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Verknappung zentraler Ressourcen absehbar

von Kontext TV

„Der geplünderte Planet“ - neuer Bericht an den Club of Rome


Mehr als 40 Jahre nach dem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ stellte der Club of Rome nun seinen neuen Bericht vor: „Der geplünderte Planet“.

Autor Ugo Bardi erläutert im Kontext-TV-Interview, welche Folgen der Raubbau an der Erde hat und warum es in den kommenden Jahrzehnten zu Ressourcen-Knappheiten kommen wird. Neben Öl könnte es auch bei Uran und Kupfer bald zu Engpässen kommen.

Noch gravierender aber sind laut Bardi die Umweltfolgen des Raubbaus: Radioaktive Materialien und Schwermetalle vergiften die Erde, der wachsende CO2-Ausstoß führt zu einem katastrophalen Klimawandel.

UGO BARDI, Professor für physikalische Chemie an der Universität Florenz, Autor des Berichts an den Club of Rome "Der geplünderte Planet"

Interview: Fabian Scheidler

Fabian Scheidler: Herr Bardi, was sind die Hauptergebnisse Ihres Berichts?

Ugo Bardi: Der Tenor des Buchs ist, dass wir mit dem Rohstoffabbau der letzten paar hundert Jahre - eine Aktivität, die bereits seit Jahrtausenden von Menschen ausgeübt wurde - eine gewisse Grenze erreicht und unseren Planeten völlig transformiert haben. Unser Planet ist nicht mehr, was er vor 50, vor 100 Jahren war. Es ist ein Planet, in der die grundlegenden Ressourcen, Mineralienvorkommen und Erze, die wir ausbeuten, um unsere Zivilisation oder die Welt, wie wir sie kennen, aufzubauen, verbraucht und über das gesamte Ökosystem verteilt worden sind. Das erzeugt zwei Probleme. Eines ist die Erschöpfung der Vorräte in dem Sinne, dass der Abbau von Rohstoffen immer teurer wird. Bisher ist noch nichts wirklich völlig aufgebraucht worden, aber der Abbau wird immer aufwändiger, was die Energiekosten betrifft. Und da wir unsere Energie vor allem aus mineralischen Ressourcen gewinnen, ist das ein Problem. Das zweite Problem, die Umweltverschmutzung, ist wahrscheinlich noch schlimmer; denn diese ganze gewaltige Masse von Material - wir sprechen von Billionen Tonnen - wurden extrahiert und verarbeitet und muss irgendwo hin. Diese Materialien sind nun über die Erde verteilt, in Formen, die sich unmöglich zurückgewinnen und in den industriellen Kreislauf reintergrieren lassen. Wir haben Schwermetalle, radioaktive Materialien, Schutt und vor allem Kohlendioxid, das heute vermutlich das größte Übel ist, denn es verursacht ein kleines Problem, das Globale Erwärmung oder Klimawandel genannt wird - obwohl wir es eigentlich katastrophalen Klimawandel nennen sollten, denn genau das riskieren wir, wenn wir so weitermachen wie bisher.

Fabian Scheidler: Welche wichtigen Mineralien werden als erste knapp werden?

Ugo Bardi: Wir haben einige kritische Ressourcen, zum Beispiel Uran. Uran ist ein interessanter Fall, denn es gibt keine ausreichenden Uranvorräte. Seine Produktion reicht nicht aus, um die existierenden Kernkraftwerke zu versorgen. Wie werden die Kraftwerke dann betrieben? Sie werden durch Uran betrieben, das von alten nuklearen Sprengköpfen stammt. Man könnte denken, dass das gar keine so schlechte Idee ist, aber das ist eine sehr begrenzte Ressource, die natürlich stark politisch verwaltet wird. Die Verträge, die es möglich machen, diese Sprengköpfe zu demontieren und in Brennstoff für Kernkraftwerke umzuwandeln, sind sehr heikel. Und bei dieser Knappheit wäre ich nicht überrascht, wenn Uran die erste Ressource mit einem krisenhaften Verfügbarkeitsproblem werden sollte.

