Widerspruch ist nicht Krise und Marx nicht Sismondi
Von Herbert Steeg
Hans-Peter Brenner ist überzeugt, aber sein Artikel1 nicht überzeugend. Denn kann wirklich von einer Krise von Umwelt, Klima, Kultur, Ideologie, Moral, Ethik usw. genauso gesprochen werden, wie von einer Wirtschaftskrise? Oder werden hier die Kategorien Krise und Widerspruch verwechselt? Krise ist immer etwas mit einem Verlauf. Was soll eine "Krise des Klimas" sein? Die Jahreszeiten? Das Wort Krise z.B. auf Umweltprobleme anzuwenden, halte ich für verniedlichend, denn es ermöglicht den Gedankengang "das wird schon wieder besser".
Das Arge an dieser These ist jedoch, verschiedenartigste Problemfelder in einem Begriff zu fassen, die nicht von einem Mechanismus bestimmt werden, die nicht Ausdruck eines Problems sind, ja teilweise nicht mal Folge des Kapitalismus.
Umweltprobleme gab es bereits im Feudalismus und davor. Ein Begriff kann nur geprägt werden, wenn es gemeinsam gültige Gesetzmäßigkeiten gibt, etwa Chemie als Begriff von den Gesetzen der Moleküle. Nicht so bei der Eintopfkategorie "allgemeine Krise". Zur Verdeutlichung: Ein Mensch kann gleichzeitig an Lungenentzündung, Bluthochdruck, Geschwüre, Inkontinenz und Fußpilz leiden. Die Diagnose "allgemein krank" gäbe keine Grundlage zur weiteren Behandlung.
Ärgerlich wird der UZ-Artikel da, wo Brenner die Unterkonsumtionstheorie Sismondi's Marx unterschiebt. Marx/Engels hatten bereits im "Manifest" Sismondi als Haupt des "kleinbürgerlichen Sozialismus" gebrandmarkt, der "reaktionär und utopisch zugleich"2 sei. Gerade Sismondi's Krisentheorie fand bei ihnen keine Gnade, wenngleich sie anerkannten, das Sismondi als erster den Arbeiter in der Ökonomie berücksichtigte. Brenner meint, Marx habe den "großen Schweizer Ökonomen" Sismondi gewürdigt, da dieser wichtige für den Krisenablauf verantwortliche Widersprüche aufgespürt habe, und führt dann ein Marx-Zitat an. Nur: die Schrift aus der dieses Zitat stammt, beschäftigt sich nicht mit Krisentheorie, es geht um den Ökonomen Malthus und sein Verhältnis zu Ricardo, Sismondi ... Deutlicher wird dies noch, wenn die Sätze ganz angeführt werden. Brenner ließ den Anfang weg, der (Sismondi betreffend) lautet: "Er fühlt namentlich den Grundwiderspruch: Ungefesselte ..."3 (Weiter wie bei Brenner.) Hier wurde keine Würdigung Sismondi's geschrieben. Schon zwei Sätze danach heißt es: "Er beurteilt die Widersprüche der bürgerlichen Produktion schlagend, aber er begreift sie nicht und begreift daher auch nicht den Prozeß ihrer Auflösung."4
Ähnlich beim zweiten Zitat zu Sismondi in Brenners Artikel5. Es stammt aus dem dritten "Kapital"-Band und auch im dortigen Textteil geht es nicht um Krisentheorie. Das Zitat stammt vielmehr aus dem Abschnitt zum "Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate", und der Absatz behandelt das vorübergehende Steigen des Arbeitslohns. Das Marx dort nicht Sismondi's Krisentheorie weiterführt, wie Brenner behauptet, ist offensichtlich. Zudem Sismondi im ganzen dritten "Kapital"-Band nur zweimal erwähnt wird, das erste Mal erst 225 Seiten nach dem von Brenner zitierten Satz.
W.I. Lenin kritisierte Sismondi ausführlich in der Schrift "Zur Charakteristik der ökonomischen Romantik"6, wobei seine Wortwahl schärfer ist, als die Marx'sche. Bereits auf der ersten Seite kennzeichnet er Sismondi als Reaktionär und Utopisten. Auf den 143 Seiten der Lenin'schen Schrift wird vor allem Sismondi's Idee, die Krisen folgten aus dem Zurückbleiben des Massenkonsums, wiederholt attackiert. Das Lenin härter formulierte, hatte seinen Grund in einer damaligen russischen Strömung, die sich marxistisch gab, aber real Sismondi nachplapperte.
Heute verstecken sich viele linke Keynesianer hinter einer Marx-Maske, oder glauben gar selbst, sie seien Marxisten. Deshalb beschäftige ich mich hier mit dem Brenner-Artikel. Wäre Sismondi nur ein theoretisches Randphänomen, würde ich ihm gern seine Auffassung lassen.
