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Der tendenzielle Fall der Profitrate: Arbeit sparen ist auch nicht umsonst

Von Ingo Schmidt

Im ersten Teil unserer Serie zu Krisentheorie und –politik haben wir gesehen, dass die Verhandlungsposition der Arbeiterklasse durch periodische Krisen und die damit verbundene Arbeitslosigkeit immer wieder soweit geschwächt wird, dass eine langfristige, durch steigende Löhne verursachte Profitklemme nicht eintritt. In dieser Ausgabe werden wir sehen, dass die Ersetzung lebendiger Arbeitskraft durch Maschinen ebenfalls ein wirkungsvolles Mittel zur Disziplinierung der Arbeitskraftbesitzer darstellt.

Arbeiter sind für das Unternehmertum ein notwendiges Übel. Notwendig, weil ihre Arbeitskraft Waren produziert, die den begehrten Mehrwert enthalten; jenen Wert also, der über das für die Arbeitskraft verauslagte Kapital hinausgeht. So unverzichtbar die Arbeitskraft für die Mehrwertproduktion ist, so übel sind ihre Besitzer: Entweder machen sie Widerworte, fordern höhere Löhne und rennen zur Gewerkschaft oder sie behaupten ihre Arbeit über alles zu lieben und fangen das Bummeln an, sobald Meister oder Manager ihnen den Rücken zuwenden. Wie viel einfacher ist da der Maschineneinsatz: Knöpfchen drücken und sofort wird ein kontinuierlicher Strom von Waren auf den Markt geworfen; ohne Widerworte, Gewerkschaft und in gleichbleibend hoher Qualität.

Kein Wunder also, dass Unternehmer jede technische Neuerung, die den Ersatz lebendiger Arbeitskraft durch Maschinen erlaubt, mit Begeisterung aufnehmen. Dadurch steigt die Produktivität, sinken die Kosten und einen Teil der lästigen Proleten ist man auch los. Den Profiten kann das nur gut tun. Oder auch nicht: Profit bzw. Mehrwert wird nur durch die Verausgabung lebendiger Arbeitskraft produziert. Das in Maschinen bzw. Produktionsmitteln aller Art angelegte Kapital überträgt zwar seinen Wert auf die Waren, die mit Hilfe der Arbeitskraft hergestellt werden, produziert aber keinen darüber hinausgehenden Wert. Wird ein steigender Teil des Kapitals für Produktionsmittel statt lebendiger Arbeitskraft ausgegeben, sinkt die auf das Gesamtkapital – Wert der Produktionsmittel plus Wert der Arbeitskraft – berechnete Profitrate.

Im dritten Band des Kapital argumentiert Marx, dass sich dieser Fall der Profitrate langfristig trotz einer Reihe entgegenwirkender Faktoren durchsetzen werde. Zu letzteren rechnete er insbesondere die Intensivierung der Arbeit, Lohnsenkungen, den Import von Waren aus Weltregionen, in denen die Verfügbarkeit billigerer Arbeitskraft den Einsatz von Maschinen auf einem niedrigen Niveau gehalten hat sowie die Tatsache, dass die Produktivitätseffekt steigenden Maschineneinsatzes auch die Maschinerie selbst verbilligen. Mit anderen Worten: Der Produktionsmitteleinsatz ist vom Faustkeil zur Fabrik sowie von den mit Dampfmaschinen ausgerüsteten Fabriken des 19. Jahrhunderts zu den Computer-gesteuerten Produktionsnetzwerken der Gegenwart gewaltig angestiegen – das heißt aber nicht, dass sich der Wert dieser Produktionsmittel entsprechend des Wertes der jeweils eingesetzten Arbeitskraft erhöht hat.

Die Frage, ob es sich beim tendenziellen Fall der Profitrate um ein ehernes Gesetz kapitalistischer Entwicklung oder lediglich um eine logisch denkbare Entwicklungsrichtung handelte, sollte allerdings erst während der Nachkriegsprosperität der 1950er und 1960er Jahre diskutiert werden. Zweifel an der Gültigkeit des Gesetzes wären allerdings schon bei Erscheinen des dritten Bandes des Kapital 1894 angebracht gewesen: Nach einer zwei Jahrzehnte währenden Depression war der Kapitalismus gerade in eine Prosperitätsphase eingetreten, die Marxens Krisen- und Zusammenbruchstheorien alsbald als historisch überholt erscheinen ließ.

Bei der Zurückweisung dieses insbesondere von Eduard Bernstein vertretenen Revisionismus spielte das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate allerdings gar keine Rolle; die ökonomische Debatte drehte sich hauptsächlich um die Zirkulationssphäre und die damit verbundene Frage, ob die imperialistische Eroberung neuer Märkte eine unausweichliche Phase kapitalistischer Entwicklung darstelle oder ob Sozialreformen den Binnenmarkt vergrößern und damit den Druck zur äußeren Expansion verringern könnten.