Fabian Scheidler: Sie haben schon über das Energiedilemma gesprochen. Viele Menschen glauben, dass Ressourcen irgendwann einfach aufgebraucht sein werden, dass gar nichts mehr von ihnen übrig ist. Aber Sie argumentieren, dass wir bereits nicht mehr genug von ihnen haben werden, bevor die Ressourcen tatsächlich erschöpft sind. Und zwar weil wir nicht mehr über genug Energie verfügen werden, um die Materialien aus Erzen mit immer geringerer Konzentration zu extrahieren. Was hat es mit diesem Energiedilemma auf sich?

Ugo Bardi: Das ist ganz einfache Physik. Vor langer Zeit haben Leute Kohle mit Pickhacken geschürft. Das ist einfach, man brauchte dazu nur Muskelenergie. Aber heute benutzen wir gigantische Maschinen, um Kohle zu extrahieren. Und um diese Maschinen - die größten landgestützten Maschinen, die je geschaffen wurden - auch nur herzustellen, brauchen wir Stahl, und um Stahl herzustellen, brauchen wir Eisen, und um Eisen herzustellen, brauchen wir Eisenerz. Um also eine Maschine für den Kohlebergbau herzustellen und zu betreiben, braucht man viel Energie - und das ist teuer. Das ist das Konzept des Energieertrags oder des Energy Return on Investment, auch „Erntefaktor“ genannt. Es geht auf eine Idee aus den Wirtschaftswissenschaften zurück: das Gesetz von der sinkenden Kapitalrendite. Das Problem ist, dass man zuerst in die profitabelsten Bereiche investiert; wenn sie erschöpft sind, wird in die weniger profitablen investiert - und so entsteht das Problem der sinkenden Erträge. Das gibt es überall. Im Moment ist das Problem nicht, dass wir bald gar keine Ressourcen oder gar keine Energie mehr haben. Es ist, als ob wir einen Pfad entlanggehen, der immer mehr ansteigt. Erst merkst du gar nicht, dass es nach oben geht, denn der Pfad steigt nur sanft an. Beim Weitergehen merkst du, dass es immer steiler wird, und du fängst an, erschöpft zu sein, aber du kannst immer noch weitergehen. Und dann merkst du plötzlich, dass der Pfad richtig steil ansteigt, und du musst plötzlich anfangen zu klettern und dich mit den Händen festhalten, und an einigen Stellen kannst du nicht mehr weiterklettern. Wir sind noch nicht an diesem Punkt, aber wir müssen beginnen zu verstehen, dass die Steigung irgendwann so steil werden wird, dass wir nicht mehr weiterklettern können und anhalten und wieder heruntergehen müssen.

Fabian Scheidler: In Ihrem Buch haben Sie das Beispiel Kupfer benutzt. Als die Kupferausbeute begann, enthielt Kupfererz 15 Prozent Kupfer, und jetzt sind es nur noch 0,3 Prozent?

Ugo Bardi: Ja, nur noch etwa 0,5 Prozent. So lange wir noch Energie haben, können wir Kupfer vielleicht noch zehn, zwanzig Jahre gewinnen, dann wird es ohnehin kritisch werden. Das Problem ist aber, dass wir vermutlich weniger Energie zur Verfügung haben werden, und in diesem Fall wird es sehr schwer werden, die Kupferproduktion aufrechtzuerhalten - und dieser Punkt könnte bereits in ein paar Jahren eintreten.

Fabian Scheidler: Viele Ökologen befürchten, dass es eine Renaissance der Kohle geben wird, wenn das Öl knapp wird. Was sind die Konsequenzen für die Umwelt, wenn es eine Kohle-Renaissance gibt?

