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Ökologischer Bruch

von Jürgen Suttner - SoKo - Siegen

Es erstaunt schon sehr, dass bei den Überlegungen über die 'NAO Essentials' die ökologische Frage, ja genauer, der katastrophale Umgang der kapitalistischen Gesellschaftsordnung mit der Natur als unsere Lebensgrundlage, nicht, oder bestenfalls nur am Rande, erwähnt wird. Was kann der Grund dafür sein?

Als Marx 1875 das Gothaer Programm kritisierte schrieb er: „Die Arbeit ist nicht Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebenso Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) MEW 19 S. 15.

Wie damals die SPD nur die gesellschaftliche Arbeit im Blick hatte, scheint heute vor allem die Gesellschaft als gesellschaftliche Beziehung im Fokus zu sein. Die Natur als stoffliche Grundlage der menschlichen Existenz geht bei dieser Sichtweise verloren. Damit löst sich aber die Gesellschaft in ein immaterielles Beziehungsgeflecht auf. Um dem etwas entgegen zu setzen haben wir drei SoKo’s  den Punkt „Ökologischer Bruch“ eingeführt. Dazu hatte ich meine folgenden Vorüberlegungen geschrieben.

Vorüberlegungen zum NAO Essential:  Ökologischer Bruch

Seit den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Mensch zum ersten Mal in seiner Geschichte die Möglichkeit durch die Atombombe die ganze Menschheit oder zumindest einen großen Teil zu vernichten. Dies hat sich in den letzten 60 Jahren zu einer umfassenden Gefährdung der Lebensgrundlage der Menschheit entwickelt. Neben der Klimaerwärmung, die dabei ist zu einer Klimakatastrophe umzukippen, ist der Stickstoffkreislauf massiv bedroht und hat das Artensterben einen kritischen Punkt überschritten. Aber auch die atomare und chemische Verschmutzung hat einen immensen Grad erreicht.

Diese globalen Krisen nehmen die Erdbevölkerung in einen umfassenden  und besonders die zukünftigen Generationen betreffenden  Würgegriff. Die Gattung kann sich letztlich nur von dieser Bedrohung befreien, wenn sie ihren Austauschprozess mit der Natur in ihrer Totalität auf eine neue, bewusste Stufe hebt.

Die Menschen sind grundlegend auf einen Austauschprozess mit der Natur angewiesen. Der Mensch lebt von und mit der Natur und dies wird auch in Zukunft so bleiben. Der Stoffwechselprozess mit der Natur wird durch Arbeit organisiert. Durch die gesellschaftliche Arbeit konnte der Mensch eine relative Unabhängigkeit oder Freiheit von der Natur erlangen. Die Menschen verändern die Natur und damit verändern sie auch die Natur des Menschen.

Mit diesem Prozess begann der Mensch seine Zukunft zu organisieren. Diese Unabhängigkeit ist aber nicht umfassend bewusst gestaltet, sondern sie hat ihre Grenzen in der Naturwüchsigkeit der gesellschaftlichen Produktivkräfte und deren gesellschaftlichen Verhältnissen. Mit der Entwicklung der gesellschaftlichen produktiven Kräfte wird diese relative Freiheit aufgesogen und immer wieder in eine Bedrohung verkehrt.

Die kapitalistische Gesellschaftsformation hat diese Entwicklung umfassend auf die Spitze getrieben. So wie die lebendige Arbeit im Kapitalismus nur dann ihren Wert hat, wenn sie in Tode Arbeit verwandelt werden kann, so hat auch die lebendige Natur nur dann ihre Bedeutung, wenn sie als toter Naturstoff in den Produktionsprozess verwertet werden kann. Durch den Zwang des Kapitals sich immer wieder auf erweiterter Stufenleiter zu reproduzieren, besteht auch der Zwang, sich auch stofflich immer umfassender zu reproduzieren.

Das heißt aber nicht, dass das Kapital gezwungener Maßen nun den ökologischen Zusammenhang in der Natur zu berücksichtigen würde; im Gegenteil, das Kapital ist nur in der Lage, kurzfristige einzelne Reparaturmaßnahmen zu ergreifen, um gleichzeitig die ökologische Krise auf noch höherer Stufe zu reproduzieren. Kapital kann nicht aus sich heraus gesamtgesellschaftlich bewusst handeln, weil es sich selbst und damit seine Prinzipien als gesamtgesellschaftliches Prinzip setzt.

So fördert diese Krise in den bürgerlichen Wissenschaften zwar auch neue Erkenntnisse über die ökologischen Zusammenhänge zutage, aber diese Erkenntnisse sind meistens nur auf Teilgebiete beschränkt und nehmen die Triebfeder der kapitalistischen Gesellschaftsordnung aus. Somit verkürzen sich die Vorschläge der Wissenschaft meist nur auf technische oder ökonomisierende (Emissionshandel) Lösungen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden dabei nur insoweit aufgegriffen, wie sie zur Absicherung und Erweiterung der Reproduktion des Kapitals dienen.

·      Solange die oben beschrieben Gefährdung der Menschheit durch die Naturzerstörung weiter besteht, ja sogar noch verschärft wird, lehnen wir jegliche Hoffnung ab, die ein „weiter so propagiert“ und dies mit dem Wunschdenken eines zu erwarteten wissenschaftlichen Fortschritt rechtfertigt.

·      Auf der anderen Seite bieten auch alle Varianten des „zurück zur Natur“ als auch die Theorie der kleinen überschaubaren Einheiten, oder der Kommune als mehr oder weniger überschaubare sich selber tragende Gemeinschaft, keine Alternative. Diese Überlegungen berücksichtigen nicht ausreichend die globalen gesellschaftlichen Produktivkräfte die ja mittlerweile zu globalen gesellschaftliche Destruktionskräfte herangewachsen sind, die somit auch nur in letzter Konsequenz in ihrer Totalität  überwunden werde können.

·       Die Triebfeder der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlage mit dem Konsum der Konsumenten zu begründen, lenkt das Problem von der Gesamtgesellschaft hin zum Individuum ab und lässt somit die Gesellschaft hinter dem Einzelnen verschwinden.

Darum gilt es heute die Kämpfe gegen die Zerstörung der Lebensgrundlage zu unterstützen und sie in ihrer gesamtgesellschaftlichen Dimension weiterzutreiben. Da der zerstörerische Stoffwechselprozess mit der Natur in der Produktionsebene stattfindet, ist auch hier vornehmlich anzusetzen. Letztlich wird hier der Kampf um einen anderen Naturumgang entschieden.

Es gilt hier, dass alles Produzieren (also der Stoffwechselprozess Mensch – Natur) so gestaltet wird, indem alle ökologischen Wechselwirkungen berücksichtigt, ja sie sogar als Produktivkraft gefördert werden, so werden mit dem Herausbringen der Naturpotenzen durch menschliche Arbeit auch die Naturbedingungen der menschlichen Existenz weiter ständig verbessert.

Somit können auch die Bedingungen der Natur, in ihrer Vielfalt, weiter entfaltet werden. Dies ist aber nur in dem Maße möglich, wie „an die Stelle der Herrschaft der Verhältnisse und der Zufälligkeiten über die Individuen, die Herrschaft der Individuen über die Zufälligkeit und die Verhältnisse, zu setzen“ sind. (MEW 3, 424)