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Angriff auf das Geldmonopol

von Matthias Nomayo

Es ist interessant zu beobachten, wie Finanzkrisen aller Art mit schöner Regelmäßigkeit geradezu reflexartig den Wunsch nach neuen, alternativen und insbesondere von den bestehenden Machtinstitutionen unabhängigen Geldkreislaufsystemen aufflammen lassen. Und mit schöner Regelmäßigkeit öffnen sich auch gleich mehrere zumeist alte und knarrende Schubladen, aus denen hierfür geeignete Patentrezepte gezogen werden.

Was sind die eigentlichen Motive für diese reflexartigen Reaktionen? - Zumeist machen die Initiatoren daraus keinen Hehl: Es geht um die Unzufriedenheit mit der Ausbeutung breiter Massen durch das kapitalistische System, natürlich einschließlich der darauf adaptierten Geldwirtschaft.

Die „alternative Geldwirtschaft“ soll also letztlich als Schmalspuralternative zu einer revolutionären Umgestaltung des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems dienen. Um diesen Zweck erfüllen zu können, muss die bestehende Geldwirtschaft als das vermeintliche eigentliche Übel hinter dem kapitalistischen System stilisiert werden, mit deren Abschaffung und Ersatz durch die geniale Alternative sich alle anderen Probleme der kapitalistischen Wirtschaftsweise in Wohlgefallen auflösen sollen. - So einfach wird’s wohl nicht gehen:

Zunächst sei darauf hingewiesen, dass es eben schon lange kein Geldmonopol mehr gibt, auch nicht einfach nur ein Oligopol der bösen Geschäftsbanken, sondern ein intransparentes Polypol verschiedenster Geldarten, das sich von der Politik der kapitalistischen Staaten schon lange nicht mehr lenken lässt, das jenseits des Geldbedarfs der Realwirtschaft, in seiner eigentlichen Funktion als universelles Tauschmittel und Speichermedium für den temporären Transfer von realen Leistungen, zu weit mehr als 90% der umgesetzten Geldmenge ganz anderen Zwecken dient und jenseits der klassischen Bemessungsgrößen für Inflation und Deflation exponentiell ausufert.

Dass dieser Zustand eingetreten ist, sollte eigentlich niemanden verwundern – es liegt doch geradezu auf der Hand, dass in dem Rahmen, in dem die kapitalistische Wirtschaftsweise sich von jeglichem staatlichen Einfluss immer weiter emanzipiert, sich auch all ihre Funktionsmechanismen immer weiter verselbstständigen.

Wer daran etwas ändern will, muss das System als Ganzes aufbrechen. Wer nur die Geldwirtschaft ändern möchte, muss sie zuerst unter Kontrolle bringen – zu den zahlreichen nichtstaatlichen Parallelstrukturen ein paar weitere hinzuzufügen, wird das Gesamtsystem nicht ins Wanken bringen, sondern seine Verselbstständigung sogar noch weiter mit vorantreiben.

Verlassen wir das Areal der großen Gesamtwirtschaft und befassen wir uns nur mit Geld: Was ist Geld? - Ich habe mich damit in meinem Buch „Wirtschaften im Gleichgewicht“ genauer auseinander gesetzt: „Bekanntlich beruht der Siegeszug des Geldes auf der damit erreichten Vereinfachung der Tauschwirtschaft und der Schaffung von zeitlichen Spielräumen zwischen Leistung und Gegenleistung, des temporären Transfers von Einkommen durch Flexibilisierung des Realisationszeitpunktes.

Schlagen wir also im Lexikon nach, was Geld eigentlich ist ... und dann schlagen wir wieder zu: der Anzahl möglicher verschiedenartiger Definitionen scheint nach oben keine Grenze gesetzt zu sein. Ich versuche es mal wieder ganz trivial: Geld ist Vertrauen in messbaren (Geld-)Einheiten. Wer Geld als Bezahlung für eine real erbrachte Leistung akzeptiert, tut dies in dem festen Vertrauen darauf, dass er für diese Leistung vom Leistungsbezieher oder auch von beliebigen Dritten, also universell, dafür jederzeit eine adäquate Gegenleistung beziehen kann. Sind alle drei Vertrauenskriterien erfüllt, so ist der Geldwert stabil.

