"Die Kosten müssen nicht so hoch sein"
von klimaretter.info - Interview: Benjamin von Brackel
Johannes Lackmann, Windpionier und ehemals oberster Ökostromlobbyist, warnt davor, dass die Energiewende zu teuer werden und die Signalwirkung für die Welt verloren gehen könnte. Er verzichtet für seinen Windpark [1] auf eine Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz
klimaretter.info: Herr Lackmann, die Bürger zahlen inzwischen deutlich mehr für Strom - auch wegen der Ökostrom-Umlage [2], die von 3,6 auf 5,3 Cent pro Kilowattstunde gestiegen ist. Zu viel aus Ihrer Sicht?
Johannes Lackmann: Die Kosten müssen nicht so hoch sein. In den 5,3 Cent steckt ein großer Block Photovoltaik, der so nicht hätte kommen müssen, wenn man rechtzeitig runtergesteuert hätte. Die Politik hat irgendwann mal die Notbremse gezogen - man konnte ja von weitem sehen, dass da zu viel Speck war. Aber das wird jetzt noch ein Stück weitergehen.
Und bei der Windenergie?
Da deutet sich jetzt das gleiche an. Windparks können an vielen Orten schon deutlich günstiger Strom produzieren, als es die Vergütung durch das EEG vorsieht. Wenn jemand 2012 eine neue Windkraftanlage gebaut hat, dann kriegt er 10,5 Cent pro Kilowattstunde. An den besten Standorten in Norddeutschland kann er aber für unter sechs Cent die Kilowattstunde mit guter Rendite produzieren. Das heißt: Das ist fast die Hälfte zu viel. Dass diese Leute sauer sind, wenn man ihnen das sagt, kann ich natürlich nachvollziehen.
2007 sind Sie als Chef des Bundesverbandes Erneuerbare Energie [3] zurückgetreten, aus Frust über die "Mitnahmekultur" im Verband. Hat sich das inzwischen gebessert?
Nein. Vom Verband gibt es noch kein Signal einzulenken. Allerdings ist das letztlich auch nicht dessen Aufgabe, sondern die der Politik. Nur: Sie macht nichts. Umweltminister Altmaier will lieber in Konsensrunden darüber reden, wie man die Energiewende gestalten will. Er muss aber handeln!
Sie haben von "Drückerkolonnen" gesprochen [4], von einer "Branche, die sich mit Geld zuschütten lässt", die "bis ins Mark verdorben ist". Wie kam das im Verband an?
Die meisten sehen das genauso wie ich: Die Technologie wird günstiger, je weiter sie entwickelt wird. Deshalb müssen wir die Vergütung degressiv staffeln - und das ist ja bislang auch so gelaufen. Nur hat die schwarz-gelbe Bundesregierung die Kosten immer weiter angehäuft.
"Wenn die Branche die Kosten nicht in den Griff bekommt, gefährdet sie die Energiewende", haben Sie einmal gesagt - ist das jetzt schon der Fall?
Die Gesellschaft steht in großer Mehrheit nach wie vor hinter der Energiewende - die Hauptgefahr sehe ich woanders: Wenn die Energiewende in Deutschland im Nachhinein sehr teuer gewesen sein sollte, dann ist das Bild für das Ausland: Okay, ihr reichen Deutschen könnt euch die Energiewende vielleicht leisten, aber wir Schwellenländer können das nicht. In dem Fall haben wir dann nur begrenzt Erfolg gehabt.
Wahrscheinlicher ist aber doch, dass in den nächsten Jahren die Kosten weiter kräftig steigen werden - etwa durch den Netzausbau?
Nicht unbedingt. Wir brauchen wahrscheinlich weniger Netze [5], als es die Bundesregierung propagiert. Erstens wurden in der Vergangenheit die Netze überdimensioniert ausgebaut, um die Atomkraftwerke zu verbinden. Und zweitens ist der eindimensionale Nord-Süd-Transport von Energie gar nicht so sinnvoll. Überregionale Vernetzung ja, aber eher Querverbindungen statt einseitiger Nord-Süd-Trassen. Denn die brauchen wir nur, wenn die Bundesregierung einseitig auf Offshore-Windenergie setzt. Aber Offshore-Windstrom fördert wieder die Großunternehmens-Strukturen, muss über das Meer transportiert werden und ist mit 20 Cent die Kilowattstunde dreimal so teuer [6] wie Windstrom an Land.
Wie viel bekommen Sie denn für ihren eigenen Windpark gezahlt?
Für die alten Anlagen 9,1 Cent. Für neue bekommen wir ab diesem Jahr etwa zehn Cent. Und auch wir können hier deutlich günstiger produzieren. Das Problem ist: Wir haben an jedem Standort die gleichen Kosten. Aber der Ertrag ist an manchen Orten doppelt so hoch wie an solchen, wo weniger Wind weht. Dann kostet die Kilowattstunde an einem schlechten Standort doppelt so viel wie an einem guten Standort. Damit die Energiewende insgesamt gelingt, kann man aber nicht nur die Küstenstandorte bebauen; so viele haben wir davon nicht.