Nachdem der Erste Weltkrieg sowie die darauf folgenden Wirtschaftskrise und Revolutionen die Hoffnung auf Sozialreformen, Binnenmarktentwicklung und Klassenkompromiss zerstört hatten, tauchten entsprechende Ideen – von Rudolf Hilferding als Organisierter Kapitalismus bezeichnet – während der Stabilisierungsphase des Kapitalismus Mitte der 1920er Jahre wieder auf. Um das bevorstehende Ende dieser Phase samt der damit einhergehenden Verschärfung des Klassenkämpfe zu begründen, griff der kommunistische Ökonom Henryk Grossman auf den tendenziellen Fall der Profitrate zurück und begab sich dabei in einen theoretischen Zweifrontenkrieg. Gegenüber der in Ungnade gefallenen Spartakus-Führerin Rosa Luxemburg wollte er zeigen, dass nicht der Mangel an Absatzgebieten zum ökonomischen Zusammenbruch führt. Gegenüber den Sozialdemokraten, die das Problem unzureichender Nachfrage bestritten oder durch Staatsintervention zu lösen hofften, behauptete Grossmann, dass die fortschreitende Ersetzung lebendiger Arbeitskraft durch Maschinen einen Punkt erreicht habe, an dem die weitere Akkumulation aus Mangel an Anlagesuchendem Mehrwert zusammenbrechen werde (Grossmann 1929). Von den Faktoren, die dem Fall der Profitrate laut Marx entgegenwirken können, sagte Grossmann, dass diese sich historisch erschöpft hätten, weshalb der Zusammenbruch der kapitalistischen Ökonomie nun unmittelbar bevorstünde. Grossmann hätte sich kein besseres Jahr als 1929 aussuchen können, um diese These in Buchform zu veröffentlichen. Von der Krise betroffene Unternehmer hätten sich über Grossmanns Krisenerklärung, so sie denn marxistische Bücher lesen, allerdings gewundert. Ihr Problem bestand nicht in einem Mangel an Mehrwert, wie Grossmann behauptete, sondern darin, dass sie nicht wussten wohin mit ihrem Anlagesuchenden Kapital. In seinem Kampf gegen Luxemburgs Theorie unzureichender Nachfrage hatte Grossmann nicht nur die Probleme real existierender Kapitalisten falsch eingeschätzt, sondern zudem, wie die meisten kommunistischen Theoretiker jener Zeit, die theoretischen und wirtschaftspolitischen Überlegungen von John Maynard Keynes vollkommen unterschätzt.

Erst angesichts der Nachkriegsprosperität, zu der Keynesianismus sowie die Eroberung neuer Absatzgebiete im globalen Süden sowie in den kapitalistischen Zentren maßgeblich beigetragen haben, stellten die amerikanischen Marxisten Paul Baran und Paul Sweezy die Gültigkeit des Gesetzes einer tendenziell fallenden Profitrate wieder infrage (Baran, Sweezy 1967). Nicht steigende Kosten des Produktionsmitteleinsatzes seien das Problem des entwickelten Kapitalismus, sondern dieSchaffung ausreichender Absatzmöglichkeiten für das stetig anschwellende Warenangebot. Seit den 1970er Jahren auftretende Überkapazitäten sowie eine daraufhin nachlassende Investitionsdynamik in den kapitalistischen Zentren bestätigten Baran und Sweezys Betonung des Nachfrageproblems – aber nicht unbedingt ihre apodiktische Zurückweisung des Gesetzes der fallenden Profitrate. Schon bevor der Kapitalismus in den 1970er Jahre von Absatzproblemen geplagt wurde, drückten – zur gleichen Zeit als Baran und Sweezy ihr Buch schrieben – steigende Kosten des Produktionsmitteleinsatzes auf die Profitrate. Hierin sah eine Generation junger Marxisten in den 1970er Jahren den Beleg, dass Marx und Grossmann doch recht gehabt hätten und nunmehr ein Zusammenbruch auf der Tagesordnung stünde, dem kein Keynesianismus beikommen würde.

Dabei hatten sie die Rechnung ohne die klassenpolitische Aktion der Bourgeoisie gemacht. Als habe sie doch heimlich Marx gelesen, machte sie sich an eine aktive Politik zur Erhöhung der Profitrate. Die dabei zur Anwendung gebrachten Mittel, gemeinhin als Neoliberalismus bezeichnet, entsprechen ziemlich genau den Faktoren, von denen Marx sagte, dass sie dem Fall der Profitrate entgegenwirken. Mit dieser Entwicklung hat sich allerdings nur noch eine Handvoll marxistischer Ökonomen beschäftigt (Dumenil, Levy 1993).

Nachdem die Marx-Orthodoxie der 1970er Jahre der Enttäuschung über das abermalige Ausbleiben des großen Kladderadatsch gewichen war, griffen viele Linke auf eine sozialphilosophische Interpretation Marxens Theorie zunehmenden Maschineneinsatzes zurück, die Jürgen Habermas bereits Ende der 1960er Jahre vertreten hatte (Habermas 1969): Im Spätkapitalismus würden, wie Marx vorausgesagt hatte, die Arbeiter tatsächlich zunehmend von Maschinen verdrängt, damit sei aber die Marx’sche Arbeitswerttheorie, auf der auch das Gesetz der fallenden Profitrate ruht, hinfällig. Seither sind die Proleten auch vielen Linken eine Last. Sie verabschieden sich von ihnen theoretisch wie die Unternehmen versuchen, sie praktisch durch Maschinen zu ersetzten oder diesen wenigstens vollständig zu unterwerfen – und können sie samt ihres Eigensinns doch nie loswerden.

Baran, Paul A.; Sweezy, Paul M. (1967): Monopolkapital – Ein Essay über die amerikanische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, Frankfurt/Main.
Dumenil, Gerard; Levy, Dominique (1993): The Economics of the Profit Rate: Competition, Crises and Historical Tendencies in Capitalism, Cheltenham et al.
Grossmann, Henryk (1929): Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Frankfurt/Main 1967.
Habermas, Jürgen (1969): Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’, Frankfurt/Main