Dabei ist es völlig „wurscht“, welche materielle Gestalt das Geld annimmt (Scheine, Münzen, Muschelschalen ...), ob es überhaupt eine materielle Gestalt annimmt (Kontostand, „Aufladen“ der Geldkarte, mündliche „Ehrenschulden“...) oder wer der Emittent des Geldes ist (Staatliches Geld, Bankschuldverschreibung, Warengutschrift des Tante-Emma-Ladens, Versprechen des Mafiabosses...) – Hauptsache Vertrauen.“

Wer also zu der bestehenden Geldwirtschaft als eine Art „Selbsthilfegruppe der Ausgebeuteten“ eine weitere parallele (und wohl in sich geschlossene?) Geldwirtschaft installieren möchte, der muss zunächst sehen, wie das von ihm zu schaffende Geld alle drei Vertrauenskriterien erfüllen können soll, so dass jeder Beteiligte bereit ist, für dieses Geld Leistungen zu erbringen und auf Eigentum an Waren zu verzichten, dass er darauf vertrauen kann, dass er alle wichtigen Güter des täglichen Bedarfs und darüber hinaus zumindest nahezu jederzeit für dieses Geld beziehen kann (sonst wäre es nur eine Spielerei) und, dass er sich in irgendeiner Weise darauf verlassen kann, dass die Gegenleistung zu der von ihm erbrachten Leistung adäquat sein muss.

Damit das Ganze wirklich einen nennenswerten Einfluss auf die (Er)Lebenswelt der beteiligten Mitglieder haben kann, müssen sie sogar bereit sein den größten Teil ihres täglichen Wirtschaftens innerhalb dieser Geldwirtschaft zu erbringen und zu erwerben (einschließlich Wohnen mit Heizen, Strom, Wasser ..., Versorgung im Krankheitsfall, Ausbildung der Kinder, ...). Dazu muss die Gruppe schon groß genug sein, um selbst einen Mikrokosmos einer wie auch immer gearteten Volkswirtschaft darstellen zu können. Wenn es sich jetzt auch noch um eine „basisdemokratisch kontrollierte“ oder gar „anarchistische“ Geldwirtschaft handeln soll, sind die Anforderungen schon respektabel hoch.

Wie das nur mit einer gemeinsamen Geldwirtschaft ohne sonstige gegenseitig verpflichtende Strukturen funktionieren soll, ist mir völlig schleierhaft – ansonsten reden wir nicht mehr von Geld, sondern von dem Versuch, den Sozialismus / Kommunismus schon mal in einer Gruppe von Gleichgesinnten parallel zu staatlich kapitalistischen Strukturen „im Kleinen“ zu verwirklichen (von meiner Seite keine Einwände gegen solch ehrenwertes Vorhaben, hat aber, wie gesagt, nichts mehr mit Geldwirtschaft zu tun).

Sollte es also entgegen meiner Skepsis möglich sein, eine solche „alternative“ Geldwirtschaft – und nichts als Geldwirtschaft - zu realisieren, basisdemokratisch, versteht sich, wie verhindert die dann, dass sich nicht auch da wieder einzelne Mitglieder als „Banken“ betätigen, indem sie sich Geld leihen und verleihen oder parallel zu der jetzt alternativen Geldwirtschaft Güter und Dienstleistungen, geldähnlich in verbriefter Form, und sich diese verzinsen lassen, so wie die großen kapitalistischen Vorbilder auch. -

Und an wen wenden sich die Betroffenen, wenn es Knatsch gibt, an den kapitalistischen Staat mit seinen bürgerlichen Gesetzen? Es sei daran erinnert, dass gerade im großen Maßstab eine Geldwirtschaft den Bach runter geht, weil sich die Beteiligten nur auf das Geld, nicht aber auf eine gemeinsame Wirtschafts- und Sozialpolitik einigen konnten (und die waren sich in ihren politischen Weltbildern weit einiger als so manche Kommunisten untereinander – auch dies sei am Rande angemerkt).

Zuletzt noch eine mahnende Anmerkung: Es sei niemand daran gehindert, das eine oder andere auszuprobieren – jedes Ergebnis zählt und kann zum gemeinsamen Lernen beitragen. Passt aber auf, weil sich gerade beim Thema „alternative Geldwirtschaft“ gerne diverse ultrarechte „Intellektuelle“ mit einschleichen, um im „Schafspelz“ die Szene zu unterwandern! Insbesondere im Milieu „Freigeld“, „umlaufgesichertes Geld“, ... tummeln sich zahlreiche Individuen dieser Kategorie (wobei ich nicht jedem, der speziell dem Unsinn dieses Milieus aufsitzt, unterstelle, ein Rechter zu sein).

Viva la Revolucion!