Ugo Bardi: Die Ökologen liegen leider vollkommen richtig. "Leider" nicht nur wegen der Ökologen, sondern wegen uns allen. Es gibt schon jetzt eine Renaissance der Kohle. Der Kohleabbau steigt, besonders in China. Die Kohleförderung ist dabei, das Niveau von Öl zu erreichen. Öl hatte Kohle als eine Energieressource in den 50er oder 60er Jahren überholt, aber jetzt bleibt Öl mehr oder weniger konstant, während Kohle ansteigt. Und was passieren wird? Das System passt sich an, wie ich schon sagte. Da Öl immer schwerer zu produzieren ist, müssen wir zu einer weniger befriedigenden, teureren, problematischeren Ressource, nämlich Kohle, übergehen. Und das tun wir, denn unser System ist auf kurzfristige Profite ausgerichtet. Zum jetzigen Zeitpunkt bringt Kohle kurzfristige Profite. Allerdings gibt es da ein kleines Problem. Bei all diesen Herausforderungen gibt es das Element, das wir Umweltverschmutzung nennen und von dem viele Leute glauben, dass es eigentlich nur diese Grünen, diese Umweltschützer wirklich interessiert. Aber Umweltverschmutzung ist nicht nur etwas für Umweltschützer, sondern gehört zu den Produktionskosten. Es gehört zu den Dingen, die man später bezahlt - man bezahlt sie nicht gleich. Und man hofft, dass sie jemand anderes bezahlen wird und rechnet sie in die Produktionskosten gar nicht richtig ein. Und man denkt, man macht ein gutes Geschäft, indem man Kohle ausbeutet. Die Industrie jedenfalls macht vermutlich ein gutes Geschäft dabei. Aber irgendjemand anderes macht ein sehr, sehr schlechtes Geschäft, denn irgendjemand wird später dafür bezahlen müssen, den Dreck wieder wegzumachen. Es ist dasselbe beim Uran. Man kalkuliert, wie viel mit Uran produzierte Energie kostet. Und im Rahmen bestimmter Annahmen ist das naheliegend und ein Geschäft für bestimmte Leute. Wenn man aber die Kosten, den Dreck später wieder wegzumachen, miteinberechnet - was Hunderte von Jahren dauern wird -, dann ist das Geschäft nicht mehr so gut. Aber wenn die Kosten erst in hundert Jahren bezahlt werden müssen, dann werden viele sagen, das ist deren Problem, nicht meins. Und wir menschliche Wesen neigen leider dazu, auf diese Weise zu kalkulieren.

Fabian Scheidler: Hier in Deutschland gibt es ziemlich viel Widerstand gegen neue Kohlekraftwerke. Gibt es in Ihren Augen eine Möglichkeit, die Kohle-Renaissance zu verhindert? James Hansen, Klimawissenschaftler der NASA, zum Beispiel hat gesagt: Wenn wir es jetzt nicht schaffen, den Bau neuer Kohlekraftwerke zu verhindern, dann wird ein katastrophaler Klimawandel unausweichlich.

Ugo Bardi: Leider kann es sein, dass er Recht hat. Hansen schlägt eine Strategie vor, nämlich zu versuchen, den Bau neuer Kraftwerke zu stoppen. Das ist vermutlich unabdingbar. Um es klar zusagen: Wir riskieren die Zukunft der Menschheit, wir riskieren Auslöschung, wenn wir weitere Kohlekraftwerke bauen. Wir tun, was wir können, um das zu verhindern. Aber konfrontiert mit den Schwierigkeiten, die wir erleben - der Verweigerung, die Informationen zur Kenntnis zu nehmen -, sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Eine Sache ist allerdings wichtig. Manche sagen, Widerstand ist zwecklos. Aber so sollten wir nicht denken. Wir müssen sagen: Widerstand ist fruchtbar. Wir wehren uns, wir tun, was wir können. Vielleicht werden wir erfolgreich sein.

