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"Arbeit! Arbeit! Arbeit!"(*)

Warum Kapitalismuskritik so unmodern geworden ist

Von Karl Wild

Angesichts von immer noch geschätzten fünf Millionen Arbeitsloser könnte man vermuten, dass eine Gesellschaft, welches solche in so großer Zahl produziert, von den Betroffenen wie von den vielen, denen Arbeitslosigkeit jederzeit droht, vehement kritisiert wird.  Heute wird zwar von allen Seiten das "Übel" der Arbeitslosigkeit beklagt und von der Politik oder den regierenden Parteien "Entschlusskraft" im Kampf gegen diesen Zustand gefordert.  Aber außer einem fordernden Ruf nach "Arbeit" zu jedem Preis und zu jeden Bedingungen ist nichts zu hören. Im Zweifel sind nicht die (kapitalistischen) Unternehmen und ihr Streben nach immer höheren Profiten mit immer weniger Mitarbeitern schuld an der Lage, sondern je nach Bedarf unfähige oder gewissenlose Manager, ebenfalls unfähige Politiker oder, wer es etwas abstrakter haben will, die "Zwänge der Globalisierung". Dass wesensimmanent zum kapitalistischen System ein wachsender Sockel an "industrieller Reservearmee" gehört, dass die wachsende Produktivkraft -  zu verdanken dem Schöpfertum der LohnarbeiterInnen - einhergeht mit der Freisetzung von "lebendiger" und ihrer Ersetzung durch "tote" Arbeit (Maschinen etc.), all dieses Grundwissen über das Funktionieren der gesellschaftlichen Strukturen ist wieder zu gewinnen. Übrig bleibt sonst der moralische Appell nach "Arbeit" an diejenigen, deren Beruf und Berufung die Förderung des Profitmechanismus ist, welches eben diesen "Arbeitsmangel" trotz steigender Beschäftigung bewirkt.
Warum ist dies so? Eine monokausale Beantwortung lässt sich nicht so einfach finden. Eher Indizien und Vermutungen: Zu nennen wäre die sozialdemokratische Versöhnung der "kleinen Leute" mit der Bundesrepublik des "Wirtschaftswunders" und deren "Schaufensterfunktion" gegenüber den "armen Brüdern und Schwestern" in der "Ostzone". Jede Reallohnerhöhung in den "goldenen" Jahren des "rheinischen" Kapitalismus war für so manchen Gewerkschaften ein Beleg für die These, mit den Kapitaleignern in "einem Boot zu sitzen" und ein Grund, die "Kuh, die man melken möchte", die Unternehmen, nicht zu sehr zu bekämpfen.
Als sich die Rahmenbedingungen änderten, die Aufbau- und Wachstumsphase 1973 zu Ende ging, ein Sockel an Arbeitslosen entstand und dann gar die DDR aufhörte, mit am Verhandlungstisch bei Tarifkämpfen als unsichtbarer stimulierender Faktor zu sitzen, war so langsam Schluss mit lustig und der "Standort" Deutschland im sich verschärfenden Wettbewerb der nationalen Volkswirtschaften forderte seinen Tribut an Lohnzurückhaltung und steigender Arbeitslosigkeit, um die "Wettbewerbsfähigkeit" "unserer" Wirtschaft zu sichern. Jetzt hat nicht mehr die Wirtschaft dem Menschen zu dienen, sondern die Menschen haben sich selbst fit zu machen für die Erfordernisse des Wirtschaftslebens. Wenn sie dies nicht alleine schaffen und arbeitslos der Gesellschaft zur Last fallen, sorgt nun "Hartz IV" für die nötige Motivation.
Je lauter der Ruf nach "Arbeit" ertönt, desto energischer wird er beantwortet mit der Forderung der Kapitalseite nach Senkung der "Arbeitskosten". Erst wenn es wieder "modern" wird, das Bestehende grundsätzlich zu kritisieren und an eine konkrete Utopie zu glauben, erst dann werden die Interessen der Arbeitenden und Arbeitssuchenden wieder ernst genommen werden. Sieht sich der Kapitalismus nicht in Gefahr, abgeschafft oder in seinem Wirken gehörig eingeschränkt zu werden, hat er auch keine Veranlassung, schmerzhafte Zugeständnisse, sprich Beschneidung des Profits, zu zulassen. Ohne Kapitalismuskritik, ob modern oder altmodisch, wird es, dies sei bedacht, keine noch so kleinen Veränderungen zu Gunsten der "Unteren" geben.

Karl Wild, Potsdam, 7.Juni 2011

(*)Der so modern anmutende Slogan "Arbeit!Arbeit!Arbeit!", von der Schröderschen SPD im Wahlkampf 1998 verwendet, findet sich bereits im New Yorker "Volks-Tribunen" Nr. 8  aus dem Jahre 1846(!). Dies wird von Marx und Engels einer beißenden Kritik unterzogen und als eine "Praxis ... der Selbsterniedrigung und Wegwerfung" (MEW 4, S.16) in der Arbeiterbewegung bezeichnet. Soweit zur Forderung nach "Arbeit" heute!