Die Krise ist auch eine Gelegenheit
Von Ángel GUERRA CABRERA. Übersetzt von Isolda Bohler
Das internationale Finanzsystem bricht rettungslos zusammen und zieht die Welt in eine schwere ökonomische und soziale Krise. Der Paulson/Bush Plan rettet die großen Bankbesitzer und Spekulanten, vertieft die Wurzeln des Problems und wird das Leben der schon bis zum Kragen verschuldeten und der größten Schutzlosigkeit ausgelieferten US-Bevölkerung noch erbärmlicher machen. Unter den Ursachen des Debakels werden kaum die Raubkriege im Irak und in Afghanistan, die Kriegskosten und der hemmungslose Konsumismus erwähnt, die, wie wir in diesem Medium wiederholten, die Ökonomie der USA zugrunde richten werden. Am Ausgang ist zweifellos die Auswirkung des Immobilien Megabetrugs, aber aus der Perspektive gesehen, war es nicht mehr als sein Zünder, denn das Phänomen wird schon lange ausgebrütet, seit Richard Nixon, angesichts der unerträglichen Kosten der Aggression in Vietnam, den Dollar von der Goldwährung losband und den Hahn für die Überschwemmung des Planeten mit dem Schrottdollar aufdrehte, der ihre eigene Wirtschaft jetzt ersäufte.
Auf beiden Seiten des Atlantiks rechtfertigen diejenigen, die den freien Markt und die Schwächung des Staates als einzige Formel des Wohlstands verherrlichten, ihre beispiellose Intervention von einem Tag auf den anderen gegen das verursachte Desaster und ohne dass ihnen jemand glaubt, argumentieren sie mit der Notwendigkeit der Regulierung und der Transparenz. In Deutschland kündigte der Wirtschaftsminister das Ende der USA als Finanzmacht an und in der spezialisierten englischen Presse prophezeit man den Zerfall des weltweiten Finanzgerüsts. Die Leitenden der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds, dessen Rezepte die Krise begründeten, kün/igen eine lange Periode der wirtschaftlichen Stagnation und Inflationssteigerung an, „besonders in den armen Ländern“. Ein Anfall von Schizophrenie überfällt die Machtzentren der „ersten Welt“; was in Wirklichkeit Bestürzung und Panik vor einem riesigen Wirrwarr von Konsequenzen und Proportionen, denen sie nicht beizukommen wissen, verbirgt.
Das ist nicht wenig, aber es fehlten die ganze Zeit nicht die Warnungen. Marxistische Ökonomen und revolutionäre Staatsmänner wie Fidel Castro sagten schon lange dieses Unglück voraus, aber Akademiker des Establishments schlugen ebenso Alarm. Es hätte genügt, wenn die Herren des Geldes über die Warnrufe des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz oder Paul Krugman von der New York Times reflektiert hätten. Die Handhabung der Krise ist trotzdem in den Händen der gleichen Marktfundamentalisten, die sie verursachten und ihre Lösungen wiederholen die Habsucht, die sie hervorrief.
Die Erie Railroad Company war eine der ältesten Eisenbahngesellschaften der USA. Sie war in die grössten Eisenbahnspekulationen von Daniel Drew, Cornelius Vanderbilt, Jim Fisk und Jay Gould verwickelt. Der korrupte „Eisenbahnring“ wurde 1872 zerschlagen.
Der Kapitalismus zeigte seit dem 19. Jahrhundert dramatische Symptome seines zerstörerischen und unhaltbaren Wesens, bestätigt in den Weltkriegen und der Großen Depression 1929; in solch einem Maß, dass die bürgerlichen Staatsmäner und Ideologen dem ökonomischen Liberalismus abschwörten. So legten sie den New Deal von Franklyn Roosevelt und den eigene Staatsinterventionismus von Nazideutschland nahe. Die Ära des Goldes, die längste und trügerischste wirtschaftliche Expansionsperiode des Kapitalismus, die sich vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zu den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ausdehnte, gelang gegen den Willen des Liberalismus, obwohl, mit Betonung, auf Kosten der Plünderung und der Unterdrückung der Dritten Welt.
Aber unter der Regierung von Ronald Reagan beschleunigte sich die von Nixon initiierte Zerstörung des wirtschaftliches Pakts nach dem Zweiten Weltkrieg und die (neo)liberale Politik blühte, charakterisiert durch den Spekulationsrausch und den unkontrollierten Fluss von fiktivem Kapital, die von William Clinton fortgesetzt und von George Bush mit der Vermehrung der „Müll-Hypotheken“ und den „Derivaten“, die die internationalen Finanzen implodierten, zum Paroxysmus gebracht wurde.
Die kapitalistische Krise ist nicht nur eine finanzielle. Sie ist auch eine Krise der Ernährung, der Energie und der Umwelt, die die Menschheit an die Pforten der schlimmsten Katastrophen, die sie erlitt, stellt. Große wirtschaftliche d geopolitische Veränderungen nähern sich, wenn Richtung und Geist der Kooperation existieren, könnten sie zu guter letzt wohltuend sein.
Wenn Lateinamerika und die Karibik sich verbinden und solidarisch integrieren, können sie ein Beispiel geben und der bevorstehende Gipfel der Staatschefs im Dezember in Brasil gibt ihnen die Möglichkeit dazu.
--------------------------------------------------------------------------------
Quelle: La crisis es también oportunidad
Originalartikel veröffentlicht am 9/10/2008
Über den Autor
Isolda Bohler ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.
URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=6071&lg=de