Fabian Scheidler: Zum Thema Fracking: Viele feiern Schiefergas und Fracking als einen Ausweg aus der Krise der fossilen Energie. Können Sie etwas über Fracking und Schiefergas sagen? Welche Bedeutung haben sie und was sind die Auswirkungen?

Ugo Bardi: Die Auswirkungen sind enorm, was Umweltzerstörung angeht. Fracking ist eine Technologie, die teuer, aufwändig, zerstörerisch und im Großen und Ganzen nutzlos ist, aber: sie hat diesen großen Vorteil, dass sie einen Profit generieren kann. Und das ist der Grund, weshalb sie angewandt wird. Wenn Leute zum Beispiel in Wohnungsbau investieren, gehen sie davon aus, dass es möglich ist, Häuser zu bauen und damit Geld zu erwirtschaften, indem man die Häuser verkauft. Das ist eine Investition. Bei Fracking oder Schiefergas gilt das gleiche: Man weiß, dass man Schiefergas produzieren kann. Also investiert man in Anlagen und hofft, dass man dann Geld damit machen kann, dass es dafür einen Markt geben wird. Das liegt aber nicht auf der Hand. Ebensowenig wie es auf der Hand liegt, dass es einen Markt für Häuser geben wird, die heute gebaut werden, liegt es auf der Hand, dass es zu den Kosten, zu denen Schiefergas produziert wird, auch einen Markt geben wird. Es ist teuer. Im Moment ist es in den Vereinigten Staaten so, dass das meiste Schiefergas mit Verlust produziert wird. Es ist eine finanzielle Blase. Man investiert Geld in etwas in der Hoffnung, dass es später mehr Geld abwirft, aber jetzt geht das ganze den Bach runter, weil Leute Geld dabei verloren haben. Fracking kostet eine Menge Geld. Und der Markt kann nur eine bestimmte Menge absorbieren. Ich glaube, dass man sich an die ganze Sache mit dem Schiefergas oder Fracking in der Zukunft als eine riesige Blase erinnern wird, die eine Unmenge von Ressourcen verschwendet hat, die wir dringend für andere Dinge gebraucht hätten, die aber bedauerliche Weise auf diese Weise vergeudet wurden.

Fabian Scheidler: Welche Auswirkungen haben Fracking und Schiefergas für die Umwelt und die menschliche Gesundheit?

Ugo Bardi: Man versucht, Schiefergas als eine umweltfreundliche Technik zu verkaufen, aber die Daten, die wir haben, zeigen, dass sie tatsächlich nicht sonderlich umweltfreundlich ist. Erdgas produziert theoretisch zwar weniger Treibhausgase pro Energieeinheit als Kohle. Das ist ein Punkt zugunsten von Fracking oder Schiefergas. Aber in der Realität ist die Technik nicht sehr verlässlich, und beim Betrieb, beim Fördern, beim Bohren gibt es immer Verluste von Gas. Und dieses Gas, das verloren geht - Methan -, ist ein sehr starkes Treibhausgas. Die Daten sind zwar nicht sehr klar, weil der Prozess so neu ist. Niemand weiß, welcher Anteil von dem Gas verloren geht, wie es mit der Effizienz des Vorgangs aussieht. Dinge sind im Allgemeinen nie so effizient, wie man sie gern hätte. Aber einige Daten sagen, dass Fracking mehr Treibhausgase freisetzt als Kohle. Andere Daten sagen, dass es nicht so schlimm ist. Im Großen und Ganzen aber können wir sagen, dass Fracking nicht sauber ist, absolut nicht.

Fabian Scheidler: Es gibt, auch in Deutschland, eine große Diskussion über die Verschmutzung von Grundwasser durch Fracking.

