Vor 20 Jahren starb der "Entropie-Ökonom" Nicholas Georgescu-Roegen
von Saral Sarkar
Guido Speckmann, nd-online und Greenhouse Infopool gebührt sehr viel Dank für den Artikel über Nicholas Georgescu-Roegen.
Spätestens jetzt sollten sich nicht nur Ökono- men, sondern auch intelligentere politische AktivistInnen mit seiner Lehre befassen.
Sein Hauptwerk ist zwar schwere Kost, es gibt aber eine deutsche Übersetzung [1] eines leicht verständlichen und kürzeren Textes:
'The Entropy Law and the Economic Process in Retrospect'; veröffentlicht im Jahre 1987 vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, Berlin (der Titel ist zwar englisch, der Inhalt ist aber eine deutsche Übersetzung).
Und nun drei Sachen, die ich zum Inhalt des Artikels von Speckmann sagen möchte:
Erstens möchte ich etwas richtig stellen:
Speckmann schreibt:
„Kritiker wenden ein, dass die Erde kein isoliertes, sondern ein geschlosse- nes System ist, weil sie durch die Sonneneinstrahlung Energie aufnimmt.“
Der Satz sollte lauten: ..., sondern ein offenes System ist, weil sie durch die Sonneneinstrahlung Energie aufnimmt.“ Ein geschlossenes System ist die Erde nur in Bezug auf Materie (wenn man von Meteoritengestein und Asche von verbrannten Meteoriten absehen darf).Zweitens darf man nicht aus der Tatsache, dass die Erde in Bezug auf Energie (Sonnenenergie) ein offenes System ist, schließen, dass die Mensch- heit sich keine Sorgen um Energieversorgung machen muss.
Wie Georgescu-Roegen schon 1978 in einem Aufsatz zeigte,:
(„Technology Assessment: The Case of he Direct Use of Solar Energy“ [2]) kann Solarenergie das Energieversorgungsproblem einer Industriegesell- schaft nicht lösen. Das Gerede von grünem Wachstum, grüner Industriegesellschaft etc. sind eigentlich nur Illusionen.Drittens möchte ich sagen, dass Georgescu-Roegens Pessimismus übertrieben war. 1971 schrieb er:
„Selbst bei einer konstanten Bevölkerungszahl und einem konstantem Fluss von mineralischen Ressourcen pro Kopf wird die Mitgift der Menschheit [er meinte fossile Energie] schließlich erschöpft sein, wenn die Karriere der Gattung Mensch nicht früher durch andere Faktoren zu Ende gebracht wird.“
Eigentlich steht nicht die Karriere der Gattung Mensch vor ihrem Ende, sondern die der Industriegesellschaft. Die letztere kann nicht ohne fossile Energieträger weiter existieren, die Gattung Mensch schon, allerdings mit einem Lebensstandard und mit einer Bevölkerungszahl wie vor dem Beginn des Zeitalters der fossilen Energie.
Saral Sarkar [3]
[1] tinyurl.com/entropiegesetz-pdf
[2] http://link.springer.com/article/10.1007/BF02300267
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Saral_Sarkar
Der Entropie-Ökonom
Er ist ein Vordenker der wachstumskritischen Bewegung. Doch Nicholas Georgescu-Roegen, der vor 20 Jahren starb, ist in Deutschland kaum bekannt - zu Unrecht
Von Guido Speckmann
"Jeder heute neu gebaute Cadillac verkürzt die Lebenschancen künftiger Generationen." Diese für die jetzige Generation unangenehme Aussage ist die Quintessenz eines Buches, das 1971 erschien und seinen Autor, einen bis dato hoch anerkannten Wirtschaftswissenschaftler zu einem Außenseiter seiner Zunft werden ließ - und gleichzeitig zum Stichwortgeber der heute so 'en voguen' Wachstumskritik. Der Titel des Buches lautet «The Entropy Law and the Economic Process».
Der Verfasser war der in den USA lehrende Nicholas Georgescu-Roegen, dessen 20. Todestag sich am 30. Oktober jährt. Mit seinem Hauptwerk und bereits zuvor erschienenen Artikeln hatte er bereits ein Jahr später großen Einfluss auf eine Veröffentlichung ausgeübt, die bis heute ungleich bekannter ist:
«Die Grenzen des Wachstums» des 'Club of Rome'. Mit dieser rückte zum ersten Mal in ein breiteres Bewusstsein, dass ein stetiges Wirtschaftswachstum durch die Erschöpfung der Ressourcen in Zukunft an ein Ende geraten könnte.