Deswegen schlagen Sie vor, die Windkraft im Süden stärker zu subventionieren als im Norden?
Wir müssen im Süden nichts drauflegen, da habe ich dazugelernt. Wir haben auch in Süddeutschland genügend gute Standorte. Das heißt: Oberhalb von zehn Cent braucht man auch dort keine Vergütung. Im Norden aber kann man sie absenken. Und zwar nicht nur aus volkswirtschaftlichen Gründen. Wenn zu viel Geld da ist [7], kann das verheerende gesellschaftliche Wirkungen anrichten: Die Wettbewerbsintensität lässt nach, es entstehen korrupte Strukturen, Verzerrungen, Neid - all das ist ungesund.
Sie sind mit ihrem Windpark aus dem EEG ausgeschert...
Es gibt ja viele, die Strom als Grünstrom frei verkaufen und das nicht nach dem EEG bezahlen lassen.
Verdienen Sie deswegen weniger?
Nein, im Gegenteil, wir haben sogar ein bisschen mehr dafür bekommen.
Das funktioniert doch aber nur als Nischenanbieter, wenn nicht jeder seinen Grünstrom vermarktet?
Das hängt von den Konditionen für Grünstrom ab. Wenn man solche, die 100 Prozent Grünstrom produzieren, von der EEG-Umlage befreit, sind sie auch wettbewerbsfähig.
Im Wahljahr 2013 wird die Kostendebatte wieder aufflammen. Könnte das EEG dann noch kippen?
Das EEG stand lange auf der Kippe, weil dessen Gegner für ein "Quotenmodell" [8] eintraten. Doch selbst FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle kritisiert das Quotenmodell: Dessen einzige Wirkung, so sagt er, könnte sein, die Branche so zu verunsichern, dass der Ausbau gar nicht mehr stattfindet. Tatsächlich ist das Quotensystem deutlich teurer. Dem gegenüber steht die Zuverlässigkeit und Kalkulierbarkeit des Mindestpreissystems des EEG. Die Quote ist ein pures Stück Ideologie.
Jetzt verteidigen Sie das EEG, obwohl Sie es selbst gar nicht mehr in Anspruch nehmen mit Ihrem Windpark.
Am EEG habe ich selbst mitgearbeitet und bin ein starker Befürworter dieser Mindestpreisregelung. Es muss nicht abgeschafft, es muss angepasst werden. Es ist ein Instrument, das eine ganz große Wirksamkeit entfaltet hat. Aber es muss auch gesteuert werden, man darf es nicht einfach treiben lassen, das ist die Aufgabe der Politik.
Ab wann kommen Wind- und Solarenergie ohne Subventionen aus dem EEG aus?
Das mit den Subventionen ist immer so eine Sache: Wird denn nicht auch der subventioniert, der seine Umweltfolgekosten nicht tragen muss? Wenn Sie für acht Cent im Schnitt Strom erzeugen und der Verbraucher zahlt 25 Cent - wo ist denn da das Problem? Das ist doch heute schon die Relation. Wir sind wettbewerbsfähig mit Windstrom - und das wird für die Photovoltaik in Zukunft auch so sein. Wenn die Nachfrage nach Solarmodulen anhält und die Herstellungspreise weiterhin sinken, könnte die Solarenergie vielleicht schon in fünf Jahren billiger sein als die Windenergie. Braunkohlekraftwerke hingegen werden heute kaum noch gebaut - weil sie sich nicht mehr rechnen.
JOHANNES LACKMANN [9] baute in den 1990er Jahren als einer der ersten in Nordrhein-Westfalen einen Windpark auf - den damals größten Binnenlandwindpark in Europa, heute vollständig in Bürgerhand. Als Chef des Bundesverbandes Erneuerbare Energie arbeitete er am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit. 2007 trat Lackmann als Verbandschef zurück, um gegen die dortige "Mitnahmementalität" zu protestieren.
Im Text verwendete Links:
1. www.westfalenwind.de
2. www.klimaretter.info/energie/hintergrund/12770
3. http://de.wikipedia.org/wiki/Bundesverband_Erneuerbare_Energie
4. www.ftd.de/unternehmen/handel-dienstleister/70067974.html
5. www.klimaretter.info/politik/hintergrund/13415
6. www.klimaretter.info/forschung/nachricht/13181
7. www.taz.de/Die-Profiteure-der-Energiewende/!113796
8. www.klimaretter.info/politik/nachricht/12777
9. tinyurl.com/b3d72kf
www.klimaretter.info/wirtschaft/hintergrund/13420