Ugo Bardi: In den Vereinigten Staaten haben sie die Wasserressourcen riesiger Landstriche bereits zerstört. Hier in Europa haben wir ein noch größeres Problem, denn die Bevölkerung ist hier bedeutend dichter. Daher wird Fracking hier Probleme erzeugen, die in den Vereinigten Staaten wahrscheinlich weniger schlimm wären. Das ist ein weiterer Grund, weshalb wir damit sehr vorsichtig sein sollten.

Fabian Scheidler: Andere „unkonventionelle“ Quellen fossiler Brennstoffe sind Teersande und Schieferöl. Können sie etwas zu den ökologischen Auswirkungen dieser Ressourcen sagen?

Ugo Bardi: Es ist dasselbe wir mit Schiefergas. Alle diese neuen Ressourcen sind teuer und umweltverschmutzend. Teersande, Schieferöl, Schiefergas, "tight gas" im Allgemeinen - es ist immer dasselbe: Wir sind nicht gezwungen, diese Ressourcen auszubeuten. Besonders wenn wir einsehen könnten, wie teuer sie wirklich sind. Aber der finanzielle Mechanismus, der Investitionen an bestimmte Stellen lenkt statt an andere, sorgt für eine tragische Situation. Denn eigentlich sind wir nicht gezwungen, diese extrem teuren und zerstörerischen Ressourcen zu verwenden. Wir könnten dieselben Summen in erneuerbare Energien investieren, und wir hätten dieselbe Menge an Energie für einen bedeutend niedrigeren Preis, wenn wir die Umweltzerstörung miteinrechnen. Unglaublich niedriger. Aber das System ist nicht darauf ausgerichtet, diese Art von Entscheidungen zu treffen. Und die Leute suchen den kurzfristigen, sofortigen und lokalen Profit. Und so machen wir diesen immensen historischen Fehler, der die Zukunft der Menschheit jahrhundertelang begleiten wird. Aber es ist sehr schwer, diese Dynamik zu stoppen, denn die gesamte fossile Industrie hat eine ungeheure finanzielle Macht - und sie neigt dazu, die Sachen weiter zu betreiben, die sie kennt. Eine gewisse Zeitlang haben sie in erneuerbare Energie investiert, aber jetzt haben sie damit aufgehört. Sie sind in einer angespannten Situation, aber sie können mit fossilen Ressourcen noch Geld verdienen. Auf der einen Seite ist es vollkommen verständlich, aber auf der anderen zerstört es den halben Planeten. Wir können nur hoffen, dass es nicht so schlimm kommt, wie es kommen kann, aber ich fürchte, das wird es tun.

Fabian Scheidler: In Ihrem Buch sprechen sie auch über die Bedeutung von Metallen und Bergbau für Imperien. Wie hängen Metallverarbeitung, Bergbau, Waffen, Kriege und Imperien in der Geschichte zusammen?

Ugo Bardi: Das ist ein sehr interessanter Punkt. Wenn man an diesem Thema arbeitet, findet man immer wieder neue Dinge heraus. Und wenn man so ein Buch schreibt, lernt man wahrscheinlich mehr, als wenn man 100 Bücher lesen würde, denn man muss forschen und all diese Geschichte verdichten. Dabei haben wir die enge Beziehung entdeckt, die es bis vor kurzem noch zwischen Edelmetallen und dem Finanzsystem gegeben hat, dem monetären System, das ziemlich primitiv begonnen hat, aber dann wuchs und dieses enorme Ding wurde, das es heute ist, auch wenn es nicht mehr auf Metallen basiert. Imperien wurden einst auf der Verfügbarkeit von Gold gegründet, denn Gold war eine militärische Waffe. Es wurde benutzt, um Soldaten zu bezahlen. Das Wort Soldat selbst kommt von einem lateinischen Wort für Münze. So wurde das gemacht: Wenn du Gold hattest, konntest Du Soldaten bezahlen, schufst ein kleines Königreich, stahlst noch mehr Gold, bezahltest noch mehr Soldaten, vergrößertes dein Königreich, das dann ein Imperium wurde. So hat das funktioniert. Bis Gold seine Bedeutung als militärische Waffe verlor, weil die Technik an seine Stelle trat. Denn dann gab es wirksame Waffen wie Kriegsschiffe zum Beispiel, und Kriegsschiffe brauchten Kohle. Kohle wurde das Grundelement von Imperien. Das British Empire wurde auf der Kohle errichtet. Es war das erste globale Imperium. Es dauerte so lange, wie die britische Kohle ausreichte. Als die britische Kohle zur Neige ging, verschwand auch das British Empire. Auch heute basiert unser Imperium vor allem auf der Basis von fossilen Brennstoffen. Wer die Kontrolle über die fossilen Brennstoffe hat, regiert die Welt. So einfach ist es.