Die autorisierte französische Übersetzung einer Aufsatzsammlung von Georgescu-Roegen aus dem Jahr 1979 gab zudem der französischen wachstumskritischen Bewegung ihren Namen: «decroissance». Im akademischen Feld gilt der gebürtige Rumäne und überwiegend in den USA Lehrende als Begründer der sogenannten Ökologischen Ökonomie.
Er selbst bevorzugte allerdings den Begriff Bioökonomie. Sein Hauptverdienst besteht darin, theoretisch begründet zu haben, was kurze Zeit später mit der Ölkrise von 1973 zumindest vorübergehend jedem klar wurde: die eminente Bedeutung der Energie für moderne Volkswirtschaften. Sein bioökonomischer Ansatz, der erstmals die biophysischen Grenzen des Wachstums begründete, brach daher nicht nur mit dem vorherrschenden neoklassischen Paradigma in der Wirtschaftslehre, sondern auch mit dominanten marxistischen Anschauungen.
Was sind die Hauptgedanken von Georgescu-Roegens? Sie kreisen um die Übertragung von physikalischen Erkenntnissen, insbesondere aus dem Bereich der Thermodynamik und der Entropie, auf ökonomische Prozesse. Ausgangspunkt seiner Überlegung ist, dass jeglicher ökonomischer Prozess mit dem Verbrauch von Energie einhergeht sowie die Unterscheidung von verfügbarer und unverfügbarer Energie.
Der erste Hauptsatz der Thermodynamik, jenes Teilgebietes der Physik, der im 19. Jahrhundert entwickelt wurde und sich mit der Möglichkeit beschäftigt, durch Umverteilen von Energie zwischen ihren verschiedenen Erscheinungsformen Arbeit zu verrichten, lautet:
Der Gehalt an Energie in einem isolierten System, d.h. ein System, das weder Energie noch Materie mit einem anderen System austauscht, ist immer konstant.
Die verfügbare Energie hingegen - und darin besteht der zweite Hauptsatz - geht ständig und unwiderruflich in nicht verfügbare Zustände über. Die nicht verfügbare Energie/Temperatur ist die Entropie. Georgescu-Roegen überträgt nun insbesondere diesen zweiten Hauptsatz auf ökonomische Prozesse. Er stellt fest, dass «der ökonomische Prozess in allen seinen materiellen Bestandteilen entropisch ist».
Weiter hier:
www.nd-online.de/artikel/950254.der-entropie-oekonom.html
Nicholas Georgescu-Roegen
... wurde 1906 im rumänischen Constanta geboren. Der Sohn eines Armee- Hauptmannes studierte Mathematik in Bukarest und ging dann nach Paris und London, wo er sich der Statistik zuwandte. Ab 1934 wirkte er zwei Jahre an der Harvard-Universität in den USA, wo er Joseph Schumpeter, aber auch Marxisten wie Oskar Lange und Paul Sweezy, kennenlernte und sich mit Ökonomie beschäftigte. Schumpeter hielt große Stücke auf den Rumänen und wollte mit ihm sogar ein Buch verfassen. Doch Georgescu-Roegen fühlte sich seinem Heimatland verbunden und arbeitete bis 1948 in Bukarest, unter anderem als Vizedirektor des Zentralen Statistikinstituts. Als 1948 die kommunistische Regierung in Rumänien etabliert wurde, emigrierte er zusammen mit seiner Frau in die Vereinigten Staaten. Von 1949 bis 1976 lehrte er an der Vanderbilt- Universität in Nashville Ökonomie. Mit seinem Hauptwerk »The Entropy Law and the Economics Process « (1971) wurde er Begründer der Bioökonomie und Ökologischen Ökonomie. Sein Werk wird überwiegend von wachstumskritischen Wissenschaftlern und Ökosozialisten rezipiert. In deutscher Sprache liegen nur wenige Texte von ihm vor. Georgescu-Roegen starb am 30. Oktober 1994 in Nashville.