung oder Vertiefung.


Buch 6

Marie Kortenbusch: Wie Gott mich schuf. Katholisch queer #OutinChurch, Patmos, Ostfildern 2023, ISBN: 978-3-8436-1447-4, 16 EURO (D)

Marie Kortenbusch gehört unter den 100 Protagonist*innen der ARD-Dokumentation OutInChurch zu den sechs Personen, deren Geschichte ausführlich dargestellt wird. Sie ist lesbisch und gleichzeitig katholisch engagiert.

Marie Kortenbusch erzählt in diesem teilweise biografischen Buch von Zweifeln,  Kampf und Hoffnung und auch Mut zu ihrer sexuellen Orientierung.

Verwurzelt im Katholizismus und engagiert als Religionslehrerin, gesellschaftlich und kirchlich diskriminiert, erlebt sie Solidarität in einer niederländischen Hausgemeinschaft und der ersten queeren Gemeinde Münster. Kraft schöpft sie auch aus ihrer Gottesbeziehung und der mehr als 40-jährigen Liebe zu ihrer Frau Monika Schmelter. Aufgeben will sie ihre Kirche trotz allem nicht.

Ihr Buch gewährt tiefere Einblicke in das Seelenleben der Autorin und ihrer Partnerin und steht bestimmt für eine Reihe anonymer LSBTIQs, die sich in irgendeiner Weise mit dem Christentum verbunden fühlen.

Aufgrund der bis heute trotz einiger Annäherungsversuche und Formen der Akzeptanz geltenden LSBTIQ-skeptischen bis – feindlichen Haltungen oder auch wegen persönlicher Ausgrenzungserfahrungen halten viele LSBTIQs Distanz zu religiösen Organisationen.

Dies ist ein emotional geschriebenes Buch, mit starken Botschaften. Bemerkenswert ist, dass sie nicht ihren Glauben ohne Institution lebt.

Es wäre zu hoffen, dass noch mehr Menschen wie die Autorin sich dafür einsetzen, dass Kirche in unserer Zeit wandelbar ist und sich der Notwendigkeit einer Glaubenspraxis bewusst wird, die in keinerlei Richtung diskriminiert. Und anderen ein Vorbild sind.