Es werden sich möglicherweise etliche wundern, wie Lenin die Debatte zwischen Angebotsökonomen - Adam Smith, Ricardo - und der nachfrageorientierten Ökonomie - Sismondi (heute Keynes) -, beurteilt: "Sismondi hat die kapitalistische Akkumulation absolut nicht begriffen, und in dem heißen Streit, den er in dieser Frage mit Ricardo geführt hat, war die Wahrheit im wesentlichen auf seiten Ricardos."7 Aber ähnlich hatte auch bereits Marx geurteilt: "Die Ökonomen, die wie Ricardo, die Produktion als unmittelbar identisch mit der Selbstverwertung des Kapitals auffassen - also unbekümmert, sei es um die Schranken der Konsumtion, sei es um die existierenden Schranken der Zirkulation selbst, soweit sie auf allen Punkten Gegenwerte darstellen muß, nur die Entwicklung der Produktivkräfte und das Wachstum der industriellen Bevölkerung im Auge halten - die Zufuhr ohne Rücksicht auf Nachfrage - haben daher das positive Wesen des Kapitals richtiger gefaßt und tiefer, als die, wie Sismondi die Schranken der Konsumtion und des vorhandnen Kreises der Gegenwerte betonen, obgleich der letztre tiefer die Borniertheit der auf das Kapital gegründeten Produktion, ihre negative Einseitigkeit begriffen hat."8
Für alle, die noch zweifeln, will ich den Sismondi auf die heutige Zeit anwenden. In der gleichen UZ-Ausgabe, die den Brenner-Artikel enthielt, wird der Reallohnverlust der Arbeitnehmer auf 2,9% für die Jahre 2000 bis 20109 beziffert. Damit keine/r denkt, ich habe einen zu geringen Wert angenommen, gehe ich mal von 5% aus. Es gibt in Deutschland 40 Millionen Erwerbstätige bei 82 Millionen Einwohnern. Davon müssen die Selbstständigen abgezogen werden, andererseits käme der Einfluß der Erwerbslosigkeit dazu. Sagen wir mal 50% Lohnabhängige in der BRD-Bevölkerung. Damit läge der Nachfragerückgang bei 2,5% (50% von 5% Lohnverlust). Diese Nachfrage würde die 2. Abteilung (Konsumtionsmittel) der Produktion10 betreffen. Ich nehme einmal eine alte DDR-Einschätzung des BRD-Verhältnisses der 1. zur 2. Abteilung von 70 : 30, auch wenn sich das heute wahrscheinlich auf deutlich unter 30% verändert hat11. 30% von den 2,5% wären 0,75% gesamtgesellschaftlicher Nachfragerückgang. Dann ist zu berücksichtigen, dass ein größerer Teil der Konsumtionsmittel aus dem Ausland kommt. Ich schätze einmal den Auslandsanteil auf 30%12. Damit wären 70% von 0,75% = 0,525% Nachfragerückgang der oberste Wert. Und diese 0,525% Nachfrageminderung in zehn Jahren sollen den Kapitalismus in Krisenabgründe stürzen?
Die marxistische Krisentheorie setzt anders an. Ich versuche eine simple Darstellung. Dazu muß ich die kapitalistische Wirtschaft extrem vereinfachen und gehe von einem Gebilde aus, in dem es nur noch die drei Kapitalisten A, B und C gibt. Der Kapitalist A produziert alles für den Gebrauch der Arbeitenden (Nahrung, Kleidung, Bildung, Gesundheit ...), der Kapitalist B produziert alle Produktionsmittel (Maschinen ...) und der Kapitalist C liefert alle Rohstoffe die benötigt werden. Nun wende ich auf alle drei Kapitalisten die Formel c+v+m13 an. Von A kommt alles zur Erhalt von v, von B das gesamte c und C kann auch wieder gut aufgeteilt werden. All das ist in Zahlen zu fassen und wir kommen zu Verhältnissen die gut und stabil funktionieren. Dann mache ich einen ersten Akkumulationsschritt und nichts funktioniert mehr. Denn das Wachstum bei A, B und C muss naturgemäß unterschiedlich sei, da das Verhältnis von Arbeitenden zu Maschinen (die organische Zusammensetzung des Kapitals) zwangsläufig unterschiedlich ist und zudem der Produktivitätsfortschritt bei den dreien verschieden. Nun ist die wirkliche Zusammensetzung der kapitalistischen Gesellschaften erheblich vielschichtiger, komplizierter und zerklüfteter als mein Beispiel. Deshalb entwickeln sich die Branchen und Wirtschaftszweige unfreiwillig immer wieder auseinander und müssen dann durch den Gewaltakt der Krise neu angeglichen werden. Zu ändern wäre das nur durch eine gesamtgesellschaftliche Planung.
Diese Theorie ist nicht problemlos allen zu vermitteln? Stimmt. Dafür bietet sie richtige Werkzeuge zur Kapitalismusanalyse. Wer sie heimlich durch Sismondi oder Keynes ersetzt, wird irgendwann in diesen theoretischen "Wassersuppen" ersaufen.
Herbert Steeg
1"Ära des Übergangs", UZ 18.02.2011 + jW 12.02.2011
2MEW 4, S. 485
3MEW 26.3, S. 50
4MEW 26.3, S. 51
5MEW 25, S. 267
6LW 2, S. 121 ff.
7LW 2, S. 148
8MEW 41, S.
9"Weniger Kaufkraft in der Tasche", UZ 18.02.2011
10Marx unterteilt die Produktion in zwei Abteilungen: 1. Abteilung Produktionsmittel, 2. Abteilung Konsumtionsmittel.
11Die Konsumgüterindustrie hatte 2008 einen Anteil von rund 2,5% an der deutschen Bruttowertschöpfung, etwa 1% Anteil
hatte "Land- Forstwirtschaft, Fischerei". Nun verstecken sich in der Statistik verschiedene, zur weit gefassten
Konsumtion gehörige Anteile. Trotzdem vermute ich stark, dass die Zahl heute deutlich unter 30% liegt.
122007 kamen 35,4% des Umsatzes des Ernährungsgewerbes aus dem Ausland. Deshalb halte ich meine Schätzung für eher
niedrig.
13Formel von Karl Marx für das Gesamtkapital: c = konstantes Kapital, v = variables Kapital, m = Mehrwert.