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Eine Rebellion ist noch keine Revolution

Aber vielleicht ihr Embryonalzustand

Von Bernhard Gestermann

Die herrschenden Klassen aller kapitalistischen Länder wollen die Geltung des Rechtes und meinen damit das Recht, den Mundraub eines randständigen Hungerleiders wie ein Schwerbrechen und die Steuerhinterziehung eines vielfachen Millionärs wie ein Bagatelldelikt zu behandeln oder das Recht der "Ordnungs"kräfte, farbige Migranten nach Belieben zu schikanieren, zu misshandeln oder umzubringen.

Die herrschenden Klassen aller kapitalistischen Länder wollen Freiheit und meinen damit die Freiheit des Kapitalisten, "überflüssige" Arbeitskräfte auf der Arbeitslosenkippen der Welt zu "entsorgen" und deren weiteres Schicksal auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Der damit erzielte Profit dient dann nicht zur Schaffung neuer Arbeitsplätze, sondern wird auf den internationalen Finanzmärkten verzockt. Für die Begleichung dort erlittener Verluste wird wiederum die Allgemeinheit in Anspruch genommen.

Die herrschenden Klassen aller kapitalistischen Länder wollen soziale Gerechtigkeit und meinen damit die selbstverständliche gesellschaftliche Akzeptanz der Tatsache, dass, z. B. in Großbritannien, "die reichsten zehn Prozent der Einwohner Londons ... 275 mal mehr  Vermögen als das ärmsten Zehntel ..."1 besitzen, dass die Aussicht von ca. zwanzig Prozent der Jugendlichen, je durch eigene Arbeit ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes Leben führen können, gleich Null ist, dass die Menschen in den Elendsvierteln der Großstädte wie Ratten eingepfergt in winzigsten Wohnungen sich selbst überlassen werden. Gleichzeitig läuft über das Fernsehen die Werbung für die Luxusprodukte einer reichen Gesellschaft. 

Die herrschenden Klassen aller kapitalistischen Länder wollen, wenn überhaupt, Gleichheit nur in dem Sinne, wie Anatol France, ein progressiver französischer Schriftsteller des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, sie einmal durch den Ausspruch kritisch charakteriesiert hat, die "majestätischen Gleichheit des Gesetzes", verbietet es den "... Reichen wie Armen ..., unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen". 2 und schon gar nicht als radikale Anwendung des Legalitätsprinzips.3

Die herrschenden Klassen aller kapitalistischen Länder wollen Frieden. und meinen damit die widerspruchslose Hinnahme all dieser skandalösen Zustände durch die Masse der Ausgebeuteten und Unterdrückten.

Die herrschenden Klassen aller kapitalistischen Länder wollen also keine wirkliche Geltung des Rechts, der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Gleichheit in deren ethischen und sozialen Dimensionen.

Und deshalb bekommen sie auch keinen Frieden! Und das ist gut so!

Es ist nicht mein Bestreben, den Riots (Randalierer) der randständigen Unterschicht für ihre Gewalt Lorbeerkränze zu winden.4 Und das tut auch niemand, der sich weigert, die Kriminalität ihres Tuns in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen, der ihre Handlungen zu verstehen versucht, in dem er ihre soziale Lage und die gesellschaftlichen und politische Zustände, die zu diesen Handlungen führen, in den Blick nimmt. Und dennoch ist die Rebellion gut so, auch wenn das, was die Jugend der Ausgestoßenen an Widerstand bietet, nicht politisch genannt werden kann, sondern als eine chaotisch wilde Rebellion voller krimineller Handlungen, die dem Ziel, die Verhältnisse grundsätzlich zu ändern, nicht dienen, zu charakterisieren ist. Aber sie rücken den asozialen Charakter unserer Gesellschaft und ihrer Protagonisten ins Licht der Öffentlichkeit. Es wird darauf ankommen, ob der verantwortungsbewusste Wohlstandsbürger seine moralische Gleichgültigkeit und politische Abstinenz überwindet, weil er erkennt, dass wesentliches Faul ist in den Staaten, wo das Kapital regiert. Und das dies nicht mit dem Versagen einzelner Personen zu erklären ist, sondern im Wesen des Systems liegt. Wenn eine Seuche ausbricht, dann wird diese nicht auf das Fehlverhalten der Erkrankten zurückgeführt, sondern auf eine generelle Ursache.

Die herrschende Klasse scheut keine Mühen, jedes Bewusstsein von und damit
jeden Anspruch auf wirkliche Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit, aus deren realer Existenz wirklicher Frieden erwachsen könnte, der Lächerlichkeit preiszugeben und jeden praktischen Ansatz dazu im Keime zu ersticken. Und das Volk, bis in die
Unterschicht hinein, wiederholt den brutalen Kampf ums Dasein mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln innerhalb der sozialen Schicht, in der es gefangen gehalten wird. "Das Leben am unteren Rand der kapitalistischen Gesellschaft ist nur rein Spiegelbild des Lebens an der Spitze: Jeder ist auf sich selbst gestellt in einem gnadenlosen Kampf ums Überleben und im Streben nach Geld und materiellem Wohlstand, den einzigen Symbolen für Erfolg in dieser Gesellschaft".5

Nicht einmal die Labour Party - da befindet sie ich in guter Gesellschaft  mit den
Sozialdemokratien aller kapitalistischen Staaten - hat das Recht, die rechtswidrigen Übergriffe der Riots zu beklagen, nimmt sie doch ihre historische Aufgabe, Anwalt der Deklassierten aller Ethnien zu sein, schon lange nicht mehr wahr. Im Gegenteil: Ihre Führungsoligarchen und Parlamentarier sind Teil des privilegierten Establishments und als solche ist ihre Korrumpierung weit fortgeschritten. Es wäre ein Wunder, wenn eine ausgegrenzte Minderheit ohne politische Führung zu einem rationalen, zielorientierten Widerstand fähig wäre. Ein Vergleich: Als was würde man einen Menschen bezeichnen, der sich um den Schulbesuch seines Kindes nicht gekümmert hat, aber diesem ankreidet, dass es nicht lesen und schreiben kann? Wer für die Ursachen eines Zustandes verantwortlich ist, sollte sich nicht über seine Folgen beklagen!

Ich verliere die Hoffnung nicht, dass solche hilflosen Gewaltausbrüche sich zu politisch zielgerichteten revolutionären Charakters wandeln können. Lange Zeit erscheint eine Revolution undenkbar und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, ist nichts anderes denkbar. So verhält es sich mit allen Revolution der Geschichte. Erst im Nachhinein werden Ereignisse, denen niemand große Beachtung geschenkt hat, als Symptome ihrer Entstehung gedeutet.

Die Alternative zur grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist der dauerhafte Rückfall in längst überwunden geglaubte Barbarei. Wir sind Zeugen ihrer Anfänge in allen Teilen der Welt.


1 Tomasz Konicz, Aufstand der Ausgestoßenen" - www.scharf-links.de vom 13.8.2011
2 Siehe "Anatol France" bei Wikipedia
3 Mit dem Legalitätsprinzip ist die unterschiedslose Anwendung des geltenden Rechts auf alle Menschen. Siehe dazu Paolo Flores d'Arcais, Die Linke und das Individuum. Ein politisches Pamphlet, Berlin 2009, 2. Auflage, S. 7 ff.
4 Riots in Großbritannien: Das Ergebnis von über vierzig Jahren kapitalistischer Krise. Von CWO (Communist Workers`Organisation - www.scharf-links.de vom 13.8-2011, S. 2
5 ebenda