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Die Krise des internationalen „imperialistischen“(1) Finanzkapitals

von Karl Wild

Thesen

I.
Nach der Implosion des „realen“ Sozialismus an der Macht erschien das Entwicklungspotenzial des kapitalistischen Weltsystems unbegrenzt, denn:

-eine äußere Schranke der Entwicklung des Kapitalverhältnisses war gefallen;

-neue Märkte sektorial und territorial wurden und werden rasant entwickelt;

-dem Faktor „Arbeitskraft“ im Verwertungsprozess wird offen vom Neoliberalismus der Krieg erklärt.

Gefördert durch eine Beschleunigung der Dynamik der wissenschaftlich-technischen Produktivkraftentwicklung im Gefolge der Dritten oder Vierten industriellen Revolution(2) verstärkt sich der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten der bürgerlichen Weltepoche(3).

II.

Mit der Kategorie der Globalisierung wird ansatzweise begrifflich diese neue Etappe in der Entwicklung der bürgerlichen Ordnung gefasst. In der Bezugnahme auf die „one world“ des einheitlichen Weltmarktes liegt der Ausgangspunkt des Handelns aller Subsysteme, von der Geopolitik, der nationalen Politik, der Ökonomie, Sozialpolitik bis hin zur Kultur und Ideologie. Die Zwänge der wachsenden Konkurrenz auf den Märkten werden von den konservativ-neoliberalen Ideologen vehement begrüßt und der Umbau der nationalen Gesellschaften hin zu weltmarktorientierten Subsystemen des „Imperiums“ schreitet voran.

III.


Das nun wieder nackte Gesicht des Kapitalismus bedarf riesiger ideologischer Anstrengungen der vielfältigen Medien zur Vernebelung und Desorientierung der subalternen Klassen und Schichten. Der „Masse“ wird eine Schein- und Ersatzwelt angeboten, um sie von systemkritischen Kämpfen abzuhalten, was nur zum Teil gelingt.

IV.

Mit der Zuspitzung der Krise des Finanzkapitals und der Staaten zu Beginn des dritten Jahrtausend erscheint ein Zusammenbruch des Weltsystems mal wieder auf der Tagesordnung zu stehen. Die materiell-ideologischen Möglichkeiten des sich beständig neu definierenden Kapitalverhältnisses bleiben aber solange bestehen, wie keine tragfähige Systemalternative formuliert und in der Praxis umgesetzt wird.

V.

Nationalistische, rassistische und reaktionäre Denkmuster sind erneut auf dem Vormarsch und erobern die Köpfe der durch die sich verschärfende Krise doppelt – materiell wie ideologisch – Deklassierten, deren „Empörung“(Marx, Das Kapital, 1.Band, S.790) (4) zunimmt und Aufstände gerade an der Peripherie des Weltsystem sind auf der Tagesordnung.

VI.


Während die Einen selbst in Boomzeiten der Ökonomie in ihren Lebensmöglichkeiten beschnitten werden, hat für Andere die zügellose Spekulation auf den unterschiedlichen Finanzmärkten – trotz aller Appelle – Hochkonjunktur. Die internationalen Organisationen, wie Weltbank,IWF oder EZB, beschleunigen diesen Prozess trotz aller gegenteiliger Versuche.

VII.


Die Abkoppelung des Finanzkapitals von der Realakkumulation der produzierenden Industrie nimmt gigantische Ausmaße an und in der Sphäre der Zirkulation des Kapital wird mehr als das Zehnfache an Geld umgeschlagen wie in der materiellen Reproduktion des menschlichen Lebens. Die (antisemitisch eingefärbte) Scheidung zwischen „raffenden“ und „schaffenden“ Kapital gewinnt neuen Dimensionen. Immense Vernichtung von Kapital steht neben den Milliardengewinnen an anderer Stelle im Finanz- wie Realkapital.

VIII.


Die um sich greifende Panik an den Finanzmärkten, die Angst vor einer unbeherrschbaren Weltwirtschaftskrise ist Ausdruck einer Endzeitstimmung. Der „Tanz um das goldene Kalb“, gerade in Kriegszeiten, treibt schier endlose bunte Blüten.

IX.

Zwei Schlussfolgerungen drängen sich auf: Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, wie dargelegt in den drei Bänden des „Kapitals“, und ihr begrifflicher Apparat bleiben unverzichtbar zum Erkennen der Welt. Es muss unser aller Anliegen sein, fern der „Verklärung“ des Proletariats, die Kritik der ungerechten Verhältnisse in den Köpfen der Menschen zu verankern. Es droht bzw. existiert eine „Barbarei“(Rosa Luxemburg) in neuer Dimension. Dem ist mit Vernunft und Verstand entgegen zu wirken.

Anmerkungen:
Von „Imperialismus“ sprechen die in der Tradition Lenins stehenden Systemkritiker und vom „Imperium“ u.a. die auf Hardt/Negri sich berufenden Geister.
Wobei für die Dritte industrielle Revolution der Micro-Chip und für die Vierte die Gentechnik zu nennen wäre.
Deren Beginn auf das 15. Jahrhundert (Renaissance) oder das 18. Jahrhundert (Erste industrielle Revolution) datiert werden kann.
Marx bezieht sich explizit auf die Klasse der Lohnarbeiter, während heute mit dem Slogan „Empört euch!“ ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen gemeint sind.

http://www.kwx-potsdam.de/cms/?p=144#more-144