Fabian Scheidler: Was sind unsere Optionen? In Ihrem Buch beschreiben Sie verschiedene Szenarien. Eines ist extremer Klimawandel, bei dem sich die Menschen in entlegene Gegenden wie die Antarktis zurückziehen. Ein anderes Szenario sagt, dass wir in eine Agrargesellschaft wie die des Mittelalters zurückfallen könnten. Welche Optionen haben wir?

Ugo Bardi: Es gibt viele Möglichkeiten, von denen Sie einige genannt haben. Was sich nicht verändern wird, ist, dass wir ganz grundlegend Bergleute sind. Wir begannen zu Beginn der Steinzeit, Bergleute zu sein, und wir werden Bergleute bleiben. Es ist fast unmöglich, sich eine menschliche Gesellschaft vorzustellen, in der wir nicht irgendetwas aus dem Boden herausholen. Für zehntausende von Jahren, selbst wenn wir zu einer Agrargesellschaft zurückgehen, werden wir weiterhin den Abfall, den unsere Gesellschaft hinterlässt, als Ressource abbauen, zum Beispiel um Eisen zu gewinnen. Das ist sehr wahrscheinlich. Wenn wir kluge Bergleute sind, werden wir unsere Gesellschaft am Leben erhalten, aber wir werden unsere Ressourcenquellen verändern müssen. Bisher haben wir abgebaut, was die Erde über hunderte von Millionen von Jahren in einem geologischen Prozess produziert hat. Das alles wird gerade zerstört. Also brauchen wir neue Minen. Und wir können keine neuen Minen auf diesem Planeten finden, denn es gibt keinen Ort, wo wir uns vorstellen können, die Art von leicht zugänglichen Ressourcen zu entdecken, wie wir sie bisher hatten. Die neuen Minen werden daher Teil des industriellen Kreislaufs sein. Wenn wir es schaffen, eine industrielle Gesellschaft zu erhalten, was durchaus möglich ist, dann können wir, solange wir Energie haben, unsere Abfälle als Ressourcenquelle verwenden und den Kreislauf schließen und damit weitermachen. Ich weiß nicht, ob für immer, aber jedenfalls für eine lange Zeit. Das erfordert aber einiges an Anpassung. Denn in einer Welt, in der mineralische Ressourcen nicht aus Minen stammen, die billig sind, musst du an deinem Abfall arbeiten, du musst ihn organisieren. Wenn man einfach alles zusammengemischt wegwirft, dann wird es schrecklich teuer, Dinge wieder zu trennen. Daher muss der Abfall gemanagt werden. Wenn wir das tun - womit wir mit einiger Mühe schon begonnen haben -, dann zerstören wir das, was wir verwenden, nicht physisch. Wir haben vorhin über Kupfer gesprochen. Kupfer wird abgebaut, es wird gebraucht, aber wir zerstören es nicht, es existiert noch irgendwo. Wenn wir es klug gebrauchen, können wir es wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückfließen lassen und es weiter verwenden. Das ist die große Herausforderung, der wir heute gegenüberstehen.

www.kontext-tv.de/node/359
English version:
www.kontext-tv.de/node/364