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Weltwirtschaftskrise. Die allgemeine Krise des Kapitalismus

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

[Auszug]

»Im Herbst 1929 wurde das kapitalistische Weltsystem erneut von einer Wirtschaftskrise erfasst. Noch Ende August hatte das Berliner Institut für Konjunkturforschung behauptet, „dass fast alle Länder sich fern von Krisis oder Depression in einer konjunkturell günstigen Lage, in einem Aufschwung oder einer Hochkonjunktur befinden“ (1).

Aber schon zwei Monate später verursachte die herannahende Wirtschaftskrise einen gewaltigen Börsenkrach in den USA, den größten, den es bis dahin gegeben hatte. An einem einzigen Tage, am 29. Oktober, betrugen die Kursverluste an der New Yorker Börse mindestens 25 Milliarden Dollar.

Dieser Tag wurde zum so genannten schwarzen Freitag der kapitalistischen Wirtschaft. Im November brach dann die Weltwirtschaftskrise offen aus. Die Industrieproduktion der kapitalistischen Welt ging von Oktober bis Dezember 1929 um 7,5 Prozent zurück, stärker und schneller als jemals zuvor.

Während bürgerliche Anbeter des Monopolkapitals und auch sozialdemokratische Ideologen, die an einen „organisierten Kapitalismus“ glaubten, von einer dauerhaften Stabilisierung des Kapitalismus träumten, wussten die Marxisten-Leninisten, dass die dem Kapitalismus innewohnenden Widersprüche gesetzmäßig eine neue zerstörende Wirtschaftskrise herbeiführen mußten.

Die Marxisten-Leninisten erkannten Relativität und Begrenztheit als charakteristische Merkmale der Stabilisierung, die der Kapitalismus in den vorhergehenden fünf Jahren erfahren hatte. Bereits auf dem Höhepunkt dieser Stabilisierung hatten sich die ökonomischen Disproportionen und Widersprüche zugespitzt und den Sturz in die Krise vorbereitet.

Auf dem 12. Parteitag der KPD im Juni 1929 hatte Ernst Thälmann die wirtschaftliche Entwicklung analysiert und war zu folgendem Ergebnis gekommen: „Schon im Jahre 1928, noch mehr in der Gegenwart, ist, hauptsächlich infolge der fehlenden Kaufkraft der Millionen der werktätigen Massen, eine Verengung der inneren Absatzmöglichkeiten festzustellen. Zu diesen allgemeinen Schwierigkeiten kommen noch die besonderen Schwierigkeiten des deutschen Imperialismus.“

Ernst Thälmann stellte fest, dass diese vor allem durch die Reparationslasten, durch die gewaltige Verschuldung der deutschen Wirtschaft an das Ausland und durch den Verlust beherrschender Positionen auf den Auslandsmärkten bedingt seien. Der Monopolkapitalismus werde mit seinen Schwierigkeiten nicht mehr fertig; die Konjunktur sei zu Ende. Die Krise der kapitalistischen Wirtschaft aber werde die Lage der Arbeiterklasse außerordentlich verschlechtern: „Die kommenden Herbst- und Wintermonate werden ein ungeheures Erwerbslosenheer bringen.“(2)

Diese Voraussage traf ein. Ende Januar 1930 gab es in Deutschland bereits 3,2 Millionen Arbeitslose. Damit wurde der Höchststand des Winters 1928/1929, der schon ein sprunghaftes Ansteigen der Arbeitslosenzahlen gebracht hatte, beträchtlich überschritten. Während aber in den vergangenen Jahren die Arbeitslosigkeit in der Saison stets stark zurückgegangen war, blieb sie schon im ersten Krisensommer 1930 sehr hoch, in der Nähe der Dreimillionengrenze.

Noch einen Monat nach dem Börsenkrach in den USA behauptete das Konjunkturinstitut, dass „eine allgemeine Wirtschaftskrise ... nicht zu erwarten“(3) sei. Der heftige Produktionsrückgang seit dem Herbst 1929 und die rasch wachsende Arbeitslosigkeit widerlegten aber bald alle derartigen Prognosen.

Ende 1929 war die Wirtschaftskrise bereits Wirklichkeit. Sie erfasste als erste Krise seit dem Weltkrieg alle Länder außer der Sowjetunion und zog alle Seiten der kapitalistischen Wirtschaft - Industrie und Landwirtschaft, Finanzwesen und Handel, die Währungen und die internationalen Wirtschaftsbeziehungen - in Mitleidenschaft.

Der Ausbruch dieser umfassenden Wirtschaftskrise nach so wenigen Jahren der Erholung und der Konjunktur war deutlicher Ausdruck der allgemeinen Krise des Kapitalismus. Die Unfähigkeit des kapitalistischen Wirtschaftssystems, seine Widersprüche zu überwinden, seine innere Schwäche und Fäulnis und die parasitären Züge dieses Systems traten offen zutage.«

Anmerkungen

1 Vierteljahreshefte zur Konjunkturforschung (Berlin), 1929, H. 2, Teil B, S. 41.

2 Ernst Thälmann: Die politische Lage und die Aufgaben der Partei. Rede auf dem XII. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands, Berlin-Wedding, 9. Bis 15. Juni 1929. In: Reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Bd. II, Berlin 1956, S. 66 u. 78.

3 Vierteljahreshefte zur Konjunkturforschung (Berlin), 1929, H. 3, Teil B, S. 41.

Quelle: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Kapitel IX. Periode von Herbst 1929 bis Januar 1933. Dietz Verlag Berlin 1968.